Rudolf Sitte, Strehla, eine Ansichtskarte.

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Hin und wieder stößt man auf die Aussage, dass Rudolf Sitte, Bruder des DDR-Über-Malers und langjährigen VBK-Präsidenten Willi Sitte, zwar “sehr begabt” war, aber viel zu wenig Wertschätzung erfährt (so beispielsweise geäußert Martin Maleschka unlängst in seiner Rolle als Redakteur der Kunst-am-Wege-Facebook-Seite). Im Vergleich zu seinem Bruder mag Rudolf Sitte tatsächlich untergehen. Und leider verschwanden auch nicht wenige seiner Arbeiten, wie auch überhaupt viele der mitunter eher in den ignoranten 1990er und auch 2000er Jahen bestenfalls als dekorativ denn als erhaltenswerte Kunst wahrgenommenen Realisierungen – nicht nur von ihm sondern insgesamt aus der von ihm mitbegründeten und programmatisch benannten Dresdner  Produktionsgenossenschaft Bildender Künstler „Kunst am Bau“. Das geschah selten mit Vorsatz sondern meist, nun ja, zufällig mit den dazugehörigen Gebäuden. Es geschieht auch heute noch hin und wieder, aber zunehmend mit Protest und Gegenwehr.

Aber, auch das gehört dazu, Rudolf Sitte besaß ab 1981 eine Professur an der HfBK in Dresden, wurde regelmäßig in den Katalogen Kunstaustellungen der DDR gezeigt und verwirklichte in seiner Schaffensbiografie eine erstaunliche Vielfalt von baugebundenen Arbeiten, von denen viele erstaunlicherweise doch überlebten und noch heute betrachtet und wertgeschätzt werden können. Es reichte für ihn vielleicht nicht zu ganzen großen Wurf in die Unsterblichkeit der Kunstgeschichte. Aber er war trotz allem etabliert und anerkannt. Und er galt, wenngleich spät, auch fast ein wenig als Avantgarde in der baugebundenen Gestaltungskunst der DDR.

Sichtbar wird dies beispielsweise im vom Kollektiv Ulf Zimmermann für die Ingenieurhochschule in Mittweida entworfene Mensa- und Bibliotheksgebäude aus der Mitte der 1980er Jahre, für dessen künstlerische Innengestaltung sich Rudolf Sitte am Thema Leiterplatte orientierte. Die Themenwahl scheint nur folgerichtig, wenn man bedenkt als welche Leuchtfigur bereits mehr als 10 Jahre zuvor Werner Tübke den Leiter des Rechenzentrums für sein Monumentalgemälde “Arbeiterklasse und Intelligenz” aufs Wandbild brachte und wie die schematische Struktur einer Platine dem generell sehr geometrischen Ansatz von Rudolf Sitte und vielen seiner Kunst-Am-Bau-Kollegen entsprach. Die Digitalisierung war als Zukunftstechnologie in der DDR längst präsent, allerdings im internationalen Vergleich, wie sich zeigen sollte, nicht mit einer überlebensfähigen Leistungsfähigkeit.

Das informatische Denken floss nun also auch den kommenden Ingenieuren der späten DDR zum Mittagessen in Rot und Grün und Schwarz durch den Speisesaal, allerdings ohne Dominanzanspruch und auch ohne einen Hinweis auf eine eventuelle Vormachtstellung des informatischen Menschen sozialistischer Prägung. Rudolf Sitte traf den Geist seiner Zeit mit einer sehr gelungenen Form. Warum blieb er, so jedenfalls der Anschein, in der Nische?

Nun beschränkt sich mein Wissen über Rudolf Sitte und sein Schaffen leider auf das, was man in etwa beim Small-Talk im Treppenhaus aufschnappt. Auf dieser Basis lässt sich jedoch unschwer die, gern auch diskutierbare, These formulieren, dass er es unter anderem, abgesehen von einem biografischen Makel, in der DDR womöglich auch deshalb nicht ganz in die allererste Reihe der künstlerischen Prominenz schaffte, weil er zu sehr abstrahierende und grafisch geprägte Stilmittel bevorzugte, in denen der Mensch zwar auftauchte, aber in der Wirkung eben doch stärker selbst als grafisches Element und selten als Figur der unmittelbaren Identifikation. Zudem waren seine Umsetzungen keinesfalls so eingängig und allgemein vermittelbar wie zum Beispiel die eines Hans Ticha, der so etwas wie eine Pop-Art und damit sich selbst auch international etablieren konnte.

Rudolf Sitte blieb in der öffentlichen Wahrnehmung immer etwas am Rand, gut vernetzt und von Experten wertgeschätzt, aber doch möglicherweise auch irgendwie verdeckt durch die “Kunst am Bau”-Genossenschaft, in der zum Beispiel mit Karl-Heinz Adler jemand aktiv war, der vielleicht noch einen Tick innovativer formte. Dazu addierte sich mutmaßlich, dass man die Arbeiten der Genossenschaft überall dort, wo man Kunst vor allem galerieseitig betrachtet, bestenfalls nachgeordnet wahrnahm und wahrnimmt. Mitunter auch zu Recht. Die großartige Formengüte Friedrich Kracht’scher Formsteinwände berührt und überzeugt ästhetisch, lässt sich aber mit größter Anstrengung kaum über die Rolle des Ornaments hinaus ausdeuten. Was hier “Kunst am Bau” im Namen trug, war und ist am Ende in vielen Fällen nur Dekoration.

Spannend wird es bei Grenzfällen in Rudolf Sittes Schaffen. So findet man beispielsweise in der Motivwahl straff dem sozialistischen Motivschatz folgende Reliefarbeiten –  unter anderem mit Karl Liebknecht als Wegbereiter für Frieden und Sieg der Arbeiterklasse in der ehemaligen Schule der Volkspolizei in Berlin-Marzahn. Waffenbrüderschaft, Pioniergruß, Friedenstaube, sozialistische Familie und ein wenig Freizeitidyll. Ist das nur Ornament? Oder wird hier nicht doch auch inhaltlich eine individuelle Gestaltung jenseits der Formgebung sichtbar?

Andere, unstrittig als solche bezeichneten, Künstler (und man setzt das Maskulinum leider immer zutreffend, denn Künstlerinnen tauchten in den beschriebenen Zusammenhängen fast nie auf) schafften es mit einen ähnlichen Potpourri allseits bekannter Figuren bis in die Palastgalerie und damit dann auch ins Museum Baberini. So ist Willi Sittes aus dem gleichen Jahr wie das Relief seines Bruders stammende Großgemälde “Die rote Fahne – Kampf, Leid und Sieg” zwar interessanter durchkomponiert als das Marzahner Relief, aber im Ergebnis ebenfalls nur ein Neuaufguss von Altbekanntem. Und genau das sollte es für den Zweck wohl auch sein.

Wenn Willi Sittes Rotbild also Kunst ist, dann sind es Rudolf Sittes Themenreliefs auch. Allerdings bleiben beide selbst für die Kunstgeschichte der DDR ideengeschichtlich eher schmächtig, zugleich jedoch umso ausholender in der Form.

Ähnliches gilt für ein weiteres, häufiger thematisiertes Relief von Rudolf Sitte, dass 1969 im Zentrum von Cottbus enthüllt wurde und den bemerkenswertenTitel “Die revolutionäre Arbeiterklasse und ihr Sieg” trägt. Im Prinzip dürfte das gesamte Bild ein Eingeständnis sein und zwar, dass sich Rudolf Sitte wie auch einige seiner Kollegen bei “Kunst am Bau” (wie Vinzenz Wanitschke oder auch Dieter Graupner) Druck und Anforderungen der offiziellen Kulturpolitik beugten und genehmere Arbeiten anfertigten.

Entsprechend bewegt er sich beim Cottbusser Relief sogar formal erstaunlich nah am sozialistischen Realismus, was auch der Tatsache geschuldet sein dürfte, dass hinter der Entstehung fast ein Bitterfelder Weg lag: “Werktätige und Arbeiterveteranen” steuerten Bildidee und Gestaltungsansprüche bei. (vgl. ADN/BZ: Bildende Künstler verschönern Städte. In: Berliner Zeitung, 18.08.1968, S. 6) Zugleich hatte Rudolf Sitte ein wenig Pech, entstand doch parallel ein paar Meter weiter der Wandfries “Aus dem Spreewald” von Kurt Heinz Sieger, der mit seinem gekachelten Lokalkolorit den meisten Menschen der Stadt deutlich mehr Identifikationsfläche bot, als eine weitere Wiederkehr des, buchstäblich steingrauen, Mythos der siegenden Arbeiterklasse. Zwar qualmt auch im Spreewaldidyll die Traktorisierung im Hintergrund. Aber immerhin auf edlem Meißner Porzellan.

Und dann Halle. Vier Jahre arbeiteten Rudolf Sitte, Vincenz Wanitschke, Egmar Ponndorf und Hans Peschel an ihrem Betonrelief für das Haus des Lehrers am selbst für Verhältnisse der monumentalen DDR unwirtlichen Ernst-Thälmann-Platz – wieder zur Geschichte der Arbeiterbewegung, angefangen vom Kommunistischen Manifest bis hin zur Gegenwart, auch wenn der realexistierende Verkehrslärm darin keine Rolle spielten. Es ist natürlich offensichtlich, weshalb Künstler in der DDR solche Auftragswerke nicht ausschlugen. Sie ermöglichten, dass man zugleich halbwegs ungestört in freien Arbeiten eben auch freie Ideen folgen konnte.

Zugleich jedoch meißelten sie damit auch einen bestimmten Ruf in den Stein. Ein Vinzenz Wanitschke mag seine Kleinplastiken wie “Gelöschtes Leben” besonders wertgeschätzt haben. Aber im öffentlichen Blick verschwinden sie nahezu unvermeidlich hinter einem “Proletarischen Internationalismus”, der auf dem Robotron-Gelände die Fäuste in den Himmel reckt. Sie haben, wenn auch aus Gründen, mitgespielt und sich für einen Weg entschieden, der am Ende eher auf die Seite derer führte, die mit den Wende nicht unbedingt viel gewannen. Rudolf Sitte dürfte das vor Augen gehabt haben, saß er doch einst bei Heinz Lohmar in einer Klasse mit einem Künstler, der eine ganz andere Karriere einschlagen sollte: Gerhard Richter. (Immerhin wurde Rudolf Sitte die Ehre zuteil, die bildkünstlerische Gestaltung für den Friedhof zu übernehmen, auf dem der ehemalige gemeinsame Hochschullehrer seine letzte Ruhe fand.)

Hinzu kommt, dass eine offene kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle als bildender Künstler/in in der DDR oft unterblieb. Das mag aus verschiedenen Gründen nachvollziehbar sein. Es birgt aber auch die Gefahr, dass man in der Wahrnehmung in eine bestimmten Richtung isoliert wird, gerade als Bildhauer, von dem die Öffentlichkeit wenig mehr kennt, als rein ornamentale oder eben thematisch eher eindimensionale Wandgestaltungen. Dass die Form nicht immer folgsam war, geht dabei unter.

Ansichtskarte Erich-Weinert-Oberschule, Strehla
Ansichtskarte Erich-Weinert-Oberschule, Strehla

Als ebenfalls vor allem dekorativ gedacht aber im Vergleich zu vielen späteren Arbeiten deutlich sympathischer skaliert offenbart sich eine frühe Arbeit Rudolf Sittes für einen Schulneubau in der Kleinstadt Strehla aus dem Jahr 1961. Die oben abgebildete Ansichtskarte zeigt aufgrund der Perspektive, die der Fotograf (W. Lange) für die Inszenierung des Gebäudes und als Postkartenansicht wählte, zwar eher nur, wo sich das mehr Mosaik als Relief am Gebäude befindet. Aber immerhin. Ein anderes Zeugnis der Arbeit auf einer Ansichtskarte ist mir noch nicht begegnet.

Die konkrete Wandgestaltung weicht auf den ersten Blick nicht sonderlich von der Bildsprache der DDR Anfang der 1960er ab, entfaltet aber auf den zweiten einen erstaunlichen Reiz. Zwei Figuren schwer bestimmbaren Alters und auch in den Geschlechtsmerkmalen faszinierend ambivalent in einer floralen Szenerie, allerdings nicht pflanzend sondern in ein Halma-Spiel vertieft. Dazu addiert sich ein kleiner Vogel und möglicherweise ein stilisierter Fisch als auflockernde Füllfiguren. .

Heute steht die Schule aus dem Jahr 1961 unter Denkmalschutz. Sie entstand nach Plänen des Architekten Hans-Otto Gebauer, der sich in den 1950er Jahren ein wenig mit dem so genannten “Heimatstil” profilieren konnte und kurz darauf nach Westdeutschland abwanderte.Gebaut wurde sie daher vom wie Gebauer aus Dresden stammenden Siegfried Keller (und Kollegen).

Architekturgeschichtlich ist das Gebäudeensemble, wie auch der Heimatstil selbst, eine bemerkenswerte Zwischen-, teils auch Nebenstufe zwischen Repräsentationsansprüchen des Sozialistischen  Realismus, der DDR- bzw. Ostmoderne und der Typisierung der vollindustrialisierten Taktstraßenarchitektur. Es ist, wenn man so will, die gemütlichste und zugleich traditionellste Variante dessen, was in der DDR entworfen und gebaut werden konnte, oberflächlich gesehen nicht sonderlich spektakulär aber gerade deshalb durchaus passend in die entspannte Ländlichkeit von Strehla unweit der Elbe, Geburtsort von Heinz Kuhrig übrigens, der erst für die SED und später für die gesamte DDR für die Landwirtschaft zuständig war. Vielleicht war diese Herkunft ja auch ein Grund, warum die Schule ausgerechnet in Strehla entstand.

Dort also wurde noch Ziegel auf Ziegel gesetzt, dies aber zu einem weiträumigen Baukörper mit Pavillons, offenen Verbindungsgängen und einer zeittypischen Aula mit Galerie, ein helle und Spielräume schaffendes Haus, das offenbar auch heute noch funktioniert. Auf der sommerlichen Ansichtskarte erkennt man mit etwas Anstrengung (oder einer Lupe) sogar das Namensschild – Erich-Weinert-Oberschule sowie eine Reihe der Merkmale (Ziegel, Fensterfronten, Gebäudeform), die das Objekt bereits zur Entstehungszeit über andere Schulneubauten heraushoben.

Ansichtskarte Strehla Detail
Ansichtskarte Strehla Detail

Was lässt sich darüber hinaus sagen? Die Vegetation ist ungestaltet. Das Wetter wirkt warm, die Stimmung heiter. Wichtig war dem Fotografen, dass die Szenerie für die Ansichtskarte belebt wirkt. Drei Menschen, zwei junge Frauen, ein junger Mann laufen ihm entsprechend sozusagen entgegen, wobei der Mann ihn in den Blick nimmt, die Frauen ins Gespräch vertieft scheinen. Ein Fahrrad wartet auf Abholung. Der Weg zum Schuleingang wirkt auf der Aufnahmen schätzungsweise aus den frühen 1970er Jahren interessanterweise unbefestigt, was durchaus in eine Landgemeinde passt. Der Blick auf die Karte zeigt, dass der Eingang der Schule bewusst von der Hauptstraße entfernt liegt. Auf einen Vorplatz hat man verzichtet.

Die Karte ist beschrieben, wurde aber vermutlich in einem Brief verschickt. Daher fehlt auch ein Anhaltspunkt für eine Datierung. Die Botschaft lässt sich als typische Organisation der Selbstversorgung bestimmen: Eine Frau G. (“und Mutter”) schreibt an eine Familie N. anlässlich einer bei Fam. N. anscheinend anstehenden Schlachtung und bittet um “eine Rodwurst [sic!]”, zwei Leberwürste, Wurstbrühe, zwei Blutwürste, ein Pfund Gehacktes und zwei Pfund Wellfleisch. Für die Bezahlung bietet Frau G. zwanzig Mark per Zahlkarte und den Rest bei Übergabe. Mit herzlichen Grüßen. Der DDR-Wurstversand funktionierte anders als heute Otto-Gourmet.

Natürlich wünscht man sich als Philokartist hin und wieder gern eine andere Nähe zwischen Ansichtskartenmotiv und Botschaft und träumt bei dieser Karte davon, dass sie vom ausführenden Architekten Siegfried Keller aus Dresden nach, zum Beispiel, Sennestadt gewandert ist, um Hans-Otto Gebauer zu zeigen, wie schön sein Entwurf in der Umsetzung aussieht, vielleicht noch mit einem Gruß vom alten Freund und Formgestalter Rudolf Sitte. Anderseits ist es aber auch schön erdend, die Durchlässigkeit der Dinge zu sehen und zu realisieren, dass die Darstellung eines herausragenden Schulneubaus der DDR mit den vielleicht eingängigsten architekturbezogenen Arbeiten eines unabwendbar im Schatten seines Bruders verschwindenden Bildhauers, am Ende dazu diente, Rotwurst und Wellfleisch zu bestellen.

(Berlin, 15.07.2018)

Advertisements

Tscherkassy 1967. Zu einer Ansichtskarte.

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Eine Ansichtskarte aus Tscherkassy. So gut so selten. Ein präzise, zugleich verwischter auf den Herausgeberangaben platzierter МЕЖДУНАРОДНОЕ-Stempel nimmt die Hälfte der Informationen zur Karte aus dem Bereich der Entzifferbaren. Eine breit gezogene, eilige Handschrift drängelt sich über die Angaben zu Motiv und Fotograf und nimmt ein weiteres Stück. Lesbarer ist die Datierung: 31. August 1967, dem Todestag Ilja Ehrenburgs, der Tag, früh in den Jahrestagen Uwe Johnsons, in dem es heißt: “Was für eine Person stellt Gesine sich vor, wenn sie an die New York Times denkt wie an eine Tante?”

Die Klatschtante Times weiß an diesem Tag zu berichten, dass Lynda Bird Johnson, Präsidententochter, ihr Herz nun einem Marineoffizier und Mitarbeiter des Weißen Hauses namens Charles Robb, aus Milwaukee, öffnet und dafür den Ex und Schauspieler George Hamilton solo in Ohio im Stück “The Philadelphia Story” (auf deutsch bekannt als “Die Nacht vor der Hochzeit”) auftreten lässt. Screwball-Amerika. Weiterhin weiß die Tante zu berichten, wie sich Bobby Fischer beim Solidaritäts-Schachturnier im wiedererbauten Skopje schlug, von dem Schach-Aficionados heute noch ganz gern sprechen und zwar nicht allein, weil sich Fischer dort gewohnheitsgemäß als Diva inszenierte sondern auch, weil er gegen Efim Geller verlor. Zum dritten Mal in Folge Das Turnier gewann er dennoch.

Ebenfalls zu berichten weiß die Tante New York Times von einem Vorschlag des heute weitgehend vergessenen Soziologen Charles P. Loomis, der auf einer von ihm geleiteten Konferenz angesichts der Black-Power-Bewegung ein “Second Israel for Negroes” forderte und zwar in den Tälern der Anden, was aus seiner Sicht besser wäre, als die Konzentrationslager, die ansonsten unvermeidlich würden. Seine Fachkollegen retten den Anstand ihrer Disziplin ein Stück weit, da sie die Agenda lieber auf die Forderung nach einer allgemeinen Verurteilung des Vietnam-Kriegs und die Forderung nach einem sofortigen Truppenrückzug lenken wollten. (John Leo: Sociologist urges ‘a second Israel’ in Andes for Negroes. In: New York Times, August 31, 1967, S. 18). Darunter abgedruckt: Vier Langspielplatten mit Brahms-Aufnahmen der Deutschen Grammophon gibt es in den Filialen von Sam Goody Inc. für $ 7,49 bei Vorlage der Anzeige. Uwe Johnson: “Eine ältere Person. … Gesine stellt sich Alter vor, eine hagere Figur, harte Falten im Gesicht, bittere Mundschwünge, allerdings dunkle und elegante Kleidung. Beharren auf hochgesteckten Frisuren, eine verkratzte Stimme, Lächeln nur in den Augenwinkeln. Nie Jähzorn.” (Uwe Johnson: Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1985, S.38)

Ansichtskarte Tscherkassy
Ansichtskarte Tscherkassy – Häuser und Boulevard gibt es noch, einige wenige Menschen, heute hochbetagt, möglicherweise auch. Die Laternen wurde ausgewechselt, der Belag der Trottoirs ebenso.

Über Tscherkassy weiß die Tante Times seit 1944 nichts mehr zu erwähnen und daher ist den New Yorker Leserinnen und Lesern auch das Kaufhaus УНИВЕРМАГ am Shevchenko-Boulevard (Бульвар Шевченка) mutmaßlich weithin unbekannt, den Menschen in Tscherkassy dagegen eher vermutlich wohlvertraut, befindet es sich doch an der Hauptstraße der aufstrebenden Großstadt am Ufer des dort sehr breiten, mehr See als Fluss Dniepr. Das Kaufhaus steht fast genau quer gegenüber dem vier Meter hohen Shevchenko-Denkmal der Stadt, sofern die historische Konstruktion des Blickes stimmt. Den bronzenen Shevchenko gab es  zum Zeitpunkt der Ansichtskarte noch nicht allzu lang zu bewundern – die Arbeit eines Bildhauer-Teams um den sowjetischen Statuen-Großmeister Makar Kondratovich Vronsky entstand drei Jahre zuvor und fand ihren Platz vor dem Gebäude eines heute unspektakulär anmutenden für seine Zeit aber ziemlich modernen Theaterneubaus  aus dem Jahr 1965 (namens, natürlich, Shevchenko) unter anderem mit der ersten beweglichen Bühne der Ukraine, der fast genau 50 Jahre nach seiner Eröffnung leider ausbrannte. Das Kaufhaus selbst scheint noch zu existieren. Allerdings hat man irgendwann die schöne schlichte Hängetypographie entfernt und auch die beeindruckende Laterne überstand die Jahre nicht und wurde irgendwann durch eine doppelte Peitschenlampe ersetzt. Am Bild fällt weiterhin vor allem auf, wie schlecht die Druckqualität dieser Ansichtskarte ist, was weiteres Spurenlesen erheblich erschwert. Ein Objekt, das möglicherweise wie eine Straßenbahn anmutet (hinter der Laterne) ist übrigens mit Sicherheit keine. Denn obwohl sich die Bürger (vielleicht auch Bürgerinnen) von Tscherkassy in den 1950er Jahren für die Einrichtung eines Straßenbahnnetzes stark machten und sogar ein städtebauliches Konzept dafür entwickelt wurde, entschied man sich 1957 endgültig dagegen und setzte von da an auf Oberleitungsbusse.

Auch textseitig sind der Rekonstruierbarkeit des Kartenkontexts Grenzen gesetzt. Frankiert ist die Ansichtskarte, die wie erwähnt als Auslandspost befördert wurde, interessanterweise mit der die Tadschikische Sowjetrepublik würdigenden Gedenkmarke zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution, die am 04. August 1967 ausgegeben wurde. Zumindest die Briefmarkenkataloge kennen auch eine ukrainische Variante. Andererseits leuchtet es ein, wenn eine alle Republiken der UdSSR gleichermaßen feiernde Ausgabenserie auch die Einzelmarken quer durch die Postämter von Litauen bis Kirgisien gestreut an die Postschalter kommt. Der Poststempel ist recht gut lesbar, hat sogar Hammer und Sichel im Stern und verweist auf eine Bearbeitung am 03.September. Dann ging es für die Karte nach Komorow, wobei die Handschrift des / der Absenders / Absenderin zunächst nicht ganz eindeutig feststellbar zu machen scheint, welches der diversen möglichen Komorows gemeint ist. Am Ende ist es aber doch ganz leicht, wenn man die Angabe der Straße sorgfältig liest und es zeigt sich, dass die Reise nach Komorów (powiat pruszkowski) führte, einer Kleinstadt am Flüsschen Utrata, das mittlerweile vom Großraum Warschau verschluckt wird. Wer sich nicht nur für das Dreigestirn der unglaublichen Kochshow Master Chef Australia begeistert, sondern auch gern den polnischen Ableger des Fernseh-Franchise sieht, kennt damit auch das bekannteste Kind der kleinen Stadt, die Kochshowjurorin Magdalena Gessler. An die Gesslers bzw. Ikonowicz’, so ihr Geburtsname, ging die Karte leider nicht, was auch sehr spannend gewesen wäre, ist ihr Vater doch ein bekannter Journalist und war ein Freund von Ryszard Kapuściński. Ob es diesen auch einmal nach Tscherkassy verschlug, ist so schnell nicht ermittelbar. Zum Inhalt der Karte bleibt wenig zu sagen, was einerseits dürftigsten Polnischkenntnissen und andererseits wiederum der flott geführten Handschrift geschuldet ist, in Kombination also zwei Schwächen unglücklich verschnürt vorliegen, da man oft nicht einmal nach Wahrscheinlichkeit raten kann, was ein konkretes Wort eventuell meint. Es ist aber eindeutig ein Gruß in der Familie, da Mutter und Vater angesprochen werden, viel von Liebe und Vermissen die Rede ist und am Ende mag es vielleicht auch ganz in Absicht der Korrespondierenden des Jahres 1967 sein, wenn ihre Kommunikation zwischen Tscherkassy und Komorow auch 50 Jahre später nicht durch irgendeine kurz aufflammende Neugier allzu sehr in die digitale Öffentlichkeit gezerrt wird. Insofern muss dies als kurzes Blinzeln zurück in die Welt von 1967 reichen.

(Berlin, 02. April 2018)

 

Ein Kindergarten auf einem Dach in Suhl. Und einige Überlegungen zum Umgang mit dem Erbe der DDR-Architektur.

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Die Philokartie, also die Auseinandersetzung mit Ansichtskarten, ist nicht nur ein Konzept analog zur Philatelie, sondern enthält fast zwangsläufig eine Dimension, die sich die Briefmarkenkunde unter dem Label “Social Philately” erst mühsam unter ihre Lupe holen musste: die Frage des sozialen Gebrauchs. Dies ergibt sich schon aus dem Gebrauchszweck einer Ansichtskarte. Sie ist das soziale Medium schlechthin, Trägermittel von Botschaften natürlich zwischen Sendenden und Empfangenden (und dann obendrein von Postwertzeichen) und darin eingebettet Übermittlungsform eines Motivs, das, wie bewusst auch immer ausgewählt, einen Ausschnitt Welt oft unerwartet von einem Lebensort und einem Zeitpunkt in einen anderen transportiert. Wie dieser Ausschnitt gestaltet ist, von wem, zu welchem Zweck und was sich heute bei der Betrachtung daraus ableiten lässt über die damit verknüpften Bild- und Kommunikationskulturen, lässt jede Ansichtskarte,  zum Zeugnis und zum Bedeutungsträger werden.

Je nachdem, welche Zeugnisse einen finden, verschiebt sich unvermeidlich die Welt desjenigen, der sich auf eine Karte einlässt und sie ein wenig länger betrachtet. Man liest eine Ansichtskarte auch motivseitig. Für jemanden, der sich irgendwann während der Bildungssozialisation in die Semiotik fallen ließ, ist ein Bild ohnehin immer zugleich Text, dabei meist sehr offen und verschlossen in einem, weil das Sichtbare selbst Dutzende denkbare Subtexte in sich trägt und damit notwendig auch diverse Lesarten. Eine Ansichtskarte kann Gedicht, Prosa oder Fachtext sein. Sie kann als fotografisches, soziologisches oder kulturgeschichtliches Zeugnis durchdrungen werden. Wie man sie erschließt, hängt mehr denn unvermeidlich vom Vorwissen und -leben der jeweilig Lesenden ab.

Im aktuellen Beispiel ist mein Assoziationsrahmen auf den ersten Blick äußerst schmal. Die Ansichtskarte zeigt eine Ansicht aus Suhl, einer Stadt, mit der ich nur das Stichwort “Jagdwaffen” verbinde und zwar deshalb, weil ein vom Hallenser Gebrauchsgrafiker Lothar Grünewald gestalteter Briefmarkensatz “Jagdwaffen aus Suhl” aus dem Jahr 1978 einige Jahre nach Ausgabe zu den ersten Sammelstücken in einem Kinderbriefmarkenalbum gehörte und entsprechend so intensiv betrachtet wurde, dass der Zweitklässler der ich war, für eine kurze Zeit zielsicher ein Schnapphahngewehr von einem Drilling unterscheiden konnte. Thematische Briefmarken sorgen wahrscheinlich wirklich für eine Lust am enzyklopädischen Wissen, auch wenn es so fleckenhaft gestreut auch vergänglich sein muss. Anwenden konnte ich dieses Wissen nämlich nie.

Suhl also, so gut wie nie im Fokus in einer Kindheit in der Planstadt Eisenhüttenstadt und auch später ergab sich kein Anlass einer Reise. Auf der Karte der persönlichen Erinnerung ist Suhl daher ein weitgehend unbeschriebener Ort. Die Ansichtskarte ist es leider auch. So wie sie aus dem Laden kam, überdauerte sie 40 Jahre an undokumentierten Orten, um sich nun auf meinem Schreibtisch einzufinden. Was kann ich also aus ihr lesen?

Ansichtskarte Suhl 1977, Kindergarten auf dem Dach des Warenhauses "Centrums"
Ansichtskarte Suhl 1977, Kindergarten auf dem Dach des Warenhauses “Centrums”, Auslese-Bild-Verlag, Bad Salzungen

Aus Sicht des Philokartisten fällt als Detail zunächst auf, dass nicht der DDR-Ansichtskarten-Platzhirsch “Bild und Heimat” aus Reichenbach im Vogtland die Karten drucken ließ, sondern der kleine “Auslese-Bild-Verlag”, seit 1972 ansässig in Bad Salzungen, vorher als Postkartenverlag in Oberschlema gemeldet, das immerhin nur eine halbe Stunde von Reichenbach entfernt liegt. Der Nachfolger existiert unter dem Namen Burghard Verlag immer noch und druckt unter anderem auch Ansichtskarten aus Suhl. An diesen lässt sich wiederum gut ablesen, wie viel vergangene Zeit und überformter Zeitgeist zwischen der oben gezeigten Ansicht und dem aktuell Gängigen liegen. Die Idee des per se Zeigend-Fotografischen scheint weitgehend abgelegt. Man setzt nun auf grelle Bildcollagen, für die wenigstens meine individuelle Philokartisten-Passion absehbar leider kein Schubfach öffnen wird.

Die Aufnahme der gezeigten Karte aus dem Jahr 1977, zu der die Karte leider keine/n Lichtbildner/in benennt, ist motivisch sehr auffällig. Der Blick geht direkt von einer Wiese auf die Dachlandschaften Suhls und eine Neubausiedlung am Horizont auf den Höhenzügen um das Tal, das Lauter und Hasel in die Landschaft geschnitten haben. Der Schluss, dass wir auf einen Dachgarten schauen, liegt nah, aber man muss es sich dennoch zunächst einmal vergegenwärtigen. Versteht man, was dahinter steht, lässt sich durchaus nachvollziehen, was Menschen meinen, wenn sie sagen, dass ja wohl nicht alles schlecht war in der DDR. Denn die Idee hinter dem Dach- der auch ein Kindergarten ist, ist beeindruckend, vor allem, wenn man berücksichtigt, wie die Versorgungslage mit Kinderbetreuungsplätzen in einer Stadt Berlin gegenwärtig aussieht.

Als man in den 1960er Jahren das CENTRUM-Warenhaus in Suhl plante und errichtete, dachte man nicht nur daran, dass es sich um ein maßgebliches Leistungsschaustück der zeitgenössischen DDR-Architektur handeln sollte, für das der Vorzeigegestalter Fritz Kühn noch ein letztes Mal sein Gestaltungwissen für die Fassade bildende Leichtmetallstruktur einbrachte. Sondern man schuf auf dem Dach einen Betriebskindergarten für die Kinder der in der Mehrzahl Mitarbeiterinnen des neuen Warenhauses mit 84 Plätzen, Spielwiese, Planschbecken und wie man sieht auch Kletterbäumen, kindgerechter Kunst am Bau (möglicherweise von Ali Kurt Baumgarten), die bei genauerer Betrachtung sogar eine Rutsche zu integrieren scheint, sowie einer Skulptur, offenbar mit beweglichen Teilen, die für einen Kindergarten vielleicht ein wenig zu zackig erscheint, am Ende habe ich nur die eine Ansicht und keine weiteren Informationen. Und auch wenn Kindergärten in der DDR im Konkreten oft unbestritten den allgegenwärtigen Kollektivgeist zu sehr zu forcieren versuchten, ist doch die Grundidee, den Kindern Licht und Luft und einen großen Teil des Dachs zu schenken, als beeindruckend schön anzuerkennen, selbst wenn er als Anreiz in der chronisch mit Arbeitskräften unterbesetzten DDR vermutlich sogar Voraussetzung war, um überhaupt genug Personal für das neue Kaufhaus anwerben zu können.

Die Ostmoderne des Jahres 1969 präsentiert sich nicht nur aber besonders mit diesem Detail in einem imponierenden Bekenntnis zum menschlichen Maß, selbstverständlich immer eingeordnet in ein aus der Rückschau (=Presseschau) erschreckend trübsinniges real-sozialistisches Renommiergehabe, das den ostmodernen Gestaltungsgeist doch eher unangenehm von den auch sozialreformerischen Ideen der Moderne vierzig Jahre vor dem Umbau des Suhler Stadtzentrums abhebt. Das Versprechen vom kommenden Glück, das die DDR der Bezirkshauptstadt architektonisch einschrieb, war leider auch immer tonal eingefasst in eine Rechthaberei, die wenige, bestimmte Deutungen und Nutzungen förderte, jede noch so vorsichtige Alternativen aber grundsätzlich kleinhielt oder ausschloss.

Woraus sich generell ein sehr grundlegender Widerspruch ergibt, der auch in den heutigen Debatten um das Erbe der Ostmoderne seinen Widerhall findet, wie unter anderem aktuelle Diskussionen zur Robotron-Kantine in Dresden bestätigen. Wie gehen wir damit um, dass wir teilweise einzigartige und oft außerordentlich gelungene architektonische und städtebauliche Lösungen vor uns haben und andererseits um die Kehrseiten wissen, um die Kleingeistigkeiten, Petitessen, den Kontrollwahn und die Inkompetenzen? Die DDR zeigte sich gern mit fröhlichen Kindern in den Planschen der weitläufigen Ostmoderne. Aber daran hängt unabtrennbar auch das Wissen zum Beispiel um die Grausamkeit der Jugendwerkhöfe, die quasi-nepotistischen Filter der Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten, die Fahnenappelle und die Demütigung der Bausoldaten und überhaupt die Schikanen, die alle treffen konnten, die nicht beim heilen Weltbild einer zumindest im Rückblick erschreckend unkoordinierten und eigentlich nie sonderlich den Ideen der Moderne zugewandten Dogmatik folgen wollten. Ein Dilemma des Landes DDR war vermutlich durchgängig, dass man konstruktive und integrative Möglichkeiten zum Umgang mit Vielschichtigkeit und vielleicht auch Devianz kaum suchte noch fand und einzig den Werkzeugkasten von Repression und Ausschluss zur Verfügung hatte, um auf das zu reagieren, was unbequeme Fragen und Zweifel aufwarf.

Man kann einerseits nur staunen und wertschätzen, wie gelungen und vorwärts gewandt die Formgebung beispielsweise der Treppenanlage von Waldo Dörsch für das Suhler Warenhaus war, wie überzeugend der Warenhaus selbst und wie architektonisch und raumgestalterisch so erbärmlich und dreist die nachwendliche Shopping-Mall-Fantasiearmut oft ausgerechnet die gelungensten Erbstücke der DDR-Architektur in Grund und Boden bügeln durfte. Zugleich bleibt zu beachten, dass diese Kleinode der DDR-Architektur in vielen Fällen notwendig Ausnahmen blieben, bewusst im Kampf um internationale Anerkennung und als Überlegenheitsdemonstrationen für den Sozialismus gesetzte Akzente, die sehr viel von dem überdeckte, das ziemlich exakt 30 Jahre nach Eröffnung des CENTRUM-Warenhauses in Suhl zur endgültigen Implosion der Gesellschaft führte, einer Gesellschaft für die der wunderschöne und sehr offensichtlich ansichtskartentaugliche Dachkindergarten eines zahlreicher unhaltbaren Zukunftsversprechen war.

Wir können heute bequem die Anbetung der Leuchtturmobjekte der DDR-Architektur kultivieren und uns an digitaltechnologisch perfektionierten fotografischen Inszenierungen der Plattenbausymmetrie ergötzen. Aber wie viel lernt man daraus und was folgt eigentlich auf das Staunen und Liken? Sofern man nur den perfektionistischen Kult der Architekturfotografie auf den Gegenstandsbereich der Ostmoderne anwendet, poliert man eigentlich nur die Tonalität der Ansichtskarten- und Selbstlegitimationsbroschüren der DDR auf, was im Grunde seltsam anachronistisch wirkt. Nostalgie als Annäherung ist zweifellos nur natürlich und ebenso nachvollziehbar wie das Anhimmeln und die Freude an beeindruckender oder sonderbarer Formgebung und Konstruktion. Aber sie ist kein Diskurs, nicht einmal Lektüre, sondern allein Sentiment. Es mag vielen reichen, aber wenn man etwas mit dem Feld anfangen möchte, das über eine Selbstbestätigung hinausgeht, braucht es auch Reibung, Kontext und das Abwägen von Positionen. Diskurs ist idealerweise Raum, nicht Projektionsfläche.

Die Zwiespältigkeit, die der Ostmoderne unvermeidlich immer eingeschrieben ist, entschuldigt freilich nirgends die unzähligen kalten Ziellosigkeiten der neoliberalen Gegenwart und erhebt keines der seelenlosen Folgeobjekte aus dem ECE-Typenkatalog (und anderen) über eine Kritik, die aus architektonischer, stadtplanerischen und auch sozialer Sicht nahezu durchgängig als vernichtend ausfallen muss. Gerade weil sich hinter Städtebau und Architektur der DDR deutlich mehr als die Geometrie der Aluminium-Fassaden verbirgt, besitzt auch sie einen Zeugnischarakter, den man als geschichtliches Kulturwesen nicht gedankenlos je nach Tagesform und / oder Investitionsversprechen überschreiben oder auslöschen sollte. Es ist zumindest aus meiner Warte bedauerlich, dass bei Abrissen und Umbauten von Objekten der Ostmoderne den Bau- und Abrissherren nicht wenigstens eine umfassende Dokumentationspflicht auferlegt wird und diese Dokumentationen der Öffentlichkeit frei zur Verfügung gestellt wird. Die digitale Gegenwart bietet dafür jedenfalls die erforderlichen technischen Möglichkeiten. Wie viel überliefert wird, liegt allerdings meist unstrukturiert in den Händen privater Liebhaber*innen. Ob das systematisch, nachhaltig und umfassend genug sein wird, um die entscheidenden Spuren lange genug zu überliefern, ist offen, oft trotz allem Engagements auch fraglich. Die zum Themenfeld existierende Forschung erlebt in den letzten Jahren und in vielen Fällen bestimmt zehn Jahre zu spät wahrnehmbar eine Blüte, jedoch  nur eine kleine.

Ein hoffnungsvolles Zeichen lässt sich ebenso auf dem Buchmarkt erkennen, auch wenn zahlreiche der Titel zur Architektur der DDR rein affirmativ, ästhetisierend oder nostalgisch sind und bewusst jeden übergeordneten Diskurs vermeiden. Als Materialsammlungen werden sie jedoch zukünftig eine wichtige Rolle spielen, gerade weil ihr Gegenstand verschwindet, so wie übrigens auch die Zeitzeuginnen und -zeugen. Was Folgegenerationen, die sich von der DDR-Ästhetik und Architektur oft erstaunlich berührt zeigen, aus dem Themenfeld machen werden, welche Narrative sie aufgreifen und entwickeln, welche Lesarten sie ansprechen, wird spannend zu beobachten sein. Die Möglichkeiten einer direkten Begegnung schwinden naturgemäß durch das Umbau- und Abrissgeschehen, das hoffentlich demnächst selbst in den Fokus von Forschung und retrospektiven Diskurs rücken wird. Dass beispielsweise die Stadt Suhl wie so viele andere Gemeinden Ostdeutschlands das einzigartige architektonische Kapital aus welcher Not auch immer und für viel zu häufig fragwürdige Kurzzeiteffekte derart radikal und leichtfertig geopfert hat, ist nämlich ein Kapitel für eine nicht nur architekturhistorische Aufarbeitung, das zu schreiben man noch gar nicht begonnen hat.

(Berlin, 17.03.2018)

Die Welt am Platz des Gedenkens: Über einen Stadtraum und eine Ansichtskarte aus Stalinstadt.

Die unlängst zu Ende gegangene Peter-Zumthor-Ausstellung im Kunsthaus Bregenz hat der Welt etwas ziemlich Wunderbares hinterlassen. Nämlich eine schmale Broschüre mit einfühlsamer und sprachzarter Prosa von Marcel Beyer. Kleine Bilder in dunklen, schmutzigen Farben – der Titel zurückhaltend, grau auf makellosem Weiß. Darin: Assoziationen aus Provinzen, von Trebatsch bis Tomioka, vom Schwielochsee bis zum Chemnitzer Küchwaldpark. Und mittendrin folgende, etwas härter Richtung Reisefeuilleton strebende Betrachtung:

“Von einem Eisenhüttenstadt-Krimi oder einem Guben-Krimi habe ich noch nie gehört. Die Plastinatorenfabrik ergäbe ein klassisches Versteck in Poe’scher Manier. Irgendwo um das Sowjetische Ehrenmal in Eisenhüttenstadt oder in den Grünanlagen an der Lindenallee könnte eine Leichte unentdeckt liegen von Sonntagnachmittag bis weit in den Montag hinein. Ausreichend Zeit, um Zeit zu verwischen.” (Marcel Beyer: Kleine Bilder in dunklen, schmutzigen Farben. Bregenz: Kunsthaus Bregenz. September 2017. S.9)

Ja., vermutlich könnte sie, vielleicht auch in einem dieser Ostbrandenburger Polizeiruf-110-Folgen des rbb. Alte Rechnungen aus dem Eisenhüttenkombinat, die Spur einer Fehde zwischen einem EKO und einem Stadt-Funktionär, die Gespenster des in der DDR ignorierten und nach der Wende planierten STALAG III B, ein Sturz in der Ruine des Kraftwerks Vogelsang, ein Axthieb im nebligen I. Wohnkomplex in schöner Fritz-Selbmann-Tradition. Eine Szenerie zumindest lässt sich leicht ausdenken. Und der Platz des Gedenkens mit seinem Obelisken obenauf und den Gebeinen von Kriegsgefangenen darunter, der Platz auf dem Walter Ulbricht im Mai 1953 den Plan für den Aufbau von Stalinstadt verkündete, ist heute trotz zentraler Lage am Sonntagabend wirklich ein Ort der Stille, gebrochen höchstens von einem rastlosen Jugendlichen, der sein aufgetuntes Auto von der Karl-Marx-Straße zur Lindenallee beschleunigt, um zu sehen, ob vielleicht doch noch jemand anderes unterwegs ist. Ein paar mehr Menschen als 1953 leben noch in der Stadt, mehr sogar noch als das Zehnfache sogar, was etwa der Hälfte der Einwohnerzahl von 1989 entspricht. Aber sie tun das auf deutlich größerer Fläche und in einem Durchschnittsalter, das auf eine interessante und verquere Weise an die einst “jüngste Stadt Deutschlands” erinnert. Viele der jungen Zuwanderer der 1950er und 1960er Jahre sind geblieben, ihre Kinder und Enkel in deutlich geringerer Zahl. Die sind jetzt in Berlin, Weimar, Hamburg oder Melbourne. Und kommen nie zurück. Aber nicht nur das: Der ohnehin traditionell mehr auf Daheimlichkeit und Kleingarten ausgelegte Lebensstil war schon immer eher ein Bremsklotz für die Entwicklung eines öffentlichen Lebens. Das höchste erreichbare Ziel in der Stadt war ein eigenes Häuschen in der Werksiedlung, in dem man in Sommernächten die Tonspuren der auf der Freilichtbühne gezeigten Filme von der Terrasse aus erleben konnte. Für die meisten derer, die zum neuen Werk und seiner neuen Stadt strömten, blieb die Hügellage wie auch überhaupt ein eigenes Haus unerreichbar. Die eigene Gartenlaube dagegen, das ging. Kam aber erst später.

Die Stadtplanerin Gabriele Haubold beschrieb Anfang der 1990er die Wesensart zumindest dieser Generation

„Hier sind die Leute dickschädelig und poltrig. Wer hier von Beginn an dabei war, hat zunächst wie ein Goldgräber gelebt, im Dreck, einer kleinen Hütte mit einem Kanonenofen, und mußte bei Wind und Wetter raus. Das prägt einen Menschenschlag.” (zitiert nach Hannes Bahrmann: Die Zukunft des Stahls entscheidet über die Lebensqualität. In: Neue Zeit, 24. Februar 1993, S. 20)

Offenbar prägte es den Menschenschlag so sehr, dass sie gerade nachdem auch die verordneten Zusammenkünfte im öffentlichen Raum entfielen, den reichlich vorhandenen öffentlichen Raum nur noch sehr selektiv als solchen nutzen. Weihnachtsmarkt, Turmblasen und Stadtfest, das geht. Das Phänomen des Flaneurs wird dagegen erfahrungsgemäß hauptsächlich durch auswärtige Besucher in die so wunderbar fußgängerfreundliche Stadt getragen, wobei sich bei Vorliegen einer Verwandtschaft hin und wieder auch die angestammten Einwohner aufraffen und mitlaufen.

Der Platz des Gedenkens in Eisenhüttenstadt im Sommer 2015
Gleichschritt erlebt am ehemaligen Platz der DSF eher nur noch zufällig. Was auch ganz gut ist. Aber Schritte durcheinander, also eine lebendige Nutzung, hätte die Fläche trotz aller Erhabenheit durchaus verdient.So wie der Stadtraum in Eisenhüttenstadt überhaupt. Aber wie? (Platz des Gedenkens in Eisenhüttenstadt im Sommer 2015, Foto: Ben Kaden)

Andererseits ist die Zahl der Ziele, die sich an einem Sonntagabend ansteuern lassen, äußerst gering und man mag eben nur soundso oft um den Block spazieren, gerade auch, weil das für Städte dieser Größenordnung übliche Zucken der Vorhänge in den unteren Etagen verdeutlicht, dass die Wohnkomplexe zwar auf den Straßen leer, in den Häusern aber wachsam sind. Außerhalb der Küchenfenster trifft man bestenfalls noch jemanden, der seinen Hund ausführt und womöglich den Platz unter dem Stern an einem Sonntagabend quert, ein Platz, der nun wieder in der Tat so liegt, dass man einige versteckte Eckchen findet, in die auch kein Blick aus dem Fenster gelangt. Wird der Hund anschlagen? Wird jemand nachsehen, wenn es im Gesträuch hinter den Gedenktafeln mit den Namen der hier mutmaßlich bestatteten sowjetischen Offiziere knistert?

Das mögen ein Regionalkrimirautor oder eine Drehbuchschreiberin beantworten. Festzustellen bleibt allein, dass sich die Ansicht, die sich Besuchern des Platzes zu einer Sonntagsstunde bietet, zwar in Einigem von der Szenerie einer Ansichtskarte des VEB Reprocolor aus den frühen 1950er Jahren unterscheidet. Die Bäume sind einander erheblich zugewachsen. Autos in einer 1953 und damit auch für die Stadtplaner unvorstellbaren Dichte säumen die kleinen Straßen, halb auf der Fahrbahn, halb auf dem Gehsteig. Aber mehr als zwei Menschen, also hier vermutlich Mutter und Kind und dort eine kleine, auf der Fotografie etwas verwaschene Gruppe, wird man selten flanieren sehen. Wohin auch?

Die jüngeren Menschen streben dagegen naturgemäß durchaus nach einem geselligen Aufenthalt im Freien, promenieren aber tatsächlich eher die Lindenalle hinunter oder verweilen an einer Parkbank, bisweilen mit dem traditionellen Ziel aller Halbstarkengenerationen, die Bandbreiten des Berauschtseins gemeinschaftlich zu erkunden. Bis in die 1990er Jahre hinein war es, wie mir gerade einfällt, eine übliche Praxis, dieses “Abhängen”, viel später “Chillen” auch vor bzw. in Hauseingängen zu zelebrieren. Man sprach von Cliquen bzw. Jugendcliquen, ein Wort, das im Vokabular der DDR nicht selten mit dem Ausdruck Rowdytum korrelierte. Noch um 1994 wusste eine solche Gruppe im frisch eröffneten Skateboardpark der Stadt den beiden damaligen Skateboardern der Stadt auf die Bitte, die Miniramp nicht durch das Hineinhängenlassen der Beine zu blockieren, mit dem Vorzeigen eines Schmetterlingsmessers entgegenzutreten, woraufhin einer der Skateboarder das nächste Mal eine Axt(!) einpackte und ich, der zweite Skateboarder, erst einmal woanders rollen ging. Die kurzen Wege der sozialen Netzwerke in Eisenhüttenstadt erwiesen sich freilich als auf unserer Seite stehend: Aus Schule und Nachbarschaft kannte man jemanden, der jemanden kannte und im Ergebnis war eine friedliche Koexistenz von zwei Skateboardern und der kleinen Truppe mit dem Messer etabliert, die aber deshalb eher kurz währte, weil der Skatepark den Nicht-Skateboardenden schnell zu langweilig wurde oder zu uncool, denn neben den Skateboardern gehörten vor allem Grundschüler mit Rollerskates und Kinderfahrrädern zum Stammpublikum der Anlage. Insofern stellte sich die berühmte Spielplatzerkenntnis auch hier ein: Jugendliche lieben solche Orte als Treffpunkte, verabscheuen aber die Gegenwart von Kindern, die zum Beispiel ungebremst einen Sandkasten mit sogenannten Klingelfahrten umzirkeln oder lautstark Klettergreife spielen. Cliquentauglich sind Klettergerüste und Skateboardrampen erst Richtung Dunkelheit und da rollten wir frühen Rollbrettler entspannt wieder Richtung VI. Wohnkomplex davon.

Ansichtskarte Wohnblock 11 in Stalinstadt
An Autos fehlts im Quartier. Noch. Ansichtskarte mit dem des Wohnblocks 11 in Stalinstadt aus den frühen 1950er Jahren.

Der Platz des Gedenkens war aufgrund seiner Bepflasterung niemals im Blickpunkt der Skateboarder der Stadt, zieht aber zumindest im Sommer hin und wieder Gruppen junger Menschen zum Verweilen an, die jedoch keiner mehr Cliquen nennt. Viel mehr an zwischenmenschlichen Aktivitäten lässt sich dort darüber hinaus nicht beobachten oder sowohl Marcel Beyer als auch ich sind immer zum falschen Zeitpunkt da.

Man darf, wie oben schon angedeutet, für die frühen 1950er Jahre mit Sicherheit davon ausgehen, dass es in der Jugend der Stadtbiografie, also in den Jahren namens Stalinstadt, zwangsläufig intensivere Platznutzungen gab. Die Zahl der Lokale für die Stahlgoldgräber war zudem äußerst überschaubar und deren Mangel auch ein Grund, warum der 17. Juli 1953 in Eisenhüttenstadt nicht ganz reibungsfrei verstrich. Nicht zuletzt zur Beruhigung errichtete man schnell die Großgaststätte Aktivist mit einem viel genutztem Tanzboden, auf dem sich so manche Energie und Lohntüte loswerden ließ. Eine in dieser Hinsicht aufschlussreiche Beobachtung bekommt man auch bei Helga M. Novak um die Ecke (eine Ecke, die ein Hafen in Island ist), die in ihrem Erinnerungsbuch Im Schwanenhals schreibt:

“Nicht weit […] entfernt standen andere ihrer Zunft um eine lodernde Tonne. Sie streckten die Hände dem Feuer entgegen und ließen eine Halbliterflasche reihum gehen, auf deren schwarzumrandetem Etikett stand Svarty Daudi: Schwarzer Tod. Den kannte ich schon. Die Männer boten mir an mitzutrinken, direkt aus der Flasche. Die nächsten zwei Flaschen bestritten sie von einem Haushaltsgeld. Vielleicht war ich doch nicht so falsch? Es erinnerte mich ans Eisenhüttenkombinat Ost in seinen wildesten Zeiten.” (Helga M. Novak: Im Schwanenhals. Frankfurt/Main: Schöffling, 2013, S. 152f.

Als die gezeigte Ansichtskarte am 12. November 1954 aus Berlin Richtung Nizza reiste, war Helga M. Novak bereits in Leipzig um an der Fakultät für Journalistik zu studieren und ahnte vermutlich in keiner Weise, welche verwinkelten Wege des Lebens sie in den kommenden Jahrzehnten zwischen Erkner, Island und Italien und immer wieder Berlin (und Grünheide) und mehrfach Leipzig erwarten würde. Aber keine Rückkehr nach Stalinstadt bzw. Eisenhüttenstadt. Sie würde also nicht sehen, wie die Bäume vor dem gezeigten Wohnblock Nummer 11 der Stadt wachsen würden,  der auf der Ansichtskarte als Ingenieursblock ausgewiesen wurde und in der Praxis ein bisschen besser als die restlichen Blöcke drumherum ausgestattet war. Und auch außen, übrigens, denn beide Giebel erhielten je ein Wandbild aus gutem Meißner Porzellan, das in der zeittypischen Ästhetik die Solidarität der Werktätigen (Südgiebel) und das private Glück daheim mit Katze und Kleinfamilie (Nordgiebel) in den Stadtraum leuchten lässt.

Der Text der Karte, die ein – so meine Entzifferung – Gilbert an einen Jacques mit einer Adresse bei der Verbandszeitung  La Fédération postale, der offiziellen Publikation des Nationalen Verbands der französischen Post-, Telegrafen- und Telefonarbeiter schickte, rapportiert eine Handvoll Fakten, die man sich als Leser von Heinz Glades Buch Begegnungen in Stalinstadt (Berlin: Kongress-Verlag, 1961) wohlgeformt aus dem Munde eines offiziellen Presseverantwortlichen der Stadtverwaltung rollend vorstellen kann: Es ist die erste sozialistische Stadt der Deutschen Demokratischen Republik, gegründet 1951, aktuell 11.000 Einwohner, geplant ist sie für 35.000 Einwohner, das Kombinat hat 6 Hochöfen (hauts fourneaux). à bientôt..

So entstehen Aufregung und Freude über die Addition der Karte zur kleinen Sammlung mit Eisenhüttenstadt-Motiven weniger aus einer bahnbrechenden Botschaft als aus der Tatsache, dass es offenbar eine ganze Reihe von ausländischen Abordnungen und Besuchern (siehe auch diesen Beitrag) in den frühen Jahren der Planstadt gab, die, wie es wohl die Abordnungskultur auch hoffte und plante, Ansichten von einer werdenden sozialistischen Idealstadt in die Welt sandten. Die darin eingebettete Friedfertigkeit berührt freilich aus einem ganz anderen Grund: Hin und wieder findet man auf einschlägigen Börsen posthistorische Stücke, die etwa zehn Jahre zuvor ganz aus der Nähe der Stalinstadt ins Ausland abgingen. Auf den Vordrucken stand oben in dicken Lettern: Kriegsgefangenenpost.

(Ben Kaden / Berlin / 20.Januar 2018)

 

Die Praxis der Annäherung. Einige Gedanken am Sonntag.

Eine der angenehmsten Beschäftigungen für Menschen wie mich, die zum Verständnis ihrer Gegenwart gern auf das Mittel einer Re- oder auch Dekonstruktion von Spuren der Vergangenheit zurückgreifen, ist naturgemäß eine, nun ja, objektsoziologische Annäherung an zufällig auftauchende Zeugnisse. Ansichtskarten sind dafür ideal. Sie sind auf der einen Seite sehr reduziert und konventionalisiert, formal angepasst auf einer möglichst reibungsfreie Verarbeitung in postalischen Transportketten. Auf der anderen Seite besitzen sie, im Gegensatz beispielsweise zu Briefmarken, genügend variable Elemente, um vielschichtige Bedeutungspunkte bis zur Ebene des individuellen, teils hochpersönlichen Gebrauchs durch die Zeit zu tragen. Daher eignen sie sich außerordentlich gut als Bezugsgröße dessen, was man Social Philately nennt.

Hinter diesem Label versteckt sich etwas, was die Philatelie vielleicht tatsächlich über das Sammelstreben nach Vollständigkeit oder den Irrweg der Philatelie als Wertanlage hinaus sinnvoll aktualisierbar hält und zu einer neuen Anziehungskraft führt. Da sich zugleich jede Art von Ephemera – vom Bierdeckel bis zu behördlichen Formularen – potentiell für solche Auseinandersetzungen anbietet, spielt zwangsläufig auch immer die Idee einer Entgrenzung über die schmalen Grenzen des Philatelistischen oder – im Fall der Postkartenkunde – des Deltiologischen hinaus, mit. Abstrakt (oder auch von der Semiotik her) gesehen kann man selbstverständlich jeden Gegenstand diversen Lektüren unterziehen. Der Techniksoziologe Bernward Joerges wurde beispielsweise durch die Aufschlüsselung der Dispositive hinter so einem trivialen Objekt wie einer Mineralwasserflasche bekannt. (siehe auch Joerges, Bernward: Technische Normen sind soziale Normen. Zum Beispiel eine Sprudelflasche. In: Joerges, Bernward: Technik, Körper der Gesellschaft. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1996. S. 119-144)

Ansichtskarte Einkaufsquelle im Kosmonautenviertel in Aschersleben
Ansichtskarte Einkaufsquelle im Kosmonautenviertel in Aschersleben

Exkurs: Am Beispiel einer Ansichtskarte

Es gibt eine Ansichtskarte, deren Motiv eine Schwarz-Weiß-Fotografie der Einkaufquelle – also einer Kaufhalle – im damals noch recht jungen Kosmonautenviertel der Stadt Aschersleben ist. Einige Aufdrucke auf der Rückseite liefern, was man heute beschreibende Metadaten nennen würde. Neben der Motivbeschreibung sind das einige formale Angaben: Die Karte wurde im Jahr 1968 ausgegeben. Verlag war die Gebr. Garloff KG in Magdeburg. Der Einzelverkaufspreis war 0,20 M(ark der DDR).

Betrachtet man die Bildseite sieht man neben drei typisierten Wohnblöcken das durch eine Fassadengestaltung mit Kunst am Bau individualisierte Gebäude der “Einkaufsquelle.” Das Mosaik zeigt einerseits über dem Eingang auf die unmittelbare Gebäudefunktion bezogene Motive – eine Frau mit Einkaufskorb, Lebensmitteln (Fische, Obst, Gemüse), darunter in großen Lettern HO. Die zum kleinen Vorplatz weisende Fassade zeigt dagegen die gesamte Bandbreite der DDR-Alltagsikonografie, mit der die Botschaft des gelingenden Sozialismus allen Passanten präsentiert wird: Eine am Kranhaken hängende Platte des industriellen Wohnungsbaus, in diesem Fall schön selbstbezüglich mit Mosaiksteinen, ein junger Mann mit Flugzeugmodell als Anspielung auf das Luftfahrtzeitalter und zugleich denkbare Beziehung zur Beliebtheit des Themas u.a. auch in der GST, ein Ingenieur, ein Industriearbeiter, ein Junge mit Fahrrad, Friedenstauben, schließlich eine Frau mit einem Mädchen, also offenbar Mutter und Tochter. Eine kurze Recherche offenbart, dass das Wandbild von Wilhelm Schmied stammt, der auch die Einkaufsquelle in Sangerhausen mit einem ähnlichen Wandbild ausgestattet hat. Das Gebäude selbst entstand 1964, entworfen vom Projektierungsbüro VEB Halle-Projekt und dem Projektanten Werner Aster.

Die Aufnahme des leider nicht benannten Fotografen präsentiert dem Betrachter eine unspektakuläre Straßenszene, sicher an einem Wochentag, an der vor allem auffällt, dass sie nur Frauen und Kinder zeigt. Sie reiht sich also recht gut ins allgemeine Hauswirtschaftsverständnis der DDR und den daraus folgenden Mustern der Organisation des Alltags ein. Die Grünfläche im Vordergrund ist ungestaltet, die Kleidung lässt die Jahreszeit Sommer vermuten. Die Einkaufsquelle hat eine Art Informationskarren mit dem bekannten HO-Kaufhallen-Emblem herausgestellt, möglicherweise als Zeichen, dass sie geöffnet ist. Aus dem Laden treten zwei Frauen mit jeweils einer Einkaufstasche, was daran erinnert, dass Großeinkäufe in der DDR weniger alltäglich waren, als wir es heute kennen. Die Kaufhallen waren Orte einer Grundversorgung und nicht des Konsums. Kinderwagen und Kinder stehen vor den Schaufenstern. Die Wohnblöcke sind schmucklos und strahlen ihren Standardisierung bis in die letzten Fuge in den Stadtraum. Zwei Fernsehantennen schmücken das Dach des Vorderen der Blöcke.

Die Blöcke und auch das Gebäude der Einkaufsquelle an der Oberstraße Ecke Hans-Grade-Straße existieren offenbar auch heute noch, was nicht selbstverständlich ist. (vgl. Google-Maps-Luftbild) Zum Zustand der Wandbilder ließ sich leider ad hoc nichts ermitteln.

Individualisiert wird die Ansichtskarte durch zwei Briefmarken (Zuschlagsmarke Unbesiegbares Vietnam, ausgegeben am 08.Mai 1968, gestaltet von Günter Schütz sowie die Briefmarke Königin der Nacht (Selinicereus grandiflores) aus der Briefmarkenserie Kakteen, ausgegeben am 02.12.1970, gestaltet von Manfred Gottschall). Beide Marken und die Karte reisten am vermutlich 30.04.1971 von Aschersleben nach Halver im Sauerland, also über die deutsch-deutsche Grenze.

Den Inhalt auszuwerten und in Beziehung zu setzen wäre Gegenstand einer ausführlicheren Darstellung. Hier soll nur skizziert werden, was sich in wenigen Minuten an Anschlusspunkten für weiterführende Auseinandersetzungen mit einem einzelnen Objekt ermitteln lässt. Deutlich wird, auch mit Blick auf den Stapel an Karten neben dem Schreibtisch, aus dem die vorliegende zufällig gezupft wurde, wie umfangreich sich eine Auseinandersetzung mit den Objekten potentiell gestalten kann. Man könnte zum Beispiel den Postkartenverlag als Ausgangspunkt nehmen, und die Karte im Kontext des weiteren Verlagsprogramms verorten. Oder man geht den Weg in die Städtebaugeschichte der DDR und spürt der Frage der Einzelhandelsarchitektur nach. Die Kunst am Bau, ihre Funktion und ihre Gestaltung bieten sich als weiteres Thema an, auch Wilhelm Schmied und seine architekturbezogenen Arbeiten, genauso die Geschichten des Kosmonautenviertels in Aschersleben, die Sozialgeschichte der Frau in der DDR, ebenso eine fotografiegeschichtliche Auseinandersetzung und schließlich könnte man natürlich auch Senderin und Empfängerin konkret nachspüren.

Bereits eine einzelne gelaufene Ansichtskarte eröffnet zahllose Zugänge, was notwendig überwältigt, weshalb letztlich nur der subjektive und bruchstückhafte Zugang möglich bleibt und die Hoffnung einen Baustein beizutragen, mit dem eines Tages eventuell jemand anderes etwas anfangen können wird. Falls nicht, ist zumindest mit diesem Blogartikel die Existenz der Karte selbst öffentlich und ausdrücklich bezeugt. Und damit ist etwas mehr in der Welt als zuvor.

—————————————————————————-

Im vorliegenden Rahmen und auch in den meisten Fällen der Social Philately wird freilich nicht der akademische Anspruch einer Objektsoziologie einlösbar sein. Anstatt von einer Forschungsfrage auszugehen, um beispielsweise anhand der Drehrichtung des Sicherheitsverschlusses einer Flasche Christinenbrunnen oder der fototechnischen Entwicklung der Ansichtskartenfotografie Erkenntnisse über die techno-normativen Strukturen der allgemeinen Lebenswirklichkeit, Konventionen und Handlungsmöglichkeiten (eine Flasche lässt sich eben nur in die vorgeschriebene Richtung aufschrauben; die Farbfotografie war in der Ansichtskartenkultur der DDR der 1960er Jahre unüblich) abzuleiten, geht es hier um eine reine von der Lust am denkbaren Text getriebene Erkundung auffindbaren Materials. Statt tiefer Deutung mit dem Anspruch maximaler Ausleuchtung setzt diese Annäherungsform auf Aufspüren, Benennen und Verknüpfen. Auch dabei lernt man, aber anders als bei wissenschaftlichen Beforschungsprozessen nicht zwangsläufig auf das Ziel hin, eine möglichst verallgemeinerbare Aussage treffen zu können. Es gibt weder Prämissen noch Thesen noch eine elaborierte Methodologie.

Das bedeutet freilich nicht, dass man nur affirmativ an einer Oberfläche entlang gleitet und jede Kritik hinter der ästhetischen Wirkung verschwindet – ein Phänomen,  das leider häufiger in blühenden Bildkultur zur Ostmoderne, zur Architektur des Brutalismus oder auch, im Sinne eines Baberini-Effekts, zur Kunst der DDR feststellbar wird. Die Abflachung der Objekte auf nostalgische Trigger-Wirkungen, Instagramabilität und / oder geometrie-verliebte Reinszenierungen nimmt ihnen notwendig die Komplexität, die zu verstehen aber notwendig ist, wenn sie mehr sein sollen, als Dekor und Ornament.

Das Anliegen der Praxis, die ich beschreibe und anstrebe wäre folglich die eines Dar-, Heraus- und Über-Stellen der Objekte in Zusammenhänge. Diese Kontexte sind zwangsläufig anders gewählt als in der Wissenschaft, in der jeweilige Fachkulturen und Erkenntnisrichtungen festlegen, was auf welche Weise legitim analysiert werden kann. Solche Zwänge kennt die beschriebene Form der Annäherung mit den Objekten nicht, weshalb sie im Ergebnis in der elaboriertesten Variante im Essay mündet und nicht im Fachaufsatz. Die Aussage bleibt subjektiv und lautet: Schaut! Das gibt es. Und das kann es mir sagen.

Nichts davon schließt aus, dass man sich nicht hin und wieder Anleihen aus der wissenschaftlichen Arbeit holt. Mitunter ist es sogar erforderlich, auch wenn dies in den meisten Fällen der in diesem Weblog behandelten Interessengebiete darauf hinausläuft, dass einfach weitere Quellen auf den Schreibtisch gelangen oder hier und da aus einem Fachtext ein Partikel aufgehoben an dazu gefügt wird. Sowohl Briefmarken als auch Ansichtskarten und sogar das Phänomen der Kunst im Stadtraum (in der DDR) sind aus keiner geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschungsrichtung so tief thematisiert, wie man es sich eigentlich wünscht. Gerade im Bereich der Philatelie ergibt sich daraus die eigenartige Konstellation, dass die Substanz der wenigen wissenschaftlichen Artikel zum Thema bisweilen deutlich instabiler ist als die der Beiträge in den einschlägigen Publikumszeitschriften. Der Diskurs der Wissenschaft zum Thema wirkt so losgelöst von den Diskursen der Freizeitphilatelist*innen, dass er ihn kaum zu berühren vermag. Das ist freilich exemplarisch für eine Vielzahl von extra-wissenschaftlichen Wissenskulturen. Hier Brücken zu bauen wäre ein schöne Aufgabe für zum Beispiel Vermittlungsinstitutionen wie Bibliotheken.

Was man aus der Wissenschaftskultur in dieser Beziehung vielleicht sinnvoll in die freien Interessenskulturen übernehmen kann, ist die Praxis des Bibliografierens. Quellen und Belege sind wichtige Anker und gerade für Einsteiger*innen in ein Feld häufig schwer zu identifizieren. Ob nebenbei zusammengestellte Literaturlisten wirklich einen grundsätzlichen Mehrwert bieten können, der in einem angemessenen Verhältnis zum Aufwand für Pflege und Aktualisierung steht, wird sich zeigen. In jedem Fall sammle ich Quellen, die mir begegnen, für eine Domäne meiner Interessen seit einer Woche grob kategorisiert in einem offenen Netzdokument, dass ich sehr gern für Einsichtnahme und Nachnutzung teile: Bibliografie zu Kunst und Architektur in der DDR mit dem Schwerpunkt baubezogene Kunst und Kunst im öffentlichen Raum (vorläufiger Arbeitstitel) – [bzw. https://retraceblog.wordpress.com/kunst-architektur-ddr/]. Dahinter steht nicht zuletzt der Wunsch, trotz allem eine Art Systematizität und damit Ordnung in die Berglandschaften des Materials zu bringen, die sich eröffnen, wenn man anhand zum Beispiel einer Freiplastik oder eines Wandbilds halbwegs unbedarft um die Ecke biegt und sich mit den Biografien der Schöpfer*innen, den Entstehungsbedingungen und den Rezeptionsansätzen konfrontiert.

Zugleich erfordert auch eine Lektüre aus Freude Lektürekompetenz und damit Basiskenntnisse zu Kunst (und Architektur) als Medienform. In Ansichtskarten kreuzt sich zum Beispiel oft Fotografietheorie mit Postgeschichte. Um einen solchen Schnittpunkt gebührend würdigen zu können, braucht man zumindest Funken von Wissen sowohl zu dem einen als auch zu dem anderen. Letztlich ist es vermutlich das, was sich in der dargestellten Praxis einer Verständnissuche anhand von Zeugnisse manifestiert: Ein Funkenschlagen, verbunden mit der Hoffnung, dadurch mehr zu sehen und zu erkennen. 

(Ben Kaden, Berlin, 14.01.2018)

Die Schule von Behrenhoff – über eine Ansichtskarte aus dem Jahr 1968.

Legt man auf der Autobahn 20 das Stück zwischen Jarmen und Grimmen zurück, wird man vermutlich nicht bemerken, dass man, wenn auf der einen Seite der Flugplatz von Schmoldow, Heimat der Greifswalder Sportflugfreunde, vorbeirauscht, auf der anderen Seite Behrenhoff hinter sich lässt, eine dieser kleinen Landgemeinden, die so schöne Namen wie Bandelin, Dargelin oder Weitenhagen tragen und deren Klang die Idylle einer milden, stillen Landschaft und schönen weißen Sommerwolken auf himmelblauen Grund drüber für den hervorruft, der im rumpeligen und finsteren November-Berlin sitzt. Behrenhoff, vorpommersches Landratsgut. Nach 1945 Neubauerndorf, auch “Friedensdorf”. “Wer blöd ist, hört auf Adenauers Rat — wir Bauern bringen das erste Getreide dem Staat”, war der Leitspruch der Bauern aus dem Dorfe” wusste das Neue Deutschland am 06. August 1952 zu berichten.

Am 17. Oktober 1954 stand der Behrenhoffer Traktorist Adolf Kalina, geboren 1916 im ebenfalls winzigen aber hügeligeren Werbitz (heute Vrbice), Sohn eines Maschinenschlossers, auf der Liste der Nationalen Front, nicht für die SED sondern für den FDGB, vorgesehen um den Ort und die Neubauernschaft in der Volkskammer zu repräsentieren. Wenige Monate später meldete ADN, dass eben dieser Adolf Kalina seinen Volkskammerausweis verloren hatte. Er bekam einen neuen Ausweis. Sein Mandat behielt her.

Vermutlich kannte er auch die LPG-Bäuerin Frieda Raetz, die 1960 in einem Brief an die Ostsee-Zeitung vom Kontrast im Leben der kleinen Leute zu berichten wusste, der sich eingestellt hatte zwischen der Arbeit als Tagelöhnerin auf dem Gut des Grafen Behr von Behrenhoff in den 1930er Jahren, der als Einzelbäuerin nach der Bodenreform auf eigener Scholle und schließlich der als Mitglied der LPG “Frieden”. Man sprach nun von “der guten neuen Zeit”:

“Jetzt stehe ich morgens um halb sieben Uhr auf. In Ruhe kann ich das Frühstück für meine Familie machen. Um acht Uhr beginnt meine Arbeit in unserer Genossenschaft. Von zwölf bis dreizehn Uhr ist Mittag und um siebzehn Uhr Feierabend. Die Kinder sind im LPG- Kindergarten den ganzen Tag gut versorgt, und die schmutzige Wäsche bringe ich in die Wäscherei der Genossenschaft. … Die Abende verbringe ich meistens vor unserem Fernsehapparat. Manchmal gehen wir auch zu einem Vergnügen oder einer Kulturveranstaltung.”

Rationalisierung trifft auf Optimismus: “Ja, das Leben ist schön geworden, und ich weiß, daß es noch immer schöner wird. Es lohnt sich zu leben.”

Und das las sich so überzeugend, dass die Berliner Zeitung den Brief am 24. März 1960 unter der Überschrift “Früher nur einen Hungerlohn” noch einmal ihren Leserinnen und Leser in der Hauptstadt nahe bringen musste. Die Grafen von Behr auf Behrenhoff waren da längst allein im Ortsnamen noch vorhanden und vielleicht im von niemand Geringerem als dem Architekten Ernst May entworfenen Familiengrab neben der mit eindrucksvollen mittelalterlichen Wandmalereien ausgestatteten wunderschönen Kirche des Ortes.

Acht Jahre später fuhr der Bezirkskorrespondent Hans Jordan für das Neue Deutschland durch die landwirtschaftlich geprägte Umgebung Greifswalds um sich anzusehen, wie sich der Wettbewerb “Schöner unsere Städte und Gemeinden” exemplarisch nicht in Städten sondern eben in den Gemeinden manifestiert. Nicht überzeugend, musste er feststellen und sah sich gezwungen für Behrenhoff “viele ungepflegte Vorgärten” zu notieren, für “Ranzin viele große Tümpel und umgebrochene Zäune, in Grabow verwilderte Gärten und sehr ungepflegte Straßen, auch in Züssow und Groß Schönwalde wenig Schönes.” Bei der Ansicht des Wettbewerbssiegers Brünzow kam er nicht um ein erschütterndes Fazit umhin:

“Nach dem Bewertungsschema des Kreisausschusses kann man im Kreis Greifswald, ohne ein schönes Dorf zu haben, Sieger im Wettbewerb um das schöne Dorf werden.” (vgl. Neues Deutschland, 20. Oktober 1968, S.2)

Ansichtskarte Behrenhoff 1968
Ansichtskarte Polytechnische Oberschule Behrenhoff 1968

Hätte Hans Jordan die neue Schule von Behrenhoff besucht, wäre sein Urteil vermutlich auch nicht viel besser ausgefallen. Jedenfalls wenn man die Ansicht als Richtgröße nimmt, die erstaunlicher- und wunderbarerweise eben in diesem Jahr 1968 zu einer Ansichtskarte wurde.

Aus dem vogtländischen Mylau hatte sich ein Fotograf, von dem nur der Nachname Diener auf der Karte Platz fand, für den VEB Bild und Heimat auf die Reise in den Norden der Republik gemacht und in Behrenhoff erwartungsgemäß nicht die Kirche sondern dieses Motiv als postkartentauglich auserkoren.

Als Sammler erfreut man sich am Blick auf die 1966 gebaute Polytechnische Oberschule. Zugleich staunt man, wie grau der Schulhof wirkt, mit den gesprungenen Gehwegplatten, auf die sich vom Haus her schon jetzt das Gras vortastet und den erschöpften Fahnen an den schwarzen Masten hinter denen sich ein junger Baum am Stock um Verwurzelung bemüht.

Eventuell liegt es am unglücklichen Licht, möglicherweise auch daran, dass die Menschen fehlen, nicht ganz, aber eigentlich schon. Denn im Treppenhaus erkennt der Betrachter zwei Schatten menschlicher Form, welcher der Anwesenheit des Fotografen auf dem Schulhof allerdings offenbar nicht weiter entgegenkommen wollen.

In der Ferne dann: Feld, ein paar belaubte Bäume, die man heute aus der Aufnahmeposition nicht mehr sehen kann, da zwei Baracken in die Landschaft wuchsen. Eine Laterne ähnlich der gezeigten lässt sich aber auf einem Pressefoto erkennen. Dasselbe Bild zeigt aber auch, warum sich zumindest für Freundinnen und Freunde der Kunst am Bau der Gang zur Schule nicht mehr lohnt. Das naiv-schöne Wandbild am Giebel mit den sich auf die polytechnische Zukunft beziehungsweise ein Leben, “das immer schöner wird” (Frieda Raetz) vorbereitenden Kindern zwischen Eisenbahn, Verladekran, Flugzeug und Fernsehantenne, Boot und Rakete, also rein nicht-landwirtschaftlichen Motiven, verschwand leider irgendwann hinter einem fantasielosen Pastellanstrich und nun, so der Artikel zum Pressefoto, verschwindet die Schule als Schule vielleicht ebenfalls. Ihre Webseite informiert dagegen auch 2017 über Neueinschulungen.

In jedem Fall bleibt die Karte, die, sofern die Entzifferung des leider schwachen Poststempels nicht trügt, im späten Januar 1969 von Behrenhoff in ein Neubaugebiet nach Potsdam reiste und passenderweise (aus Sicht der Kunst am Bau der DDR) mit der 1968 ausgegebenen Gedenkmarke für die Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen frankiert wurde, die einen Teil der berühmten Glasmalerei Walter Womackas aus dem Jahr 1961 für die dortige Gedenkhalle der Nationen zeigt.

Die Botschaft der Karte ist denkbar weltlich: Aufgrund einer Krankschreibung konnte jemand ein Mietbehältnis nicht auftreiben und daher wurde eine unbestimmte Sache nicht verschickt. Aber bald! Mehr als das lässt sich anhand des Dokuments eigentlich nicht berichten aus dieser alltäglichen Welt der Traktoristen und LPG-Bäuerinnen, deren Kindern eine Polytechnische Oberschule als Fortschrittszeichen und Zukunftsversprechen an den Feldrand hinter dem Gutspark gestellt wurde, die immerhin über 50 Jahre ihren Dienst tat.

Was sich vom “immer besseren Leben” der 1960er letztlich einlösen ließ, bleibt offen. Für Menschen wie Frieda Raetz und Adolf Kalina eröffnete die DDR sicher Möglichkeiten, die angesichts der Schicht, in die sie hineingeboren wurden, ohne DDR kaum denkbar gewesen wären. Wie wir heute wissen, war dieses besondere Zeitfenster vor allem ein Versuch, ein Gesellschaftsexperiment, oft gut gemeint und weniger gut gemacht und an vielen Stellen mit einem hohen Preis und vom Ende her gesehen deutlich zu hoch.

Was die Gemeinde Behrenhoff mit sich und ihrer ehemaligen Schule im Experiment Gegenwart 2017 anfängt, ist eine Herausforderung, die sich die Mitglieder der LPG “Frieden” vermutlich in keiner Form vorstellen konnten und auch wollten. Und wer weiß, wie jemand in fünfzig Jahren auf diese Konstellationen zurückschauen wird. Eine Ansichtskarte der Schule von Behrenhoff aus dem Jahr 2017 wird ihm dafür leider nicht zur Verfügung stehen. Aber eventuell diese Sonntagnachmittagsnotiz, irgendwo als digitale Spur verschüttet und so schwer und nur zufällig auffindbar wie diese Ansichtskarte.

Ben Kaden / Berlin, 19.11.2017

Berlin-Friedrichstraße, circa 1962. Über eine Ansichtskarte.

Ansichtskarte Berlin Friedrichstraße 1960er
Ansichtskarte Die Friedrichstraße in Berlin-Mitte in den frühen 1960er Jahren

“EWG-Krise weiter verschärft” (Neues Deutschland, 18.01.1963, S.12), “Keine Einigung in Brüssel” (Berliner Zeitung, 27.02.1963, Titelseite), “Ergebnislos beendet” (Berliner Zeitung, 26.10.1963, S.4), “Keine Einigung in Brüssel” (Neues Deutschland, 14.11.1963, S.7), “Feindliche EWG-Brüder” (Berliner Zeitung, 17.12.1963, S.5). Die Presse der DDR und mehr noch ihre Nachtichtenagentur ADN (=Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst) engagierten sich in den fortschreitenden 1960er Jahren sehr in der Berichterstattung über Uneinigkeiten, Zankereien, Missverständnisse und ein denkbares Scheitern des sich formierenden Vorläufers der Europäischen Union, nämlich der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Im Januar 1963 hatten Konrad Adenauer und Charles de Gaulle den Élysée-Vertrag, Gegenstand nicht weniger Sonderbriefmarken in den Folgejahrzehnten und zugleich offizieller Schlusspunkt der Jahrhunderte brodelnden deutsch-französischen Erbfeindschaft, unterzeichnet. Umso wichtiger schien es, der DDR-Bevölkerung regelmäßig vor Augen zu führen, dass die europäische Annäherung in Westeuropa keineswegs zielführend und potentiell erfolgreich ist, sondern immer kurz vor einem Zerwürfnis steht. Anders jedenfalls lassen sich die vielen ähnlichen Schlagzeilen, die dies unterstreichen, kaum erklären.

Nun mochte vielleicht  nicht jede/r die 15 Pfennig für eine Zeitung ausgeben, um Details zu erlesen zur “Kolonialmacht EWG” (Neues Deutschland, 10. August 1962) oder ein “Offenes Wort zur Ernte” (ebenfalls Neues Deutschland, 10.08.1962, gezeichnet “Mit sozialistischem Gruß” von Hans Reichelt, NSDAP-Mitglied ab 1943, zehn Jahre später Staatssekretär im Ministerium für Land- und Forstwirtschaft der DDR, zwölf Jahre später Minister für Landwirtschaft, Erfassung und Forstwirtschaft). Für diese Zielgruppe der öffentlichen Meinung gab es, wie die hier vorgestellte Ansichtskarte aus dem Herzen der Hauptstadt der DDR zeigt, Anzeigetechnologien, mit denen die wichtiges Nachrichten direkt in den Stadtraum geleuchtet wurden.

Detail der Ansichtskarte - "Neues Deutschland meldet"
Detail der Ansichtskarte: Die Leuchtschrift “Neues Deutschland meldet” meldet: IN BRÜSSEL ERGEBNISLOS.

Diesem Umstand ist die Möglichkeit zu verdanken, nicht nur die Ansichtskarte zu datieren, sondern auch die ihr als Basis dienende Fotografie, zumindest per Vermutung. Die Karte, verlegt vom Dick-Foto-Verlag in Erlbach, erschien laut Registriernummer 1964 an den Verkaufsständen. Die Aufnahme müsste sinnvollerweise in einem vorhergehenden Jahr gemacht worden sein, zu einer Zeit, in der Mode und Vegetation sommerlich zumute war. Die Schlagzeilen zur EWG des Jahres 1963 umkreisen jedoch in einigem Abstand ausgerechnet die Sommerstimmung, wohingegen das Neue Deutschland vom 29. Juli 1962 informiert: “Verhandlungen mit Großbritannien erneut festgefahren” (ADN-Meldung, S.2) gleich unter einer Nachricht, die über “Wahnsinnspläne aus den USA” berichtet: “Satelliten-Bomber sollen Kontinente in Flammen verwandeln”. Die Ausgabe war auch deshalb eher so deprimierend wie fast jede beliebige Tageszeitung unserer Tage, weil sie vermeldete, dass der große Illustrator Josef Hegenbarth gerade verstorben war. Das Gute vergeht und es wird immer schlimmer. So die Stimmung auch bereits vor 55 Jahren.

Möglicherweise lief auch diese Meldung durch die Anzeige über der heute noch genauso vorzufindenden Fußgängerüberführung vom S-Bahnsteig des Bahnhofs Friedrichstraße über die Friedrichstraße. Zum Zeitpunkt der Fotografie leuchtete aber mit großer Wahrscheinlichkeit die Genugtuung in den Stadtraum, dass sich Großbritannien gegenüber den Wünschen der EWG-Agrarpolitik entzieht und der britische Beitritt zur Wirtschaftsgemeinschaft daher nicht ganz so reibungslos erfolgen wird, wie man es sich erhoffte bzw. befürchtete. Das lag, wie das Geschichtsbuch verrät, hauptsächlich am französischen Präsidenten Charles de Gaulle und weniger an den Briten selbst, die ja seit 1961 sehr gern eintreten wollten, aber noch bis 1973 warten sollten, um sich diesen Traum zu erfüllen.

Hat all das die Passanten in der Friedrichstraße interessiert, deren Inhalt Robert Walser in einem Feuilleton ein halbes Jahrhundert vor Aufnahme des Fotos inventarisierte: “Arbeit und Vergnügen, Laster und guter Trieb, Streben und Müßiggang, Edelsinn und Niedertracht, Liebe und Haß, feuriges und höhnisches Wesen, Buntheit und Einfachheit, Armut und Reichtum schimmern, glitzern, blöden, träumen, eilen und stolpern hier wild und zugleich ohnmächtig durcheinander”? Auf der Aufnahme wirkt die Straße aufgeräumt und beschäftigt, mehr Geschäfts- als Vergnügungszentrum und zugleich, mangels Automobilverkehr, sehr beruhigt. Ein Radfahrer radelt ums Eck. Die Telefonzelle ist leer. Der Vorverkauf der Distel wirbt leise per Schild und hat eventuell gar nicht geöffnet. Das anstehende neue Programm wird heißen: “Die Macht ist nicht zum Schlafen da”. Na ja.

Und auch ob die 1962 von der Mitropa im Bahnhof eingerichteten Intershop-Vorläufer namens “Valuta-Klein-Verkauf” schon Waren anbieten ist unbekannt und für die meisten Passanten vermutlich mangels Valuta und Zugangsoptionen auch bedeutungslos. Wahrscheinlich auch nicht sonderlich attraktiv, denn das Einstiegssortiment mit seinem Schwerpunkt auf Schnaps und Zigaretten betraf Warengruppen, die auch in den Kaufhallen der DDR vergleichsweise üppig vorgehalten wurden.

Wer auf der Karte zu sehen ist, für den/die gilt es Tagwerk zu verrichten, in einem Büro, offensichtlich. Oder noch wahrscheinlicher, das Tagwerk abzuschließen, denn die Bahnhofsuhr zeigt 17:30. Ein Kind wird an einer Hand Richtung Bushaltestelle geführt, die andere Hand trägt eine Einkaufstasche. Ein Mercedes-Reisebus wird nicht ihr Ziel sein, eher der Doppeldecker, der aus Clara-Zetkin-Straße oder vielleicht auch aus den Linden gerade in Richtung Süden abbiegt, vorbei am Antiquitätengeschäft, das die Berliner dieser Zeit als Gemälde-Nagy kannten.

Detail Ansichtskarte Friedrichstraße
Detail der Ansichtskarte Friedrichstraße: Zwei Busse, ein Lastkraftwagen und Nagys Gemäldeladen, etwa dort, wo sich heute eine Starbucks-Filiale befindet.

So gehen die meisten Menschen mit Aktentasche oder -mappe und im Anzug gerichtet ihre Heim- oder Berufswege oder erwarten einen Bus und während sie dies tun, schauen manche in die Auslagen des Pavillons, der der tschechoslowakischen Kultur ein Haus in Berlin gab. Zwei Volkspolizisten sind vor dem Presse-Café – offiziell HOG Presse-Café zu entdecken, aber kein Einstieg zur U-Bahn, was vielleicht an der Perspektive liegt oder an baulichen Veränderungen des Stadtbilds nach der Errichtung der Berliner Mauer. Hier steigt niemand mehr hinab um ab Mehringdamm wieder hinaufzusteigen. Und man ahnt nicht, dass nur sich einen Steinwurf und einigen Stunden entfernt (oder vielleicht auch anderthalb Jahrzehnte, wo findet man schon verlässliche Zeitzeugen für ein bestimmtes Jahr wie zum Beispiel 1962) das Areal zwischen Schiffbauerdamm und Johannisstraße in etwas verwandeln wird, was man “Freudengasse” nannte und das im Prinzip ein Straßenstrich war, bestens gelegen auch für internationales Publikum mit Hauptaufenthalt Westberlin.

In eben dieses Westberlin, genauer in die Aroser Allee in Reinickendorf, war nun diese Ansichtskarte gereist, ganz unschuldig in der Botschaft und zugleich Erinnerung daran, dass Ansichtskarten lange Zeit eine große Rolle als Funktionsmedium für die Organisation des Alltags übernahmen. Dies galt insbesondere für die an Telefonen arme DDR aber auch, wie man an diesem Beispiel sieht, für kleinen Nachrichtengrenzverkehr. Es ist als nicht ungewöhnlich, dass die am 07. Januar 1966 abgestempelte Karte den Erhalt eines Päckchens bestätigt und zwar mit Dank. Dazu kommen noch Grüße, “auch an Ihren Gatten”, der  Wunsch nach langanhaltender Gesundheit, die nicht mehr auf ihren Anlass rückführbare Bitte, jemand anderem etwas nicht zu sagen, um einen Ärger zu vermeiden und schließlich eine Aussicht auf ein nächstes Mal. Der Sonderwerbestempel, der ein wenig in die handschriftliche Nachricht hineinreicht, erinnert derweil an die Leipziger Frühjahrsmesse vom 06. bis zum 15. März 1966, was sicher auch der einen oder anderen Person, die auf der Karte am Haus der Presse vorbeipromeniert, ein Kreuzchen im Taschenkalender wert gewesen sein dürfte und die ziemlich sicher auch eine Laufschrift über dem Bahnhof Friedrichstraße hervorgebracht haben wird. Aber genau wissen wir es natürlich nicht und wenngleich das Bild noch mehr verrät, als die hier über die geschriebenen rund tausend Worte, so verschweigt es doch notwendig viel mehr als es mitteilt.

(Ben Kaden / Berlin, 31.10.2017)