Die Schule von Behrenhoff – über eine Ansichtskarte aus dem Jahr 1968.

Legt man auf der Autobahn 20 das Stück zwischen Jarmen und Grimmen zurück, wird man vermutlich nicht bemerken, dass man, wenn auf der einen Seite der Flugplatz von Schmoldow, Heimat der Greifswalder Sportflugfreunde, vorbeirauscht, auf der anderen Seite Behrenhoff hinter sich lässt, eine dieser kleinen Landgemeinden, die so schöne Namen wie Bandelin, Dargelin oder Weitenhagen tragen und deren Klang die Idylle einer milden, stillen Landschaft und schönen weißen Sommerwolken auf himmelblauen Grund drüber für den hervorruft, der im rumpeligen und finsteren November-Berlin sitzt. Behrenhoff, vorpommersches Landratsgut. Nach 1945 Neubauerndorf, auch “Friedensdorf”. “Wer blöd ist, hört auf Adenauers Rat — wir Bauern bringen das erste Getreide dem Staat”, war der Leitspruch der Bauern aus dem Dorfe” wusste das Neue Deutschland am 06. August 1952 zu berichten.

Am 17. Oktober 1954 stand der Behrenhoffer Traktorist Adolf Kalina, geboren 1916 im ebenfalls winzigen aber hügeligeren Werbitz (heute Vrbice), Sohn eines Maschinenschlossers, auf der Liste der Nationalen Front, nicht für die SED sondern für den FDGB, vorgesehen um den Ort und die Neubauernschaft in der Volkskammer zu repräsentieren. Wenige Monate später meldete ADN, dass eben dieser Adolf Kalina seinen Volkskammerausweis verloren hatte. Er bekam einen neuen Ausweis. Sein Mandat behielt her.

Vermutlich kannte er auch die LPG-Bäuerin Frieda Raetz, die 1960 in einem Brief an die Ostsee-Zeitung vom Kontrast im Leben der kleinen Leute zu berichten wusste, der sich eingestellt hatte zwischen der Arbeit als Tagelöhnerin auf dem Gut des Grafen Behr von Behrenhoff in den 1930er Jahren, der als Einzelbäuerin nach der Bodenreform auf eigener Scholle und schließlich der als Mitglied der LPG “Frieden”. Man sprach nun von “der guten neuen Zeit”:

“Jetzt stehe ich morgens um halb sieben Uhr auf. In Ruhe kann ich das Frühstück für meine Familie machen. Um acht Uhr beginnt meine Arbeit in unserer Genossenschaft. Von zwölf bis dreizehn Uhr ist Mittag und um siebzehn Uhr Feierabend. Die Kinder sind im LPG- Kindergarten den ganzen Tag gut versorgt, und die schmutzige Wäsche bringe ich in die Wäscherei der Genossenschaft. … Die Abende verbringe ich meistens vor unserem Fernsehapparat. Manchmal gehen wir auch zu einem Vergnügen oder einer Kulturveranstaltung.”

Rationalisierung trifft auf Optimismus: “Ja, das Leben ist schön geworden, und ich weiß, daß es noch immer schöner wird. Es lohnt sich zu leben.”

Und das las sich so überzeugend, dass die Berliner Zeitung den Brief am 24. März 1960 unter der Überschrift “Früher nur einen Hungerlohn” noch einmal ihren Leserinnen und Leser in der Hauptstadt nahe bringen musste. Die Grafen von Behr auf Behrenhoff waren da längst allein im Ortsnamen noch vorhanden und vielleicht im von niemand Geringerem als dem Architekten Ernst May entworfenen Familiengrab neben der mit eindrucksvollen mittelalterlichen Wandmalereien ausgestatteten wunderschönen Kirche des Ortes.

Acht Jahre später fuhr der Bezirkskorrespondent Hans Jordan für das Neue Deutschland durch die landwirtschaftlich geprägte Umgebung Greifswalds um sich anzusehen, wie sich der Wettbewerb “Schöner unsere Städte und Gemeinden” exemplarisch nicht in Städten sondern eben in den Gemeinden manifestiert. Nicht überzeugend, musste er feststellen und sah sich gezwungen für Behrenhoff “viele ungepflegte Vorgärten” zu notieren, für “Ranzin viele große Tümpel und umgebrochene Zäune, in Grabow verwilderte Gärten und sehr ungepflegte Straßen, auch in Züssow und Groß Schönwalde wenig Schönes.” Bei der Ansicht des Wettbewerbssiegers Brünzow kam er nicht um ein erschütterndes Fazit umhin:

“Nach dem Bewertungsschema des Kreisausschusses kann man im Kreis Greifswald, ohne ein schönes Dorf zu haben, Sieger im Wettbewerb um das schöne Dorf werden.” (vgl. Neues Deutschland, 20. Oktober 1968, S.2)

Ansichtskarte Behrenhoff 1968
Ansichtskarte Polytechnische Oberschule Behrenhoff 1968

Hätte Hans Jordan die neue Schule von Behrenhoff besucht, wäre sein Urteil vermutlich auch nicht viel besser ausgefallen. Jedenfalls wenn man die Ansicht als Richtgröße nimmt, die erstaunlicher- und wunderbarerweise eben in diesem Jahr 1968 zu einer Ansichtskarte wurde.

Aus dem vogtländischen Mylau hatte sich ein Fotograf, von dem nur der Nachname Diener auf der Karte Platz fand, für den VEB Bild und Heimat auf die Reise in den Norden der Republik gemacht und in Behrenhoff erwartungsgemäß nicht die Kirche sondern dieses Motiv als postkartentauglich auserkoren.

Als Sammler erfreut man sich am Blick auf die 1966 gebaute Polytechnische Oberschule. Zugleich staunt man, wie grau der Schulhof wirkt, mit den gesprungenen Gehwegplatten, auf die sich vom Haus her schon jetzt das Gras vortastet und den erschöpften Fahnen an den schwarzen Masten hinter denen sich ein junger Baum am Stock um Verwurzelung bemüht.

Eventuell liegt es am unglücklichen Licht, möglicherweise auch daran, dass die Menschen fehlen, nicht ganz, aber eigentlich schon. Denn im Treppenhaus erkennt der Betrachter zwei Schatten menschlicher Form, welcher der Anwesenheit des Fotografen auf dem Schulhof allerdings offenbar nicht weiter entgegenkommen wollen.

In der Ferne dann: Feld, ein paar belaubte Bäume, die man heute aus der Aufnahmeposition nicht mehr sehen kann, da zwei Baracken in die Landschaft wuchsen. Eine Laterne ähnlich der gezeigten lässt sich aber auf einem Pressefoto erkennen. Dasselbe Bild zeigt aber auch, warum sich zumindest für Freundinnen und Freunde der Kunst am Bau der Gang zur Schule nicht mehr lohnt. Das naiv-schöne Wandbild am Giebel mit den sich auf die polytechnische Zukunft beziehungsweise ein Leben, “das immer schöner wird” (Frieda Raetz) vorbereitenden Kindern zwischen Eisenbahn, Verladekran, Flugzeug und Fernsehantenne, Boot und Rakete, also rein nicht-landwirtschaftlichen Motiven, verschwand leider irgendwann hinter einem fantasielosen Pastellanstrich und nun, so der Artikel zum Pressefoto, verschwindet die Schule als Schule vielleicht ebenfalls. Ihre Webseite informiert dagegen auch 2017 über Neueinschulungen.

In jedem Fall bleibt die Karte, die, sofern die Entzifferung des leider schwachen Poststempels nicht trügt, im späten Januar 1969 von Behrenhoff in ein Neubaugebiet nach Potsdam reiste und passenderweise (aus Sicht der Kunst am Bau der DDR) mit der 1968 ausgegebenen Gedenkmarke für die Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen frankiert wurde, die einen Teil der berühmten Glasmalerei Walter Womackas aus dem Jahr 1961 für die dortige Gedenkhalle der Nationen zeigt.

Die Botschaft der Karte ist denkbar weltlich: Aufgrund einer Krankschreibung konnte jemand ein Mietbehältnis nicht auftreiben und daher wurde eine unbestimmte Sache nicht verschickt. Aber bald! Mehr als das lässt sich anhand des Dokuments eigentlich nicht berichten aus dieser alltäglichen Welt der Traktoristen und LPG-Bäuerinnen, deren Kindern eine Polytechnische Oberschule als Fortschrittszeichen und Zukunftsversprechen an den Feldrand hinter dem Gutspark gestellt wurde, die immerhin über 50 Jahre ihren Dienst tat.

Was sich vom “immer besseren Leben” der 1960er letztlich einlösen ließ, bleibt offen. Für Menschen wie Frieda Raetz und Adolf Kalina eröffnete die DDR sicher Möglichkeiten, die angesichts der Schicht, in die sie hineingeboren wurden, ohne DDR kaum denkbar gewesen wären. Wie wir heute wissen, war dieses besondere Zeitfenster vor allem ein Versuch, ein Gesellschaftsexperiment, oft gut gemeint und weniger gut gemacht und an vielen Stellen mit einem hohen Preis und vom Ende her gesehen deutlich zu hoch.

Was die Gemeinde Behrenhoff mit sich und ihrer ehemaligen Schule im Experiment Gegenwart 2017 anfängt, ist eine Herausforderung, die sich die Mitglieder der LPG “Frieden” vermutlich in keiner Form vorstellen konnten und auch wollten. Und wer weiß, wie jemand in fünfzig Jahren auf diese Konstellationen zurückschauen wird. Eine Ansichtskarte der Schule von Behrenhoff aus dem Jahr 2017 wird ihm dafür leider nicht zur Verfügung stehen. Aber eventuell diese Sonntagnachmittagsnotiz, irgendwo als digitale Spur verschüttet und so schwer und nur zufällig auffindbar wie diese Ansichtskarte.

Ben Kaden / Berlin, 19.11.2017

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Berlin-Friedrichstraße, circa 1962. Über eine Ansichtskarte.

Ansichtskarte Berlin Friedrichstraße 1960er
Ansichtskarte Die Friedrichstraße in Berlin-Mitte in den frühen 1960er Jahren

“EWG-Krise weiter verschärft” (Neues Deutschland, 18.01.1963, S.12), “Keine Einigung in Brüssel” (Berliner Zeitung, 27.02.1963, Titelseite), “Ergebnislos beendet” (Berliner Zeitung, 26.10.1963, S.4), “Keine Einigung in Brüssel” (Neues Deutschland, 14.11.1963, S.7), “Feindliche EWG-Brüder” (Berliner Zeitung, 17.12.1963, S.5). Die Presse der DDR und mehr noch ihre Nachtichtenagentur ADN (=Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst) engagierten sich in den fortschreitenden 1960er Jahren sehr in der Berichterstattung über Uneinigkeiten, Zankereien, Missverständnisse und ein denkbares Scheitern des sich formierenden Vorläufers der Europäischen Union, nämlich der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Im Januar 1963 hatten Konrad Adenauer und Charles de Gaulle den Élysée-Vertrag, Gegenstand nicht weniger Sonderbriefmarken in den Folgejahrzehnten und zugleich offizieller Schlusspunkt der Jahrhunderte brodelnden deutsch-französischen Erbfeindschaft, unterzeichnet. Umso wichtiger schien es, der DDR-Bevölkerung regelmäßig vor Augen zu führen, dass die europäische Annäherung in Westeuropa keineswegs zielführend und potentiell erfolgreich ist, sondern immer kurz vor einem Zerwürfnis steht. Anders jedenfalls lassen sich die vielen ähnlichen Schlagzeilen, die dies unterstreichen, kaum erklären.

Nun mochte vielleicht  nicht jede/r die 15 Pfennig für eine Zeitung ausgeben, um Details zu erlesen zur “Kolonialmacht EWG” (Neues Deutschland, 10. August 1962) oder ein “Offenes Wort zur Ernte” (ebenfalls Neues Deutschland, 10.08.1962, gezeichnet “Mit sozialistischem Gruß” von Hans Reichelt, NSDAP-Mitglied ab 1943, zehn Jahre später Staatssekretär im Ministerium für Land- und Forstwirtschaft der DDR, zwölf Jahre später Minister für Landwirtschaft, Erfassung und Forstwirtschaft). Für diese Zielgruppe der öffentlichen Meinung gab es, wie die hier vorgestellte Ansichtskarte aus dem Herzen der Hauptstadt der DDR zeigt, Anzeigetechnologien, mit denen die wichtiges Nachrichten direkt in den Stadtraum geleuchtet wurden.

Detail der Ansichtskarte - "Neues Deutschland meldet"
Detail der Ansichtskarte: Die Leuchtschrift “Neues Deutschland meldet” meldet: IN BRÜSSEL ERGEBNISLOS.

Diesem Umstand ist die Möglichkeit zu verdanken, nicht nur die Ansichtskarte zu datieren, sondern auch die ihr als Basis dienende Fotografie, zumindest per Vermutung. Die Karte, verlegt vom Dick-Foto-Verlag in Erlbach, erschien laut Registriernummer 1964 an den Verkaufsständen. Die Aufnahme müsste sinnvollerweise in einem vorhergehenden Jahr gemacht worden sein, zu einer Zeit, in der Mode und Vegetation sommerlich zumute war. Die Schlagzeilen zur EWG des Jahres 1963 umkreisen jedoch in einigem Abstand ausgerechnet die Sommerstimmung, wohingegen das Neue Deutschland vom 29. Juli 1962 informiert: “Verhandlungen mit Großbritannien erneut festgefahren” (ADN-Meldung, S.2) gleich unter einer Nachricht, die über “Wahnsinnspläne aus den USA” berichtet: “Satelliten-Bomber sollen Kontinente in Flammen verwandeln”. Die Ausgabe war auch deshalb eher so deprimierend wie fast jede beliebige Tageszeitung unserer Tage, weil sie vermeldete, dass der große Illustrator Josef Hegenbarth gerade verstorben war. Das Gute vergeht und es wird immer schlimmer. So die Stimmung auch bereits vor 55 Jahren.

Möglicherweise lief auch diese Meldung durch die Anzeige über der heute noch genauso vorzufindenden Fußgängerüberführung vom S-Bahnsteig des Bahnhofs Friedrichstraße über die Friedrichstraße. Zum Zeitpunkt der Fotografie leuchtete aber mit großer Wahrscheinlichkeit die Genugtuung in den Stadtraum, dass sich Großbritannien gegenüber den Wünschen der EWG-Agrarpolitik entzieht und der britische Beitritt zur Wirtschaftsgemeinschaft daher nicht ganz so reibungslos erfolgen wird, wie man es sich erhoffte bzw. befürchtete. Das lag, wie das Geschichtsbuch verrät, hauptsächlich am französischen Präsidenten Charles de Gaulle und weniger an den Briten selbst, die ja seit 1961 sehr gern eintreten wollten, aber noch bis 1973 warten sollten, um sich diesen Traum zu erfüllen.

Hat all das die Passanten in der Friedrichstraße interessiert, deren Inhalt Robert Walser in einem Feuilleton ein halbes Jahrhundert vor Aufnahme des Fotos inventarisierte: “Arbeit und Vergnügen, Laster und guter Trieb, Streben und Müßiggang, Edelsinn und Niedertracht, Liebe und Haß, feuriges und höhnisches Wesen, Buntheit und Einfachheit, Armut und Reichtum schimmern, glitzern, blöden, träumen, eilen und stolpern hier wild und zugleich ohnmächtig durcheinander”? Auf der Aufnahme wirkt die Straße aufgeräumt und beschäftigt, mehr Geschäfts- als Vergnügungszentrum und zugleich, mangels Automobilverkehr, sehr beruhigt. Ein Radfahrer radelt ums Eck. Die Telefonzelle ist leer. Der Vorverkauf der Distel wirbt leise per Schild und hat eventuell gar nicht geöffnet. Das anstehende neue Programm wird heißen: “Die Macht ist nicht zum Schlafen da”. Na ja.

Und auch ob die 1962 von der Mitropa im Bahnhof eingerichteten Intershop-Vorläufer namens “Valuta-Klein-Verkauf” schon Waren anbieten ist unbekannt und für die meisten Passanten vermutlich mangels Valuta und Zugangsoptionen auch bedeutungslos. Wahrscheinlich auch nicht sonderlich attraktiv, denn das Einstiegssortiment mit seinem Schwerpunkt auf Schnaps und Zigaretten betraf Warengruppen, die auch in den Kaufhallen der DDR vergleichsweise üppig vorgehalten wurden.

Wer auf der Karte zu sehen ist, für den/die gilt es Tagwerk zu verrichten, in einem Büro, offensichtlich. Oder noch wahrscheinlicher, das Tagwerk abzuschließen, denn die Bahnhofsuhr zeigt 17:30. Ein Kind wird an einer Hand Richtung Bushaltestelle geführt, die andere Hand trägt eine Einkaufstasche. Ein Mercedes-Reisebus wird nicht ihr Ziel sein, eher der Doppeldecker, der aus Clara-Zetkin-Straße oder vielleicht auch aus den Linden gerade in Richtung Süden abbiegt, vorbei am Antiquitätengeschäft, das die Berliner dieser Zeit als Gemälde-Nagy kannten.

Detail Ansichtskarte Friedrichstraße
Detail der Ansichtskarte Friedrichstraße: Zwei Busse, ein Lastkraftwagen und Nagys Gemäldeladen, etwa dort, wo sich heute eine Starbucks-Filiale befindet.

So gehen die meisten Menschen mit Aktentasche oder -mappe und im Anzug gerichtet ihre Heim- oder Berufswege oder erwarten einen Bus und während sie dies tun, schauen manche in die Auslagen des Pavillons, der der tschechoslowakischen Kultur ein Haus in Berlin gab. Zwei Volkspolizisten sind vor dem Presse-Café – offiziell HOG Presse-Café zu entdecken, aber kein Einstieg zur U-Bahn, was vielleicht an der Perspektive liegt oder an baulichen Veränderungen des Stadtbilds nach der Errichtung der Berliner Mauer. Hier steigt niemand mehr hinab um ab Mehringdamm wieder hinaufzusteigen. Und man ahnt nicht, dass nur sich einen Steinwurf und einigen Stunden entfernt (oder vielleicht auch anderthalb Jahrzehnte, wo findet man schon verlässliche Zeitzeugen für ein bestimmtes Jahr wie zum Beispiel 1962) das Areal zwischen Schiffbauerdamm und Johannisstraße in etwas verwandeln wird, was man “Freudengasse” nannte und das im Prinzip ein Straßenstrich war, bestens gelegen auch für internationales Publikum mit Hauptaufenthalt Westberlin.

In eben dieses Westberlin, genauer in die Aroser Allee in Reinickendorf, war nun diese Ansichtskarte gereist, ganz unschuldig in der Botschaft und zugleich Erinnerung daran, dass Ansichtskarten lange Zeit eine große Rolle als Funktionsmedium für die Organisation des Alltags übernahmen. Dies galt insbesondere für die an Telefonen arme DDR aber auch, wie man an diesem Beispiel sieht, für kleinen Nachrichtengrenzverkehr. Es ist als nicht ungewöhnlich, dass die am 07. Januar 1966 abgestempelte Karte den Erhalt eines Päckchens bestätigt und zwar mit Dank. Dazu kommen noch Grüße, “auch an Ihren Gatten”, der  Wunsch nach langanhaltender Gesundheit, die nicht mehr auf ihren Anlass rückführbare Bitte, jemand anderem etwas nicht zu sagen, um einen Ärger zu vermeiden und schließlich eine Aussicht auf ein nächstes Mal. Der Sonderwerbestempel, der ein wenig in die handschriftliche Nachricht hineinreicht, erinnert derweil an die Leipziger Frühjahrsmesse vom 06. bis zum 15. März 1966, was sicher auch der einen oder anderen Person, die auf der Karte am Haus der Presse vorbeipromeniert, ein Kreuzchen im Taschenkalender wert gewesen sein dürfte und die ziemlich sicher auch eine Laufschrift über dem Bahnhof Friedrichstraße hervorgebracht haben wird. Aber genau wissen wir es natürlich nicht und wenngleich das Bild noch mehr verrät, als die hier über die geschriebenen rund tausend Worte, so verschweigt es doch notwendig viel mehr als es mitteilt.

(Ben Kaden / Berlin, 31.10.2017)

 

Die Karl-Marx-Schule in Zehdenick und Manja Präkels’ “Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß”.

Unter den literarischen Annäherungen an die Ursprünge einer ostdeutschen Identität, die – so der Eindruck beim Betrachten aktueller Post-13%-für-die-AfD-Debatten – erst 2017 so richtig ernsthaft die Grundfeste eines bundesrepublikanischen Selbstverständnisses zu erschüttern scheint, leuchtet eine aktuell besonders hell, trotz schwarzem Einband und vermutlich wegen der roten Schrift und dem Reizwort “Hitler” im Titel. Das Buch wird intensiv empfohlen, gelesen und hier und da diskutiert.

In der Popularität solcher Neuerscheinungen kreuzen sich gemeinhin zwei Erkenntniswünsche. Einerseits möchte man die Wurzeln dieses Rohen verstehen, für das Ostdeutschland erstaunlich stabil steht und was sich in Pegida und wütender Amateurpolitik vom rechten Rand sehr medienwirksam inszeniert. Reportagen in die nach wie vor mit offenbar tief verinnerlichtem Abgrenzungswillen “neue” genannten Bundesländer sind für viele Journalistinnen und Journalisten aus Hamburger, Frankfurter (Main, natürlich) und Berliner Verlagen auch 2017 Entsprechungen Lévi-Strauss’scher Expeditionen. Zugleich zieht es eine Generation ostdeutscher Kinder, die es geschafft haben, sich in der Weltläufigkeit zu verankern und in den prägenden Stadtvierteln dieser Welt Kunst oder Diskurs zu produzieren, eben auch, weil der Aufstieg durch Bildung doch manchen gelingen muss, zurück zur Heimat- und Nabelschau an die Orte, die verlassen werden mussten, um nicht das zu sein oder zu werden, dass man nicht sein oder werden wollte. Man liest, man erinnert sich, man feiert Acht Tage Marzahn und reist dann zurück nach Friedrichshain. Vier Stationen S7, ohne Umsteigen. Eine andere Welt.

Dieser Emanzipationsdrang von den Plattenbauten, diese Sehnsucht nach Flucht von den Alleen der Kosmonauten und aus Havelstädten hatte Gründe, hatte Bedingungen, hatte einen Rahmen und von diesen erzählt das schwarze Buch mit roter Schrift und dem Titel “Als ich mit Hitler Schnapskirchen aß” am Beispiel der Mimi Schulz bzw. Manja Präkels, deren reale Biografie, wie Interviews mit ihr zeigen, deutlich Spuren dessen tragen, was ihre Romanfigur erleben darf und muss.

Mimis / Manjas Leben in der Havelstadt Zehdenick von circa 1985 bis 1995 verblüfft weniger dadurch, dass es von besonders exzeptionellen Erfahrungen geprägt ist. Sondern vielmehr durch die erschreckende Erkenntnis, dass das Buch an vielen Stellen eine Art Spiegel ist, wenngleich natürlich ein Zerrspiegel der eigenen Erinnerung, in dem gebündelt, wie man jetzt realisiert, typische Erfahrungspunkte dieser Jahre und dieser Generation aufleuchten, die vor einigen Jahren als Dritte Generation Ostdeutschland ihre eigene Bezeichnung erhalten sollte.

Wie sollte es auch anders sein in der eingegrenzten DDR mit ihren kleinen Narrativen und dem darüber gespannten Bogen einer eigenwilligen und nicht erst in der Rückschau erstaunlich schematischen Perspektive auf Marx, Engels und Lenin. Es gab Eliten in Berlin, Leipzig, Dresden und ein paar anderen Bezirksstädten. An Orten wie beispielsweise dem Club der Intelligenz im Dachgeschoss des Textilkaufhauses von Eisenhüttenstadt sammelten sich aber eher, wenn man so will, Intellektuelle der ersten Generation, noch schwankend, welcher Kanon zur gesellschaftlichen Elite passt, durchaus und oft notgedrungen anpassungswillig in eine sozialistische Heimeligkeit, in der eine Legende von Paul und Paula als kulturelles Großereignis für Jahrzehnte ausreichen konnte.

Die Wende zur Romantik, die Nirgends-Orte, Störfälle und “Saiäns-fiktschen” waren literarische Haltegriffe, wichtige, und Versuche, sich in den Irrungen einer zunehmend ratlosen DDR-Kultur zu orientieren, aber am Ende kaum genug, um Stützbalken auf tieferer Ebene einzuziehen und jederzeit gegen einen abgenutzten Versandhauskatalog eintauschbar, mitgeschickt in den unvermeidlich herablassenden Kleiderspendepaketen westdeutscher Verwandtschaft. Sehnsucht und Status manifestierten sich im Objekt, im kleinen Besitz, oder wenigstens im Bild davon. Nicht im Gedanken. Bei vielen. Wahrscheinlich bei den meisten.

Der Zeitgeist eines übergreifenden Diskurses zur Gegenwart, Habermas, Derrida, Barthes, Literatur der Avantgarde, zu der auch lange Zeit Kafka zählte, tröpfelte nur selten und eigentlich erst spürbar in den 1980ern in die Verlagsprogramme, zu spät um ideengeschichtlich über ausgewählte Kreise mit sicherem Zugang zum vollen Sortiment des Verlags Volk und Welt Berlin hinaus durchzusickern zu den Bürgern von Zehdenick und anderswo in der brandenburgischen Provinz.

Ab 1990 kippte die Kleingartenstabilität endgültig mit den oft beschriebenen, zu selten verstandenen Effekten in eine Kryptoanarchie, bei der jeder nach einem Floß zum Anklammern suchte. Wo auf einmal der Kult des Stärkeren zum offenen Leitbild wird, hängen sich die sich als schwach Erfahrenden an den nächsten Haken, der einen zumindest im Kosmos des eigenen Wohnblocks nach oben zu ziehen verspricht. Das war dann vielleicht eine Bomberjacke. Es war zu oft eine Bomberjacke, Enthemmungsuniform, mit der noch der Geringste unter den Kameraden erleben konnte, wie es ist, wenn man Stärke, besser: Gewalt ausstrahlt. Natürlich konnten in den Schnürstiefeln auch die Füße stecken, die der alten Nachbarin die Einkäufe in den dritten Stock tragen. Aber potentiell waren es eben auch die, die einem den Kiefer brechen, wenn man kurz falsch schaut.

Die ostdeutschen frühen 1990er Jahre – dieses Substrat aus grassierender Verunsicherung und Einschüchterung. Was immer in der schöpferischen Wendezeit an moralischen Stufen für eher wenige Wochen als Monate erklommen wurde, stürzte rasant wieder hinab und in der Tat wurde hier und da mit einem beherzten Tritt nachgeholfen, sei es über die Plumpheit und Gewalt einer unterreflektierten Rückübertragungswut oder des Nackenschlags, platziert aus tiefer Angst, tiefem Sadismus oder tiefer Langeweile.

Sie kamen aus Weil am Rhein, Ulm oder Hannover, wie es Sichtbeton für das Kiezfieber der 2000er und die Entkernung des inneren Berlins beschrieben, hatten das neue Recht auf ihrer Seite und die Mittel und den Notar und waren überlegen. Die anderen lebten in Zehdenick, Hoyerswerda oder Frankfurt/Oder hatten ihrer Kraft auf ihrer Seite, die Angst der anderen, waren jung und wähnten sich stark. Überlegen. Dazwischen, versteckter: die Hustler, die Resilienten, die Stillen, ein paar Rächer am Stasi-System, ein paar Träumer, ein paar Bürgerrechtler. Menschen über deren Biografien man oft noch gar nicht geschrieben, gefilmt und gesprochen hat. Die Eltern, unsere Eltern, darum bemüht, im Strömen der Geschichte eine Art Normalität zu erhalten, zu rekonstruieren und bisweilen ihre eigenen Träume aus dem Herzen oder auch nur aus dem Versandhauskatalog zu verwirklichen. Es gab auch ein Leben außerhalb der Zumutung, der Bedrohung, der Angst, des Kämpfens in Ostdeutschland um 1990. Aber nicht für alle und nicht für die Figuren in Manja Präkels’ Buch.

Wo die Moral versagte. traf es in der Regel die, die sich nicht gut wehren konnten oder wollten, weil ihnen bestimmte Formen des Verlierens, der Erniedrigung, der Demütigung, des Niedergeschlagenwerdens gar nicht vorstellbar waren. Cleverness und Durchsetzungskraft waren die Talente der Stunde, die wenig Raum und Zeit ließ für Reflexion, Selbstfindung, Selbststabilisierung, Selbsterkenntnis. Den nicht so Cleveren blieb der Rückfall in einen vermeintlichen Naturzustand zur vermeintlichen Durchsetzung. Die neuen Herren des Kaufhallenvorplatzes etablierten eine neue Form von Konformität im öffentlichen Raum des frühen Nachsozialismus (gesenkter Blick, bloß nicht auffallen). In einer solcher Zwischenwelt hatten es Menschen wie Manja Präkels’ Mimi schwer, trieben mehr als dass sie schwammen durch ihre Gegenwart, versuchten sich an Definitions- und Identitätsangeboten und nicht wenige verloren sich dabei.

Die vorletzten Kinder der DDR, die noch genug sozialistische Volksbildung erfahren hatten, um zu wissen, wie ein Fahnenappell abläuft und wann man ins Blauhemd hineingewachsen sein wird, standen nun da mit ihren manchmal bemühten, manchmal resignierten, meist ahnungslosen Eltern, die in vielem plötzlich wieder selber wie Kinder waren. Ihre Lebenserfahrung, ihre Existenz als ehemalige Bürger der DDR war spätestens zum 03. Oktober 1990 vor allem Stigma, später unter dem Zeichen der Ostalgie als harmlose Melancholiezone wieder zulässig und an den linken und rechten Rändern das Gift eines zornigen Stolzes. In jedem Fall aber war es zunächst eine Schamerfahrung und nichts, womit die in der Pubertät blühenden Mimis und Olivers etwas zu tun haben wollten. Mit ihrem noch kleinen Häufchen Lebenserfahrung und viel Alleingelassensein  mussten sie sich selbst finden, erfinden oder wenigstens suchen.

Was Manja Präkels Buch leistet, ist, diesen besonderen Zustand zu konservieren. Der Mangel an Distanz, vielleicht auch an literarischer Fertigkeit in “Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß” unterstreicht diesen Eindruck, weshalb jedes Urteil ambivalent ausfallen muss. Das Buch ist literarisch ungelenk und wirkt nicht zuletzt genau dadurch außerordentlich authentisch. Was sie beschreibt, stimmt alles. Der Text überwältigt den Leser, in dem er die Unmöglichkeit der Figuren verdeutlicht, ihre Mitwelt anders als deskriptiv zu erfahren. Der Mensch gegenüber wankt, man sieht es, hört es, spürt es. Aber man wird ihm nicht helfen können, denn man kann sich schon selbst nicht helfen. Man flieht, kehrt zurück, staunt, flieht, kehrt zurück und am Ende hat jemand Glück und wird Journalistin, was ziemlich direkt zur Biographie zur Autorin überleitet, eine, wenn man so will, charakteristische derjenigen Kinder der ostdeutschen Provinz, die man heute auf Lesungen innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings treffen kann und mit denen man ganz gut ins Gespräch kommt, wenn man beim Smalltalk den Weg zurück in die frühen 1990er findet. Und so ist, hochverdichtet, das Buch. Manja Präkels’ führt jede/n, der/die diese Zeit an diesen Orten in diesem Alter erlebte, auf direktem Weg in dieses Erleben zurück an seine eigene Karl-Marx-Schule, in seine eigene Wolfshöhle, sein eigenes Marzahn, seine eigenen Verluste und wie man sie zu lernen hatte. //

Ansichtskarte Karl-Marx-Schule Havelstadt Zehdenick
Ansichtskarte Karl-Marx-Schule Havelstadt Zehdenick

Im Sommer des Jahres 1968 reisten Lydia und Mietek, die sich einen polnischen Nachnamen teilten, durch die DDR. Viel ist von der Reise nicht bekannt. Jedenfalls mir nicht, der ich nur diese Ansichtskarte als Zeugnis vor mir habe, die einen Schultypenbau der DDR zeigt, der nun zufällig die Schule zeigt, die Mimi Schulz in Manja Präkels’ Buch später besuchen wird – die Karl-Marx-Schule in der Havelstadt Zehdenick, wie es die Beschreibung auf der Rückseite zeigt, gedruckt bei der PGH “Rotophot” im Bestensee bei Berlin im Jahr 1967, verkauft für 0,25 MDN, frankiert mit dem 10-Pfennig Wert der Dauermarkenserie Staatsratsvorsitzender Walter Ulbricht, abgestempelt am 08.08.68 in 1434 Zehdenick, geschickt nach Potsdam, die Botschaft tragend “Liebe Geschwister Müller[,] sind schon 5 Tage in Eurem schönen Lande. Wollen auch Euch am Freitag den 16. Aug. besuchen kommen.” Die Schule war neu, die Ansichtskarten-DDR ein helles und modernes Versprechen der Zukunft. Manja Präkels’ Romanfigur Hitler würde in vier Jahren geboren werden, in nicht ganz 24 würde ihre Romanfigur Krischi vor dem Landgasthof nach einem Überfall (“Glatzen, grüne Bomberjacken, Springerstiefel.”) sterben, der Bruder, die Romanfigur Zottel, hilflos, verzweifelt, daneben. Das echte Leben hat echte Gesichter aus echten Erinnerungen für alle Beteiligten.

(Ben Kaden, Berlin, 27.10.2017)

Das Erholungsheim am Berg. Eine Ansichtskarte aus Friedrichroda.

Touristisch war die DDR aus verschiedenen Gründen nahezu zwangsläufig auf etwas konzentriert, das aktuell aus ganz anderen Gründen wieder in Mode kommt: den Urlaub im eigenen Land. Diese Praxis reihte sich trotz oder gerade wegen dieser Orientierung nach Innen in die üblichen Organisationsriten für alle knappen Güter ein. Ein so genannter Urlaubsplatz war keine Selbstverständlichkeit und oft an verschiedene Bedingungen wie zum Beispiel eine konkrete Betriebszugehörigkeit geknüpft. So hatte beispielsweise das Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) mit Hauptstadt Eisenhüttenstadt ein eigenes Ferienheim auf der Insel Rügen, nahe Putbus, mit dem ganze Generationen von Kindern der Stahlwerkerplanstadt fast geschlossen ihre frühen Ferienerinnerungen verknüpft sehen.

Der Schlüssel zum Zimmer in Hotel oder Erholungsheim lag also in vielen Fällen zunächst einmal in der innerbetrieblichen Urlaubsverwaltung. Oder in den Händen des FDGB-Feriendienstes, der ebenfalls dafür sorgen wollte, dass zwei Wochen Ferien an Küste, See oder im Mittelgebirge für jede Familie der Republik erschwinglich sein sollte. Die Reisen wurden bezuschusst, weshalb Geld tatsächlich keine Hürde darstellte. Zwei Wochen im Thüringer Wald kosteten mit den passenden Ferienchecks etwa 150-200 Mark der DDR und pro Kind kamen noch etwa 30 Mark dazu. Die Verfügbarkeit von Urlaubsplätzen war jedoch eine andere Sache, nämlich eine knappe und im Kinderland DDR erwartungsgemäß besonders in den Wochen der großen Ferien besonders gering. Um die Nachfrage abdecken zu können griff man, wo man nur konnte, landesüblich auf das Kollektivprinzip zurück, also das, was man heute Massentourismus nennt. Die Ferien- und Erholungsheime des FDGB waren nicht nur, aber wo per Neubau möglich doch bevorzugt Großkomplexe mit riesigen Bettenhäusern und streng zentralisierten .Versorgungs- und Unterhaltungsangeboten.

Das ehemalige FDGB-Erholungsheim “August Bebel” am Reinhardsberg über der kleinen Stadt Friedrichroda im Thüringer Wald ist ein eindrucksvoller Vertreter dieses Trends. Vorher schon als Luftkurtort beliebt, wurde das Städtchen dank des Neubaus nach Kühlungsborn zur meistbesuchten Destination des DDR-Reiseverkehrs. Für 1989 werden nicht weniger als 1,2 Millionen Übernachtungen überliefert (vgl. Nancy Allmrodt: Geotourismus in Thüringen. Hamburg: 2011, S.54) Entsprechend vergleichsweise üppig ist auch die Zahl und Vielfalt – nicht unbedingt bildsprachlich, allerdings – der Ansichtskarten zum Ort, die aus den diversen Ferien- und Kurheimen, ob sie nun Tanzbuche, Hermann Danz oder Walter Ulbricht hießen.

Friedrichroda - FDGB-Erholungsheim "August Bebel
Friedrichroda – FDGB-Erholungsheim “August Bebel”

So generisch wie die lichtbildnerische Annäherung der Ansichtskartenfotografen waren am Ende freilich auch die Botschaften, weshalb es beim vorliegenden Exemplar gar nicht so schlimm ist, dass sie ungelaufen in die Sammlung fand. Spannend ist sie trotzdem. Denn sie zeigt, vermutlich unfreiwillig, wie der Satz zu verstehen ist, den der Chefarchitekt des Baus, Walter Schmidt, im Bericht zum 1500-Betten-Objekt für die Zeitschrift Architektur der DDR (Ausgabe 10/1981, S. 614-621) verfasste:

“Der Baukörper fügt sich städtebaulich und funktionell harmonisch in die Landschaft ein.”

Die Wuchtigkeit des Betonfertigteilbaus spiegelt zumindest exzellent die das Stadtbild ebenfalls prägenden Plattenbauten und beides schluckt zumindest auf der gezeigten Ansichtskarte die Landschaft recht gründlich. Man kann sich durchaus vorstellen, dass der Blick vom auf der Abbildung gut auszumachenden Dachcafé im 12. Stockwerk des Hotels daran erinnert, dass man sich in einem ausgedehnten Waldgebiet befindet.Die Karte zeigt aber nur ein paar eingeschüchterte Bäume, hinter denen sich traditionellere Bau- bzw. Dachformen verstecken. Immerhin mildert die Distanz die Brutalität des Komplexes auf dem Berg und zugleich strahlt die freilich nur zur Orts- bzw. Südseite hin durchgängig realisierte Fassadengestaltung in der feinen Wabenprägung der Betonformsteinkultur der DDR den Reiz der Geometrie ins Tal.

Noch erstaunlicher wirkt die Wahl der Perspektive dadurch, dass Friedrichroda insgesamt wirklich nur eine (na gut, drei) Handvoll Blöcke aus dieser Facette des Wohnungsbauprogramms der DDR aufweist. Andererseits wird so nebenbei die lokale Besonderheit einer hölzernen Balkonverkleidung überliefert, was auch einen Wert darstellt. Dennoch fragt man sich, warum der Fotograf nicht ans Fenster oder aus Dach des vorderen Blocks getreten ist, um das damals neue Ferienheim zu inszenieren.

Verlegt wurde die Ansichtskarte aus dem Jahr 1981 übrigens nicht vom dominanten DDR-Postkarten-Hersteller Bild und Heimat sondern vom Spezial-Kunstverlag Albert Horn aus Gotha. Das mag erklären, warum die Perspektive nicht übermäßig geschliffen daher kommt. Der zweiten Ansichtskartenverlag, der mit Bildern zum Objekt immer wieder auftaucht, ist die Lichtbild-Schincke KG aus Zeitz. Warum für Postkartenbilder dieses Vorzeigeneubaus des DDR-Tourismus so stark lokale Hersteller zum Zuge kommen konnten wäre ein spannendes Studienthema für die Ansichtsgeschichte der DDR. In jedem Fall sind diesem Umstand eine Reihe von zur Ansichtskarte gewordenen Aufnahmen zu verdanken, die etwas weniger präzise und ausbalanciert wirken, als man es von einem Bild-und Heimat-Produkt erwartet hätte, was heute bildhistorisch umso reizvoller ist.

Ebenfalls sehr reizvoll wäre es auch gewesen, dass an sich aber nicht im Detail gut sichtbare 12 mal 12 Meter große Emaille-Wandbild von Willi Neubert “zum Thema: Sport, Spiel, Erholung und Freizeitgestaltung” (Schmidt, ebd.) am Gaststättentrakt mit einer gesonderten Ansichtskarte zu würdigen, zumal die Wikipedia vermeldet, dass es mittlerweile zerstört sei. Auf dieser Aufnahme aus dem Jahr 1990 sieht man es jedenfalls noch, aber eben auch nur als bunten Fleck. Gleiches gilt für diese Instagram-Aufnahme aus dem Jahr 2016, nach der zu urteilen man aber immerhin auf einen Fehler in der Wikipedia hoffen kann.

Dass die Wikipedia hier irrt, wäre sehr zu begrüßen. Denn was man auf der Ansichtskarte nicht sieht, ist, wie verdichtet Ästhetik und Ikonografie der zu diesem Zeitpunkt schon eher mittelalten DDR auf den Emaille-Platten zum Ausdruck kommen: ein junges Paar in Sommerfrischestimmung in einer abstrahierten Landschaft, entschiedene Farben und eine kleine Friedenstaube. Ein bisschen denkt man bei der Formgebung vielleicht an Rolf Lindenmanns Ansatz für ein Schwimmhallenwandbild in Berlin-Lichtenberg ebenfalls aus den späteren 1970er Jahren.

Rolf Lindemann, 1978 / Detail aus dem Wandbild an der Schwimmhalle in Sewanstraße, Berlin Lichtenberg

Wobei Willi Neuberts Arbeit für Friedrichroda in präzisen Ausführung möglicherweise doch stärker die Wandbildsprache Walter Womackas aus dieser Zeit assoziiert. Deutlich wird jedoch in all diesen Arbeiten, dass sozialistische Kunst am Bau zu dieser Zeit ihre Schwere verlieren durfte – zumindest bei Freizeitobjekten – dafür an Farbe gewinnen durfte und generell verspieltere und grafischere Formen an Bedeutung gewannen. Wandgestaltungen dieses Zuschnitts durften und sollten Freude vermitteln, auch wenn ansonsten die Tristesse nicht zuletzt in der Massenarchitektur eher noch zunahm und auch die Architektur der DDR in den 1980ern wieder an ostmoderner Leichtigkeit und Eleganz verlor, was sie in den 1960ern und 1970ern zwischenzeitlich gewonnen hatte. Dass heute Phänomene wie der Außendämmungswahn den meisten dieser Bauten die letzte Idee raubt und die Architektur der DDR zusätzlich trivialisiert, ist bedauerlich. Das Erscheinungsbild von Hotelbauten wie dem in Friedrichroda erweist sich dagegen als erfreulich umbauresistent, wie ein Blick auf die Webseite des aktuellen Betreibers zeigt. Und bei den ausgerufenen Preisen könnte man sogar für eine Nacht hinfahren und nachsehen, was nun wirklich mit Willi Neuberts Ferienbild geschehen ist.

(Ben Kaden, 19.08.2017)

Die roten Fahnen von Stalinstadt. Eine Ansichtskarte.

Auch wer viele Ansichtskarten aus Eisenhüttenstadt bzw. Stalinstadt kennt, dürfte vermutlich dann einen längeren Blick werfen, wenn ihm die unten gezeigte Ausgabe aus dem Jahr 1956 begegnet. Denn wirklich überschüttet wird man nicht mit der Ausgabe aus dem VEB Kunstverlag Reichenbach i.V., 1951 gegründet und 1959 in den das, nun ja, Heimatbild der DDR bis zu ihrem Ende prägende Bild und Heimat Reichenbach umbenannt, der bemerkenswerterweise seit den 1970ern auf das VEB verzichten konnte und auch verzichtete.

Umso schöner fühlt sich der Liebhaber der Eisenhüttenstadt-Philokartie, wenn ihm nun endlich doch ein Exemplar begegnet. Denn auch wenn das kulturästhetische Herz das des Sammlers in diesem Blog generell überlagert, erweckt der Fund einer solchen Rarität eben doch auch die eher niederen Antriebe der Sammelleidenschaft. Wo andere Ansichtskarten der Eisenhüttenstadt-Geschichte gern noch 1000 Runden durch Internetauktionen drehen dürfen, stand hier der Zugriff außer Frage..

Ansichtskarte Stalinstadt 1960
Ansichtskarte Stalinstadt 1960

Es ist aber auch ein schönes Objekt, egal wie man es dreht und wendet und zwar buchstäblich und bis zum sauberen Poststempel, der zwei Zehn-Pfennig-Dauermarken präzise mit der Bezeichnung STALINSTADT – Erste Sozialistische Stadt Deutschlands und der Werkssilhouette entwertet. Die Briefmarken entstammen der berühmten Fünfjahrplan-Serie und zeigen, ganz zur Stahlwerkerstadt passend, zwei Arbeiter der Metallverarbeitung im Gespräch.

Dass es zwei Marken bedurfte, ergab sich aus der Tatsache, dass die Ansicht der geschmückten sozialistischen Planstadt nach Frankreich reiste, genauer nach Blois an der Loire in eine dieser typischen französischen Kleinstadtstraßen mit ihren langen, geschlossenen hellen Häuserzeilen, zwei, maximal drei Geschosse hoch, mit Fensterläden und schlichten Fassaden, die Farbe nicht unähnlich der, mit denen die Häuser in Stalinstadt leuchteten, nur naturgemäß von der Zeit etwas abgestumpft. Der bürgerliche Chic von Blois findet sich weiter unten, Richtung Loire-Ufer. Der Zielort der Ansichtskarte deutet eher in Richtung Angestellten- und Handwerkermilieu.

Die dort wohnenden Madame et Monsieur M*, Lehrer offenbar, erhielten von einer Marie-Magdeleine nun am 22. August 1960 einen Gruß aus der “République Démocratique Allemande” mit dem Zusatz, dass es sich um eine lange und schöne Reise handele. Ungewöhnlich waren diese französisch-deutschen-demokratischen Ausflüge freilich nicht. Gerade in der frühen Aufbauphase der sozialistischen Vorzeigestadt wurden sehr regelmäßig Auslandsdelegationen durch das Zukunftsversprechen Stalinstadt geführt. Zudem signalisiert der August 1960 noch etwas anderes, nämlich die offiziellen Feierlichkeiten zum 10. Jahrestages der Stadtgründung, für das unter anderem die Freilichtbühne mit dem berühmten Massenaufzug “Blast das Feuer an” eröffnet wurde.

Marie-Magdeleine war also unvermeidlich in den Echoraum der Hüttenfestspiele geraten, die am 18. August 1960 offiziell begannen. Und sicher hörte sie auch von dem Luftschloss, dass der Stalinstädter Oberbürgermeister Max Richter in einer Samstagsausgabe des Neuen Deutschlands – exakt ein Jahr vor dem Mauerbau und Ein- und Einviertel-Jahr vor dem Ende von Stalinstadt – am 13.08.1960 formulieren durfte:

Die Perspektive unserer Stadt ist klar: Sie wird noch schöner werden. Nach den neuesten wissenschaftlich-technischen Erkenntnissen wird ein Stahl- und Walzwerk gebaut. Im Herzen der Stadt entsteht ein kulturelles Zentrum. Ein modernes Theater mit 800 Plätzen, ein 14geschossiges Haus der Kultur und Wissenschaften, eine herrliche Kongreß- und Sporthalle werden unseren Einwohnern die vielfältigsten Möglichkeiten für Bildung und Erholung bieten. Tausende werden hier schöpferisch an der Entwicklung der sozialistischen Kultur teilnehmen. (Max Richter: Junge Stadt des Sozialismus. In: Neues Deutschland, 13.08.1960, S. 3)

Ein kulturelles Zentrum dieser Art gab es nie und der Zentrale Platz erinnert bis heute daran. Statt des Kulturpalastes entstand später ein deutlich bescheideneres Pionierhaus, das auch eine Rolle als Verbindungselement zwischen der Kernstadt und dem neuen, so ganz anderen fünften Wohnkomplex übernehmen sollte. In der fußläufigen und auch sehr gelungen auf Fußwege geplanten Stadtanlage ist es gar nicht mal so weit von dem Wohnblock des WK II entfernt, den die Ansichtskarte rotbeflaggt inszeniert.

Erster Mai oder Siebter Oktober, Frühling oder Spätsommer, vielleicht Frühherbst lautet nun die Frage an die Aufnahme. Die kleinen Bäume tragen bereits Laub, allerdings nicht ausgesprochen zartes. Andererseits ist die Kolorierung nicht unbedingt absoluter Naturtreue verpflichtet. Die Menschen wandern in langen Ärmeln – beides ist für kalten Frühling oder kühlen Frühherbst angemessen. Für den 07. Oktober 1955 jedoch versprach die Wettervorhersage nicht nur halbwegs kühle Luft sondern auch Regen. Die Straßen der Stalinstadt sind jedoch trocken. Vielleicht also doch eher eine Aufnahme aus dem Monat Mai, wofür auch die Fußbekleidung der Frau im rechten Vordergrund spricht. Letztlich ist es auch von nachgeordneter Bedeutung.

Man wird sich darauf einigen können, dass die Aufnahme (“Farbfoto HO-Industriewaren”) einen doch eher seltenen Eindruck der sehr jungen Stalinstadt an einem Festtag in den 1950er Jahren präsentiert. Legt man eigene Erinnerungen dagegen, kann man zudem feststellen, dass diese Ecke – damals Ecke John-Scheer-Straße / Straße der Jugend – bis auf die Größe der Bäume und die irgendwann verschwundene Straßenwandzeitung erstaunlich lange ihre Anmutung stabil beibehielt. Eigentlich noch beibehält. Dies schließt die Litfaßsäule, frühes und wichtiges Kommunikationsmedium im Alltag der Stadt, mit ein, die irgendwann mit einer Uhr versehen wurde. Und sogar das Phänomen älterer Menschen in Schwarz gab es noch in den 1980er Jahren zu sehen. Heute trägt natürlich eher die Jugend schwarz, aus modischen Gründen und nachvollziehbar aus anderen Stoffen. Besonders im Sommer. Heute hängen auch andere Fahnen aus den Fenstern und meist nur zu großen internationalen Fußballwettkämpfen. Der gezeigte Wohnblock mit der hinter den Säulen versteckten traditionell so genannten Kameltränke steht allerdings auch 60 Jahre später genauso in der Sonne, wie ihn die Ansichtskarte zeigt.

(Ben Kaden, Berlin, 19.06.2017)

Die Rosen im Kurpark. Eine Ansichtskarte aus Slowjansk.

Unlängst erschien in dem kleinen wunderbaren Verlag edition.foto.Tapeta ein schmaler eindrucksvoller und berührender Band mit Gedichten des ukrainischen Gegenwartsdichters Ostap Slyvynsky unter dem Titel Im Fünften Jahrtausend erwachen. Statt eines Klappentextes zitiert die Ausgabe auf ihrer Rückseite folgendes kurzes Gedicht:

Spuren von Irgendwem

Ein paar verwaschene Zeichen, eine durchweichte Karte, / Zweige, die jemand abgeknickt hat und denen ich folge, sonst nichts.

Es ist typisch für die eindrucksvoll gegenwärtige, und zugleich, wie Jan Kuhlbrodt in seiner Besprechung zum Buch schrieb, überzeitliche Poesie des Ostap Slyvynskys. Zugleich erinnerte mich das Beschwören von Vergehen und Folgen, notiert mit einem ukrainischen Blick, sofort an eine Ansichtskarte aus einer ganz anderen, heute aus verschiedenen Sichten verloren scheinenden Zeit, die aus irgendeinem unerfindlichen Grund und ganz buchstäblich als Spur von Irgendwem regelmäßig über den Schreibtisch wandert und nun mit diesem Text ins Internet.

Ansichtskarte Kurpark Slowjansk
Ansichtskarte Kurpark Slowjansk

Die undatierte und unverschickte aber beschriebene Karte zeigt die Kurparkidylle von Slowjansk, ein traditionelles und spätestens seit dem frühen 20. Jahrhundert europaweit bekanntes Zentrum der Balneologie (Bäderkunde) mit dem Schwerpunkt auf Schlammkuren, auch dem des sogenannten Bitterwassers und also Salinenstadt – es gibt zwei Salzseen. “Wenn auch kein Baden-Baden”, wie Oleg Ismailow in seinem nicht unproblematischen Reiseführer “Donbass für Anfänger” schreibt (Олег Измайлов: Донбасс для «чайников». 2017) Anton Tschechow mochte die Stadt offenbar auch recht gern, wie er in einem Brief aus dem Mai 1887 schrieb. Er fühlte sich offenbar angesichts der Provinzialität an Gogols Mirgorod erinnerte und beschreibt sanfte Straßen, auf denen Haus- und Nutztiere im Flieder- und Akazienduft promenieren. (vgl. dazu Walter Horace Bruford: Chekhov and his Russia: a sociological study. London: Routledge, 1998 [1948]) Und er vermerkt über den Morgen des 06. Mai, dass ihn ein duftiger Windhauch durchs offene Hotelzimmerfenster genauso begrüßt wie das Läuten der Kathedrale, die die Menschen zur Messe ruft und wie friedlich und versöhnt Polizisten, Richter und Militärvertreter in die Kirche einkehren.

Der Brief Tschechows allerdings ist nicht unbedingt das, was man heute als erstes mit Slowjansk assoziiert. Sondern vielmehr, dass ein ganzes plus ein Viertel Jahrhundert nach dessen Schreiben, am 12. April 2014, genau dort der Donbass-Konflikt eskalierte. Was niemand selbst nach dem Maidan erwartete, trat ein: die Stadt stürzte in den Krieg – nach ihrer Geisel- und Übernahme durch eine kleine Gruppe vorwiegend offenbar von Söldnern unter Führung des russischen Veterans und Nationalisten Igor Girkin (vgl. exemplarisch FAZ.net: In Slawjansk herrscht jetzt Krieg, 25.05.2014 bzw. Neues Deutschland: Im Kurort, 06.03.2015). Im Juli 2014 rückte die Stadt in die russischen Abendnachrichten und wurde zu einem Schlüsselort des Kampfes um die Narrative zur Deutung der Entwicklungen in der Ostukraine, wie Ulrich Schmid in seinem Buch Technologien der Seele beschreibt:

“Als nächstes spielte das russische Staatsfernsehen ein Melodrama ein. Am 12. Juli 2014 zeigte die Hauptausgabe der Tagesschau eine schluchzende Mutter, die angeblich aus Slawjansk nach Russland geflüchtet war. Sie erzählte von ukrainischen Soldaten, die auf dem Hauptplatz von Slawjansk einen dreijährigen Jungen gekreuzigt hätten. Diese »Urenkel der SS-Einheit Galizien« hätten schlimmer als die deutschen Faschisten gewütet. Das religiöse Motiv der Kreuzigung verlieh der frei erfundenen Gräuelgeschichte die Würde eines Martyriums.” (Ulrich Schmid: Technologien der Seele: Vom Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur. Berlin: Suhrkamp, 2015)

Der Krieg der Deutungen war eine Facette. Die andere war der Krieg der Geschosse, mit denen sich Konflikt und die bis Anfang Juli 2014 anhaltende Besetzung der Stadt durch die pro-russischen Separatisten um Girkin nicht nur mittels Kampfhandlungen und Bombardements sondern auch von Kriegsverbrechen in die Stadt und die Psyche ihrer Bewohner schrieb. Vice News berichtete im August 2014 vom Fund eines Massengrabs. Und dass seit der Übernahme der Stadt durch die Separatisten noch 300 Menschen verschwunden blieben.

Die Sanatorien wurden zwischenzeitlich zu Kasernen und ihre Umgebung zum Schießplatz. Jedenfalls berichtet der Schriftsteller Martin Leidenfrost dies von seinem Ortsbesuch. (Martin Leidenfrost: Expedition Europa : Fünfzig exzessive Selbstversuche. Wien: Picus, 2016) Ob der Kurpark zu dieser Umgebung zählt und ob die Sanatorien heute noch als Unterkünfte für Soldaten dienen, ist unbekannt. Es gibt eine Webseite, welche die Behandlungsmöglichkeiten des Sanatoriums anpreist. Möglicherweise fand der Ort wieder zu einer Art Normalmodus zurück, sofern dies unter den Umständen möglich ist.

“[…] Vier Tage / Stille schon, kein Granatendonner, niemand reißt die Lufttüren aus. / Es brennt kein Busch, die Vögel finden Ruhe. Nie war so viel Horizont über der zertrampelten / Erde […]”

schreibt Ostap Slyvynsky in seiner 2015er Episode.

War die auf der Karte dargestellte Szenerie im Rosengarten des Kurparks der vielleicht 1960er Jahre ein Normalmodus? Ein Paar, wenn auch nach der Körperhaltung und -nähe zu urteilen keines der Liebe, offensichtlich im Sommer, er im roten Hemd, sie im Kleid, dessen mögliches Muster von der Druckqualität der Karte fortgerastert wurde. Man sieht, dass sie eine Tasche trägt. Oder einen Blumenstrauß im weißen Papier? Wohl eher eine Tasche. Weiß sind auch die Brunnen und Plastiken des Kurparks, von denen man ein Exemplar in der Bildkomposition erkennt. Er balanciert die beiden Menschen und der Laternenmast als Stadtmöbel in gewisser Wiese dazu passend die Bank. Heute findet man, wie das Internet zeigt, an dieser Stelle statt Rosen Tulpen, aber vielleicht wechselt die Gartenpflege die Blumen auch hin und wieder. Geblieben ist Rot als Hauptfarbe, die auf der Ansichtskarte hier und da von gelben Blüten umflort wird. Und dem Grün des Landschaftsparks als Horizont unter dem leicht bewölkten Himmelblau sowieso. Auch darin, vielleicht, oder eher sicher: Zweige, die jemand abgeknickt hat. Wird ihnen jemand folgen?

Auf der Rückseite der Karte ist in schulmäßiger Schönschrift auf Russisch, zufällig trocken durch die Jahre und über weitgehend unbekannte Stationen bis auf diesen Schreibtisch gelangt, vermerkt: Slawjansk. Dies ist der Kurpark. Viele Menschen suchen hier Ruhe. Und vielleicht auch Schatten. Nur wenige Schritte entfernt findet sich eine Trinkhalle und man kann sich gut vorstellen, dass das Paar entspannt dorthin schlendert, und nur kurz einen Blick auf den Fotografen (oder die Fotografin) wirft, der (die) aus der Szenerie eine Postkartenansicht herausarbeitet und die beiden dafür sehr gut gebrauchen kann. Diese Szene ist nun ganz unspektakulär, aber genau das sollte vermutlich ihr Botschaft sein: Hier ist Kur, ist Ruhe, hier ist Frieden zwischen den Rosen und nah den flachen, warmen Salzseen von Slowjansk. Tschechow übrigens hatte die Stadt nicht nur im Mai 1887 besucht. Er hatte dort bereits einen Monat zuvor mit der Eisenbahn kurz gehalten, um eine Ansichtskarte an seine Schwester einzuwerfen. Welches Motiv deren Bildseite zierte, ist anscheinend leider nicht überliefert…

Und ja, Bahnstationen und die Stadt als Eisenbahnknotenpunkt und dann wieder Ostap Slyvynsky lesen, der doch besser passt, heute, als Tschechow: “Auf dem Rückweg vom Bahnhof ist sie allein, gleicht einer Figur aus Papier, trocken, flach, zweidimensional […].” Und  daran denken, was zum Beispiel Ansichtskarten bedeuten können und was bewahren.

(Ben Kaden, Berlin, 04.06.2017)

Die Schwimmhalle “Amphibia”: Eine Ansichtskarte aus Barnaul.

 

Was fällt einem ein, wenn man an die russische Stadt Barnaul denkt? Vielleicht, dass sie irgendwo in Sibirien liegt, von einer Schleife des Ob umschlossen. Vielleicht, dass sich vor einigen Jahren die Enttäuschung über die Lokalpolitik darin zuspitzte, dass eine Katze namens Barsik als Bürgemeisterkandidat zum Social-Media- und Weltpresse-Liebling wurde. Eventuell, dass Julia Neigel, mit Schatten an der Wand und als Jule Neigel kurzzeitiger Shooting-Star der ausgehenden 1980er Jahre, dort geboren wurde, bevor ihre Familie nach Ludwigshafen zog. In ihrer Autobiografie Neigelnah (Gütersloh, 2012) erzählt die Künstlerin mit russlanddeutscher Herkunft:

“Unser Haus in Barnaul war das erste, das meine Eltern gebaut hatten. Es lag am Rand einer Ansammlung von alten Hütten, die früher einmal ein Dorf waren. Direkt vor unserer Tür begann die freie Natur.” (S. 15)

Und beschreibt das Spannungsverhältnis ihrer Kindheitsjahre zwischen sehr beengender Armut und weiten Kindheitstagen, besonders in den eiligen und intensiven sibirischen Sommern, “die satt waren mit Mohnfeldern, Kirschblüten und Blumenwiesen.” (S.16) Im Jahr 1971 erfolgte für die Familie Neigel der Umzug in die Bundesrepublik. Im selben Jahr veröffentlichte der Moskauer Ansichtskartenverlag Издателъство Планета, in gewisser Weise der VEB Bild und Heimat der Sowjetunion, eine Serie von 15 Ansichtskarten zu Barnaul in der beeindruckenden Auflage von jeweils 1,2 Millionen Exemplaren. Das ist insofern besonders bemerkenswert, da die Einwohnerzahl der Stadt gerade einmal Richtung 600.000 strebte. Weniger verwunderlich ist daher, dass das Set bis in die 1990er Jahre verkauft wurde, wie eine lokale Nachrichtenseite 2014 berichtete.

Eine dieser Karten zeigt die Schwimmhalle Amphibia (Плавательцый бассейн Амфибия) im Stadtteil Южный, also in etwa Südstadt, der etwas abgelegen seit den 1950er als Wohnstadt für Industriearbeiter errichtet wurde. Das fügt sich selbstredend nahtlos in eine bekannte und biografisch bedingte Schwäche für (sozialistische) Planstädte wie zum Beispiel Sztálinváros ein.

Die Schwimmhalle Amphibia in Barnaul
Ansichtskarte und zugleich historische Aufnahme: Diese Fassade gibt es leider nicht mehr. Von den Ansichtskarten sind auf den einschlägigen Internetmarktplätzen noch zahlreiche Exemplare erhältlich.

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