Die Schule im Sommer. Eine Ansichtskarte aus dem Juli 1960.

Im älteren Teil des Berliner Stadtbezirks Hohenschönhausen und unweit der von Autowerkstätten und Einfamilienhäusern gerahmten Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen entdeckt man als Stadtwanderung an der Werneuchener Straße ein kleines Ensemble, das sich für eine Rückschau auf die DDR-Architektur der späten 1950er Jahren geradezu aufdrängt. Auf der einen Seite steht ein weitgehend konturloser Wohnblock, der sich aber immerhin durch drei interessante die Wasserwelt betonende Supraporten auszeichnet. Auf der anderen Seite erstreckt sich aber über die Länge des Blockes ein bemerkenswertes Schulgebäude, das heutige Manfred-von-Ardenne-Gymnasium, eröffnet im Juni 1957 zum Tag des Lehrers als 2. Mittelschule mit dem Namen Pestalozzischule.

Für die Bildungsgeschichte der DDR ist der damalige Neubau von Bedeutung, weil mit den neuen Räumlichkeiten der so genannte Schichtunterricht in Berlin-Ost beendet werden konnte, wohingegen, jedenfalls nach Auskunft der sozialistischen Presse, Westberlin noch weit davon entfernt war. Der Ostteil der Stadt hatte nun seinen 27sten Schulneubau. Die Sonne der Nachkriegszukunft ging, so das Narrativ, ein weiteres Mal zuerst im Osten auf, was man am Gebäude auch mit einer schmucken ostseitig angebrachten Sonnenuhr signalisierte. Der Ostberliner Oberbürgermeister Friedrich Ebert hielt zur Einweihung eine Jubelrede auf die kommende Generation, die “die nicht mehr bereit sind, in einem kapitalistischen Land zu leben” (vgl. Neues Deutschland vom 12.06.1957, S.6) Danach gab es eine Puppenspiel, einen Jongleur namens  Mäxchen Pfiffig sowie für die sozialistische Feierstimmung Musikdarbietungen jeweils eines  Ensembles des Zentralhauses der Jungen Pioniere, des Orchesters der Berliner Volkspolizei und des Jugendorchesters der Hochschule für Musik, Leipzig, u.a. mit “Querschnitte[n] durch Oper und Operette”. Jugendkultur der 1950er Jahre eben.

Sozialistische Planziele wurden mit der Schule dann auch bald erreicht: Am 31.01.1960 meldete das Neue Deutschland, dass 82 Prozent der 700 Schülerinnen und Schüler der Pionierorganisation angehören, nur 2,2 Prozent sitzengeblieben sind und alle gemeinsam 2000 Mark mit Altstoffen zusammengesammelt haben, die in den Ausbau der Oberschule zu einer polytechnischen investiert werden sollten. (ND, 31.01.1960, S.8) Die Mütter wuschen dafür die Vorhänge der Klassenzimmer und Väter mauerten hier und da eine Wand. Passend zu diesem Engagement druckte die Zeitung unter den Bericht zum Fortschritt an der Pestalozzischule ein launiges Gedicht eines launigen Paule Panke mit dem Titel NAW 1960 dessen Reim

“Zehn Stunden sind nicht ville / vateilt man die uffs Jahr, / doch mal -zichhunderttausend, / det jibt een Exemplar…”

als Stilprobe reichen mag.

Architekturgeschichtlich ist die vom VEB Hochbau II entworfene Schule bemerkenswert, weil sie verkörpert, wie der an der Karl-Marx-Allee im Großen entfaltete Repräsentationsstil in der kleinen Form aussehen sollte und konnte. Mit der im Westen Deutschlands trendenden Bauhausmoderne und also auch mit dem ebenfalls nicht weit entfernten Mies-van-der-Rohe-Haus, van der Rohes letztem Auftrag vor dem Exil, hat dieser Stil wenig gemein, was natürlich beabsichtigt war. Dafür gab es ein ganz traditionell anmutendes Türmchen. Wäre der Hahn, Symbol deutscher Pünktlichkeit, nicht bereits Teil der Sgraffito-Sonnenuhr des Grafikers Erwin Weiß, hätte er auch als Wetterhahn über dieser Zentraluhr des Haupteingangs einen passenden Eindruck gemacht.

Erwin Weiß ging kurz nach Fertigstellung der Schule seinen Bitterfelder Weg und als Künstler in den VEB Schwermaschinenbau “Heinrich Rau” in Wildau, was ihm einen Preis einbrachte, hier als Thema aber nicht vertieft werden kann. Denn an der Sonnenuhr und der langen Seite der Schule vorbei lockt das ebenfalls in den Putz eingearbeitete sozialistische Bildungsideal von Gottfried Richter, das an Kinderbuchillustrationen erinnert und das in der frühen DDR-Kunst gar nicht so seltene Motiv des Knaben mit dem Modellsegelflugzeug an die Wand bringt. Dazu gibt es im stiltypischen Grobschnitt Lehrerin und Lehrer – er mit einem eingerollten Entwurfsplan, sie mit der Zeichenmappe. Unter ihnen stehen sechs Schülerinnen und Schüler. Neben dem Modellflieger sieht man ein schulberanztes Pärchen Mittelschüler und unter diesen einen Oberschüler, der seiner Mitschülerin ein Buch zeigt. Die Mode der Figuren betont die warme Jahreszeit und verbindet sie damit wieder zurück mit dem Sonnenuhrenhahn, der ja wie Sprichwort und Physik wissen, nur heitere Stunden anzuzeigen in der Lage ist.

Ob der Grafiker Gottfried Richter, der ganz gern Sprichwörter in Holzschnitte umsetzte, auch dazu etwas zu schnitzen hatte, ist nicht zu ermitteln. Bekannt und auf den ersten Blick auch erkennbar ist jedoch, dass die 20-Klassenschule räumlich sehr großzügig ausfiel und zeitüblich eine große Aula mit Bühne bekam, die auch später für diverse Veranstaltungen gern genutzt wurde, möglicherweise, weil die bald in Typenbauweise entstehenden Schulen der DDR solch einen Luxus nicht mehr selbstverständlich bieten sollten. Entsprechend dokumentiert die Berliner Zeitung vom 13.11.1962 für den nächsten Tag den Termin eines in der Aula geplanten Vortrags zum Thema „Wie kläre ich mein Kind auf. wenn es Fragen stellt”(S.8). Wenn man weiß, welches Objekt sich nur zwei Straßen weiter befand, läuft es einem bei diesem Titel gleich mal kalt den Rücken entlang.

Ansichtskarte Pestalozzischule Berlin-Hohenschönhausen
Pestalozzischule Berlin-Hohenschönhausen

Eine neugebaute Schule war selbstverständlich auch ein willkommenes Ansichtskartenmotiv. Die gerade auf dem Schreibtisch liegende Ansichtskarte aus dem Jahr 1959 ist zwar ein wenig ramponiert, lässt aber dennoch beispielhaft erkennen, wie damals noch – wenigstens gefühlt – öfter der Ansichtskartenverlag Graphokopie H. Sander K.G. in Berlin N 113 als der später dominante Reichenbacher Verlag Bild und Heimat die stadtbildgewordenen Vorstellungen der sozialistischen Lebenswelt inszenierte.

Hier sieht man die Werneuchener Straße in sommerlichen Sonneneinfall mit am Rand eingestreuten Menschen am Nachmittag. (Die Schuluhr weiß es besser und sagt: Mittagszeit.) Drei Kinder sehen den Schülerabbildern im Kratzputz erstaunlich ähnlich, zwei Frauen im, nun ja, Haushaltstagsstil, den Lehrern überhaupt nicht und halten einen Schwatz. Alles ist friedlich, ohne jede Anspannung. Die Welt ist eine offene Straße im Sommer. Und diese Alles-ist-Gut-Stimmung setzt sich, wenn auch mit leichter Trübung, in der Botschaft der Ansichtskarte fort, die am 06. Juli geschrieben (handschriftliche Datierung der Nachricht) am 08. Juli 1960 von Berlin-Hohenschönhausen (Poststempel) nach Hochkirch bei Bautzen reiste und dort, wie eine Eingangsmarkierung informiert, am 11.Juli eintraf. Ansichtskarten waren bekanntlich das zentrale private Distanzkommunikationsmittel der an Telefonen armen DDR und wohl auch bewusst bis zum Ende des Landes mit sehr niedrigem Porto zu versenden. Zudem zeigten sie denkbar transparent jedem, der das Postgeheimnis ignorieren wollte, wie harmlos man vor sich hin lebt. So schrieb man eben auch mal im Telegrammstil aber viel billiger, dass das Wetter in Berlin gerade gut ist, man sich über eine erhaltene Ansichtskarte freute, dass das Essen schmeckt und dass man viel Arbeit hat. Außerdem: “Wir immer müde. Grüße bestellt.”

(Ben Kaden / Berlin, 09.04.2017)

Was ist Fotografie? Eine Notiz zu zwei Bildern und einem Teju-Cole-Zitat.

Zwei Schatten, zwei Bäume, zwei Transporter in der Landsberger Allee
Zwei Schatten, zwei Bäume, zwei Transporter in der Landsberger Allee in Berlin am 27. März 2017.

In einem kleinen Beitrag über Fotografie namens Memories of Things Unseen beschrieb Teju Cole ausgehend von Thomas Demands Arbeit Clearing / Lichtung (2003) einen fotografie-theoretischen Grundgedanken, nämlich den, des Bewahrens von Vergangenem durch das Bild: “when the photograph outlives the body — when people die, scenes change, trees grow or are chopped down — it becomes a memorial.” Dieses Potential ist für ihn begriffsbestimmend:

“At a dinner party earlier this year, I was in conversation with someone who asked me to define photography. I suggested that it is about retention: not only the ability to make an image directly out of the interaction between light and the tangible world, but also the possibility of saving that image. A shadow thrown onto a wall is not photography. But if the wall is photo­sensitive and the shadow remains after the body has moved on, that is photography.”

Die Sicht ist nicht neu und unhintergehbar zutreffend. Für die Stadt- und Straßenfotografie gilt es umso mehr, ist das Herstellen von solchen Erinnerungsspuren mittels des Dokumentierens eines konkreten Zustands, einer spezifischen Konstellation von sich selbst zueinander fügenden Elementen doch ihr zentraler Effekt. Anders als bei Thomas Demand ist die Welt hier widerspenstig, unstet und dynamisch. Der Fotograf kann nur auf passendes Licht hoffen und ein wenig an der Perspektive stellen.

Die Popularität von Nostalgie zelebrierendenTumblr-Blogs mit Aufnahmen aus anderen Zeiten spiegelt den Memorial-Effekt, evoziert mit alten Aufnahmen die Vorstellung einer dankbar angenommenen Fiktion des Gewesenen zu der man sich dann mit Like-Klick und Reblogging verhält. Fiktional ist das Gewesene deshalb, weil selten genügenden Kontext mitgeliefert wird, um über die emotionale Dimension, über die unmittelbare Wirkung der getriggerten Erinnerung hinaus zu gehen und ein eindeutiges “Es war genau so” zu transportieren. Eher im Gegenteil.

Das Bild rahmt in diesen Fällen und vermutlich in den meisten anderen auch einzig die Kontingenz des individuellen Erinnerns. Das Vorher und das Nachher bleibt prinzipiell offen. Man sieht, dass es für eine Belichtungseinheit und aus einer Perspektive so gewesen ist. Die erfassten Elemente sind quasi-inventarisiert. Aber alles, was nicht sichtbar ist, bleibt auch unweigerlich verborgen. Je spontaner die gezeigte Konstellation ist, desto weniger rekonstruierbar ist die Aufnahme.

Als Zeugnisse sind Fotografien daher zunächst bestenfalls Anhaltspunkte, erinnerungsprothetische Mittel. Das Laufbildmedium Film reicht dahingehend naturgemäß etwas weiter, bleibt aber letztlich im selben Zusammenhang. Die aktuell blühende Medienform des 180- bzw. 360°-Videos ist eine neue Erweiterung. Aber auch bei ihr verschiebt sich die Begrenztheit nur ein Stück weit. Wir wissen mehr, aber wir wissen nach wie vor sehr wenig.

Bedauerlich ist das nicht sondern eher im Gegenteil ein Segen. Denn nur durch das kontigente Potential, eingerahmt durch das jeweilige Bild als jeweilige Vorgabe, kann es eben diese Funktion der Erinnerungshilfe auch wirklich sinnstiftend erfüllen. Abgesehen vielleicht juristischen Zusammenhängen hat Erinnerung nicht das Ziel des objektiv exakten Wiedererlebens bzw. eines präzisen und faktisch wasserdichten Nachvollzugs, sondern sie ist ein Mittel, sein aktuelles Selbst zur dem diesen vorausgehenden Welt in Beziehung zu setzen. Erinnerung ist weniger Wiederholung als Aktualisierung und Re-Interpretation. Fotografien helfen dabei, in dem sie Orientierungspunkte und ein paar Fakten liefern. Oder sie eröffnen erst den Kontakt mit einer verschwundenen Welt und der retrospektiven Deutung. Dann bleibt noch viel mehr dem Mutmaßen überlassen.

Die mediale Potenz der Fotografie mag  sich durch den Übergang von der Chemie zur Digitalität multiplizieren. Wir haben eine deutlich größere Zahl dieser Orientierungspunkte zur Verfügung. Aber dies verändert wie beschrieben – jedenfalls aktuell – qualitativ wenig. Denn nach wie vor geht es um das sich verändernde Selbst oder das Anstellen von Mutmaßen sowie das Abschätzen des Plausiblen. Das Bild bleibt ein schwer kalkulierbarer Trigger und die sensorische Verengung allein auf das Sichtbare unterstützt diese Wirkung zusätzlich.

Gut so. Denn der Reiz der Erinnerung und der Interpretation liegt nicht in der exakten Wiederholung, sondern in den Fehlstellen, die Deutungsmöglichkeiten eröffnen. Wir heben mit und in den Bildern etwas aus der Zeit auf, einen Ausschnitt. Wir dokumentieren beispielsweise, dass es auf oder an der Berliner Landsberger Allee am 27. März 2017 zwei Bäume gab, die wir jedoch nur als Schatten sehen. Und es gab zwei Transporter, vielleicht sogar des gleichen Modells, die Anhang eines Filzstift-Tags unterschieden werden können. Und anhand des Schmutzes. Beide frisch nach der Waschanlage wären vielleicht gar nicht unterscheidbar. Auf welche Höhe der Allee sich die Transporter befanden, also die Aufnahmen erfolgten, ist nur in einem Fall anhand der knapp sichtbaren Kante eines Plattenbaus rekonstruierbar. Infrage kommt, wie selbst der kleine Ausschnitt zeigt, eigentlich nur der Block am Platz der Vereinten Nationen. Dass die zweite Aufnahme kurz vor der Kreuzung Petersburger Straße entstand, weiß nur der Fotograf allein, wenngleich der Baumschatten und viel Aufwand möglicherweise eine Rekonstruktion zuließen. Aber wer würde das auf sich nehmen? Und spielt es überhaupt eine Rolle?

Nun, wer mag das schon sagen. In jedem Fall ist mit den beiden Fotografieren dokumentiert, dass an einem Montag im März des Jahres 2017 zwei weiße Kleintransporter stadteinwärts auf der Landsberger Allee unterwegs waren, einer mit Bestimmtheit Richtung Mollstraße fuhr, dass es zudem noch keine Blätter an den Straßenbäumen gab, dass es aber diese Straßenbäume gab, aus deren Schattenriss Dendrologen möglicherweise etwas ablesen können – und vielleicht auch im Zusammenspiel von Wuchsbild, Ort- und Datumsangabe dendroklimatologische Vermutung aufzustellen in der Lage sind. Und schließlich ist auch dokumentiert, dass es jemanden mit einer Kamera gab, der in diesem Moment an diesem Ort war, um das Licht im Zusammenspiel mit der anzutreffenden Konstellation von Baum, Straße, Transporter und sich selbst aufzuzeichnen.Damit haben wir eine ganze Reihe von Anhaltspunkten, von denen ausgehend wir Erinnern, Deuten und Vermuten können.

Am 30.März 2017 mag das trivial wirken. Aber in einer unbestimmten Zukunft, in der es vielleicht keinen Automobilverkehr mehr an dieser Stelle gibt oder keine Straßenbäume und sicher nicht mehr diese beiden Transporter und vielleicht auch diese Form der Fotografie nicht mehr, könnten scheinbare triviale Aufnahmen wie diese Grundstein einer Fotoarchäologie sein – sofern sie als JPGs in dieser Zukunft überhaupt noch anseh- oder rekonstruierbar sein werden.

Auch diese potentielle Vergänglichkeit des Abbilds ist schließlich ein Reiz der Fotografie und ihre nahezu beliebige Reproduzierbarkeit unter den Medienbedingungen des Digitalen ändert daran eigentlich gar nichts. Das “Saving the image” von Teju Cole lässt dieses existentielle Problem im Dunklen: Die Rettung in Form der Spur, die Aufhebbarkeit des Zeugnisses ist zwangsläufig immer nur temporär. Wenn es nicht aktualisiert wird, durch Wiederentdeckung oder Kanonisierung, verschwindet es doch, selbst wenn es auf Cloudservern und Festplatten als Bitstream erhalten bleibt. Technisch mag die Beschreibung der lichtempfindlichen Wand, die sich den Schatten einschreibt, das Phänomen Fotografie vielleicht fassen. Aber das eigentliche Element des Eingeschriebenen verfehlt sie. Denn wie jede Schrift braucht auch Fotografie jemanden, der sie liest, deutet und damit ihre Existenz erneuert. Teju Cole schreibt sehr korrekt:

“What photography did was to give the world a way to double its own appearance: The photograph results directly from what is, from the light that travels from a body through an aperture onto a surface.”

Aber er erfasst damit nur den unmittelbaren, also buchstäblich vormedialen Beginn des Bildes. Das mag für Freunde der Technik und für Liebhaber einer, wenn man so will, Fotokalligraphie der Kern der Sache sein. Den Sinn der Fotografie als Schrift, als Werk und auch als Erinnerungswerkzeug, ob individuell oder für die Erkundung der Vergangenheit, hat man damit jedoch längst noch nicht berührt.

(Ben Kaden / Berlin, 30.03.2017. Die Aufnahmen sind auf Flickr unter einer Creative-Commons-Lizenz verfügbar: linkes Bild, rechtes Bild)

Am Sonntag: Eine Ansicht von Sztálinváros und wie sie an Eisenhüttenstadt erinnert.

Dunaújvaros ist die Eisenhüttenstadt Ungarns. Und Eisenhüttenstadt das deutsche Dunaújvaros. Das kann man angesichts der zahlreichen Parallelen zwischen beiden Planstädten schon so eindeutig sagen. Es gibt graduelle Unterschiede, aber es sind nur Monate vom offiziellen Baubeginn am Donauufer (02. Mai 1950) zum berühmten Axthieb des Industrieministers Fritz Selbmann am 18. August 1950 in der Schönfließer Heide, wobei weniger das Dorf Schönfließ als die kleine Oderstadt Fürstenberg in etwa dem entspricht, was Dunapentele für die neu entstehende Stahlwerkerstadt am Donauufer darstellte. Beide Städte hießen lange Stalinstadt bzw. in direkter Entsprechung Sztálinvaros. Beide liegen in mäßiger Entfernung zur jeweiligen Hauptstadt, wenngleich Budapest ein bisschen näher ist, was aber die Straßensituation hinsichtlich der zu erwartenden Reisezeit in etwa ausgleicht.

Dieses knappe Nebeneinander spiegelt sich schließlich auch noch im Zeitpunkt der Umbenennung in eine Post-Stalinstadt: Sztálinvaros wurde am 26.11.1961 zu Dunaújvaros, Eisenhüttenstadt erschien am 13.11.1961 auf den Straßenschildern. Und sogar die Größe der Städte hielt sich bis 1990 auf ähnlichem Niveau, wenngleich Dunaújvaros in puncto Einwohnerzahl immer eine Nasenlänge voraus war. Heute, Stichwort: Shrinking City Eisenhüttenstadt, sind es allerdings mindestens drei lange Nasen.

Aber auch die Donaustadt schrumpft, nur eben langsamer. Eine bisher selten herausgestellte Parallele zeigt sich schließlich darin, dass Dunaújvaros sogar, wenn man so will, seinen Sebastian Nakajew, also einen Bühnen- und Filmschauspieler hervorbringen konnte, nämlich den ebenfalls im Jahr 1976 geborenen Evrin Nagy.

Weniger zufällig ist dagegen, dass der Fotograf Thomas Neumann vor nun mehr fast 10 Jahren in beiden Städten den Grundgedanken der sozialistischen Utopie, also des neuen Menschen am neuen, schwere- da vergangenheitslosen Ort, in zwei Kunstprojekten entfaltete: dem Kongress der Futurologen, 2007 in dem damals und lange verlassenen zentralen Gastronomie- und Tanzlokal Eisenhüttenstadt, dem Aktivist, und der Wanderlust von Stalking Utopia ein Jahr darauf in Stadtraum und im Institut für zeitgenössische Kunst von Dunaújvaros. Dass die ungarische Stadt ein Kortárs Művészeti Intézet (ICA-D) hat, zeigt aber auch, dass sich die Stadtentwicklungen nach 1990 ein bisschen gabelten. Dafür sind die Häuser im Kernbestand der deutschen Planstadt in deutlich besserem Sanierungszustand. Und es gibt, wenigstens gefühlt, in Eisenhüttenstadt sehr viel mehr Kunst im öffentlichen Raum.

Das Pendant zur Eisenhüttenstädter Aussichtswiese an der Sprungschanze liegt in Dunaújvaros vom Ostrand der Stadt und bietet einen wunderschönen Ausblick weit über die Donau hinweg hat und dazu einen netten Uferpark. Wenn man ans Fürstenberger Arboretum denkt, lässt sich dies dagegen fast schon wieder als eine verwirrende Parallele erfahren. Insofern dürften alle stadtsensiblen Besucherinn*en der Städte, insbesondere, wenn sie ihre prägenden Jahre in Dunaújvaros oder Eisenhüttenstadt verbrachten, wissen, was ich in einem Beitrag zum Stalking Utopie 2008 als Dejavuros beschrieb und mit einigen weiteren auffälligen Ähnlichkeiten unterstrich, die hier nicht wiederholt werden müssen. Die fallen einem schon ins Auge, wenn man in der Semmelweis Utca steht und merkt, wie gut sich selbst Straßennamen decken.

Dass Dunaújvaros heute kurz wieder aufflackert, hat zwei Gründe, nämlich zum einen, dass der befreundete und aus Eisenhüttenstadt kommende Architekt und Fotograf und also wenig überraschend vor allem Architekturfotograf Martin Maleschka vor einem Monat dorthin fuhr, um sich die ehemalige sozialistische Vorzeigestadt Ungarns im Nebel anzusehen. Zum Anderen führte das Fischen in einem Stapel alter Ansichtskarten das schön gezackte Exemplar eines Luftbilds des noch sehr jugendlichen Noch-Sztálinváros, aufgenommen von Zoltán Horváth, das die Képzõmûvészeti Alap Kiadóvallalata (Verlag für Schöne Künste) in Budapest als eine Postkarte auflegte, die dem aufmerksamen Beobachter (besonders dem mit Lupe) zeigt, dass man nicht nur in der Stalinstadt der 1950er noch Pferdewagen in den neuen, schnurgerade Straßen sah.

Ansichtskarte Sztálinváros, 1950er Jahre
Sztálinváros, 1950er Jahre. Und nicht einmal an Menschen fehlt es im Revier  dieser Sommerstimmung – am rechten Bildrand kommen sie mutmaßlich aus Richtung Stahlwerk über eine heute verbaute Freifläche, die wenig Schatten bereithält und auch die Bäume an der Vasmű út 1 (früher Sztálin ut) sind dafür noch ein bisschen zu klein. Die Stahlwerkerplastik, die sich heute an einer Stelle rechts hinter dem Pferdefuhrwerk neben dem Bäumchen befindet, darf man ruhig als Entsprechung zum in der Eisenhüttenstädter Lindenallee stehenden überlebensgroßen Bronze-Metallurgen von Herbert Burschik verstehen. Die Freifläche dahinter ist übrigens immer noch frei. Sie dient als Parkplatz für einen Lidl. Der die Straße im Vordergrund flankierende Block (aus dem Jahr 1951) ist übrigens ein Musterbeispiel der frühen Pläne des am Bauhaus geschulten Stadtarchitekten Tibor Weiner. Was man aus der Perspektive nicht sieht, sind die straßenseitig im Erdgeschoss untergebrachten Geschäfte (drei Gewerbeeinheiten) zur Nahversorgung. Hätten Tibor Weiner und seine Kollegen Tibor Bartha und János Szalay diese zur Straße etwas mehr vielleicht mit Arkaden herausgestellt und den Bewohnern im ersten Stock hübsche Balkonterrassen gegönnt, garniert mit einem Hauch mehr neoklassizistischer Elemente, so wäre die Ähnlichkeit zum II. Wohnkomplex von Stalinstadt (DDR) noch augenfälliger.

Die Ansichtskarte reiste am 10.Mai 1960 (Poststempel) von Sztálinvaros nach Sopron und zwar mit einer sehr passenden Briefmarke aus der Serie Gebäude des Fünfjahrplans in Budapest. Sie zeigt den (damals) neuen Busbahnhof am Stalinplatz, der erstaunlicherweise bereits 1953 in Engels-Platz umbenannt wurde, den die Architekten  István Nyiri, János Golda und Attila Madzin 1949 noch vor der Durchsetzung der ästhetischen Leitlinie des auch in Ungarn zwischenzeitlich sehr dominierenden Sozialistischen Realismus bauen konnte. Diesen Stil konnte man in Dunaújvaros an zahlreichen Ecken und sehr deutlich an der Fassade sozusagen des “Aktivisten” der Stadt, (Béke Étterem és Üzletház am Bartok-Platz, hier noch ohne Mosaik) ablesen, die Ivan Szilárd – in diesem Fall vielleicht der Walter Womacka von Sztálinvaros – mit hagiografischen Mosaiken zur Geschichte des Aufbaus der sozialistischen Stadt und zur Schönheit der Metallurgie auskleidete. Der Budapester Busbahnhof, von dem sehr wahrscheinlich auch hin und wieder eine Reise donausüdwärts nach Sztálinvaros startete, konnte sich noch knapp davor wegducken, überlebte bis heute, ist nun Baudenkmal und beherbergt einen “Design Terminal”. Dass es dort im Herzen der ungarischen Hauptstadt einmal eine “Brain Bar” genannte Veranstaltungsreihe geben sollte, wusste der Absender der gefundenen Ansichtskarte naturgemäß noch nicht. Dass es sich um ein Kind handelt, welches hier einem – oder eher, wie gleich zu vermuten ist, einer– Jozsef. (sic!) Nemeth in eine unscheinbare Wohnstraße von Sopron schrieb, ergibt sich sowohl aus dem Schriftbild – bemühte, nicht immer perfekte Schönschreibung – und auch der Botschaft, soweit sie ohne Kenntnisse der ungarischen Sprache nachvollzogen werden kann. Eigenartigerweise wird eine Tante adressiert (=néni). Insofern ist Jozsef. dank Punkt offenbar die Abkürzung für Jozsefine. Und sie erfährt nun, von Imi, also vermutlich Imre, dass alles in Ordnung ist, er die Sendung erhalten hat, gut lernt, Mama sich durch Pfeifen (=fütyül – ach schöne ungarische Sprache!) gestört fühlt und Mutti, Vati, Bruder und Großmutter, alle offenbar beieinander in Sztálinvaros, grüßen. All das passt sehr gut zur traditionellen Rolle der Postkartenkommunikation in einer Zeit, in der selbst öffentliche Fernsprecher ein Ereignis waren und deckt sich zugleich mit Nachrichten, die man auch auf überlieferten Ansichtskarten  aus Stalinstadt nachlesen kann, wobei ganz und gar nicht auszuschließen ist, dass sich eine solche in ähnlicher Betrachtung demnächst hier wiederfindet.

(Ben Kaden / Berlin, 19.03.2017)

Die Tanzbar, die es gab. (Gera, 1972)

Der Weg Richtung Feierlichkeiten zum Tag der Republik  im Jahre 1967 – die DDR wurde endlich 18 – führte Albert Norden, altgedienter Kommunist und u.a. Mitglied des Politbüros des ZK der SED, nach Gera. Auf dem Programm stand die Eröffnung einer “Lehr- und Leistungsschau der Industrie und Landwirtschaft des Bezirkes”. und eine der üblichen Brandreden zum Kriegsgetrommel aus Bonn, der drohenden Rückkehr des Faschismus in der BRD und der wichtigen Rolle der DDR als “Sachwalter des Friedens aller Deutschen”, wie das Neue Deutschland auf der Titelseite seiner Ausgabe vom 06.10.1967 zu berichten wusste. Um seiner Ansprache einen hoffnungsvollen Hintergrund zu geben, sprach er auf dem Platz der Republik und vor dem Neubau des Interhotels, das das Herzstück des neu gestalteten Zentrums der Bezirksstadt war, ein aus heutiger Sicht klassischer Hotelbau der Ostmoderne (Architekt: Günther Gerhardt) mit 356 Ein- und Zweibettzimmern sowie reichlich Gastronomie nicht nur für die Hotelgäste. In der üblichen Investitionsblindheit der 1990er Jahre riss man das Objekt ab und besetzte den Platz mit einer farblosen Baukasten-Mall (Gera Arcaden), die zeigt, dass die Stadtplanung der Nachwendezeit in ihrer Einfalt das zugegeben häufig leicht schematische Plattendenken der DDR-Stadtentwicklung keineswegs überbot. Oft eher im Gegenteil. Ein wenig lebt das Gebäude natürlich in den Erinnerungen fort, insbesondere der ehemaligen Mitarbeiter_innen, die sich in diesem Oktober zum 50. Jahrestag der Eröffnung treffen.

Und es bleibt auch in den Erinnerungen von Besucher_innen, zu denen das wunderbare Medium der Ansichtskarte hin und wieder eine Spur erhalten hat. In diesem Fall ist es ein Blick in die Tanzbar des Hauses und zwar im Jahr 1972. Ob die Bar damals schon Rubin hieß, verrät die Karte leider nicht. Aber was spräche angesichts des geschliffenen Ambientes dagegen?

Ansichtskarte Tanzbar Interhotel "Gera"
Die Tanzbar Interhotel “Gera”, vermutlich Richtung 1972, in einem Jahr also, in dem es der Uve-Schikora-Combo gelang, Prog-Rock mit Schlager zu kombinieren (u.a. im Duett mit Frank Schöbel) und populär zu machen. Ob sie auch einmal auf dieser Bühne auftraten, ist nicht überliefert.

Die frühen 1970er Jahre navigierten wenigstens in den Interhotels der Deutschen Demokratischen Republik durchaus auf Augenhöhe der Leitbilder der internationalen Ästhetik. Und auch wenn die Aufnahme in ihrer Steifheit sehr gestellt anmutet (nicht nur die Sängerin schaut in die Runde, als wäre sie schon längst mehr als bedient), so transportiert das Bild doch einen Hauch dessen, was die rückseitig vermerkte Botschaft der postalisch nicht gelaufenen Karte andeutet:

14.9.[19]72
1.00-3.00
Exkursion der Schulfunktionäre des Kreises Bitterfeld. Zum Tanz spielt ein Barquartett aus der CSSR!

Ach Barquartett. Wie Tanzbar ein verschwundenes Phänomen, einst Gütezeichen der gehobenen Massenkultur, nämlich dann, wenn man sich mal etwas gönnen wollte, zum Beispiel auf einem Funktionärsausflug. Beide Konzepte hatten ihre Lebenszeit von etwa 1950 bis 1980 und beide waren vermutlich auch Teil des sanften Übergangs zur Durchsetzung der Popkultur, eine Kompromisslösung, niemals Avantgarde, immer gefällig, kein größerer Anspruch als Unterhaltung und Zerstreuung, der Wein nicht unbedingt aus filigranem Stielglas sondern gern aus dem dickwandigen Römer zu genießen. Die Szenerie passte eigentlich schon perfekt zu einem 1951 erschienenen Making-Of-Report zum DEFA-Krimi “Zugverkehr unregelmäßig”:

“Auf einer beleuchteten Tanzfläche bewegt nach den Klängen des Bar-Quartetts eine rothaarige Tänzerin ihren Körper. Eben betreten drei neue Gäste das Lokal, bleiben einige Minuten in der Tür stehen, schauen zur Tänzerin und werden vom Geschäftsführer an ihren Tisch geführt.” (Neue Zeit, 10.03.1951, S.4)

Ein Tisch wäre noch frei und der Kellner mit Fliege und traurigem Blick wartet offensichtlich auf eine neue Aufgabe. Die (Tanz)Bar als konspirativer Treffpunkt oder eben als Ort der Verzweiflung war ein gängiges Motiv in der DDR-Filmgeschichte, wie man unschwer aus einschlägigen Polizeiruf-110-Folgen lernen kann. Insofern schwingt hier eine doppelte Seite. So beliebt sie als Abendunterhaltung sein sollte, so problematisch war ihr hedonistisches, bacchantisches Potential. Wenn die Idee des Leselands DDR umstritten ist, so ist die überdeutlich Affinität zu Alkohol und Rausch in der DDR-Alltagskultur allgegenwärtig und in keiner Weise relativierbar. Was dem Arbeiter die Eckkneipe, war dem Mitglied des Klubs der Intelligenz eben gern die Tanzbar, in der man, um beim Bezug zur CSSR zu bleiben, die in der DDR durchaus die Facette International Küche zu bedienen hatte, “Prager Zunge mit Toast” bestellen konnte und dazu einen Karlsbader Becherbitter. Und entsprechend gestärkt vielleicht noch einen Casanova-Cocktail (Gin, Weinbrand, Rum-Verschnitt, Angostura) bevor es beim Schwof dann richtig zur Sache ging. Wozu die Bitterfelder Schulfunktionäre an ihrem Septemberabend in Gera griffen, ist vermutlich nicht einmal mehr für die Beteiligten erinnerlich. Aber durch die Dokumentation dieser Karte kann immerhin nun auch eine digitale Spur an diese Nacht vom 13. zum 14.09.1972 gelegt und wieder gefunden werden.

(Ben Kaden, Berlin, 12.02.2017)

 

Berlin, Dresden, Eisenhüttenstadt: Drei Ansichtskarten und Erinnerungen.

 

milchbar
Ansichtskarte Berlin – Hauptstadt der DDR / Palast der Republik / Milchbar

Berlin war für alle in der DDR der 1980er Jahre, die nicht in Berlin wohnten, fast immer eine Reise wert, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Es war unzweifelhaft, so wie es die Stadt auch heute für Deutschland ist, die einzige wirkliche Metropole. Leipzig, ja, Messestadt mit internationalem Flair, dem viel zu großen Umsteigebahnhof Richtung Zwickau – aber welcher Bahnhof bis auf die zwei Gleise in Eisenhüttenstadt schien damals nicht überwältigend und mit Verlorengehen drohend – und einem japanischen Hotel. In Ostberlin gab es ein japanisches Restaurant, in dem man nie einen Platz bekam, so jedenfalls die Erinnerung an großes Hörensagen. Vom Fuji-Restaurant in Suhl wusste das Kind nichts, aber die Jagdwaffenstadt lag ohnehin deutlich ferner, führten die FDGB-Reisen doch aus dieser Ecke des Landes nur an die Ostsee und die Wochenendausflüge eben bis Erkner, wo der Trabant stehenblieb und die S-Bahn übernahm. Nach einer Dreiviertelstunde sah man den Fernsehturm.

Dresden gab es noch, durchaus eine Großstadt und häufig besucht. Der Ziegelhaufen, der die Frauenkirche war, ist, eine frühe Erinnerung, ein Schock in der Erzählung, nach dem der Blick häufiger zum Himmel ging. Es gab Gastbesuche in einem vierzehnten Stockwerk in Prohlis. Zum Schlafen wurde für die erwachsenen Gäste im Wohnzimmer ein Sofa ausgezogen. Für die Kinder improvisierte man in einem anderen Zimmer Schlafmöglichkeiten. Die Fenster nach Westen boten beeindruckende Sonnenuntergänge. War das tiefe Rot verklungen, dachte man fasziniert an die USA-for-Africa-Schallplatte, von der man aus einem Fernsehen wusste, das man hier gar nicht empfangen konnte, die aber ganz überraschend den Weg in den Plattenschrank des Dresdner Gastwohnzimmers gefunden hatte. Mit denkbar ungelenker Hand kopierte man die Titelliste – und wie spricht man das aus: Huey Lewis & The News? – in eines dieser schmalen grün-grauen Schulhefte, 1.-4. Klasse war unten links im Kasten für den Namen eingedruckt und damit durchaus passend für den Schüler mit der Hülle der “The Historic Recording” am Schreibtisch – auch hier die Aussprache schwer, da selbst die frühen, von einem Schulfernsehen in Schwarzweiß durchsetzten Englisch-Stunden über dem (Appell-)Platz der Jugend in der Schule namens Juri Gagarin noch in einem anderen Universum warteten. Hin und wieder war man, ja, an Fiebertagen, die einem ein entschuldigtes Verbleiben in der Wohnung an die Stelle der morgengrauen Wanderung den Kiefernweg hinunter schenkten, beim heimlichen Fernsehen – und wie wichtig war es, das Gerät frühzeitig zum Herunterkühlen wieder abzustellen – über diese eigenartigen Sendungen mit den Namen “English for You”, “Wir sprechen Russisch” oder auch nur ESP – Klasse 9 gestolpert. Alternativ lief Medizin nach Noten. Man lief wieder ins Bett und zum Buch.

Dresden also war zwar Großstadt, aber zugleich gemütlich mit einem kleinen Zoo und dem geheimnisvollen Blauen Wunder, das sich als große, aber gar nicht so wunderartige Brücke erwies, für die man in Ermangelung an architektonischem und ingenieurtechnischem Grundwissen zu diesem Zeitpunkt nur wenig Begeisterung aufbrachte, weniger jedenfalls als die begeisterten Dresdner, niemals müde sich an den Schönheiten ihrer Heimatstadt zu erfreuen und darüber zu reden. Die Seilbahn entschädigte ein wenig.

Und es gab noch den Esperanto-Kongress im Kulturpalast. Aber wann? Eventuell ja 1987, im Jubiläumsjahr, in dem die Post der DDR dem Ludwik Zamenhof eine Sonderbriefmarke, eine kleine Blockausgabe nämlich, widmete, “im Dienste des Weltfriedens” las man darauf im ersten Album, für das der Vater die Neuausgaben, ohne Sperrwerte, denn die waren für die Sammlerfreunde im nichtsozialistischen Ausland, regelmäßig von der kleinen Poststelle neben dem Fotografen im Funktionsbau gleich gegenüber der Juri-Gagarin-Schule mitbrachte. In den Frühlingstagen des Jahres 1990 standen die Schüler, die ein wenig mehr Taschengeld bekamen oder Erspartes dort an, um gleich zur Öffnung nach der Mittagspause eine der wenigen zugeteilten Exemplare der Bravo zu bekommen, Roxette auf dem Cover und 16 Supersticker im Heft, fast jeder ein Jahr zuvor separat für fünf Mark der DDR auf dem Schulhof verkaufbar. Das war nun vorbei. Aber bei einem Umrechnungskurs von 1 zu 6 kosteten Roxette und die Sticker am Kiosk auch noch 12 Mark, nicht gerade wenig, eher noch unverschämt viel für Schulkinder in den Zeiten unklarer wirtschaftlicher Zukunft für die meisten Eltern, aber das wussten die Kinder ja nicht, wohl jedoch, welches, erst langsam, ab Juni rasant schwindende, Prestige das Eigentum an der gedruckten Pop-Gegenwart der Bundesrepublik zu diesem Zeitpunkt noch bot.

Nicht im ersten Album und auch in keinem späteren fand sich leider der kleine Satz Briefmarken zur X. Kunstausstellung der DDR in Dresden mit jeweils einer Arbeit von Arno Mohr, Willi Sitte und Wieland Förster mit drei ziemlich eindrucksvollen Arbeiten. Die vierte Marke, die eine Schale von Gerd Lucke zeigt, kann angesichts dieser Reihung kaum in Erscheinung treten und tritt folgerichtig in keiner Form in Erinnerung.

Arno Mohrs leichte Kreidezeichnung für die 10-Pfennig-Marke dagegen schließt nahtlos an die üblichen Wege der Gegenwart an, denn sie zeigt die von Berlin-Touristen unbedingt zu fotografierende Perspektive von der Weidendammer Brücke unweit des Bahnhofs Friedrichstraße Richtung Bodemuseum und Fernsehturm. Für den 50 Pfennig-Wert hatte man Willi Sittes damals hochaktuelles “Sie wollten nur Lesen und Schreiben lehren (Nikaragua)” ausgewählt, dass auch bildsprachlich das Fünffache an Wucht transportiert und damaligen Fünftklässlern den Tod per Imperialismus nachdrücklicher als jedes Pressefoto in die Träume prägte. Schockierender war erst die 1989 von der Jungen Welt veröffentliche Fotografie eines erhängten und verbrannten Soldaten auf dem Platz des Himmlischen Friedens, mit der die Niedertracht der Konterrevolution illustriert werden sollte. Dagegen ist keines der berühmten Tank-Man-Fotografien aus dieser Zeit erinnerlich und allein das Herumzeigen der Aufnahme zum Beispiel zu Diskussionszwecken im Staatsbürgerkundeunterricht bei Herrn Fröhlich mit dem Blick auf den Pionierweg hätte auch so kurz vor Schluss der DDR noch unangenehmste Konsequenzen nach sich gezogen.

Für die dritte Sonderbriefmarke zur X. Kunstausstellung wählte man eine Arbeit von Wieland Förster, neben Werner Stötzer, dessen Hände übrigens im schönen DEFA-Künstlerfilm “Der nackte Mann auf dem Sportplatz” zu denen des Bildhauers Kemmel geworden waren, Zentralfigur der mittleren Bildhauerei-Generation der DDR. Der “Große Trauernde Mann” aus dem Jahr 1983 erinnert an die Luftangriffe auf die Kunstausstellungs- und Esperanto-Kongressstadt Dresden am 13. Februar 1945.

Der Esperanto-Kongress, der vielleicht auch nur ein Treffen war, war für Kinder eigentlich weniger interessant, als für die Kultur der Esperanto-Jugend und die älteren Anhänger dieser Plansprache, die sich noch an die Zeit erinnerten, in der die DDR, auch hier an Verbotstraditionen des Dritten Reiches anknüpfend, alles daran gesetzt hatte, die Plansprache aus der zu planenden besseren deutschen Gesellschaft herauszuhalten. Das misslang ganz offensichtlich und so wurde es möglich, dass ein Schüler an einem Stand eines einschlägigen Verlages sich derart für die sonst im deutschen demokratischen Publikationswesen nur in geringer Variation anzutreffenden Comics begeisterte, wenngleich auch in einer ihm unbekannten Sprache. Dies war keinesfalls eine Hürde für jemanden, der in einer hoch-Disney-fizierten Schulklassenkultur als einzige Variante des Lustigen Taschenbuchs das Jumbobog 75 Hvad nu, Onkel Joakim? (Dagobert Duck und ein rosafarbener Krake auf dem Titel) in seinem Bestand hatte und trotz vollständig abwesender dänischer Sprachkenntnisse bis zum Zerfall zerlas. Die leidenschaftlichen Esperanto-Verleger dagegen sahen in dem Jungen einen zukünftigen Sprecher der Sprache “im Dienste des Weltfriedens”, bereit oder wenigstens bereit zu machen, die Flamme ihrer Passion weiterzutragen. Ein in der Nähe stehender Fotoreporter zeigte sich ganz offen gerührt und verfertigte ein Bild, welches kurz darauf die erste Seite einer leider heute nicht mehr eindeutig zu benennenden lokalen Tageszeitung schmückte. Dresden also. Freundliche Besuchsstadt an der Elbe.

Wie anders war Berlin. Quirlig, robust, unüberschaubar. Die Türen der S-Bahn wurden lange vor dem Halt aufgerissen, damit die ganz Eiligen oder Lässigen schon aus den fahrenden Wagen auf den Bahnsteig übersetzen konnten. Passanten machten im Gedränge am Ostbahnhof, 1987 gerade Hauptbahnhof genannt, höchste Modernität der Bahnreisekultur der DDR mit großer Anzeigetafel und einem 24-Stunden-Kino, keinen Unterschied und rempelten auch den Vater in die Seite, wenn er Orientierung suchend an der falsche Stelle stehen geblieben war. Die Spielwarenabteilung im Centrum Warenhaus am Alexanderplatz war Quell ewigen Quengelns und schöner Geburts- und Weihnachtsgaben sowie weiteren, als Reiseandenken legitimierbaren Dingen zwischendurch. Die Lebensmittelabteilung des Centrum Warenhauses am Hauptbahnhof betrat man mit reichlich Vorbereitungszeit, aber wenn einen die Schlange im Seiteneingang zu den Waren durchgereicht hat, gab es belgische Schokolade und sowieso mehr Auswahl als im Delikat in Eisenhüttenstadt, in der Straße des Komsomol, später Saarlouiser Straße nach der westdeutschen Partnerstadt umbenannt, von der sich die Eisenhüttenstädter in der ersten Euphorie über die erste deutsch-deutsche Städtepartnerschaft sogar Reiseerleichterung erhofft hatten und die Zuteilung von PKW westdeutscher Produktion, Stichwort Ford-Werke.

Am Delikat konnte man auch gut stehen lernen, aber doch selten bis vor den Laden, was beim RFT-Geschäft in der Leninallee an den Tagen, an denen die neuen Schallplatten angeliefert wurden, ganz anders war. Da bildete sich werktags durchaus mal eine Wartereihe bis zum Möbelkaufhaus in Erwartung audiophiler Kostbarkeiten. Wer nur einen der hinteren Plätze inne hatte, ging freilich nicht mit der begehrten Amiga-Pressung von Madonnas True Blue sondern mit der Ersten Allgemeinen Verunsicherung heim. Immerhin, den Märchenprinz und vor allem Ba-Ba-Banküberfall kannte man auch aus den Berlin-Charts von RIAS 2. Mit dem Sandlerkönig Eberhard (“das Auge rot/die Leber hart”) gab es dazu in der DDR sehr akzeptable Sozialkritik an den Lebensbedingungen im Kapitalismus.

Obdachlosigkeit war eines der Schreckensnarrative nicht nur im Schwarzen Kanal und in der DDR sowieso nicht möglich, weshalb auch notwendig war, die sogenannten Gammler in all ihrer Sichtbarkeit aufs Bitterste zu ächten. Das kannte man nicht zuletzt aus der Schule, in der ausgewählte Lehrerinnen und Lehrer weniger konformen oder gar sozial auffälligen Schülerinnen und Schülern gern in aller Unsensibilität mit einer Karriere in der Zwangsbeschäftigung bei der Grünanlagenpflege einen derben Schnitt in die Zukunft ankündigten. Die mahnenden Beispiele, in Wirklichkeit häufig einfach nur sehr freundliche oder sehr schüchterne ehemalige Hilfsschüler, gab es direkt vor der Schule in den Rosenbeeten vor der Kaufhalle zu sehen und bald auch zu verachten, denn die sozialistische Erziehung des “jeder nach seine Fähigkeiten” hatte in ihrem impliziten Nebenlehrplan vor allem auch stabile soziale Hackordnungen zu vermitteln.

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Ansichtskarte Eisenhüttenstadt – Im V. Wohnkomplex, ca. 1970

In Berlin fiel das weniger auf, als in der überschaubaren und wohlkontrollierten Ideal- und Planstadt des sozialistischen Menschen. Jedenfalls auf den ersten Blick. Volksmundliche Bezeichnungen wie “Nuttenbrosche” ausgerechnet für Walter Womackas “Brunnen der Völkerfreundschaft” auf dem Alexanderplatz – auch 2016 immer noch gut für eine Schenkelklopferüberschrift im oft mehr Gossen- als Boulevardjournalismus der Hauptstadt – offenbaren am Ende doch die schäbige und oft als bodenständig verklärte, nicht selten sogar geadelte Kleingeistigkeit vieler DDR-Berliner. Wenn man schon keine Westmark hatte, dann blieb doch wenigstens die moralischer Überlegenheit im Dorf.

Aber das weiß und versteht man erst heute. Und genauso erkennt man die Gründe, für die übergroße Sehnsucht nach Konsum, die eine Begleitmelodie der Kindheit in den 1980er Jahren war, erst in der Rückschau. Wie hungrig die Menschen waren nach Glanz und dem Geruch der Intershops. Allein ein Versandhauskatalog konnte enormes soziales Kapital einbringen und wurde unter der Hand herumgereicht, als wäre es eine Revolutionsschrift im Samisdat, nur eben begehrenswerter. Der Besitz eines “Colt-Seavers-Autos” in Matchbox-Variante ermöglichte auch schmächtigen und humorlosen 10-Jährigen den Aufstieg in die Höhen der Schulklassenhierarchie und wer mit 16 etwas auf sich hielt, verzichtete auf den kunstledernen Aktenkoffer, der kurzzeitig den Schulranzen ersetzt hatte, und trug seine Bücher, Hefte, Stifte und Sportzeug in einem von der Großmutter vom Westausflug mitgebrachten Plastikeinkaufsbeutel lässig über den Schulhof, unter taxierenden Blicken und in jedem Gespräch mit den Lehrern natürlich immer fest an den Sieg der sozialistischen Sache glaubend.

Diese sozialistischen Hipster unterschieden sich dahingehend nicht von allen anderen, waren also prinzipiell wenn es tatsächlich um etwas ging, in alles einpassbar und machten aus Nebensächlichkeiten viel Gewese. Mit Sechzehn hatte man sich sowieso einen Spitzenplatz in der Schülerhierarchie verdient, den Mopedführerschein in der Tasche und vielleicht schon eine Simson im Keller, einen Tanzkurs für die Jugendweihe absolviert und das Recht, als Hofaufsicht jeden jüngeren Schüler zu schikanieren, der aus welchem Bedürfnis auch immer während der Pause die Toilette aufsuchen wollte oder den Fehler machte, mit Kopfbedeckung ins Schulhaus zu treten. Gnade war hier fehl am Platz, würde vielmehr nur als Schwäche empfunden werden.

Diese Härte ohne Grund wirkte auf viele eigenartig anziehend und faszinierend. Das Bullyverhalten, die kleinen und großen Demütigungen, oft als “Klassenkloppe” verniedlicht, wurden oft, jedenfalls zu oft, auch von den Autoritätspersonen geduldet, mitunter sogar angeregt, sofern es die Richtigen oder Unwichtigen traf, sie apolitisch blieb und der reibungsfreie Ablauf des Schulbetriebs ansonsten wenig gestört wurde. Nach 1990 entwickelte sich an den Rändern dieser handlichen und tief verinnerlichten Gewaltkultur bekanntlich eine zunächst wenig gebremste Doppellinie von Skinheads einerseits und Hooligans andererseits. Es ging in beiden Fällen so gut wie nicht um gesellschaftliche Konflikte oder ein  Verarbeiten eines repressiven Systems, sondern um ein kleines ekliges Fest des Recht des Stärkeren, dass sich deswegen so gut entfalten konnte, weil sich im Umgang mit der rohen Kraft der Straße der Feigheit vor 1989 eine Feigheit nach 1989 nahtlos anschloss. Wenn es um etwas ging, wurden sehr viele von denen, auf die es angekommen wäre, sehr schnell konfliktscheu. Nicht alles hatte sich mit der Wende geändert.

In Berlin fiel das den Beobachtern von Außen eher nach 1990 auf, als Gewalt und Vandalismus, die nicht nur manchen schönen Sandsteinfiguren aus dem Bestand der Kunst im öffentlichen Raum den Kopf kostete, in voller Blüte standen und auf einmal so genannte “Guardian Angels” in der U-Bahn zu sehen waren. Jugendgewalt wurde ein zentrales Thema in den Zeitungen und für alle, die jung waren, stieg damit doch die Wahrscheinlichkeit, selbst Opfer zu werden, erheblich an und eines Tages musste man tatsächlich mal eine durchgeschwitzte Baseball-Kappe zwei erbärmlichen Wegelagerern im mittlerweile verschwundenen VII. Wohnkomplex in Eisenhüttenstadt aushändigen, die an dem nicht billigen, aber eben schon sehr verbrauchten Stück so interessiert waren, dass sie ohne Zögern ein Butterflymesser zur Rotation brachten, auch so ein Statussymbol dieser Zeit und bei geschickter Handhabung deutlich prestigeträchtiger als ein Springmesser, und mit einem Stich drohten, sollte man auf dem Behalten der Mütze bestehen. Geht man deshalb zur Polizei, setzt sich einer nicht immer freundlichen Behandlung durch die Behörden aus, nur um von den Burschen bei der nächsten Gelegenheit nun wegen der Anzeige das Messer noch einmal präsentiert zu bekommen? In einer kleinen Stadt dann doch lieber nicht.

In der Zeitung argumentierte derweil der Ostberliner Sozialdiakon Michael Heinisch, damals selbst gerade Mitte 20, der Kaufkraftverlust durch die Währungsunion hätte zur Folge, dass die Jugendlichen nun in ihren üblichen Treffpunkten “Jugendklubs, Kneipen” nichts mehr kaufen könnten und es sie deshalb auf die Straße zöge und wohl auch zur Gewalt – nachzulesen in der damals frisch von der Frankfurter Allgemeinen übernommenen Neuen Zeit, Ausgabe vom 18. Juli 1990 auf Seite 16 unter der erstklassigen Überschrift “Knüppel gegen Jugendgewalt”. Direkt daneben bittet die Polizei um Mithilfe bei der Suche nach zwei unbekannten, etwa 20-Jährigen, die in der S-Bahn kurz vor dem Ostkreuz den 38-jährigen Berliner Klaus-Dieter Sch. zusammenschlugen, nachdem sie zuvor im gleichen Abteil bereits einen älteren Mann attackiert hatten.

Solche Meldungen sorgten dafür, dass man ein paar Jahre von Ausflügen in den nun vermeintlichen Moloch Ost-Berlin eher absah. Dass zeitgleich, wie dieselbe Zeitungsseite informiert, beispielsweise die Filmemacherin Margit Eschenbach im Friedrichshainer Club TaBu einen Film über Feministinnen des 19. Jahrhunderts zeigen konnte und damit kulturgeschichtliche Anschlusspunkte für Noch-DDR-Bürgerinnen und -Bürger ermöglichte, die ein Jahr zuvor mutmaßlich eher nicht in dieser Form und das Volk gelangt wären, blendete das gefahrensensible Gehirn zu diesem Zeitpunkt aus. Und Feminismus war, offen gestanden, auch nicht das Thema, das frisch Jugendgeweihten in der Seele brannte. Die waren vielmehr noch mit dem ersten legalen Vollrausch und dem Vergleich der finanziellen Füllhörner, die sich über sie ergossen hatten, befasst.

Was Berlin Richtung 1989 sehr tief in die Erinnerung schrieb, waren Skateboarder vor dem Palast der Republik, aus dem man gerade mit den frisch vom Vater hart erkämpften Softcover-Sammelbänden Die Digedags in Amerika und Die Digedags am Mississippi trat – auch die Comics der DDR waren schwer zu bekommen und der Rest der Amerika-Serie wurde erst 20 Jahre später im Kulturkaufhaus Dussmann zusammengekauft.

Von This Ain’t California war damals erst die früheste Spur einer Idee angelegt, ohne dass die Protagonisten ahnten, dass sie sehr viel später in Eisenhüttenstadt am Platz des Gedenkens, der noch lange nach der Wende, eigentlich bis heute, sehr viel DDR-Ausstrahlung bewahren konnte, einige Einstellungen für diese Skateboardgeschichte der DDR drehen sollten. Man selbst war dort mit den Germina-Skateboards nie unterwegs.

Das Gefälle der Straße zur Freilichtbühne in den Diehloer Berger gefiel einem deutlich besser und als man dann endlich ein Brett hatte (Frankie Hill stand auf dem Holz von Powell-Peralta und wurde daher sofort zum Idol), das auch das übliche Sortiment zeitgenössischer Straßentricks zuließ – die Freestylekultur, die die Germina-Zauberer am Marx-Engels-Platz der Hauptstadt zelebrierten, geriet kurzzeitig sehr aus der Mode, wie auch das in der Eisenhüttenstädter Hauptpost erstmalig entdeckte Monster Skateboard Magazine zu berichten wusste – rumpelte man gewiss nicht auf den schlaglöchrigen Wegen der frühen Wohngebiete sondern hüpfte zum Beispiel in dem im Boden versenkten Gr0ßschach- oder Damefeld neben den Rosenbeeten vor der Schule namens Juri Gagarin herum und später, als die Bahn ein spottbilliges Wochenendticket auf den Markt geworfen hatte, nach Berlin vor allem zu eben diesem Palast der Republik, der mittlerweile geschlossen war.

Es gab daher keinen Blick mehr auf die Treppe im Foyer, an der man noch nicht einmal zehn Jahre und zugleich ein gefühltes Zeitalter früher staunend stand, weil Dean Reed gekommen war und den Kindern Autogramme schrieb. Keine Erinnerung gibt es dagegen an die oben gezeigte Milchbar, aus der im April 1985 unbekannte Menschen einen Ostergruß an andere unbekannte Menschen schickten, in die Bölschestraße, so viel verrät die Karte immerhin, die zufällig zu Weihnachten 2016 mit zwei Handvoll weiteren Ansichtskarten auf dem Schreibtisch landete.

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Ansichtskarte Dresden – Neubauten an der Leningrader Straße, ca. 1970

Mit diesen kam eine Ansicht der Leningrader Straße in Dresden, die Liebhaber des industriellen Wohnungsbaus genauso begeistern dürfte, wie die Freunde der Lampenproduktion des Leuchtenbau Leipzig (LBL), falls es solche gibt und die, wenn, vermutlich eine hohe Schnittmenge mit der erstgenannten Gruppe aufweisen.

Was die Erinnerungen angeht, macht es die Leningrader Straße der Milchbar im Palast gleich und bleibt noch leerer als in dieser Ansicht, in der sich das kleine rote Auto und die roten Pullover bemerkenswert ausbalancieren. Verschickt wurde die Karte im Juni 1971 nicht etwa von Dresden sondern aus Bischofswerda und zwar nach Friedrichroda, die traurige Information im Gepäck, dass eine Elfriede ihren Sommerurlaubsplatz wegen einer plötzlichen Erkrankung ihres Mannes Hans absagen musste. “Gott sei dank hat er sich wieder gut erholt.” Und: “In Gedanken gehen wir mit Ihnen durch die Straßen”. Aber nicht durch die gezeigte.

Die mittlere Karte schließlich ist im Gegensatz zu den beiden anderen ein beherzter Griff in das Hornissennest der der Erinnerung, zeigt es doch die oben mehrfach benannte Schule namens Juri Gagarin im WKV von Eisenhüttenstadt und selbst die Telefonzelle stellt heute noch diverse Verbindungen her. Schreiberin (in Eisenhüttenstadt, in der Mittagspause) und Adressaten (in Suhl, der Stadt des japanischen Restaurants, urlaubend) der konkreten Sendung sind freilich völlig unbekannt. Roswitha grüßt und informiert, dass sie für Melanie eine weiße Hose strickt, nachdem eine in Rosa fertig ist und Melanie sich “sehr gefreut” hat. Auch das.

(Ben Kaden, Berlin, 29.12.2016)

Der kleine weiße Hund. / 27.09.2016

Der kleine weiße Hund
Der kleine weiße Hund und eine Fabeldarstellung von Dieter Duschek (aus dem Jahr 1987) in Berlin-Friedrichsfelde.

Drei Fabeln waren es, die der Keramiker Dieter Duschek für den kleinen Stadtplatz zwischen der Köpitzer Straße und der Charlottenstraße in Berlin Friedrichsfelde in Terrakotta illustrierte: Iwan Krylows Der Hecht und der Kater, Ludwig Gleims Das Pferd und der Esel sowie Lessings Der Rabe und der Fuchs. Lessing überlebte. Von Krylow und Gleim bleiben nur die Grundplatten, ein wenig wie Grabplatten, als wäre die höhere Weisheit der Tiere, die ihr Element überschreiten (Krylow) oder die Last, die sie vermeintlich nicht tragen, doch ertragen müssen (Gleim), darunter verborgen. Das ist die Tragik eines Werkstoffs, der Gewalt nicht erträgt, was auch andere Arbeiten Dieter Duscheks zeigen, die sich noch hier und da in Berlin-Marzahn finden. Die Werkstoffe Keramik und Terrakotta eignen sich oft, wie die Erfahrung aus der Geschichte der Alltagsgewalt gegen zerbrechliche Dinge zeigt, eher für Kunst im halböffentlichen Raum. Wo ein Zaun, wie am Kinderbad im Bürgerpark Marzahn, ein wenig Schutz bietet, behält ein wassersprühender Keramikpinguin (Dieter Duschek, 1988/89) auch seinen Schnabel über längere Zeit. Eine Garantie ist freilich auch das nicht – Dieter Duscheks rundumgesicherte Keramikreliefs aus dem Hauptzollamt Marzahn verschwanden beim Umzug der Einrichtung. So ist die Welt: erfüllt von Dingen, die verschwinden. Oder Hunden, die noch da sind. Ein solcher, klein und weiß, spaziert so oft es geht eben über das Stadtplätzchen in Friedrichsfelde. Keine der Fabeln ist für ihn, aber an den Grundplatten schnuppert er, wie es Hunde eben tun. Die Hinterbeine knicken bei jedem zweiten Schritt ein. So klein er ist, so alt ist er. Es sollte ihn schon nicht mehr geben, sagt die ältere Frau, die sich für jemanden interessiert, der die verschwundenen Fabelbilder so intensiv betrachtet und ansonsten froh ist, dass ihr ein Rollator noch die Runde um das Haus ermöglicht. Eigentlich war das Tier gelähmt und der Tierarzt sprach vom Einschläfern als seine einzig verbleibende Möglichkeit, etwas an diesem Zustand zu ändern. Der Mann mit Hut in dem übergroßen Anzug, der in einer fremden Sprache laut telefoniert und dem Hund vorauseilt, nur um nach zehn Metern zu warten,  bis das weiße Etwas zu ihm aufschließt, brachte es nicht übers Herz. Die weißen Hinterbeine zittern zerbrechlich, wenn das Etwas läuft. Aber es läuft und das ist für die ältere Frau bereits ein Wunder. Sie ist noch neu in der Nachbarschaft. Sie kommt aus Neukölln, wo alle verrückt sind. Sie ist froh hier in Friedrichsfelde eine Wohnung im Hochparterre gefunden zu haben. Es ist günstiger, grüner, ruhiger und sie kann sich selbst versorgen. Der Supermarkt ist nun freilich und leider eingeebnet. Aber man versprach, dass es unten in dem neuen Wohnhaus, das die plus gewordene Kaufhalle ersetzen wird, wieder einen Lebensmittelladen geben wird. Der Brunnen in der Grünachse bleibt ganz sicher und eigentlich sollte er sprudeln. Die Kinder verstopfen ihn nur immer. Jeden Freitag wird er gereinigt, für das Wochenende. Der kleine weiße Hund lässt die Kugel des Brunnens diesmal aus und stolpert so schnell er kann zu drei Frauen, die daneben in der Sonne sitzen und ihn fröhlich anlächeln. Der Mann mit Mut ist schon voraus. Ein Beinchen knickt. Aber die Freude. Immer noch.

(Ben Kaden / Berlin, 09.Oktober 2016)