Die Praxis der Annäherung. Einige Gedanken am Sonntag.

Eine der angenehmsten Beschäftigungen für Menschen wie mich, die zum Verständnis ihrer Gegenwart gern auf das Mittel einer Re- oder auch Dekonstruktion von Spuren der Vergangenheit zurückgreifen, ist naturgemäß eine, nun ja, objektsoziologische Annäherung an zufällig auftauchende Zeugnisse. Ansichtskarten sind dafür ideal. Sie sind auf der einen Seite sehr reduziert und konventionalisiert, formal angepasst auf einer möglichst reibungsfreie Verarbeitung in postalischen Transportketten. Auf der anderen Seite besitzen sie, im Gegensatz beispielsweise zu Briefmarken, genügend variable Elemente, um vielschichtige Bedeutungspunkte bis zur Ebene des individuellen, teils hochpersönlichen Gebrauchs durch die Zeit zu tragen. Daher eignen sie sich außerordentlich gut als Bezugsgröße dessen, was man Social Philately nennt.

Hinter diesem Label versteckt sich etwas, was die Philatelie vielleicht tatsächlich über das Sammelstreben nach Vollständigkeit oder den Irrweg der Philatelie als Wertanlage hinaus sinnvoll aktualisierbar hält und zu einer neuen Anziehungskraft führt. Da sich zugleich jede Art von Ephemera – vom Bierdeckel bis zu behördlichen Formularen – potentiell für solche Auseinandersetzungen anbietet, spielt zwangsläufig auch immer die Idee einer Entgrenzung über die schmalen Grenzen des Philatelistischen oder – im Fall der Postkartenkunde – des Deltiologischen hinaus, mit. Abstrakt (oder auch von der Semiotik her) gesehen kann man selbstverständlich jeden Gegenstand diversen Lektüren unterziehen. Der Techniksoziologe Bernward Joerges wurde beispielsweise durch die Aufschlüsselung der Dispositive hinter so einem trivialen Objekt wie einer Mineralwasserflasche bekannt. (siehe auch Joerges, Bernward: Technische Normen sind soziale Normen. Zum Beispiel eine Sprudelflasche. In: Joerges, Bernward: Technik, Körper der Gesellschaft. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1996. S. 119-144)

Ansichtskarte Einkaufsquelle im Kosmonautenviertel in Aschersleben
Ansichtskarte Einkaufsquelle im Kosmonautenviertel in Aschersleben

Exkurs: Am Beispiel einer Ansichtskarte

Es gibt eine Ansichtskarte, deren Motiv eine Schwarz-Weiß-Fotografie der Einkaufquelle – also einer Kaufhalle – im damals noch recht jungen Kosmonautenviertel der Stadt Aschersleben ist. Einige Aufdrucke auf der Rückseite liefern, was man heute beschreibende Metadaten nennen würde. Neben der Motivbeschreibung sind das einige formale Angaben: Die Karte wurde im Jahr 1968 ausgegeben. Verlag war die Gebr. Garloff KG in Magdeburg. Der Einzelverkaufspreis war 0,20 M(ark der DDR).

Betrachtet man die Bildseite sieht man neben drei typisierten Wohnblöcken das durch eine Fassadengestaltung mit Kunst am Bau individualisierte Gebäude der “Einkaufsquelle.” Das Mosaik zeigt einerseits über dem Eingang auf die unmittelbare Gebäudefunktion bezogene Motive – eine Frau mit Einkaufskorb, Lebensmitteln (Fische, Obst, Gemüse), darunter in großen Lettern HO. Die zum kleinen Vorplatz weisende Fassade zeigt dagegen die gesamte Bandbreite der DDR-Alltagsikonografie, mit der die Botschaft des gelingenden Sozialismus allen Passanten präsentiert wird: Eine am Kranhaken hängende Platte des industriellen Wohnungsbaus, in diesem Fall schön selbstbezüglich mit Mosaiksteinen, ein junger Mann mit Flugzeugmodell als Anspielung auf das Luftfahrtzeitalter und zugleich denkbare Beziehung zur Beliebtheit des Themas u.a. auch in der GST, ein Ingenieur, ein Industriearbeiter, ein Junge mit Fahrrad, Friedenstauben, schließlich eine Frau mit einem Mädchen, also offenbar Mutter und Tochter. Eine kurze Recherche offenbart, dass das Wandbild von Wilhelm Schmied stammt, der auch die Einkaufsquelle in Sangerhausen mit einem ähnlichen Wandbild ausgestattet hat. Das Gebäude selbst entstand 1964, entworfen vom Projektierungsbüro VEB Halle-Projekt und dem Projektanten Werner Aster.

Die Aufnahme des leider nicht benannten Fotografen präsentiert dem Betrachter eine unspektakuläre Straßenszene, sicher an einem Wochentag, an der vor allem auffällt, dass sie nur Frauen und Kinder zeigt. Sie reiht sich also recht gut ins allgemeine Hauswirtschaftsverständnis der DDR und den daraus folgenden Mustern der Organisation des Alltags ein. Die Grünfläche im Vordergrund ist ungestaltet, die Kleidung lässt die Jahreszeit Sommer vermuten. Die Einkaufsquelle hat eine Art Informationskarren mit dem bekannten HO-Kaufhallen-Emblem herausgestellt, möglicherweise als Zeichen, dass sie geöffnet ist. Aus dem Laden treten zwei Frauen mit jeweils einer Einkaufstasche, was daran erinnert, dass Großeinkäufe in der DDR weniger alltäglich waren, als wir es heute kennen. Die Kaufhallen waren Orte einer Grundversorgung und nicht des Konsums. Kinderwagen und Kinder stehen vor den Schaufenstern. Die Wohnblöcke sind schmucklos und strahlen ihren Standardisierung bis in die letzten Fuge in den Stadtraum. Zwei Fernsehantennen schmücken das Dach des Vorderen der Blöcke.

Die Blöcke und auch das Gebäude der Einkaufsquelle an der Oberstraße Ecke Hans-Grade-Straße existieren offenbar auch heute noch, was nicht selbstverständlich ist. (vgl. Google-Maps-Luftbild) Zum Zustand der Wandbilder ließ sich leider ad hoc nichts ermitteln.

Individualisiert wird die Ansichtskarte durch zwei Briefmarken (Zuschlagsmarke Unbesiegbares Vietnam, ausgegeben am 08.Mai 1968, gestaltet von Günter Schütz sowie die Briefmarke Königin der Nacht (Selinicereus grandiflores) aus der Briefmarkenserie Kakteen, ausgegeben am 02.12.1970, gestaltet von Manfred Gottschall). Beide Marken und die Karte reisten am vermutlich 30.04.1971 von Aschersleben nach Halver im Sauerland, also über die deutsch-deutsche Grenze.

Den Inhalt auszuwerten und in Beziehung zu setzen wäre Gegenstand einer ausführlicheren Darstellung. Hier soll nur skizziert werden, was sich in wenigen Minuten an Anschlusspunkten für weiterführende Auseinandersetzungen mit einem einzelnen Objekt ermitteln lässt. Deutlich wird, auch mit Blick auf den Stapel an Karten neben dem Schreibtisch, aus dem die vorliegende zufällig gezupft wurde, wie umfangreich sich eine Auseinandersetzung mit den Objekten potentiell gestalten kann. Man könnte zum Beispiel den Postkartenverlag als Ausgangspunkt nehmen, und die Karte im Kontext des weiteren Verlagsprogramms verorten. Oder man geht den Weg in die Städtebaugeschichte der DDR und spürt der Frage der Einzelhandelsarchitektur nach. Die Kunst am Bau, ihre Funktion und ihre Gestaltung bieten sich als weiteres Thema an, auch Wilhelm Schmied und seine architekturbezogenen Arbeiten, genauso die Geschichten des Kosmonautenviertels in Aschersleben, die Sozialgeschichte der Frau in der DDR, ebenso eine fotografiegeschichtliche Auseinandersetzung und schließlich könnte man natürlich auch Senderin und Empfängerin konkret nachspüren.

Bereits eine einzelne gelaufene Ansichtskarte eröffnet zahllose Zugänge, was notwendig überwältigt, weshalb letztlich nur der subjektive und bruchstückhafte Zugang möglich bleibt und die Hoffnung einen Baustein beizutragen, mit dem eines Tages eventuell jemand anderes etwas anfangen können wird. Falls nicht, ist zumindest mit diesem Blogartikel die Existenz der Karte selbst öffentlich und ausdrücklich bezeugt. Und damit ist etwas mehr in der Welt als zuvor.

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Im vorliegenden Rahmen und auch in den meisten Fällen der Social Philately wird freilich nicht der akademische Anspruch einer Objektsoziologie einlösbar sein. Anstatt von einer Forschungsfrage auszugehen, um beispielsweise anhand der Drehrichtung des Sicherheitsverschlusses einer Flasche Christinenbrunnen oder der fototechnischen Entwicklung der Ansichtskartenfotografie Erkenntnisse über die techno-normativen Strukturen der allgemeinen Lebenswirklichkeit, Konventionen und Handlungsmöglichkeiten (eine Flasche lässt sich eben nur in die vorgeschriebene Richtung aufschrauben; die Farbfotografie war in der Ansichtskartenkultur der DDR der 1960er Jahre unüblich) abzuleiten, geht es hier um eine reine von der Lust am denkbaren Text getriebene Erkundung auffindbaren Materials. Statt tiefer Deutung mit dem Anspruch maximaler Ausleuchtung setzt diese Annäherungsform auf Aufspüren, Benennen und Verknüpfen. Auch dabei lernt man, aber anders als bei wissenschaftlichen Beforschungsprozessen nicht zwangsläufig auf das Ziel hin, eine möglichst verallgemeinerbare Aussage treffen zu können. Es gibt weder Prämissen noch Thesen noch eine elaborierte Methodologie.

Das bedeutet freilich nicht, dass man nur affirmativ an einer Oberfläche entlang gleitet und jede Kritik hinter der ästhetischen Wirkung verschwindet – ein Phänomen,  das leider häufiger in blühenden Bildkultur zur Ostmoderne, zur Architektur des Brutalismus oder auch, im Sinne eines Baberini-Effekts, zur Kunst der DDR feststellbar wird. Die Abflachung der Objekte auf nostalgische Trigger-Wirkungen, Instagramabilität und / oder geometrie-verliebte Reinszenierungen nimmt ihnen notwendig die Komplexität, die zu verstehen aber notwendig ist, wenn sie mehr sein sollen, als Dekor und Ornament.

Das Anliegen der Praxis, die ich beschreibe und anstrebe wäre folglich die eines Dar-, Heraus- und Über-Stellen der Objekte in Zusammenhänge. Diese Kontexte sind zwangsläufig anders gewählt als in der Wissenschaft, in der jeweilige Fachkulturen und Erkenntnisrichtungen festlegen, was auf welche Weise legitim analysiert werden kann. Solche Zwänge kennt die beschriebene Form der Annäherung mit den Objekten nicht, weshalb sie im Ergebnis in der elaboriertesten Variante im Essay mündet und nicht im Fachaufsatz. Die Aussage bleibt subjektiv und lautet: Schaut! Das gibt es. Und das kann es mir sagen.

Nichts davon schließt aus, dass man sich nicht hin und wieder Anleihen aus der wissenschaftlichen Arbeit holt. Mitunter ist es sogar erforderlich, auch wenn dies in den meisten Fällen der in diesem Weblog behandelten Interessengebiete darauf hinausläuft, dass einfach weitere Quellen auf den Schreibtisch gelangen oder hier und da aus einem Fachtext ein Partikel aufgehoben an dazu gefügt wird. Sowohl Briefmarken als auch Ansichtskarten und sogar das Phänomen der Kunst im Stadtraum (in der DDR) sind aus keiner geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschungsrichtung so tief thematisiert, wie man es sich eigentlich wünscht. Gerade im Bereich der Philatelie ergibt sich daraus die eigenartige Konstellation, dass die Substanz der wenigen wissenschaftlichen Artikel zum Thema bisweilen deutlich instabiler ist als die der Beiträge in den einschlägigen Publikumszeitschriften. Der Diskurs der Wissenschaft zum Thema wirkt so losgelöst von den Diskursen der Freizeitphilatelist*innen, dass er ihn kaum zu berühren vermag. Das ist freilich exemplarisch für eine Vielzahl von extra-wissenschaftlichen Wissenskulturen. Hier Brücken zu bauen wäre ein schöne Aufgabe für zum Beispiel Vermittlungsinstitutionen wie Bibliotheken.

Was man aus der Wissenschaftskultur in dieser Beziehung vielleicht sinnvoll in die freien Interessenskulturen übernehmen kann, ist die Praxis des Bibliografierens. Quellen und Belege sind wichtige Anker und gerade für Einsteiger*innen in ein Feld häufig schwer zu identifizieren. Ob nebenbei zusammengestellte Literaturlisten wirklich einen grundsätzlichen Mehrwert bieten können, der in einem angemessenen Verhältnis zum Aufwand für Pflege und Aktualisierung steht, wird sich zeigen. In jedem Fall sammle ich Quellen, die mir begegnen, für eine Domäne meiner Interessen seit einer Woche grob kategorisiert in einem offenen Netzdokument, dass ich sehr gern für Einsichtnahme und Nachnutzung teile: Bibliografie zu Kunst und Architektur in der DDR mit dem Schwerpunkt baubezogene Kunst und Kunst im öffentlichen Raum (vorläufiger Arbeitstitel) – [bzw. https://retraceblog.wordpress.com/kunst-architektur-ddr/]. Dahinter steht nicht zuletzt der Wunsch, trotz allem eine Art Systematizität und damit Ordnung in die Berglandschaften des Materials zu bringen, die sich eröffnen, wenn man anhand zum Beispiel einer Freiplastik oder eines Wandbilds halbwegs unbedarft um die Ecke biegt und sich mit den Biografien der Schöpfer*innen, den Entstehungsbedingungen und den Rezeptionsansätzen konfrontiert.

Zugleich erfordert auch eine Lektüre aus Freude Lektürekompetenz und damit Basiskenntnisse zu Kunst (und Architektur) als Medienform. In Ansichtskarten kreuzt sich zum Beispiel oft Fotografietheorie mit Postgeschichte. Um einen solchen Schnittpunkt gebührend würdigen zu können, braucht man zumindest Funken von Wissen sowohl zu dem einen als auch zu dem anderen. Letztlich ist es vermutlich das, was sich in der dargestellten Praxis einer Verständnissuche anhand von Zeugnisse manifestiert: Ein Funkenschlagen, verbunden mit der Hoffnung, dadurch mehr zu sehen und zu erkennen. 

(Ben Kaden, Berlin, 14.01.2018)

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Fünf Kinder in Mitte. Eine Notiz zu Evelyn Hartnick-Geismeier.

Ein Neuzugang in der Bibliothek: Die Weihnachtstage des 2017 brachten einen Band über die Bildhauerin und unter Numismatikerin auch als Medaillenschöpferin Evelyn Hartnick-Geismeier (vormals Evelyn Nitzsche-Hartnick, vormals Evelyn Hartnick) auf den Schreibtisch. (Die Bildhauerin Evelyn Hartnick-Geismeier. Leipzig: Passage-Verlag, 2014) Wenngleich mehr oder weniger zufällig, kam er doch genau im richtig Augenblick. Denn beim Sichten älterer Fotografien fielen einige Aufnahmen aus einem der unsortierten Sammelordner, die ich am Neujahrstag des Jahres 2014 irgendwann am Vormittag auf dem Weg zum S-Bahnhof Hackeschen Markt anfertigte. Frisch mit Böllerresten besprengelt stand im menschenleeren Monbijoupark nahe den Basketballplätzen in noch dichter Nach-Silvester-Luft eine Plastik von Kindern unter einem Schirm, die es dort noch nicht lange gab und auch nicht mehr geben sollte.

Detail der Skulptur Kinder unterm Regenschirm im Berliner Monbijoupark
Detail der Skulptur Kinder unterm Regenschirm im Berliner Monbijoupark. Aufnahme: 01. Januar 2014

Ein paar Monate später war sie wieder verschwunden und damit irgendwie auch die Erinnerung an die Bilder und der Wunsch, mehr über die Skulptur zu erfahren. Beim Sichten des alten Ordners, motiviert durch einen Hardwareschaden und den Totalverlust aller Aufnahmen aus dem zweiten Halbjahr 2017, trudelten – leider nur – drei Detailaufnahmen zurück. Mit ihnen die allerdings auch die Neugier. Mit vier Jahre Verzögerung und eine kurzen Recherche fand sich ein Artikel aus der Berliner Woche, der Informationen zur Schöpferin – eben Evelyn Hartnick-Geismeier – und zum Aufenthalt der Plastik in Berlin-Mitte enthielt. Ursprünglich in den 1980ern für die Musikschule Mitte angefertigt, kam es aufgrund der Entwicklungen um 1989 nicht mehr zu ihrerAufstellung am vorgesehenen Standort. Erst im September 2013 fanden sie in die Öffentlichkeit des Monbijouparks in Sichtachse zum Storchenpaar von Hans-Detlef Hennig, ein schöne Verbindung, wie sich noch zeigen wird. Da aber Kunst im öffentlichen Raum auch immer in der Möglichkeit einer Zerstörung steht und offenbar gerade zartere Plastiken zur halbstarken Auseinandersetzung mit dem Material einladen, war die Gegenwart der bronzenen Kinder mit ihrem Schirm nur ein kurzes Intermezzo im schönen Park, wohingegen die unweit des Standorts platzierte und deutlich robustere Plastik Die Erde von Ingeborg Hunzinger bislang jedenfalls allen Angriffen tapfer trotzte. Der gelegentliche Namenszug zum Beispiel auf der Hüfte als minimalinvasive Geltungsfreude junger Freunde öffentlicher Handschriftenproben mag vernachlässigt werden.

Der Band zur Evelyn Hartnick-Geismeier aus dem Jahr 2014 kennt das Umsetzungs- und Beschädigungsdrama freilich noch nicht. In seinem Bildteil, in dem das bildnerische Werk, also die Reliefs, Skulpturen und schließlich auch Medaillen der Künstlerin dokumentiert werden, wird noch auf den Standort im Monbijoupark verwiesen, mit einer genauen Titelangabe – Fünfkindergruppe (Tröpfelbrunnen) und Datierung – 1986/86, gegossen 1989. (Seite 174 ff)

Der Textteil dieser bisher einzigen Monographie über die Bildhauerin berichtet dagegen über anderes. Er umfasst nämlich eine große Zahl von Briefauszügen, die die Kunststudentin Evelyn Hartnick zwischen 1949 und 1951 von Leipzig nach Hamburg an den Grafiker Günter Nitzsche schrieb, der ihr erster Mann werden sollte und dafür eine gut bezahlte Stellung in der westdeutschen Werbewirtschaft aufgab und in die DDR zurückzog. Wertvoll und lesenswert sind die Briefe vor allem als Zeitdokumente und Zeugnisse des rat- und rastlosen Herumtastens einer sich selbst suchenden DDR-Kunstpolitik, das sich naturgemäß besonders drastisch auf die Ausbildung in diesem Fall an der Kunstgewerbeschule und der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig auswirkte. Dass die junge Evelyn Hartnick mit einer gewissen Arglosigkeit in diese Hochphase der Formalismusdebatten hineinstolperte und die Reibereien zwischen Akteuren wie Max Schwimmer und Kurt Magritz aus der Perspektive einer siebzehn- bis zwanzigjährigen Studentin notiert werden, ist heute insofern ein Glücksfall, weil sich dem Leser auf diesem Weg eine unbefangenere Innenperspektive eröffnet, die die offizielle kunstgeschichtlichen und kunstsoziologischen Annäherungen um die Debatten dieser Zeit durchaus erkenntnisfördernd ergänzt. So versteht man, was man freilich schon immer ahnte. Beispielsweise, dass der offenbar auch sehr charismatische Max Schwimmer oder auch Walter Arnold deutlich ernster genommen wurden als die Hochschuldirektoren Kurt Massloff und Magritz, wobei letzterer spätestens seit dem Kursieren seiner frühen Gedichte unter den Studierenden offenbar kaum noch Überzeugungskraft besaß. Jedenfalls gilt das für Evelyn Hartnick. (vgl. Briefauszug vom 21.06.1951, im Buch auf Seite 115) Sie bestätigt auch, wie sehr beispielsweise das Werk Ernst Barlachs rein intuitiv nachhaltiger und prägender auf die angehenden Künstler*innen der DDR wirkte, als die Selbstüberhöhungsästhetik des offiziell propagierten und forcierten Stils:.

“Mich wundert es, dass man Barlach in der DDR überhaupt noch zulässt.” (Briefauszug vom 22.06.1950, im Buch auf Seite 57)

“Massloff eröffnete […] das Sommersemester mit einem Superreferat: “Der Kampf gegen den Formalismus in der Kunst für eine fortschrittliche deutsche Kultur und der Kampf um den im höchsten Grade gefährdeten Frieden mit dem Mittel, das [sic!] die Klassik überflügelnden sozialistischen Realismus.” (Brief vom 09.04.1951, im Buch auf Seite 105)

“Er [Walter Arnold] äußerte Bedenken, eines Tages seine Plastiken in der Buntmetallsammlung zu finden.” (ebd.)

Abgesehen von den ideologischen Grabenkämpfen, in denen die Kunststudent*innen oft kaum mehr als Spielbälle und Versuchsteilnehmer*innen sein konnten, erzählen die Briefe vom Bemühen, sich vor allem im Alltag, der neben der Kunst einiges an Mangel bereithielt, zurechtzufinden. So erfährt man aus den Briefen auch Einiges zum Leben und zur Lebensqualität der sehr frühen DDR.

“[I]st es nicht zu Lachen, dass man sein Geld zählen muss, wann man sich wieder mal eine Briefmarke kaufen kann. Das bedeutet, wann man mal einen Brief schreiben kann! Alles, was man sich mitteilen möchte oder müsste, ist also vom Geld abhängig! Nein, es ist nicht zum Lachen, bitter, bitter weinen möchte man. […] Aber vielleicht wird es einmal besser.” (Briefauszug, 23.03.1949, im Buch auf Seite 18)

Ein wenig besser wurde es dann schon im Verlauf der zwei Jahre. Zudem war man ja jung und die Welt trotz allem spannend, anregend, intensiv erfahrbar. Mit ein bisschen Glück, für das in der DDR das Zentralwort “Beziehungen” gängig war, gelangte Evelyn Hartnick 1951 an die Kunsthochschule Weißensee, um dort bei Heinrich Drake zu studieren. Max Schwimmer persönlich hatte sich nach der ersten Ablehnung für seine Studentin eingesetzt und dem VBK-Verbandssekretär Arno Krewerth ein paar nette Zeilen zukommen lassen, die Evelyn Hartnick in ihrem Brief vom 27.06.1951 zitiert. (vgl. S 118) Berlin traf sie als der Moloch, als der die Stadt berühmt ist:

“Aber dass Berlin so elend ist, dass hätte ich nicht gedacht. Wenn ich hier Kinder hätte, ich würde sterben vor Gram – kein Garten, keine frische Luft, nur Dunst, – der Atem der Millionenstadt und Lärm und Hast und Staub…” (Brief vom 10.09.1951, im Buch S. 122f.)

Aber Berlin waren eben auch die Kurse bei Arno Mohr, Freundschaft mit Arno Fischer und Mart Stam als Hochschuldirektor. Und fünf Jahre Bildhauerei-Ausbildung bei Heinrich Drake in einer Klasse auch heute noch leuchtender Namen:

“Wie schön auch, dass so ein guter Geist unter uns Drake-Schülern herrscht. Fritz (Ritter) kommt aus Polen, aus Lodz. Er wird viel gehänselt, denn er tut immer furchtbar schüchtern, besonders wenn es um Frauen geht . […] Ich weiß nicht recht – entweder ist er gerissen oder er schauspielert nur, oder er besitzt eine amüsante Naivität, mit der er verblüffende Gedanken hervorbringt, diese aber nicht konsequent, das heißt nie im großen Zusammenhang verfolgt.
Karl (Mertens) ist schon über vierzig und hat fast schon erwachsene Kinder. Er ist ganz ruhig, spricht kaum ein Wort, arbeitet fleißig und ist ein gütiger Mensche.
Bachmann (Eberhard) ist ein schöner schneidiger Mann mit Herz, Gemüt und Witz. […] Sein im Krieg verletzter Arm behindert ihn bei der Arbeit nur wenig, mehr stört es ihn, dass man die Verstümmelung sieht. Er kommt aus Meissen, hat Porzellanmodelleur gelernt. Deshalb sind seine Figuren so glatt. […]
Arno (Fischer) ist ein Mann mit ungemein klarem Geistesweg. Er liest und arbeitet und setzt sich intensiv mit wissenschaftlichen Problemen auseinander. Er lebt, um seinen Geist zu bilden und größer zu werden als Mensch, um sich und anderen zu nutzen. […]
Und dann ist da noch (Hänschen) (Hans Hennig), der fast nie etwas spricht, der seine Gefühle nicht gut in Worte formulieren kann, doch sein ganzes Sein in seine Arbeit hineinlegt, der kein “Mittelmäßiger” bleiben will, der zugrunde zu gehen fürchtet, wenn er seine Grenzen erreicht haben wird.” (Brief vom 21.10.1951, im Buch auf S. 132f.)

Dazu ist ein Bild der Bildhauerklasse abgedruckt – sechs Männer, bis auf Karl Mertens jung und fesch, zwei ausnehmend attraktive Frauen – im Weißenseer Atelier zwischen Kleinplastiken und Büsten. Zentral in Schwarz mit verschränkten Armen steht Arno Fischer, der die Szene per Selbstauslöser aufnahm und vermutlich komponiert hat. Zumindest liest der Betrachter aus dem Jahr 2018 die Vorahnung dessen ins Bild, was da kommen wird, nämlich eine Karriere als eine der profiliertesten Persönlichkeiten der DDR-Fotografie. In einer Nachbemerkung ergänzt Evelyn Hartnick-Geismeier nebenbei noch drei weitere Zentralfiguren der Bildhauerei der DDR:

“Seit 1952 hatten sich auch Jo Jastram und Ludwig Engelhardt dem Kern unserer Drake-Studiengemeinschaft zugesellt. Gleichzeitig mit diesen beiden und außerdem mit Jürgen von Woyskie [sic!] erwarb ich ich später mein Diplom.” (S.134)

Erstaunlich und womöglich ein subjektives Versäumnis ist, dass aus dieser Gruppe einige Namen (Jo Jastram, Ludwig Engelhardt, Hans-Detlef Hennig, natürlich aber anders Arno Fischer)  sofort aufblitzen, wenn man die Kunst der DDR denkt, auch Jürgen von Woyski, mit Abstrichen vielleicht Eberhard Bachmann, Karl Mertens und Fritz Ritter. Aber auch bei diesen kann man sofort ein paar Werke und Werkstandorte benennen. Für Evelyn Hartnick-Geismeier brauchte es dagegen das Buch, aus dem deutlich wird, dass sie ebenfalls gar nicht wenige Arbeiten im öffentlichen Raum vor allem in Berlin hinterlassen hat. Neben der Kindergruppe gibt bzw. gab es zwei eindrucksvolle Reliefarbeiten – der Otto-Nagel-Zyklus für das Kulturhaus des VEB Bergmann-Borsig in Pankow und die Arbeit “Altes Berlin und neues Berlin”, das traurigerweise 2016 gestohlen wurde. Damit teilt es das Schicksal von zwei Löwenfiguren, die die Bildhauerin für den Löwenbrunnen auf dem Karl-Holtz-Platz in Berlin-Marzahn geschaffen hatte. Ach ja, “äußerte Bedenken, eines Tages seine Plastiken in der Buntmetallsammlung zu finden.” Ein Fall, der für viel zu viele Plastiken in den Jahr nach 1989 tatsächlich eintrat, wobei sich besonders die wenig zimperliche Supermarktkette Rewe in Berlin irgendwie generell für die baubedingte Kunstzerstörung zu engagieren scheint.

Detail Plastik "Kinder unterm Schirm" von Evelyn Hartnick-Geismeier in Berlin
Detail Plastik “Kinder unterm Schirm” von Evelyn Hartnick-Geismeier in Berlin am Standort Marion-Gräfin-Dönhoff-Platz in Berlin-Mitte. Aufnahme: 04. Januar 2018

Die fünf Kinder unterm Regenschirm immerhin sind noch da und nach der Restaurierung und Umsetzung offenbar an einem sicheren Standort. Der gestrige Besuch bei der Plastik, an einem durchgängig finsteren Januartag mit einer Luft, die dank des Verkehrs der nahen Leipziger Straße an den Dunst Berlins erinnern könnte, den Evelyn Hartnick 1951 beschrieb, zeigte vielleicht etwas missmutig dreinschauende aber völlig unversehrte Bronzekindergesichter. Der angrenzende Spielplatz lag matschig und erwartungsgemäß ohne Nutzung in der Stadtlandschaft. Ein paar Menschen, sichtbar im Rentenalter, führten jedoch Hunde um das Hochhaus, blieben kurz stehen und betrachteten skeptisch die eigenartige Person im Parka, die sanft über das Material strich und ein paar Nahaufnahmen der Skulptur machte. Was ein gutes Zeichen ist. An einem helleren Tag des Jahres 2018 werden sie vermutlich etwas Ähnliches noch einmal beobachten können. Vorerst muss es aber reichen, zu berichten, dass die Plastik der Kinder unterm Schirm ohne Böllerschäden ins Jahr 2018 gelangt ist. Evelyn Hartnick-Geismeier, die so engagiert für die öffentliche Erlebbarkeit ihrer Arbeit kämpfte, würde sich freuen. Sie starb am 24. August letzten Jahres in Berlin.

(Ben Kaden, Berlin, 05.01.2018)

Eisenhüttenstadt, 2012, 2017.

Es ging kurz und unerwartet zurück. Das plötzliche Auftauchen einer meiner Fotografien in meinem Facebook-Stream, genauer in einer geschlossenen Facebookgruppe namens 1220 Eisenhüttenstadt, der beizutreten mich der Administrator so geduldig wie hartnäckig motivierte und die mir seither unter anderem die Bestandslücken meiner Ansichtskartensammlung vor Augen führt, transportierte mich unlängst zu einer besonderen Bildersammlung auf Flickr – nämlich dieser: Ben Kaden / Eisenhüttenstadt-Blog. Diese Zusammenstellung war gedacht als eine Parallelsammlung zu meiner fotografischen Auseinandersetzung mit Eisenhüttenstadt, Kindheitsstadt, Jugendstadt, tief prägender Ort, einer fortlaufenden Materialsammlung unter dem heute etwas albern erscheinenden Namen ehstiques, aber Social Media erzwingt spontane Namensgebungen und somit Flickr eben auch.

Diese Form der Auseinandersetzung mit Eisenhüttenstadt plätschert freilich mittlerweile aus. Sie ist nur noch ein schmaler Streifen Beschäftigung in Gestalt eines Ordners des verbliebenen digitalen Stroms für meine, um ein Wort des so großartigen wie offenbar bescheidenen Fotografen Boris Savelev zu übernehmen, Photocartochki, mit denen ich allgemein meine Beziehung zum Raum, zu den Dingen im Raum, zum Medium der Fotografie und hin und wieder sicher auch zu mir selbst fixiere, sammle, untersuche. Die Cartochki helfen beim Begreifen, also Verstehen, in dem sie visuelle Marker setzen, zu dem was gewesen ist, was gesehen wurde. Und diese Marker bleiben präsent bzw. re-präsentierbar, jedenfalls so lange die Flickr-Cloud sie vorhält. Es sind Aufzeichnungen, je nach Frequenz fast wie ein Tagebuch, kleine Dokumentationen, allerdings öffentlich und damit distanziert und die hier und da enthaltene Intimität nimmt zumeist eine Form an, die sie sehr gut verschleiert. Und eigentlich ist das ein anderes Thema.

Den Korpus zum Eisenhüttenstadt-Blog, den ein Guess-Where-Spielchen in meinen Stream schickte, hatte ich jedenfalls beinahe vergessen, so wie mir Eisenhüttenstadt selbst mittlerweile entgleitet, was lange brauchte und vermutlich den Eisenhüttenstadt-Blog als digitales Abarbeitungswerkzeug. Und was hier das Thema sein soll.

Auch die Bildersammlung entstand, so erscheint es mit jetzt, aus einer Art Ablösungsidee. Gesättigt von vielleicht fünf Jahren intensiver Arbeit im, nun ja, Blogwerk, die zu einer Reihe von interessanten Kontakten aber eben auch zu einer Reduzierung auf die Rolle eines Experten zur Stadt führte, zugleich jedoch durch die 7. Berlin Biennale noch einmal zurückgespült in die Stadt, für einige sehr intensive Monate, blitzte nebenbei die Idee auf, allgemein Fotografien aus der Stadt unter einer freien Lizenz – also CC BY – an einem Ort für alle nutzbar bereitzustellen. Denn Fotografien fielen ohnehin in großer Zahl an. Warum nicht also eine Auswahl mit aller Niedrigschwelligkeit digitaler Plattformen in die Welt setzen und schauen, wer sie für welchen Zweck entdeckt. Vor allem entbanden Bilder von der Notwendigkeit, das treffende Wort zu finden, etwas beschreiben zu müssen, ohne angreifbar zu werden und überhaupt von der Mühe, eine Position in Sprache zu übersetzen. Wie viel leichter es war, sich mit dem Display oder Sucher einer Kamera in die Stadt auszurichten.

Das Jahr 2012 war sozusagen Peak-Eisenhüttenstadt, unter anderem auch, da parallel zur Biennale noch die beiden Gestalter Reinhard Schmidt und Tobias Keinath das nach wie vor vermutlich beste (und seltenste) Buch über die Stadt produzierten und dafür viel Zeit vor Ort und mit mir verbrachten, wobei ich feststellen durfte, dass es sich nicht nur um herausragende Gestalter sondern auch um großartige Menschen handelt, die auch im Vergleich mit den zahlreichen anderen Personen, die ich bei ihrer Befassung mit der Stadt begleiten durfte, einen sehr außergewöhnlichen sensiblen, professionellen und auf Tiefe angelegten Ansatz verfolgten. Deren Begeisterung für die Stadt mich begeisterte und prompt fand ich mich systematisch und sehr nah wieder, an all dem, was mir schon fast übervertraut war, also auf der Kante zur Entfremdung kippelnd.

Wandbild von Walter Womacka in Eisenhüttenstadt
Wandbild von Walter Womacka in Eisenhüttenstadt

Aus der Rückschau erweist sich bei der Flickr-Sammlung als unglücklich, dass die zur freien Nachnutzung angedachten Fotografien nur in einer für diesen Zweck bedenklich kleinen Auflösung bereitgestellt wurden. 1024 x 768 Pixel reichen tatsächlich nur für digitale Fotokärtchen. Andererseits staune ich, dass unter den am Ende nur 168 Bildern in dieser Sammlung, doch einige sind, die ich auch ganz unabhängig von jeder individuellen Aufladung gelten lassen würde. Dokumente des Jahres sind sie ohnehin und dahingehend einzigartig.

Auch ist nicht absehbar, dass ich eine so intensive auch fotografische Beschäftigung mit der Stadt wiederholen kann oder will. Während der Biennale gab es Ideen, die Möglichkeit einer Präsenz auch zeitgenössischer Kunst und eines lebendigen, laufenden Diskurses über Stadt und Raum, individuelles und kollektives Gedächtnis in Eisenhüttenstadt zu verstetigen. Sie liefen allerdings und auch aus nachvollziehbaren Gründen unvermeidlich ins Leere.

Schon der Ableger des Biennale-Projektes von Paweł Althamer, immerhin bis tief in den Herbst 2012 hinein, gelang nur zufällig, so wie man Städte wie Eisenhüttenstadt für derartige Projekte vermutlich immer zufällig greifen und ein wenig überrumpeln muss. Aber bereits die Einbindung von Matthias Steier, eine Art lokale Leuchtfigur in Sachen Bildender Kunst und, wenn man so will, Leipziger Schüler, buchstäblich beispielsweise bei Arno Rink, misslang. Das offene Gegenatelier in der Straße der Republik zu seinem geschlossenen am Neuzeller Landweg lockte ihn auch mit handgezeichnerter Einladung nicht. Eine Handvoll anderer Menschen aus der Stadt erreichte man mutmaßlich schon tiefer gehend. Aber es blieben deutlich zu wenige, um etwas Nachhaltiges zu verankern.

Einladung von Paweł Althamer für Matthias Steier
Einladung von Paweł Althamer für Matthias Steier

Die Biennale wurde vom Rathaus und der Gebäudewirtschaft nach Kräften unterstützt. Vom Rest der Stadt wurde sie aber nicht sonderlich ernst genommen, oft als nicht mehr als ein Fremdkörper, mitunter auch als Störung angesehen. Das ist nicht ungewöhnlich, nicht einmal bedauernswert. Es löste vor allem eine Erwartung ein, über deren Enttäuschung man sich gefreut, mit der man aber nicht gerechnet hätte. Ein wenig schade ist, dass die geplante Bustour, die noch ein paar größere Namen der zeitgenössischen Kunst in die Stadt führen sollte, entfiel. Denn es ist immer interessant, zu sehen, wie sich die Stadt in ihre Besucher einschreibt und umso mehr, wenn diese einen sehr spezifischen Blick mitbringen.

Das temporäre offenes Studio der Berlin Biennale in der Straße der Republik
Das temporäre offene Studio der Berlin Biennale in der Straße der Republik

Paweł Althamer genoss jedenfalls, dass ihn wirklich niemand kannte, was freilich auch wunderbar mit seinem Verständnis von künstlerischer Praxis harmoniert. Für viele der Menschen in Eisenhüttenstadt, also die potentielle Interaktionsgröße für beispielsweise den Draftsmen’s Congress erwies sich jedoch schon die Idee von Kunst als Praxis (also nicht der Kunst als Objekt) als schwer nachvollziehbar, was zumindest einen Teil der Ablehnung erklärt. Das ist nicht wertend zu verstehen, eher verzeichnend und am Ende eben auch ein Grund, warum es sich so sortiert, dass bestimmte Formen der Entfaltung für bestimmte Kinder des Ortes nur an anderen Orten und also nach Fortgang aus der Stadt erfolgen konnten und können.

Alice, nicht im Wunderland, sondern in Eisenhüttenstadt
Alice, nicht im Wunderland, sondern im öffentlichen Raum von Eisenhüttenstadt

Ein Ort wie dieser zieht unausweichlich Grenzen und eine Stadt wie Eisenhüttenstadt mag aus ihrer Geschichte als sozialistisches Projekt noch eine besondere Konformitätserwartung addieren. Aber eigentlich ist sie heute, so wie sie von außen wahrgenommen werden kann, hinsichtlich ihres kreativen Potentials in der Hauptsache allenfalls als Inspirationszone für Kleinstadtnovellen tauglich. Man mag sie als Objekt betrachten, wie die Ethnologin Samantha Fox, als zeithistorisches Kuriosum und natürlich als steinernes Dokument der Idee des Sozialismus, wie zahlreiche Journalistinnen und Journalisten zu entsprechenden Jubiläen. Eisenhüttenstadt ist aufgrund der historischen Überschaubarkeit in vielen Dimensionen leicht zu durchforschen. Die Stadt ist auch als Transformationsgeschehen von einem spezifischen Ort in der Vergangenheit zu einem mehr und mehr an Kontur verlierenden Provinzstädtchens am Rande der Republik ein spannender sozialgeografischer Gegenstand.

Was der Stadt fehlt und weshalb sie mir und weshalb ich ihr letztlich verlorengehen musste, ist ein Innenleben, in dem ich mich dauerhaft positionieren, wiederfinden, einbringen könnte. Die Biennale 2012 war ein letzter Versuch und zugleich Scheitelpunkt eines Ausklingens meines Verhältnisses zu diesem Ort, das bis heute sicher anhält, aber eben zusehends an Frequenz und Kraft verliert. Ich verbrachte zwar viel Zeit vor Ort, dies aber unüberbrückbar zunehmend “nur zu Besuch”. Das Prinzip von Heimat passte irgendwann und unerwartet, wenngleich früh geahnt, nicht mehr. Die Stadt lag da und war nicht mehr vertraut, nur noch bekannt.

Sie schrumpfte und schrumpft nicht nur im stadtsoziologischen Sinn sondern auch in ihrer Bedeutung für mich, was zunächst paradox schien, ist sie doch einer von nur sehr wenigen wirklich tief prägenden Orten. Aber diese Prägung hat, wie festzustellen und auch zu lernen war, kaum noch etwas mit der Gegenwärtigkeit der Straßen, Wohnkomplexe und Sichtachsen zu tun, die beim Durchlaufen wie heimatlich scheinen, aber zugleich doch nicht mehr zu mir gehören, eine Erfahrung, die nur noch in den Kategorien der Analyse oder der Nostalgie funktioniert.

Die für mich wichtige Eisenhüttenstadt, ist eingekapselt in Erinnerung und Erinnerungsmöglichkeiten. Oft wirkt es, als sei die Begegnung mit dem heutigen Stadtraum dahingehend mehr Störung als Brücke. Dem gegenüber, was mit Eisenhüttenstadt geschieht, was mich über die Webseiten der Lokalredaktion der Märkischen Oderzeitung und über Facebook erreicht, macht sich ein Gleichmut breit, der noch 2012 kaum vorstellbar war, weil ich nicht verstanden hatte, dass das Motto des Jahres eigentlich Abschied hieß. Wirklich bewusst wurde mir dieses nunmehr Unbeteiligtsein als Tatsache erst jetzt, beim nochmaligen Durchblättern der Flickr-Sammlung und den aus dieser heraussteigenden Erinnerungen. Und ich weiß, wenn ich zurück komme, komme ich wirklich nur noch kurz zurück.

(Ben Kaden, Berlin, 21.12.2017)

Notiz zu Klaus Schwabe (1939-2017)

Klaus Schwabe / Zwei Arbeiten
Zwei Arbeiten von Klaus Schwabe – eine in Magdeburg, eine in Leipzig

Eine Traueranzeige, nur halb in der Zeitung, der Bildhauer Klaus Schwabe, geboren im Tal der Lichte, den so gut benannten Nebenfluss der Schwarza, in Thüringen, Unterweißbach im September 1939, wurde alt genug, dass die Meldung seines Todes auch im virtuellen Trauerportal der Leipziger Volkszeitung sichtbar werden konnte. “‘Junges Paar’ nannte Klaus Schwabe seine Arbeit” – schrieb die Berliner Zeitung 1969, als er gerade 30 war und seine Arbeit vor dem Alten Museum in Berlin fotografiert werden konnte, dank einer Ausstellung “Architektur der Bildenden Kunst”, die auch Gerhard Bondzins “Weg der Roten Fahne” in die Hauptstadt gebracht hatte, bevor dieser Weg nach Dresden zum Kulturpalast führte. Dresden war irgendwie auch Klaus Schwabes Stadt, fünf Jahre, 1960-1965, Studienort. Seine Arbeit “Dresden – 13. Februar 1945” entstand 20 Jahre später. Sie schaffte es als Exponat der X. Kunstausstellung ins Neue Deutschland, aufgenommen mit Erich Honecker, von wem ist nicht überliefert. Man könnte mehr finden im Archiv. Er war eine der großen Figuren, auch im Verband Bildender Künstler. Er war eine der großen Figuren der Bildhauerei in der DDR. Es bleibt Vieles in der Gegenwart. Dresden – 13. Februar 1945 bleibt ein Zentralwerk im Skulpturenpark in Magdeburg.  “‘JUNGES PAAR’ nennt Klaus Schwabe aus Leipzig seine Plastik” schrieb die NEUE ZEIT vom 07. November 1969 unter ihre Abbildung, sehr schön fotografiert vom so talentierten, so jung verstorbenen Uwe Steinberg. Und: “Sie steht auf dem Freigelände der Ausstellung „Architektur und Bildende Kunst“ am Marx-Engels-Platz” Klaus Schwabes junges Paar sitzt heute in Leipzig. Auch unweit eines Museums. Und bleibt, so ganz anders, eine Zentralplastik für viele Menschen in Leipzig.

(Ben Kaden, Berlin, 22.11.2017)

Die Schule von Behrenhoff – über eine Ansichtskarte aus dem Jahr 1968.

Legt man auf der Autobahn 20 das Stück zwischen Jarmen und Grimmen zurück, wird man vermutlich nicht bemerken, dass man, wenn auf der einen Seite der Flugplatz von Schmoldow, Heimat der Greifswalder Sportflugfreunde, vorbeirauscht, auf der anderen Seite Behrenhoff hinter sich lässt, eine dieser kleinen Landgemeinden, die so schöne Namen wie Bandelin, Dargelin oder Weitenhagen tragen und deren Klang die Idylle einer milden, stillen Landschaft und schönen weißen Sommerwolken auf himmelblauen Grund drüber für den hervorruft, der im rumpeligen und finsteren November-Berlin sitzt. Behrenhoff, vorpommersches Landratsgut. Nach 1945 Neubauerndorf, auch “Friedensdorf”. “Wer blöd ist, hört auf Adenauers Rat — wir Bauern bringen das erste Getreide dem Staat”, war der Leitspruch der Bauern aus dem Dorfe” wusste das Neue Deutschland am 06. August 1952 zu berichten.

Am 17. Oktober 1954 stand der Behrenhoffer Traktorist Adolf Kalina, geboren 1916 im ebenfalls winzigen aber hügeligeren Werbitz (heute Vrbice), Sohn eines Maschinenschlossers, auf der Liste der Nationalen Front, nicht für die SED sondern für den FDGB, vorgesehen um den Ort und die Neubauernschaft in der Volkskammer zu repräsentieren. Wenige Monate später meldete ADN, dass eben dieser Adolf Kalina seinen Volkskammerausweis verloren hatte. Er bekam einen neuen Ausweis. Sein Mandat behielt her.

Vermutlich kannte er auch die LPG-Bäuerin Frieda Raetz, die 1960 in einem Brief an die Ostsee-Zeitung vom Kontrast im Leben der kleinen Leute zu berichten wusste, der sich eingestellt hatte zwischen der Arbeit als Tagelöhnerin auf dem Gut des Grafen Behr von Behrenhoff in den 1930er Jahren, der als Einzelbäuerin nach der Bodenreform auf eigener Scholle und schließlich der als Mitglied der LPG “Frieden”. Man sprach nun von “der guten neuen Zeit”:

“Jetzt stehe ich morgens um halb sieben Uhr auf. In Ruhe kann ich das Frühstück für meine Familie machen. Um acht Uhr beginnt meine Arbeit in unserer Genossenschaft. Von zwölf bis dreizehn Uhr ist Mittag und um siebzehn Uhr Feierabend. Die Kinder sind im LPG- Kindergarten den ganzen Tag gut versorgt, und die schmutzige Wäsche bringe ich in die Wäscherei der Genossenschaft. … Die Abende verbringe ich meistens vor unserem Fernsehapparat. Manchmal gehen wir auch zu einem Vergnügen oder einer Kulturveranstaltung.”

Rationalisierung trifft auf Optimismus: “Ja, das Leben ist schön geworden, und ich weiß, daß es noch immer schöner wird. Es lohnt sich zu leben.”

Und das las sich so überzeugend, dass die Berliner Zeitung den Brief am 24. März 1960 unter der Überschrift “Früher nur einen Hungerlohn” noch einmal ihren Leserinnen und Leser in der Hauptstadt nahe bringen musste. Die Grafen von Behr auf Behrenhoff waren da längst allein im Ortsnamen noch vorhanden und vielleicht im von niemand Geringerem als dem Architekten Ernst May entworfenen Familiengrab neben der mit eindrucksvollen mittelalterlichen Wandmalereien ausgestatteten wunderschönen Kirche des Ortes.

Acht Jahre später fuhr der Bezirkskorrespondent Hans Jordan für das Neue Deutschland durch die landwirtschaftlich geprägte Umgebung Greifswalds um sich anzusehen, wie sich der Wettbewerb “Schöner unsere Städte und Gemeinden” exemplarisch nicht in Städten sondern eben in den Gemeinden manifestiert. Nicht überzeugend, musste er feststellen und sah sich gezwungen für Behrenhoff “viele ungepflegte Vorgärten” zu notieren, für “Ranzin viele große Tümpel und umgebrochene Zäune, in Grabow verwilderte Gärten und sehr ungepflegte Straßen, auch in Züssow und Groß Schönwalde wenig Schönes.” Bei der Ansicht des Wettbewerbssiegers Brünzow kam er nicht um ein erschütterndes Fazit umhin:

“Nach dem Bewertungsschema des Kreisausschusses kann man im Kreis Greifswald, ohne ein schönes Dorf zu haben, Sieger im Wettbewerb um das schöne Dorf werden.” (vgl. Neues Deutschland, 20. Oktober 1968, S.2)

Ansichtskarte Behrenhoff 1968
Ansichtskarte Polytechnische Oberschule Behrenhoff 1968

Hätte Hans Jordan die neue Schule von Behrenhoff besucht, wäre sein Urteil vermutlich auch nicht viel besser ausgefallen. Jedenfalls wenn man die Ansicht als Richtgröße nimmt, die erstaunlicher- und wunderbarerweise eben in diesem Jahr 1968 zu einer Ansichtskarte wurde.

Aus dem vogtländischen Mylau hatte sich ein Fotograf, von dem nur der Nachname Diener auf der Karte Platz fand, für den VEB Bild und Heimat auf die Reise in den Norden der Republik gemacht und in Behrenhoff erwartungsgemäß nicht die Kirche sondern dieses Motiv als postkartentauglich auserkoren.

Als Sammler erfreut man sich am Blick auf die 1966 gebaute Polytechnische Oberschule. Zugleich staunt man, wie grau der Schulhof wirkt, mit den gesprungenen Gehwegplatten, auf die sich vom Haus her schon jetzt das Gras vortastet und den erschöpften Fahnen an den schwarzen Masten hinter denen sich ein junger Baum am Stock um Verwurzelung bemüht.

Eventuell liegt es am unglücklichen Licht, möglicherweise auch daran, dass die Menschen fehlen, nicht ganz, aber eigentlich schon. Denn im Treppenhaus erkennt der Betrachter zwei Schatten menschlicher Form, welcher der Anwesenheit des Fotografen auf dem Schulhof allerdings offenbar nicht weiter entgegenkommen wollen.

In der Ferne dann: Feld, ein paar belaubte Bäume, die man heute aus der Aufnahmeposition nicht mehr sehen kann, da zwei Baracken in die Landschaft wuchsen. Eine Laterne ähnlich der gezeigten lässt sich aber auf einem Pressefoto erkennen. Dasselbe Bild zeigt aber auch, warum sich zumindest für Freundinnen und Freunde der Kunst am Bau der Gang zur Schule nicht mehr lohnt. Das naiv-schöne Wandbild am Giebel mit den sich auf die polytechnische Zukunft beziehungsweise ein Leben, “das immer schöner wird” (Frieda Raetz) vorbereitenden Kindern zwischen Eisenbahn, Verladekran, Flugzeug und Fernsehantenne, Boot und Rakete, also rein nicht-landwirtschaftlichen Motiven, verschwand leider irgendwann hinter einem fantasielosen Pastellanstrich und nun, so der Artikel zum Pressefoto, verschwindet die Schule als Schule vielleicht ebenfalls. Ihre Webseite informiert dagegen auch 2017 über Neueinschulungen.

In jedem Fall bleibt die Karte, die, sofern die Entzifferung des leider schwachen Poststempels nicht trügt, im späten Januar 1969 von Behrenhoff in ein Neubaugebiet nach Potsdam reiste und passenderweise (aus Sicht der Kunst am Bau der DDR) mit der 1968 ausgegebenen Gedenkmarke für die Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen frankiert wurde, die einen Teil der berühmten Glasmalerei Walter Womackas aus dem Jahr 1961 für die dortige Gedenkhalle der Nationen zeigt.

Die Botschaft der Karte ist denkbar weltlich: Aufgrund einer Krankschreibung konnte jemand ein Mietbehältnis nicht auftreiben und daher wurde eine unbestimmte Sache nicht verschickt. Aber bald! Mehr als das lässt sich anhand des Dokuments eigentlich nicht berichten aus dieser alltäglichen Welt der Traktoristen und LPG-Bäuerinnen, deren Kindern eine Polytechnische Oberschule als Fortschrittszeichen und Zukunftsversprechen an den Feldrand hinter dem Gutspark gestellt wurde, die immerhin über 50 Jahre ihren Dienst tat.

Was sich vom “immer besseren Leben” der 1960er letztlich einlösen ließ, bleibt offen. Für Menschen wie Frieda Raetz und Adolf Kalina eröffnete die DDR sicher Möglichkeiten, die angesichts der Schicht, in die sie hineingeboren wurden, ohne DDR kaum denkbar gewesen wären. Wie wir heute wissen, war dieses besondere Zeitfenster vor allem ein Versuch, ein Gesellschaftsexperiment, oft gut gemeint und weniger gut gemacht und an vielen Stellen mit einem hohen Preis und vom Ende her gesehen deutlich zu hoch.

Was die Gemeinde Behrenhoff mit sich und ihrer ehemaligen Schule im Experiment Gegenwart 2017 anfängt, ist eine Herausforderung, die sich die Mitglieder der LPG “Frieden” vermutlich in keiner Form vorstellen konnten und auch wollten. Und wer weiß, wie jemand in fünfzig Jahren auf diese Konstellationen zurückschauen wird. Eine Ansichtskarte der Schule von Behrenhoff aus dem Jahr 2017 wird ihm dafür leider nicht zur Verfügung stehen. Aber eventuell diese Sonntagnachmittagsnotiz, irgendwo als digitale Spur verschüttet und so schwer und nur zufällig auffindbar wie diese Ansichtskarte.

Ben Kaden / Berlin, 19.11.2017

Berlin-Friedrichstraße, circa 1962. Über eine Ansichtskarte.

Ansichtskarte Berlin Friedrichstraße 1960er
Ansichtskarte Die Friedrichstraße in Berlin-Mitte in den frühen 1960er Jahren

“EWG-Krise weiter verschärft” (Neues Deutschland, 18.01.1963, S.12), “Keine Einigung in Brüssel” (Berliner Zeitung, 27.02.1963, Titelseite), “Ergebnislos beendet” (Berliner Zeitung, 26.10.1963, S.4), “Keine Einigung in Brüssel” (Neues Deutschland, 14.11.1963, S.7), “Feindliche EWG-Brüder” (Berliner Zeitung, 17.12.1963, S.5). Die Presse der DDR und mehr noch ihre Nachtichtenagentur ADN (=Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst) engagierten sich in den fortschreitenden 1960er Jahren sehr in der Berichterstattung über Uneinigkeiten, Zankereien, Missverständnisse und ein denkbares Scheitern des sich formierenden Vorläufers der Europäischen Union, nämlich der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Im Januar 1963 hatten Konrad Adenauer und Charles de Gaulle den Élysée-Vertrag, Gegenstand nicht weniger Sonderbriefmarken in den Folgejahrzehnten und zugleich offizieller Schlusspunkt der Jahrhunderte brodelnden deutsch-französischen Erbfeindschaft, unterzeichnet. Umso wichtiger schien es, der DDR-Bevölkerung regelmäßig vor Augen zu führen, dass die europäische Annäherung in Westeuropa keineswegs zielführend und potentiell erfolgreich ist, sondern immer kurz vor einem Zerwürfnis steht. Anders jedenfalls lassen sich die vielen ähnlichen Schlagzeilen, die dies unterstreichen, kaum erklären.

Nun mochte vielleicht  nicht jede/r die 15 Pfennig für eine Zeitung ausgeben, um Details zu erlesen zur “Kolonialmacht EWG” (Neues Deutschland, 10. August 1962) oder ein “Offenes Wort zur Ernte” (ebenfalls Neues Deutschland, 10.08.1962, gezeichnet “Mit sozialistischem Gruß” von Hans Reichelt, NSDAP-Mitglied ab 1943, zehn Jahre später Staatssekretär im Ministerium für Land- und Forstwirtschaft der DDR, zwölf Jahre später Minister für Landwirtschaft, Erfassung und Forstwirtschaft). Für diese Zielgruppe der öffentlichen Meinung gab es, wie die hier vorgestellte Ansichtskarte aus dem Herzen der Hauptstadt der DDR zeigt, Anzeigetechnologien, mit denen die wichtiges Nachrichten direkt in den Stadtraum geleuchtet wurden.

Detail der Ansichtskarte - "Neues Deutschland meldet"
Detail der Ansichtskarte: Die Leuchtschrift “Neues Deutschland meldet” meldet: IN BRÜSSEL ERGEBNISLOS.

Diesem Umstand ist die Möglichkeit zu verdanken, nicht nur die Ansichtskarte zu datieren, sondern auch die ihr als Basis dienende Fotografie, zumindest per Vermutung. Die Karte, verlegt vom Dick-Foto-Verlag in Erlbach, erschien laut Registriernummer 1964 an den Verkaufsständen. Die Aufnahme müsste sinnvollerweise in einem vorhergehenden Jahr gemacht worden sein, zu einer Zeit, in der Mode und Vegetation sommerlich zumute war. Die Schlagzeilen zur EWG des Jahres 1963 umkreisen jedoch in einigem Abstand ausgerechnet die Sommerstimmung, wohingegen das Neue Deutschland vom 29. Juli 1962 informiert: “Verhandlungen mit Großbritannien erneut festgefahren” (ADN-Meldung, S.2) gleich unter einer Nachricht, die über “Wahnsinnspläne aus den USA” berichtet: “Satelliten-Bomber sollen Kontinente in Flammen verwandeln”. Die Ausgabe war auch deshalb eher so deprimierend wie fast jede beliebige Tageszeitung unserer Tage, weil sie vermeldete, dass der große Illustrator Josef Hegenbarth gerade verstorben war. Das Gute vergeht und es wird immer schlimmer. So die Stimmung auch bereits vor 55 Jahren.

Möglicherweise lief auch diese Meldung durch die Anzeige über der heute noch genauso vorzufindenden Fußgängerüberführung vom S-Bahnsteig des Bahnhofs Friedrichstraße über die Friedrichstraße. Zum Zeitpunkt der Fotografie leuchtete aber mit großer Wahrscheinlichkeit die Genugtuung in den Stadtraum, dass sich Großbritannien gegenüber den Wünschen der EWG-Agrarpolitik entzieht und der britische Beitritt zur Wirtschaftsgemeinschaft daher nicht ganz so reibungslos erfolgen wird, wie man es sich erhoffte bzw. befürchtete. Das lag, wie das Geschichtsbuch verrät, hauptsächlich am französischen Präsidenten Charles de Gaulle und weniger an den Briten selbst, die ja seit 1961 sehr gern eintreten wollten, aber noch bis 1973 warten sollten, um sich diesen Traum zu erfüllen.

Hat all das die Passanten in der Friedrichstraße interessiert, deren Inhalt Robert Walser in einem Feuilleton ein halbes Jahrhundert vor Aufnahme des Fotos inventarisierte: “Arbeit und Vergnügen, Laster und guter Trieb, Streben und Müßiggang, Edelsinn und Niedertracht, Liebe und Haß, feuriges und höhnisches Wesen, Buntheit und Einfachheit, Armut und Reichtum schimmern, glitzern, blöden, träumen, eilen und stolpern hier wild und zugleich ohnmächtig durcheinander”? Auf der Aufnahme wirkt die Straße aufgeräumt und beschäftigt, mehr Geschäfts- als Vergnügungszentrum und zugleich, mangels Automobilverkehr, sehr beruhigt. Ein Radfahrer radelt ums Eck. Die Telefonzelle ist leer. Der Vorverkauf der Distel wirbt leise per Schild und hat eventuell gar nicht geöffnet. Das anstehende neue Programm wird heißen: “Die Macht ist nicht zum Schlafen da”. Na ja.

Und auch ob die 1962 von der Mitropa im Bahnhof eingerichteten Intershop-Vorläufer namens “Valuta-Klein-Verkauf” schon Waren anbieten ist unbekannt und für die meisten Passanten vermutlich mangels Valuta und Zugangsoptionen auch bedeutungslos. Wahrscheinlich auch nicht sonderlich attraktiv, denn das Einstiegssortiment mit seinem Schwerpunkt auf Schnaps und Zigaretten betraf Warengruppen, die auch in den Kaufhallen der DDR vergleichsweise üppig vorgehalten wurden.

Wer auf der Karte zu sehen ist, für den/die gilt es Tagwerk zu verrichten, in einem Büro, offensichtlich. Oder noch wahrscheinlicher, das Tagwerk abzuschließen, denn die Bahnhofsuhr zeigt 17:30. Ein Kind wird an einer Hand Richtung Bushaltestelle geführt, die andere Hand trägt eine Einkaufstasche. Ein Mercedes-Reisebus wird nicht ihr Ziel sein, eher der Doppeldecker, der aus Clara-Zetkin-Straße oder vielleicht auch aus den Linden gerade in Richtung Süden abbiegt, vorbei am Antiquitätengeschäft, das die Berliner dieser Zeit als Gemälde-Nagy kannten.

Detail Ansichtskarte Friedrichstraße
Detail der Ansichtskarte Friedrichstraße: Zwei Busse, ein Lastkraftwagen und Nagys Gemäldeladen, etwa dort, wo sich heute eine Starbucks-Filiale befindet.

So gehen die meisten Menschen mit Aktentasche oder -mappe und im Anzug gerichtet ihre Heim- oder Berufswege oder erwarten einen Bus und während sie dies tun, schauen manche in die Auslagen des Pavillons, der der tschechoslowakischen Kultur ein Haus in Berlin gab. Zwei Volkspolizisten sind vor dem Presse-Café – offiziell HOG Presse-Café zu entdecken, aber kein Einstieg zur U-Bahn, was vielleicht an der Perspektive liegt oder an baulichen Veränderungen des Stadtbilds nach der Errichtung der Berliner Mauer. Hier steigt niemand mehr hinab um ab Mehringdamm wieder hinaufzusteigen. Und man ahnt nicht, dass nur sich einen Steinwurf und einigen Stunden entfernt (oder vielleicht auch anderthalb Jahrzehnte, wo findet man schon verlässliche Zeitzeugen für ein bestimmtes Jahr wie zum Beispiel 1962) das Areal zwischen Schiffbauerdamm und Johannisstraße in etwas verwandeln wird, was man “Freudengasse” nannte und das im Prinzip ein Straßenstrich war, bestens gelegen auch für internationales Publikum mit Hauptaufenthalt Westberlin.

In eben dieses Westberlin, genauer in die Aroser Allee in Reinickendorf, war nun diese Ansichtskarte gereist, ganz unschuldig in der Botschaft und zugleich Erinnerung daran, dass Ansichtskarten lange Zeit eine große Rolle als Funktionsmedium für die Organisation des Alltags übernahmen. Dies galt insbesondere für die an Telefonen arme DDR aber auch, wie man an diesem Beispiel sieht, für kleinen Nachrichtengrenzverkehr. Es ist als nicht ungewöhnlich, dass die am 07. Januar 1966 abgestempelte Karte den Erhalt eines Päckchens bestätigt und zwar mit Dank. Dazu kommen noch Grüße, “auch an Ihren Gatten”, der  Wunsch nach langanhaltender Gesundheit, die nicht mehr auf ihren Anlass rückführbare Bitte, jemand anderem etwas nicht zu sagen, um einen Ärger zu vermeiden und schließlich eine Aussicht auf ein nächstes Mal. Der Sonderwerbestempel, der ein wenig in die handschriftliche Nachricht hineinreicht, erinnert derweil an die Leipziger Frühjahrsmesse vom 06. bis zum 15. März 1966, was sicher auch der einen oder anderen Person, die auf der Karte am Haus der Presse vorbeipromeniert, ein Kreuzchen im Taschenkalender wert gewesen sein dürfte und die ziemlich sicher auch eine Laufschrift über dem Bahnhof Friedrichstraße hervorgebracht haben wird. Aber genau wissen wir es natürlich nicht und wenngleich das Bild noch mehr verrät, als die hier über die geschriebenen rund tausend Worte, so verschweigt es doch notwendig viel mehr als es mitteilt.

(Ben Kaden / Berlin, 31.10.2017)

 

Die Karl-Marx-Schule in Zehdenick und Manja Präkels’ “Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß”.

Unter den literarischen Annäherungen an die Ursprünge einer ostdeutschen Identität, die – so der Eindruck beim Betrachten aktueller Post-13%-für-die-AfD-Debatten – erst 2017 so richtig ernsthaft die Grundfeste eines bundesrepublikanischen Selbstverständnisses zu erschüttern scheint, leuchtet eine aktuell besonders hell, trotz schwarzem Einband und vermutlich wegen der roten Schrift und dem Reizwort “Hitler” im Titel. Das Buch wird intensiv empfohlen, gelesen und hier und da diskutiert.

In der Popularität solcher Neuerscheinungen kreuzen sich gemeinhin zwei Erkenntniswünsche. Einerseits möchte man die Wurzeln dieses Rohen verstehen, für das Ostdeutschland erstaunlich stabil steht und was sich in Pegida und wütender Amateurpolitik vom rechten Rand sehr medienwirksam inszeniert. Reportagen in die nach wie vor mit offenbar tief verinnerlichtem Abgrenzungswillen “neue” genannten Bundesländer sind für viele Journalistinnen und Journalisten aus Hamburger, Frankfurter (Main, natürlich) und Berliner Verlagen auch 2017 Entsprechungen Lévi-Strauss’scher Expeditionen. Zugleich zieht es eine Generation ostdeutscher Kinder, die es geschafft haben, sich in der Weltläufigkeit zu verankern und in den prägenden Stadtvierteln dieser Welt Kunst oder Diskurs zu produzieren, eben auch, weil der Aufstieg durch Bildung doch manchen gelingen muss, zurück zur Heimat- und Nabelschau an die Orte, die verlassen werden mussten, um nicht das zu sein oder zu werden, dass man nicht sein oder werden wollte. Man liest, man erinnert sich, man feiert Acht Tage Marzahn und reist dann zurück nach Friedrichshain. Vier Stationen S7, ohne Umsteigen. Eine andere Welt.

Dieser Emanzipationsdrang von den Plattenbauten, diese Sehnsucht nach Flucht von den Alleen der Kosmonauten und aus Havelstädten hatte Gründe, hatte Bedingungen, hatte einen Rahmen und von diesen erzählt das schwarze Buch mit roter Schrift und dem Titel “Als ich mit Hitler Schnapskirchen aß” am Beispiel der Mimi Schulz bzw. Manja Präkels, deren reale Biografie, wie Interviews mit ihr zeigen, deutlich Spuren dessen tragen, was ihre Romanfigur erleben darf und muss.

Mimis / Manjas Leben in der Havelstadt Zehdenick von circa 1985 bis 1995 verblüfft weniger dadurch, dass es von besonders exzeptionellen Erfahrungen geprägt ist. Sondern vielmehr durch die erschreckende Erkenntnis, dass das Buch an vielen Stellen eine Art Spiegel ist, wenngleich natürlich ein Zerrspiegel der eigenen Erinnerung, in dem gebündelt, wie man jetzt realisiert, typische Erfahrungspunkte dieser Jahre und dieser Generation aufleuchten, die vor einigen Jahren als Dritte Generation Ostdeutschland ihre eigene Bezeichnung erhalten sollte.

Wie sollte es auch anders sein in der eingegrenzten DDR mit ihren kleinen Narrativen und dem darüber gespannten Bogen einer eigenwilligen und nicht erst in der Rückschau erstaunlich schematischen Perspektive auf Marx, Engels und Lenin. Es gab Eliten in Berlin, Leipzig, Dresden und ein paar anderen Bezirksstädten. An Orten wie beispielsweise dem Club der Intelligenz im Dachgeschoss des Textilkaufhauses von Eisenhüttenstadt sammelten sich aber eher, wenn man so will, Intellektuelle der ersten Generation, noch schwankend, welcher Kanon zur gesellschaftlichen Elite passt, durchaus und oft notgedrungen anpassungswillig in eine sozialistische Heimeligkeit, in der eine Legende von Paul und Paula als kulturelles Großereignis für Jahrzehnte ausreichen konnte.

Die Wende zur Romantik, die Nirgends-Orte, Störfälle und “Saiäns-fiktschen” waren literarische Haltegriffe, wichtige, und Versuche, sich in den Irrungen einer zunehmend ratlosen DDR-Kultur zu orientieren, aber am Ende kaum genug, um Stützbalken auf tieferer Ebene einzuziehen und jederzeit gegen einen abgenutzten Versandhauskatalog eintauschbar, mitgeschickt in den unvermeidlich herablassenden Kleiderspendepaketen westdeutscher Verwandtschaft. Sehnsucht und Status manifestierten sich im Objekt, im kleinen Besitz, oder wenigstens im Bild davon. Nicht im Gedanken. Bei vielen. Wahrscheinlich bei den meisten.

Der Zeitgeist eines übergreifenden Diskurses zur Gegenwart, Habermas, Derrida, Barthes, Literatur der Avantgarde, zu der auch lange Zeit Kafka zählte, tröpfelte nur selten und eigentlich erst spürbar in den 1980ern in die Verlagsprogramme, zu spät um ideengeschichtlich über ausgewählte Kreise mit sicherem Zugang zum vollen Sortiment des Verlags Volk und Welt Berlin hinaus durchzusickern zu den Bürgern von Zehdenick und anderswo in der brandenburgischen Provinz.

Ab 1990 kippte die Kleingartenstabilität endgültig mit den oft beschriebenen, zu selten verstandenen Effekten in eine Kryptoanarchie, bei der jeder nach einem Floß zum Anklammern suchte. Wo auf einmal der Kult des Stärkeren zum offenen Leitbild wird, hängen sich die sich als schwach Erfahrenden an den nächsten Haken, der einen zumindest im Kosmos des eigenen Wohnblocks nach oben zu ziehen verspricht. Das war dann vielleicht eine Bomberjacke. Es war zu oft eine Bomberjacke, Enthemmungsuniform, mit der noch der Geringste unter den Kameraden erleben konnte, wie es ist, wenn man Stärke, besser: Gewalt ausstrahlt. Natürlich konnten in den Schnürstiefeln auch die Füße stecken, die der alten Nachbarin die Einkäufe in den dritten Stock tragen. Aber potentiell waren es eben auch die, die einem den Kiefer brechen, wenn man kurz falsch schaut.

Die ostdeutschen frühen 1990er Jahre – dieses Substrat aus grassierender Verunsicherung und Einschüchterung. Was immer in der schöpferischen Wendezeit an moralischen Stufen für eher wenige Wochen als Monate erklommen wurde, stürzte rasant wieder hinab und in der Tat wurde hier und da mit einem beherzten Tritt nachgeholfen, sei es über die Plumpheit und Gewalt einer unterreflektierten Rückübertragungswut oder des Nackenschlags, platziert aus tiefer Angst, tiefem Sadismus oder tiefer Langeweile.

Sie kamen aus Weil am Rhein, Ulm oder Hannover, wie es Sichtbeton für das Kiezfieber der 2000er und die Entkernung des inneren Berlins beschrieben, hatten das neue Recht auf ihrer Seite und die Mittel und den Notar und waren überlegen. Die anderen lebten in Zehdenick, Hoyerswerda oder Frankfurt/Oder hatten ihrer Kraft auf ihrer Seite, die Angst der anderen, waren jung und wähnten sich stark. Überlegen. Dazwischen, versteckter: die Hustler, die Resilienten, die Stillen, ein paar Rächer am Stasi-System, ein paar Träumer, ein paar Bürgerrechtler. Menschen über deren Biografien man oft noch gar nicht geschrieben, gefilmt und gesprochen hat. Die Eltern, unsere Eltern, darum bemüht, im Strömen der Geschichte eine Art Normalität zu erhalten, zu rekonstruieren und bisweilen ihre eigenen Träume aus dem Herzen oder auch nur aus dem Versandhauskatalog zu verwirklichen. Es gab auch ein Leben außerhalb der Zumutung, der Bedrohung, der Angst, des Kämpfens in Ostdeutschland um 1990. Aber nicht für alle und nicht für die Figuren in Manja Präkels’ Buch.

Wo die Moral versagte. traf es in der Regel die, die sich nicht gut wehren konnten oder wollten, weil ihnen bestimmte Formen des Verlierens, der Erniedrigung, der Demütigung, des Niedergeschlagenwerdens gar nicht vorstellbar waren. Cleverness und Durchsetzungskraft waren die Talente der Stunde, die wenig Raum und Zeit ließ für Reflexion, Selbstfindung, Selbststabilisierung, Selbsterkenntnis. Den nicht so Cleveren blieb der Rückfall in einen vermeintlichen Naturzustand zur vermeintlichen Durchsetzung. Die neuen Herren des Kaufhallenvorplatzes etablierten eine neue Form von Konformität im öffentlichen Raum des frühen Nachsozialismus (gesenkter Blick, bloß nicht auffallen). In einer solcher Zwischenwelt hatten es Menschen wie Manja Präkels’ Mimi schwer, trieben mehr als dass sie schwammen durch ihre Gegenwart, versuchten sich an Definitions- und Identitätsangeboten und nicht wenige verloren sich dabei.

Die vorletzten Kinder der DDR, die noch genug sozialistische Volksbildung erfahren hatten, um zu wissen, wie ein Fahnenappell abläuft und wann man ins Blauhemd hineingewachsen sein wird, standen nun da mit ihren manchmal bemühten, manchmal resignierten, meist ahnungslosen Eltern, die in vielem plötzlich wieder selber wie Kinder waren. Ihre Lebenserfahrung, ihre Existenz als ehemalige Bürger der DDR war spätestens zum 03. Oktober 1990 vor allem Stigma, später unter dem Zeichen der Ostalgie als harmlose Melancholiezone wieder zulässig und an den linken und rechten Rändern das Gift eines zornigen Stolzes. In jedem Fall aber war es zunächst eine Schamerfahrung und nichts, womit die in der Pubertät blühenden Mimis und Olivers etwas zu tun haben wollten. Mit ihrem noch kleinen Häufchen Lebenserfahrung und viel Alleingelassensein  mussten sie sich selbst finden, erfinden oder wenigstens suchen.

Was Manja Präkels Buch leistet, ist, diesen besonderen Zustand zu konservieren. Der Mangel an Distanz, vielleicht auch an literarischer Fertigkeit in “Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß” unterstreicht diesen Eindruck, weshalb jedes Urteil ambivalent ausfallen muss. Das Buch ist literarisch ungelenk und wirkt nicht zuletzt genau dadurch außerordentlich authentisch. Was sie beschreibt, stimmt alles. Der Text überwältigt den Leser, in dem er die Unmöglichkeit der Figuren verdeutlicht, ihre Mitwelt anders als deskriptiv zu erfahren. Der Mensch gegenüber wankt, man sieht es, hört es, spürt es. Aber man wird ihm nicht helfen können, denn man kann sich schon selbst nicht helfen. Man flieht, kehrt zurück, staunt, flieht, kehrt zurück und am Ende hat jemand Glück und wird Journalistin, was ziemlich direkt zur Biographie zur Autorin überleitet, eine, wenn man so will, charakteristische derjenigen Kinder der ostdeutschen Provinz, die man heute auf Lesungen innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings treffen kann und mit denen man ganz gut ins Gespräch kommt, wenn man beim Smalltalk den Weg zurück in die frühen 1990er findet. Und so ist, hochverdichtet, das Buch. Manja Präkels’ führt jede/n, der/die diese Zeit an diesen Orten in diesem Alter erlebte, auf direktem Weg in dieses Erleben zurück an seine eigene Karl-Marx-Schule, in seine eigene Wolfshöhle, sein eigenes Marzahn, seine eigenen Verluste und wie man sie zu lernen hatte. //

Ansichtskarte Karl-Marx-Schule Havelstadt Zehdenick
Ansichtskarte Karl-Marx-Schule Havelstadt Zehdenick

Im Sommer des Jahres 1968 reisten Lydia und Mietek, die sich einen polnischen Nachnamen teilten, durch die DDR. Viel ist von der Reise nicht bekannt. Jedenfalls mir nicht, der ich nur diese Ansichtskarte als Zeugnis vor mir habe, die einen Schultypenbau der DDR zeigt, der nun zufällig die Schule zeigt, die Mimi Schulz in Manja Präkels’ Buch später besuchen wird – die Karl-Marx-Schule in der Havelstadt Zehdenick, wie es die Beschreibung auf der Rückseite zeigt, gedruckt bei der PGH “Rotophot” im Bestensee bei Berlin im Jahr 1967, verkauft für 0,25 MDN, frankiert mit dem 10-Pfennig Wert der Dauermarkenserie Staatsratsvorsitzender Walter Ulbricht, abgestempelt am 08.08.68 in 1434 Zehdenick, geschickt nach Potsdam, die Botschaft tragend “Liebe Geschwister Müller[,] sind schon 5 Tage in Eurem schönen Lande. Wollen auch Euch am Freitag den 16. Aug. besuchen kommen.” Die Schule war neu, die Ansichtskarten-DDR ein helles und modernes Versprechen der Zukunft. Manja Präkels’ Romanfigur Hitler würde in vier Jahren geboren werden, in nicht ganz 24 würde ihre Romanfigur Krischi vor dem Landgasthof nach einem Überfall (“Glatzen, grüne Bomberjacken, Springerstiefel.”) sterben, der Bruder, die Romanfigur Zottel, hilflos, verzweifelt, daneben. Das echte Leben hat echte Gesichter aus echten Erinnerungen für alle Beteiligten.

(Ben Kaden, Berlin, 27.10.2017)