Defesa Animal – zu einer Briefmarke.

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Eher zufällig fand mich unlängst eine Briefmarke aus Brasilien, die den Tierschutz, im speziellen Fall den Schutz von Haustieren würdigt. Marken wie diese sind für mich unvermeidlich immer auch Erinnerungsauslöser –  wie vermutlich für viele Menschen mit einer Neigung zur Philatelie. Wobei Philatelie keinesfalls zwingend mit Briefmarkensammeln gleichzusetzen sein muss. Im besten Fall meint sie die Freude am Phänomen Briefmarke oder auch am Einzelstück aber eben nicht primär und ausschließlich ein zielstrebiges Zusammentragen, Ordnen und damit Abbilden einer bestimmten wie auch immer gearteten Domäne von Postwertzeichen.

Möglicherweise zeichnen sich hier schlicht zwei Kulturen oder Perspektiven im Umgang mit Briefmarken ab: eine staunend explorative und eine systematisch erfassende. (Abstrakt findet sich dieses mal polarisierende, mal wechselwirkende Muster von Zulassen und Ordnenwollen natürlich in sämtlichen Varianten des Erfahrens von Welt.) Selbstverständlich gibt es Übergänge. In jedem Fall gibt es Überfluss und zugleich an manchen Stellen Mangel, wobei von letzterem die immer noch in erstaunlicher Zahl existierenden Auktionshäuser profitieren.

Das Phänomen der Social Philately, das in der Deutschen Briefmarkenzeitung unter der Kategorisierung “Postgeschichte” mittlerweile erfreulich häufig präsent ist, etabliert sich, vielleicht, als ein Vermittlungsansatz zwischen den beiden benannten Polen des Umgangs mit Briefmarken über die reine postalische Funktion hinaus. Eine thematische Einordnung und das Aufzeigen vor allem historischer Hintergründe ist seit je Thema der philatelistischen Zeitschriftenliteratur. Die Social Philately erweitert diesen Ansatz jedoch erheblich: Ihr geht es um die Auseinandersetzung mit dem Einzelstück, was selten eine Einzelmarke und oft ein erhebliche Zeitspuren tragendes Zeugnis, zum Beispiel ein Telegramm von Hanoi nach Karl-Marx-Stadt ist (siehe Peter Fischer: Karl-Marx-Stadt 1967. In: Deutsche Briefmarkenzeitung, 05.01.2018, S. 24).

Es finden sich zugleich unzählige weitere denkbare Annäherungen an das Phänomen Philatelie – druckgeschichtliche, gestaltungstheoretische bzw. typographische (siehe zum Beispiel diesen sehr empfehlenswerten Artikel zu den Briefmarkenentwürfen von Henning Wagenbreth) und natürlich motivgerichtete in jeder erdenklichen Verästelung.

Entsprehend eröffnet auch die brasilianische Ausgabe “Defesa Animals” vom 19.03.2018 vielschichtige Zugänge. Zum einen erschließt sie, wie angedeutet, einen persönlichen Erinnerungsraum, denn Tiere auf Briefmarken sind – vielleicht neben Sport, Comicfiguren und Raumfahrerei – das, was bei Kindern (sofern überhaupt) den Blick auf für Briefmarken öffnet(e). Ich jedenfalls habe ein kleines erstes Album, in dem ausschließlich, vom vielen Herausziehen und Zurückstecken arg ramponierte, Tierbriefmarken stecken. Das vorliegende, noch makellose Exemplar werde ich aus Gründen der Nostalgie hinzufügen, sobald dieser Text beendet ist.

Die Gestaltung der Marke durch Carolina Spina und Marcela Tenório erfüllt vermutlich genau das, was man 2018 für eine solche Themenausgabe erwartet. Dass zwei denkbar durchschnittlich aussehende Tiere und nicht etwa eine Rassekatze und ein besonders gezüchteter Hund dargestellt werden, unterstreicht deutlich das tierethische Anliegen der Ausgabe: “Amor, Respeito, Vida” ist allen Tieren gleichermaßen, bzw. wenigstens allen Hunden und Katzen gleichermaßen, entgegenzubringen.

Briefmarke Brasilien 2018 - Defensa Animal
Briefmarke Brasilien 2018 – Defensa Animal

Dass diese Botschaft heute allen Menschen auf Höhe der Zeit fast selbstverständlich erscheint, markiert unbestreitbar einen der bedeutenden Fortschrittspunkte der Gegenwart: die Verschiebung von einer anthropozentrischen hin zu einer pathozentrischen Sicht auf die Mitwelt. Das Tier, insbesondere das Haustier, ist uns, also dem Menschen, per se ausgeliefert, woraus sich eine besondere Verpflichtung ergibt. Als empfindendes Wesen ist es gerade vor Willkür zu schützen, es ist im Rahmen des Möglichen als das anzunehmen, was es ist, mit seinen eigenen Bedarfen und Bedürfnissen.

Naturgemäß fällt solch ein Schritt bei Hunden und Katzen und anderen domestizierten Tieren besonders leicht und zwar nicht nur allein wegen des, wie die Marke erneut demonstriert, den Menschen in der Regel angenehm berührenden Äußeren, sondern auch, weil sie im Gegensatz zu den meisten anderen Tieren nicht per se defensiv auf die Präsenz des Menschen reagieren, sondern kommunikativ. Sie sind Mitwesen, oft unmittelbarer Teil des Familiengefüges. Im besten Fall wirken sie damit als Verbindungen und Übergänge, die es uns irgendwann ermöglichen, den Umgang mit Tieren möglichst weiträumig auf einem Niveau wie etwa der Stufe 6 von Lawrence Kohlbergs Modell zur Moralentwicklung (“Orientierung an allgemeingültigen ethischen Prinzipien”) zu organisieren. Der Weg ist noch lang, aber man erkennt mit ein wenig geschichtlichen Bewusstsein verblüfft, wie vergleichsweise beschleunigt doch die Entwicklung zu einem tierethischen Grundkonsens ablaufen. Dass der Mensch dennoch nach wie vor das grausamste Tier insbesondere den Tieren gegenüber ist, steht nicht nur angesichts der Agrarindustrie außer Frage. Doch er stellt sich mehr und mehr dieser Tatsache. Hoffentlich.

Diese Selbstbefragung setzt freilich eine Beschäftigung mit den komplexen ethischen Problemstellungen des Mensch-Tier-Verhältnisses voraus. Eine Briefmarke allein wird hier nicht viel ausrichten. Aber sie kann doch und gerade im Alltagsgebrauch daran erinnern, ein Zeichen setzen, eine Anregung geben, eine Assoziation hervorrufen, die sich bei den Empfängern einer Sendung einstellt, die zunächst am Motiv hängenbleiben – “Ach, das ist ja ein schöne Marke!” – und diese dann mehr oder weniger unterbewusst weiter verarbeiten. Daher ist es fast bedauerlich, dass die Auflage dieser Marke bei nur 120.000 Stück liegt, was sie für Sammler zwar interessanter macht, ihr mögliches Auftauchen jedoch erheblich einschränkt. Gut ist in jedem Fall, dass es sie gibt und dass sie ausdrücklich mit dem Gedanken der Verbreitung eine tierethischen Idee, die seit 1988 auch in der basilianischen Verfassung verankert ist, herausgegeben wurde. Entsprechend mag man hier sogar weniger mit der Idee der “sozialen Philatelie” (in einer anderen Bedeutung als “Social Philately”) erkennen, auch wenn der gewünschte Effekt fraglos gesellschaftlich ist. Sondern man sollte präziser von einer “politischen” sprechen.

(Berlin, 06. Juli 2018)

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Briefmarkensammeln als Klischee in der Literatur. Zum Beispiel bei Vladimir Nabokov und Pavel Brycz.

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

An einem Donnerstag im März fast genau vor 88 Jahren, es war der 20., meldete die Berliner Volkszeitung (Abendausgabe) ein dichtes Schneegestöber über dem Ärmelkanal und für Berlin als Aussicht “Ziemlich kühl, meist bewölkt und noch einzelne Niederschläge” bei etwa 2 Grad Morgentemperatur (S.3). Blätterte der Leser enttäuscht von dieser wenig einladenden Wetterlage um, stieß er auf einen Leserbrief mit einer Klage bezüglich der Zustellsorgfalt der Post:

“Der letzte Brief ist am 15.1.30 von Blesen bei Schwerin a. W. abgeschickt und am 22.1.30 hier [Zustellbezirk des Postamts 87 in Berlin] angekommen. Das sind sechs Tage und die Entfernung beträgt 170 Kilometer! In der Zeit kann man die Strecke zu Fuss zurücklegen!” (S.4)

Spaziergänge also lagen nicht zwingend nah und zumindest seine Briefe an Vera sind für den März 1930 ohne Spuren, weshalb es nicht sonderlich verwundert, dass Vladimir Nabokov just an diesem Tag eine seiner rundesten Geschichten niederzuschreiben begann: Pilgram bzw. Пильграм, denn er nannte sich noch Sirin und schrieb auf Russisch über das kleine Leben in einer Seitenstraße, die zumindest der Beschreibung nach ganz gut nach Berlin-Schöneberg passt. Dort lebt also der alternde Paul Pilgram der Geschichte mit seiner Frau Eleonore in einer “winzige[n], muffige[n] Wohnung” über seiner Schmetterlingshandlung. Samstags geht er in eine nahe Gastwirtschaft, trinkt seinen Rum und schweigt weitgehend in die Runde, unter anderem gezeichnet von einem Schlaganfall und ist als eine dieser skurrilen Kiezkuriositäten bekannt, die im Berliner Stadtbilder leider mittlerweile selten sind, die aber noch vor 20 Jahren in den vorgentrifizierten Altbaugebieten ebenso regelmäßig anzutreffen waren, wie die kleinen, verrauchten Kneipen, deren Publikum fast ausnahmslos die Vorsilbe Stamm- tragen konnte. Exemplare beider Gattungen lassen sich mit etwas Aufmerksamkeit noch finden, aber man würde sich belügen, behauptete man, ihre Zeit wäre keine, die langsam und sicher abläuft.

Da ergeht es ihnen so, wie es den Schmetterlingsgeschäften zu Pilgrams bzw. Nabokovs Berliner Jahren erging und heute beispielsweise den Briefmarkenbedarfsgeschäften und Videotheken. Da das Verlagshaus Penguin, nach wie vor überzeugt vom offenbar unzerstörbaren Medium des gedruckten Buches unlängst in der Penguin-Modern-Reihe Nabokovs Pilgram-Geschichte zusammen mit zwei weiteren perfekten Erzählungen – Symbols and Signs und Lance – in einer winzigen Taschenbuchausgabe zum halben Preis einer Tageszeitung auch in Berliner Buchhandlungen legte, nutzte ich den Samstagabend, auch in Ermangelung eines einladenden Lokals in der Nähe, um The Aurelian, wie Pilgram in der Übersetzung heißt, noch einmal zu lesen. Weil die Erzählung perfekt ist, gleitet man auch bei der wiederholten Lektüre leicht und schwer bewegt hindurch und nimmt all die präzisen Stiche mit, die die Geschichte bereithält, diese bittere Spannung zwischen Lebensentwurf und Lebenswirklichkeit und das Schicksal als Strukturironie des menschlichen Daseins, wundervoll zugespitzt auf die kleine Münze eben der Biografie des Durchschnittsmenschen und Überträumers (bzw. Aurelian) Paul Pilgram. Es findet sich eine Vielfalt Nabokov’scher Motive, seine Art der Transzendenz und eine hohe Dosis seines Stils verdichtet in wenigen Seiten. Wer tatsächlich zweifelt, ob er oder sie sich auf Die Gabe, Nabokovs so großes wie großartiges Berlin-Buch, einlassen möchte, kann hier gefahrlos vorfühlen. Kurz erwähnen möchte ich Pilgram jedoch heute vor allem, weil mir eine Formulierung vielleicht zum ersten Mal auffiel, vielleicht auch einfach nach der letzten Lektüre in Vergessenheit versank.

Es geht um die Philatelie, zu der ich ein, nun ja, eigenwilliges Verhältnis pflege, zusammengesetzt aus einem Bruchstück Kindheit, einem Eckchen medientheoretischen und einem kulturhistorischen Interesse, einer Prise Freude an der Praxis des Gestaltens und einem Eimer prinzipieller Neigung zu bedrohten, weitgehend harmlosen Elementen in dieser Welt. Briefmarken, denen Walter Benjamin ihr Ende bereits prophezeite, als Sirin-Nabokov noch Ideen für Pilgram und vielleicht auch ein paar Schmetterlinge im Berliner Umland sammelte, scheinen heute mehr denn je funktional völlig überflüssig und halten sich dennoch tapfer, auch wenn so manche Designentscheidung der jüngeren Ausgabepolitik der Deutschen Post die Vermutung nahelegt, man würde über ästhetische Abstriche endlich erzwingen wollen, dass niemand mehr am Schalter nach Sondermarken fragt. Zugleich zeigt der Blick in die Ausgabengeschichte, dass furchtbare Designentscheidungen einfach zum Wesen der Biefmarkengestaltung gehören. Die Briefmarkenhandlungen verschwinden tatsächlich aus dem Stadtbild, was aber auch daran liegen kann, dass sich das Internet für Alltagssammler*innen als deutlich bequemerer und niedrigschwelligerer Zugangsort zur Passion eignet. Noch vor zehn Jahren konnte man nämlich als erkennbar jüngerer Mensch die Erfahrung machen, bei bestimmten mehr oder weniger alterwürdigen, oft jedoch eigentlich nur alten Vertretern (Frauen sind traditionell kaum anzutreffen) der Zunft zunächst einmal einem kritischen Prüfungsgespräch ausgesetzt zu werden, bevor man einen schmucken Kleinbogen von der Sammlerbörse nach Hause tragen durfte. Beim Online-Handel muss man hingegen nirgends seine Expertise beweisen, um eine schöne Customer Journey zu erleben und hat zugleich eine globale Auswahl, die einem auch Umschläge aus Bagdad in den Briefkasten bringt, welche in einer Weise frankiert sind, die damals in der Arbeitsgemeinschaft Junge Philatelisten ein schier unvorstellbares soziales Kapital bedeutet hätten. Heute kann man also auch ganz nebenbei ohne Aufwand mittelkindliche Mangelerlebnisse  kompensieren, wenn man es denn nötig hat.

Es ist eine Zeile, die Nabokov bzw. Paul Pilgram mit diesen Wahrnehmungen verbindet. Der frustrierte Lepidopterologe und gezwungenermaßen auch Schreibwarenhändler P.P. äußert sich nämlich über eventuell in seinem Laden vorbeischauende andere Liebhaber der Entomologie mit einer schlimmstmöglichen und allgegenwärtigsten Altherrenüberheblichkeit;

” ‘That fellow’, he would think, ‘may be as learned as the late Dr Staudinger, but he has no more imagination than a stamp collector.’ ” (Vladimir Nabokov: The Aurelian. In: Vladimir Nabokov: Lance. [s.l.]: Penguin Books, 2018. S. 1-21, S.10)

Pilgram, der sich hier mutmaßlich auf Otto Staudinger bezog, der ihm und vielleicht auch Nabokov gleich zwischen Grunewald und Wuhlheide Käfer und Falter sammelte, heftet die anderen Falterfreunde und Insektenliebhaber in den Ordner derer ab, die man vielleicht auch Fachidioten nennen könnte – randvoll mit Buchwissen und komplett leer was Vorstellungskraft betrifft. Die Vergleichsgröße sind ihm die Briefmarkensammler, die offenbar als besonders fantasielos galten, in ihrem (vermeintlichen) Streben nach Vollständigkeit, das bekanntlich durch Vordruckalben befeuert wurde. Zugleich zeigt sich Pilgram diesem unangenehmen, jedoch zutiefst menschlichen Vollständigkeitsdrang, bei dem man alles haben möchte und unbedingt auch das, was niemand sonst im Album vorweisen kann, nicht ganz abhold nur dass es ihn zu Morphofaltern und Orleanderschwärmern zieht und nicht zu Sachsendreier und Olho-de-Bo.

Ob das am Ende besser ist, bleibt Auslegungssache. Natürlich ist das auratische Element und damit die Faszination bei der Naturforscherfantasie mit Fangnetz auf alpinen Wiesen oder im schwül-heißen Regenwald zunächst einmal deutlich größer, als das Durchforsten von Kilowarekisten und Briefmarkenalben. Aus der Natur- und Artenschutzperspektive ist das Aussterben der Lepidopterologie als Massensammelspaß jedoch sehr zu begrüßen und wenn man der Philatelie auch viel an Irrsinn unterstellen kann, so ist sie als Freizeitbeschäftigung doch zutiefst harmlos und vergleichsweise äußerst umweltverträglich. Auch hier ist also eine Art Abwägung zu treffen zwischen sinnlich komplexen Chloroformierungstouren in kaum berührte Landschaften und der zugegeben eher kleinen Geometrie gezackter Schreibtischfreuden.

Ganzsache Vladimir Nabokov - Russland, 1999
Philatelistisch blieb Vladimir Nabokov erstaunlicherweise weitgehend ungewürdigt und die Frage ist, ob er ihm das womöglich sogar ganz recht gewesen wäre. Neben einer nicht sonderlich schmucken Ausgabe der Republik Mali, die ihn als Lepidopterologen gemeinsam mit einem Bananenfalter (Caligo eurilochus) würdigt, ist vor allem eine Geburtstagsganzsache aus dem Jahr 1999 zu erwähnen, die Lushins Verteidigung zum Bildgegenstand nahm und insofern zeitlich auch ganz gut passt, da Nabokovs Schach-Roman chronologisch direkt der Pilgram-Geschichte vorausging. 

Heute trägt die Philatelie freilich nicht nur den Stempel der Kleinkariertheit sondern mehr noch den des Überkommenen, was so unnötig ist wie vermutlich natürlich im Lauf der stetigen Neuerfindung und -interpretation von Kultur. In vielen Fällen, unter anderem in der DDR, spielte sie nicht zuletzt eine wichtige Rolle als Anschluss zur Welt. Sammlerkontakte auch ins nicht-sozialistische Ausland waren deutlich leichter zu realisieren als Reisen ins das Selbige. Eine Karte aus Las Vegas oder Verona, schön gestempelt und zuverlässig zugestellt bedeutete, dass man immerhin etwas Physisches besaß, was einmal an einem Ort war, den man selbst voraussichtlich nie selbst sehen können würde. Philatelie war aus dieser Warte auch eine Praxis der Sehnsucht.

Für die Kinder dieser Generation sind diese Orte freilich wenigstens theoretisch erreichbar und sofern die individuelle nachwendliche sozioökonomische Entwicklung die Biegung Richtung Mittelstand nahm auch praktisch, zumal das Phänomen der Billigfluglinien Fernreisen teilweise erschwinglicher werden ließ, als die Reiseziele, die man noch aus dem Zeitalter der FDGB-Ferienplätze kannte. Eine spannende Frage ist, ob also Philatelie als Form des Umgangs mit Sehnsucht und Fernweh spurlos verschwand und ich fürchte beinahe, dass die Antwort hier tatsächlich ja lauten muss. Kultur- und sozialgeschichtlich ist dies dennoch oder gerade deshalb eine aufregendes Phänomen.

Dass das Briefmarkensammeln auch im Osten Europas ebenfalls weitgehend als vorväterliches Phänomen erfahren wird, blitzt unter anderem in Pavel Brycz’ großartigen multiperspektivischem Buch über seine Heimatstadt Most hervor. In I, City, seinem dritten Buch entfaltet der 1968 geborene Autor die Geschichte seines Kindheits- und Jugendortes anhand von diversen Erscheinungen (appearances), die in meist sehr knappen Skizzen ein bestimmtes Element der Stadt oft sehr poetisch fassen. Das Sammeln von Briefmarken kommt, sollte mir nichts entgangen sein, nur an einer Stelle vor. In “an appearance, innocent”, die beginnt “I knew a grandfather..:” beschreibt er einen Generationensprung, der sich in einer deprimierenden Einsamkeit offenbart, Resultat des Wunsches, man möge nirgends anecken, sich nicht in Gefahr begeben. Der Weg, den der Großvater für seinen Enkel aufzeichnet, nämlich das Vermeiden eines schädlichen Umgangs, führt freilich in eine vollkommene Isolation und ein einsames Ende – des Enkels (“When he grew up, he drank alone, and died totally alone, too.”)

“It wasn’t his fault. The easiest thing in this modern world is not to fall in with any company whatsoever. Though his grandfather didn’t know this. He lived and died in other times. He was a gardener, a volunteer fireman, philatelist, chess-player, and God knows what else.” (Pavel Brycz: I, City. Prague: Twisted Spoon Press, 2006. S. 46)

Philatelie als Symbol wirkt in diesem Fall als Kennzeichen einer Lebensführung, die für eine oder zwei Generationen keine Erfüllung mehr bieten kann. Die Lebensziele und -vorstellungen sind nicht übertragbar, auch wenn die Generation der Vorväter dies nicht wahrhaben und ihre Bilder von einem gelingenden Dasein mit aller Autorität übertragen wollen. Diese Spannung führt in der zitierten Skizze in die Katastrophe. Most bzw. Brycz schlagen sich in diesem Fall auf die Seite des Naheliegenden, nämlich des Rechts der Folgegenerationen, ihr Leben selbstbestimmt anzugehen, alle denkbaren Gefahren inklusive und unter Ausschluss der Philatelie, dieser kleinen zurückgezogenen Flucht ins Private, dieses Organisationsmodus’ einer überschaubaren Weltordnung im Einsteckbuch.

Ohne zu viel interpretieren zu wollen, ist das Auftauchen der Philatelie als generationale Reibungsfläche bemerkenswert und umso bemerkenswerter, da dies viele Jahrzehnte nach Benjamins Abgesang auf die Briefmarke und nach Pilgram-Nabokovs Abqualifizierung der Sammler erfolgt. Gerade als dankbares Klischee (fantasielos, überholt) klammert sich die Philatelie offenkundig tapfer als Spur auch in die Literatur bis hinein in die Gegenwart, was möglicherweise dafür spricht, dass ausgerechnet das Aufgehen in stereotypen Vorstellungen eine nicht ganz erfolglose kulturelle Überlebensstrategie sein kann. Unendlich ausreizen lässt sich dies freilich nicht. Wenn die Großväter mit ihren Alben verschwunden sind und einem auch in Seitenstraßen keine Briefmarkengeschäfte mit ihren  wunderkammerhaften Auslagen mehr begegnen und wenn der Alltag ohne Briefpost und Ansichtskarten bleibt, wird der Topos der Philatelie nur noch schwer nachvollziehbar zu vermitteln sein. Die Leser*innen werden dann bestenfalls noch mit einer faszinierten Irritation durch die Texte aus der Vergangenheit reisen, so wie wir heute erstaunt die Schmetterlingskästen des Paul Pilgram zusammenzusetzen versuchen, was immerhin deshalb  noch so ausgezeichnet gelingt, weil Vladimir Nabokov ein Erzähler der präzisesten Sorte war. Schade eigentlich, dass er so selten über Briefmarken schrieb.

(Berlin, 18.03.2018)

Die FAZ und die politische Philatelie.

Ein Sonntagstext von Ben Kaden (@bkaden)

I

Ich hege zur Frankfurter Allgemeine Zeitung ein auch für mich selbst bemerkenswert zwiespältiges Verhältnis. Einerseits verspüre ich regelmäßig eine beträchtliche Nostalgie, weil sie mich unmittelbar an einer weitgehend verschwundene Medienwelt erinnert, an eine verschwundene Zeitungsepoche mit einer seit je latent anachronistischen ab exzellent gemachten Tiefdruckbeilage “Bilder und Zeitung”, die allein an vielen Samstagen einen Gang zum Zeitungsstand motivierte. Andererseits gab es die “Berliner Seiten”, deren kurzes Leben exakt in die Zeit fiel, in der ich mir Berlin erstmals in der Tiefe erschließen konnte, die mich und mehr noch die Stadt und ihre Selbstwahrnehmung zu einer Zeit begleiteten, welche sich in der Rückschau, vielleicht etwas, verzerrt durch das eigene Staunen, als den Höhepunkt der Stadt als Heterotop darstellten.

Es war ein Zeitfenster, in dem viel Neues entstand und zugleich genug Improvisationsfläche übrig war, in dem sich die sozialen Zäune derart niedrig erwiesen, dass man an einem Abend, von einem Mitstudenten einfach mitgenommen zwei Stunden in der verrauchten und verbücherten Einzimmerwohnung eines so lang- wie grauhaarigen ehemaligen Bürgerrechtlers am Kachelofen sitzend Zeuge einer regen kreuzgenerationalen Literaturdiskussion werden konnte und danach mit einem sympathischen Hustler aus der Skalitzer Straße kurz zu einer Küchenfete ging, auf der ein Rapper herumstand, den man ein paar Jahre zuvor bei Vivas Hip-Hop-Show Freestyle sehr beeindruckend fand und der nun hier wohnte und bei dem man einfach klingeln durfte. Und nach zwei weiteren Stunden stand man dann zum Tagesausklang in einem frisch aufgebauten Penthouse in der Oranienburger Straße zwischen Moderatoren eines gerade in die Stadt gezogenen Privatsenders. Niemand störte sich daran, denn hier war man gewohnt, dass jeder alles sein konnte. Vor der Tür promenierten die leichten Mädchen auf hohen Absätzen und sämtliche Facetten der kreativen Nachtkultur, denn das Tacheles war der zentrale Anziehungspunkt in Berlin-Mitte. Die meisten Touristen ließen sich äußerlich kaum von den ortsansässigen Freiern und Freischaffenden im Scheunenviertel unterscheiden.

Man erlebte also den Hauch einer einzigartigen Offenheit, der auch in den Berliner Seiten als Narrativ hätte stehen können. Es war eine Zeit und Welt ohne Fernweh, denn jede*r glaubte: Wenn etwas von Relevanz geschieht, wird es hier geschehen. Insofern waren die Berliner Seiten eine Art Druckfahne des eigenen Erlebens. Die zwei Ausgaben, die man sich als Erinnerungsstücke bis heute aufbewahrte, deuten an, dass sich die Berliner Redaktion der Zeitung ebenfalls begeistert in dieses Durcheinander fallen ließ. Jede*r hatte das Gefühl, Teil einer einzigartigen Konstellation zu sein. Und war es ja auch irgendwie.

Wandert man heute durch diese Nachbarschaft, ist davon kaum mehr der Mythos übrig. Die Vorhersagen der Gentrifizierungstheorie lösten sich lehrbuchhaft ein. Die Gegend ist komplett gezähmt und auf eine erstaunliche apolitische Kleinteiligkeit zusammengeschrumpft, in der eine Post-Internet-Boheme an einem Winterabend freudig eine halbe Stunde im Frost auf einen Eckplatz bei Shiso-Burger wartet und über Sneaker diskutiert.

Diese Wende hat die FAZ nachvollziehbar nicht mitgemacht, sondern spätestens nach dem Tod Frank Schirrmachers, den Berlin-State-of-Mind wieder vollständig verlassen. Heute wirkt sie wie ein zahmes Blatt aus der Provinz, als die Frankfurt/Main nach wie vor und unvermeidlich aus Berlin erscheint, mit einem oft sehr offensichtlichen Hang zu einem rechtskonservativen Zeitgeist, der eigentlich nicht mal nach Frankfurt passt, aber vielleicht in manche Vorstädte drumherum.

Die einst ambitionierten und prominent platzierten Blogs sind bis auf den des Troll- und Gegenjournalisten Don Alphonso weitgehend verschwunden. Der Technikteil immerhin bleibt sich treu und rezensiert mit Freude den aktuellen Rolls-Royce Ghost Black Badge. Man will, das schreit einem die Zeitung geradezu entgegen, gern die Zeitung der Entscheider und am liebsten der oberen 1-Prozent sein.

Allerdings sind die oberen 1-Prozent zumindest in Deutschland eher nicht die, die gesellschaftlichen und kulturellen Glanzpunkte der Gegenwart setzen, vermutlich auch, weil beispielweise die neuen digitalen Industrien und Gründerkulturen einerseits hierzulande keine Zuckerberg’schen-Daimond-as-Big-as-a-Ritz Outlier produzieren konnte und andererseits die Investitionskultur bevorzugt fantasiearme und konzeptionell eher antiinnovative Phänomene wie die einfallslose Start-up-Palette der Samwers hofiert. Und schließlich vermutlich, weil Menschen wie Christian Lindner hier ernsthaft als Aushängeschilder und Gesichter der digitalen Zukunft gehandelt werden.

Ein wirklicher Gestaltungsanspruch ist nirgends spürbar und in der FAZ von heute schon gar nicht. Vielmehr wirkt man so, als kämpfe man Tag für Tag darum, dass wenigstens der Stapel mit den Freiexemplaren am Flughafen oder im Hotel abgetragen wird. Das allerdings versteckt man an den entscheidenden Stellen hinter einer beeindruckenden Überheblichkeit, die vielen im deutschen Journalismus offenbar während des ersten Volontariat eingebläut wird und die ignoriert, dass sich “vierte Gewalt” und eine Poschardt’hafte Selbstdarstellung eigentlich ausschließen, weil die Verantwortung, die man übernimmt, wenn man informationelles Nadelöhr und Agenda-Setzer*in spielt in einer gerechten Welt eher zu Demut angesichts der eigenen Rolle führen sollte. Eigenartigerweise deuten dagegen nicht wenige in der Branche eine große Zahl von Followern auf Twitter offenbar auch als große Potenz und demonstrieren damit gleichzeitig, wie wenig sie von solchen “neuen” Medien verstehen.

Dieser Art von Social-Media-Dünkel ist bei der FAZ glücklicherweise kaum spürbar. Dafür klammert sie sich viel zu sehr an das Fähnchen namens “Qualitätsjournalismus”, dessen Grundstoff jedoch aus einer anderen Zeit zu stammen scheint, was sicher auch daran liegt, dass der Abbau an Stellen für Qualitätsjournalist*innen nicht nur die teuren Journalist*innen sondern eben auch große Teile der Qualität aus den Redaktionen führt. Und so entstehen im Ergebnis die Ausgaben, die man, vielleicht aus Tradition, dennoch regelmäßig sichtet und meist nach zwei, drei Minuten gelangweilt oder enttäuscht beiseite legt.

Für einen Großteil der Bevölkerung dürfte die FAZ mit ihrem dahingewässerten Profil, aus dem gefühlt vielleicht drei bis fünf originäre und lesenswerte Stücke, meist von Gastautor*innen, pro Woche auftauchen, kaum mehr Relevanz entfalten können. Was die Herausgeber hinter dem Blatt vermutlich wenig tangiert. Inklusiv war sie nämlich noch nie. Aber im Gegensatz zur Süddeutschen Zeitung, die immerhin ab und an einen Recherche-Scoop hervorbringt, wirkt sie eher wie ein Schatten dieser Fahne “Qualitätsjournalismus” und im Prinzip vor allem eben in mehrfacher Hinsicht provinziell.

Für das Zeitungswesen in der Bundesrepublik ist dieser de facto Rückzug der FAZ aus der großen Öffentlichkeit bedauerlich. Denn auch wenn das Medium Zeitung in seiner gedruckten Form für die aktuelle Nachrichtenstreuung weitgehend eine nachgeordnete Alternativform (zu den Netzmedien) darstellt, ist es doch sowohl in seiner Funktion zur Ordnung und Kanalisierung des Diskurses als auch-als Mittel der unmittelbaren Aufzeichnung aktueller Gegenwart für zukünftige Gegenwarten einzigartig. Je größer und vielfältiger die Zeitungslandschaft, desto besser wird diese Funktion von ihr erfüllt. Nichts ist zum Verständnis von Ereignissen so aufschlussreich, wie die Zeitung von gestern, die nicht nur das Geschehen selbst fasst, sondern auch, wie es zu einem konkreten Zeitpunkt wahrgenommen wurde und wahrnehmbar war.

In der Umkehrung bedeutet dies jedoch, dass das, was nicht in der Zeitung steht, auch nicht für solche Verstehensprozesse bewahrt wird. Je schmaler die Zeitungen und ihre inhaltliche Vielfalt sind, desto weniger wird rekonstruierbar sein. Die Hochphase der außerordentlich differenzierten und üppigen Presselandschaft im späten 20. Jahrhundert wird also zumindest aus dieser Perspektive auch die Zeit sein, deren Diskurse, Debatten und journalistischen Wahrnehmungen am umfänglichsten dokumentiert sein werden.

Dass für die Gegenwart beispielsweise ein Michael Hanfeld als dominante Stimme des Medienjournalismus bleiben wird, dem man seine Frustration mit der Welt in jedem Artikel deutlich anmerkt, ist eine denkbar betrübliche Aussicht. Aber wo Auflagen sinken, verdampfen eben auch die Redaktionen und es bleibt nur ein bestimmter Teil übrig.

Nichts zeigt dies so deutlich in der deutschen Presselandschaft wie die Entwicklung des FAZ-Feuilletons nach Frank Schirrmacher. Die Lücke, die er hinterließ, wurde nicht etwa für eine konzeptionelle Neuaufstellung genutzt. Sondern für ein konzeptfreies Hinfortwurschteln in eine unklare Zukunft, offenbar verbunden mit der Hoffnung, dass es den Leser*innen nicht auffällt. Was auf eine etwas bittere Weise ja gelingt. Denn wo früher aus dem FAZ-Feuilleton mit schöner Regelmäßigkeit Akzente für Debatten gesetzt wurden, fällt heute tatsächlich kaum mehr etwas über den Tag hinaus auf.

II

Einer der wenigen, der sich noch spürbar bemüht und sich auch nicht scheut, als Intellektueller in der positivsten Bedeutung des Wortes zu erscheinen, ist Patrick Bahners, Redakteur des viel zu schmalen Ressorts für Geisteswissenschaft. Auch das sollte man festhalten. Die Mittwochsseite bedient zwar naturgemäß nur ein Nischenpublikum und ist zugegeben auch oft kaum mehr als ein Referateblatt, aber am Ende am ehesten noch der Teil, den sich zumindest meine Peers regelmäßig aus dem Online-Angebot ihrer Hochschulbibliothek holen und sichten. Am Mittwoch dem 24.Januar hatte ich nicht das e-Paper zur Verfügung sondern zugleich auch ein papiernes Bordexemplar in einem ICE, der ausgerechnet von Frankfurt nach Berlin. Da ich an einem Tisch zu sitzen kam, konnte ich die Zeitung sogar halbwegs bequem auffalten und so mit großem Interesse einen Artikel des Medienwissenschaftlers Detlev Schröttker lesen, der meine neben dem Phänomen Tageszeitung zweite anachronistische Liebhaberei aufgriff: die Philatelie. (Detlev Schröttker: Die Brüder Herzfeld interessierten sich 1933 auch wieder für Briefmarken. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.01.2018, S.N 3)

Und als jemand, der gar nicht mal so selten die Woelckpromenade in Berlin-Weißensee herunterspaziert, war es umso schöner, dieses mit dem Bogen zu Wieland Herzfelde präsentiert zu sehen, der nicht nur Briefmarkensammler und -theoretiker war, sondern offenbar auch in der Lage, während seines Exils New York mit dem Handel mit Briefmarken ein zureichendes Auskommen und eine Verlagsgründung absichern zu können.

Skulptur Lesender Knabe - Woelck-Promenade in Berlin-Weißensee
Natürlich mit Buch: Der Lesende Knabe, eine Arbeit des Bildhauers Siegfried Krepp aus dem Jahr 1983 an der Woelckpromenade, einst Ostberliner Wohnadresse von Wieland Herzfelde, erfüllt in mehrfacher Hinsicht jedes Klischee, das der CSU-Vordenker Alexander Dobrindt dem an Weißensee direkt anschließenden Prenzlauer Berg zuschreibt: Elitär im Anspruch, quasi-sozialistisch in der Form, irgendwie zu intellektuell und in jedem Fall erheblich zu grün. 

Heute ist das kaum mehr vorstellbar, aber als jemand, der die Briefmarkenhandlung in der Berliner Karl-Marx-Allee noch vom Erwerb kroatischer Sondermarken und nicht nur als Weinstube kennt, glaubt man gern, dass das noch möglich war.

Allerdings hatte man auch schon zum Zeitpunkt dieses philatelistischen Kontakts unweigerlich eine Assoziation mit Vladimir Nabokovs Pilgram, der zwar keine Briefmarken- sondern eine Schmetterlingshandlung betrieb. Aber aus dem Jahr 2018 betrachtet sind die Briefmarkenfachgeschäfte vermutlich die heutigen Gegenstücke zum Lepidopterologie-Bedarfshandel im Berlin der 1920er – kleine unübersichtliche Wunderkammern, darin “ein abgekämpfter älterer Mann mit gerötetem Gesicht, glatt anliegendem Haar und einem nachlässig gestutzten angegrauten Schnurrbart”. (Vladimir Nabokov: Pilgram. In: ders.: Stadtführer Berlin. Fünf Erzählungen. Stuttgart: Reclam, 1985, S.11)

Wie nah die Parallele zwischen Schmetterling und Briefmarken liegt, offenbart auch das letzte Wort aus Wieland Herzfeldes Gedicht “An meine Briefmarken-Sammlung” aus dem Jahr 1915, das Detlev Schröttker in seinem Artikel leider nur ausschnittsweise zitiert:

“Ihr Marken, angeschwemmt aus schlangensüßen Zonen! / Muscheln, gereiht auf elfenbeinernen Grund / Wo eure Altäre des Nimmermehr thronen / Schweben Erwartungen, falterbund.” (Hervorhebung von mir)

Zugleich wird deutlich, was viele Sammler*innen aus ihrer ersten Begegnung mit dem Phänomen Briefmarke unschwer als Auslöser ihrer Faszination festmachen können: Exotik. In den schulischen Arbeitsgemeinschaften zur Philatelie standen, jedenfalls nach meiner Erinnerung, Marken mit Tiermotiven aus Tonga, Japan oder Kolumbien deutlich höher im Kurs als jeder noch so seltene Plattenfehler. Ein interessanter Nebenaspekt: die in den 1980ern im Osten Deutschlands noch wenig beliebten Sammelgebiete DDR, Osteuropa und Sowjetunion erobern sich über diese Zeit mittlerweile auch einen ähnlichen exotischen Appeal, nämlich den einer unbestimmbaren Nostalgie. Beim Sammeln von Faltern, die eben auch das Versprechen einer anderen Welt in ihren bunten Flügeln trugen, setzte sich dagegen der Tierschutzgedanke so weit durch, dass Schmetterlingskästen außerhalb der Naturkundemuseen weitgehend in obskuren Nischen verstauben. Es ist durchaus eine Herausforderung, heute überhaupt noch einen Händler für diese Kästen zu finden.

Die Philatelie ist freilich, was ihre akademische Anerkennung betrifft, der Lepidopterologie erheblich nachgeordnet, da letztere wie direkt auch das Beispiel Nabokovs unterstreicht, durchaus problemlos in die Wissenschaftswelt der Zoologie eingebunden werden kann. Medien- und Kulturwissenschaft zeigten sich gegenüber der Philatelie traditionell weniger aufnahmebereit als beispielsweise sogar gegenüber der Numismatik. Möglicherweise ist das zugleich der Grund für den unglaublich verästelten und elaborierten Stand der Wissenskultur der Philatelist*innen, den Detlev Schröttker würdigt, wenn er schreibt:

“Nie wieder wurde ein solcher Umfang von Wissen über ein Medium von globaler Bedeutung ausschließlich von Laien zusammengetragen.”

Die Klebeseite dieser Marke ist freilich, dass sich in der philatelistischen Fachkultur nicht selten eine Geschlossenheit breitmachte, mit der arglose Besucher*innen von Briefmarkenschauen schwer umgehen können und die weder angebracht noch angemessen war. Man wertschätzt sich häufig nur auf vermeintlicher Augenhöhe und treibt alle interessierten Einsteiger*innen sofort zu anderen Hobbies. Und das wird bei einer alternden Kohorte mittlerweile zum Problem.

Soziologisch und sozialpsychologisch handelt es sich dabei um ein spannendes Untersuchungsfeld. Menschen, die eher spielerisch und explorativ an das Medium herantreten möchten, fällt es nach wie vor schwer, auf den Messen mit ihrer betulichen Gewichtigkeit und nicht selten auch abstoßenden Krämerei viel Freude zu haben. Viel zu oft bewahrheit sich zudem, was Kurt Karl Doberer 1979 in seinem Buch Schöne Briefmarken festzustellen wusste:

“Leider sind Kunstfreunde nur selten auch Briefmarkenfreunde. So kommt es, daß die herrlichen Farbstiche aus der Tschechoslowakei, Meisterminiaturen dieses Gebietes, als Briefmarken nur weit unten in der Beliebtheitsskala rangieren. Von Briefmarkensammlern nicht besonders begehrt, sind die Original-Stahlstiche in mehreren Farben ausgeführt und von flachen Stahlplatten in Kleinbögen zur vier Marken gedruckt – für den künstlerischen Feinschmecker eine seltene Gelegenheit.“ (Dortmund: Harenberg, 1979, zitiert nach dieser Quelle)

Der FAZ-Artikel von Detlev Schröttker erinnert zugleich daran, dass es nicht zwangsläufig so eindimensional sein muss, wie die biedere Luft in den Mehrzweckhallen bisweilen als Eindruck hinterlässt. Der Trend in Richtung Social Philately könnte hier ebenso für eine Entzerrung sorgen, wie die sich notwenig einstellende Einsicht, dass die meisten über Jahrzehnte aufgebauten Sammlungen keinen finanziellen Wert besitzen, der auch nur annähernd im Verhältnis zum Aufwand steht. In 99 von 100 Fällen ist das Medium Briefmarke als Kulturobjekt deutlich interessanter als als Anlageobjekt.

Die Philatelie muss sich und ihre Kommunikationen zwangsläufig im Rahmen ihrer jeweiligen Gegenwart aktualisieren. Dazu gehört zugleich der Blick zurück, wobei durchaus auffällt, dass man aus der kulturwissenschaftlichen Perspektive immer direkt bei Aby Warburg und Walter Benjamin ankommt und also 80 Jahre kulturwissenschaftliche Ignoranz im Umgang mit dem Medium Briefmarke verarbeiten muss.

Ob es Detlev Schröttker gelingt, das ein wenig abzufangen, bleibt offen. Er zeigt aber in jedem Fall anhand eines Beitrags der Herzfeld(e)-Brüder für die Abeiter-Illustrierte Zeitung (AIZ) in seinem Artikel eine vielversprechende akademische Annäherungsoption auf:

“Ein Kommentar im oberen Bildteil bietet Grundgedanken einer politischen Philatelie, die bis dahin nicht formuliert wurde. “Die Briefmarke ist längst nicht nur Sammler-Objekt, sondern auch Propaganda-Werkzeuge. Die Staaten benutzen bunte Bildchen, die durch Millionen Hände gehen, zur Propaganda von Ideen und Dingen, die ihnen wichtig erscheinen. So wird die Briefmarke zum Zeugnis für Gesinnungen und Absichten: für friedliche und unfriedliche, menschenfreundliche und menschenfeindliche.” “

Was sich bereits 1937 feststellen ließ, entfaltete sich bekanntlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Allein mit der Rubrik “Aus den Akten des MPF – Informationen aus den Akten und der Entwurfssammlung des Postministeriums der DDR”, in der in jeder Ausgabe der Deutschen Briefmarken-Zeitung (DBZ) die Entscheidungsketten für Briefmarkenausgaben der DDR detailliert nachgezeichnet werden, erhält man eine ausgezeichnete Forschungsgrundlage für eine Annäherung an eine solche politische Philatelie als Verständnisfläche der DDR-Geschichte.

Wer denkt, die politische Philatelie sei mittlerweile von einem der diversen Enden der Geschichte überholt, verkennt sowohl Funktion des Mediums Postwertzeichen als auch die Lage an sich. So ist zunächst jede Motiventscheidung politisch. Und trotz der äußerst fragwürdigen Idee der “Marke individuell“, deren gestalterische Ergebnisse sich zu professionellen amtlichen Umsetzungen in der Regel so verhalten, wie ein Lebensmitteldiscounter zum Feinkostgeschäft, bleiben Briefmarken bisher und zwar weltweit sehr exklusive Abbildungen bestimmter Ereignisse und Phänomene, denen jeweils national ein besonderer, eine Würdigung verdienender Status zugeschrieben wird.

Wer etwas über die Stimmung eines Landes lernen möchte, kann folglich aus den jeweiligen Briefmarkenausgaben, den Motiven und ihrer grafischen Inszenierung viel lernen – auch übrigens anhand der Ereignisse und Motive, die nicht gewürdigt werden.

Die in vergangenen Woche ausgegebenen Marken der Deutschen Post umfassen drei Werte Für die Wohlfahrtspflege mit Bildern aus dem Märchen “Der Froschkönig” (=deutsches Kulturgut), eine Briefmarke zum 200sten Jubiläum der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn (=Bildungstradition) sowie eine Ausgabe “25 Jahre Tafel in Deutschland”, die von der Illustratorin Susann Stefanizen recht schön auf der Höhe der gegenwärtigen grafischen Kultur gestaltet wurde. Inhaltlich würdigt sie unübersehbar zivilgesellschaftliches Engagement und anerkennt indirekt, dass es Armut in Deutschland gibt, auf die die Gesellschaft aber eigenverantwortlich zu reagieren versteht.

Nahezu unglaublich erscheint dagegen, dass die irakische Post im Jahr 2017 eine Marke zu einer gewonnenen Schlacht und sogar mit der klassischen Motivsprache eines Schlachtengemäldes ausgab. Und zwar allein deshalb, weil man lange dachte, dass das Zeitalter der großen Schlachten endgültig ein abgeschlossenes Kapitel in den Geschichtsbüchern ist. Aus kriegstheoretischer Sicht ist die Herrschaft des Islamischen Staats und der Kampf dagegen ein unglaublicher Forschungsgegenstand. Für die betroffenen Menschen ein von der Insel Deutschland aus betrachtet unfassbarer Alptraum. Die Briefmarke ist daher auch Zeugnis eines Irrsinns und genaugenommen ist das sich aus diesem Geschehen ergebene Sammelgebiet der Kriegsphilatelie vor allem Beleg eine Bankrotterklärung der globalen Politik im frühen 21. Jahrhundert. Zugleich ist die Anmutung der Marke so skurril, dass kaum beurteilt werden kann, ob man als Betrachter den bildtheoretischen Rahmen der Darstellung und Inszenierung nicht versteht oder ob es sich um eine – sehr verständliche – Hilflosigkeit handelt, dem Geschehen philatelistischen Ausdruck zu verleihen.

Briefmarke Mosul / Irak 2017
Werner Tübke hätte daran sicher keine Freude, aber das kleine Panorama der Briefmarke “Liberation of Mosul” / Irak 2017 verfolgt sicher einen ganz anderen Zweck als die letzte mir bewusste Schlachtendarstellung auf deutschem Boden in Bad Frankenhausen. 

Für eine wirkliche Analyse sind wir möglicherweise auch noch viel zu nah an diesem grundsätzlichen und weltumspannenden Spannungsfeld mit offenem Ausgang. Der Blick in die Nachrichten ruft im Prinzip täglich einen Satz auf, der da lautet: “Die Welt ist aus den Fugen!”. Der Blick in die Zeitung, von der man sich als Leser nicht zuletzt kompetente Einordnung erhofft,  verstärkt dies meist nur noch, auch hinsichtlich der Frage, was Journalismus bzw. Zeitungsjournalismus eigentlich noch leisten kann. Und wenn man hin und wieder einen Brief aus einer der Weltregionen erhält, in denen es sich die Menschen nicht leisten können, gemütlich an einem Nachmittag auf einem Marktplatz für eine absurde Abschottung ihrer Welt von der der anderen und damit eine Nichtlösung aufzumarschieren, dann erfasst einen dieser Eindruck durchaus auch bereits am Anblick der Briefmarken.

(Berlin, 04.02.2018)

Die Praxis der Annäherung. Einige Gedanken am Sonntag.

Eine der angenehmsten Beschäftigungen für Menschen wie mich, die zum Verständnis ihrer Gegenwart gern auf das Mittel einer Re- oder auch Dekonstruktion von Spuren der Vergangenheit zurückgreifen, ist naturgemäß eine, nun ja, objektsoziologische Annäherung an zufällig auftauchende Zeugnisse. Ansichtskarten sind dafür ideal. Sie sind auf der einen Seite sehr reduziert und konventionalisiert, formal angepasst auf einer möglichst reibungsfreie Verarbeitung in postalischen Transportketten. Auf der anderen Seite besitzen sie, im Gegensatz beispielsweise zu Briefmarken, genügend variable Elemente, um vielschichtige Bedeutungspunkte bis zur Ebene des individuellen, teils hochpersönlichen Gebrauchs durch die Zeit zu tragen. Daher eignen sie sich außerordentlich gut als Bezugsgröße dessen, was man Social Philately nennt.

Hinter diesem Label versteckt sich etwas, was die Philatelie vielleicht tatsächlich über das Sammelstreben nach Vollständigkeit oder den Irrweg der Philatelie als Wertanlage hinaus sinnvoll aktualisierbar hält und zu einer neuen Anziehungskraft führt. Da sich zugleich jede Art von Ephemera – vom Bierdeckel bis zu behördlichen Formularen – potentiell für solche Auseinandersetzungen anbietet, spielt zwangsläufig auch immer die Idee einer Entgrenzung über die schmalen Grenzen des Philatelistischen oder – im Fall der Postkartenkunde – des Deltiologischen hinaus, mit. Abstrakt (oder auch von der Semiotik her) gesehen kann man selbstverständlich jeden Gegenstand diversen Lektüren unterziehen. Der Techniksoziologe Bernward Joerges wurde beispielsweise durch die Aufschlüsselung der Dispositive hinter so einem trivialen Objekt wie einer Mineralwasserflasche bekannt. (siehe auch Joerges, Bernward: Technische Normen sind soziale Normen. Zum Beispiel eine Sprudelflasche. In: Joerges, Bernward: Technik, Körper der Gesellschaft. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1996. S. 119-144)

Ansichtskarte Einkaufsquelle im Kosmonautenviertel in Aschersleben
Ansichtskarte Einkaufsquelle im Kosmonautenviertel in Aschersleben

Exkurs: Am Beispiel einer Ansichtskarte

Es gibt eine Ansichtskarte, deren Motiv eine Schwarz-Weiß-Fotografie der Einkaufquelle – also einer Kaufhalle – im damals noch recht jungen Kosmonautenviertel der Stadt Aschersleben ist. Einige Aufdrucke auf der Rückseite liefern, was man heute beschreibende Metadaten nennen würde. Neben der Motivbeschreibung sind das einige formale Angaben: Die Karte wurde im Jahr 1968 ausgegeben. Verlag war die Gebr. Garloff KG in Magdeburg. Der Einzelverkaufspreis war 0,20 M(ark der DDR).

Betrachtet man die Bildseite sieht man neben drei typisierten Wohnblöcken das durch eine Fassadengestaltung mit Kunst am Bau individualisierte Gebäude der “Einkaufsquelle.” Das Mosaik zeigt einerseits über dem Eingang auf die unmittelbare Gebäudefunktion bezogene Motive – eine Frau mit Einkaufskorb, Lebensmitteln (Fische, Obst, Gemüse), darunter in großen Lettern HO. Die zum kleinen Vorplatz weisende Fassade zeigt dagegen die gesamte Bandbreite der DDR-Alltagsikonografie, mit der die Botschaft des gelingenden Sozialismus allen Passanten präsentiert wird: Eine am Kranhaken hängende Platte des industriellen Wohnungsbaus, in diesem Fall schön selbstbezüglich mit Mosaiksteinen, ein junger Mann mit Flugzeugmodell als Anspielung auf das Luftfahrtzeitalter und zugleich denkbare Beziehung zur Beliebtheit des Themas u.a. auch in der GST, ein Ingenieur, ein Industriearbeiter, ein Junge mit Fahrrad, Friedenstauben, schließlich eine Frau mit einem Mädchen, also offenbar Mutter und Tochter. Eine kurze Recherche offenbart, dass das Wandbild von Wilhelm Schmied stammt, der auch die Einkaufsquelle in Sangerhausen mit einem ähnlichen Wandbild ausgestattet hat. Das Gebäude selbst entstand 1964, entworfen vom Projektierungsbüro VEB Halle-Projekt und dem Projektanten Werner Aster.

Die Aufnahme des leider nicht benannten Fotografen präsentiert dem Betrachter eine unspektakuläre Straßenszene, sicher an einem Wochentag, an der vor allem auffällt, dass sie nur Frauen und Kinder zeigt. Sie reiht sich also recht gut ins allgemeine Hauswirtschaftsverständnis der DDR und den daraus folgenden Mustern der Organisation des Alltags ein. Die Grünfläche im Vordergrund ist ungestaltet, die Kleidung lässt die Jahreszeit Sommer vermuten. Die Einkaufsquelle hat eine Art Informationskarren mit dem bekannten HO-Kaufhallen-Emblem herausgestellt, möglicherweise als Zeichen, dass sie geöffnet ist. Aus dem Laden treten zwei Frauen mit jeweils einer Einkaufstasche, was daran erinnert, dass Großeinkäufe in der DDR weniger alltäglich waren, als wir es heute kennen. Die Kaufhallen waren Orte einer Grundversorgung und nicht des Konsums. Kinderwagen und Kinder stehen vor den Schaufenstern. Die Wohnblöcke sind schmucklos und strahlen ihren Standardisierung bis in die letzten Fuge in den Stadtraum. Zwei Fernsehantennen schmücken das Dach des Vorderen der Blöcke.

Die Blöcke und auch das Gebäude der Einkaufsquelle an der Oberstraße Ecke Hans-Grade-Straße existieren offenbar auch heute noch, was nicht selbstverständlich ist. (vgl. Google-Maps-Luftbild) Zum Zustand der Wandbilder ließ sich leider ad hoc nichts ermitteln.

Individualisiert wird die Ansichtskarte durch zwei Briefmarken (Zuschlagsmarke Unbesiegbares Vietnam, ausgegeben am 08.Mai 1968, gestaltet von Günter Schütz sowie die Briefmarke Königin der Nacht (Selinicereus grandiflores) aus der Briefmarkenserie Kakteen, ausgegeben am 02.12.1970, gestaltet von Manfred Gottschall). Beide Marken und die Karte reisten am vermutlich 30.04.1971 von Aschersleben nach Halver im Sauerland, also über die deutsch-deutsche Grenze.

Den Inhalt auszuwerten und in Beziehung zu setzen wäre Gegenstand einer ausführlicheren Darstellung. Hier soll nur skizziert werden, was sich in wenigen Minuten an Anschlusspunkten für weiterführende Auseinandersetzungen mit einem einzelnen Objekt ermitteln lässt. Deutlich wird, auch mit Blick auf den Stapel an Karten neben dem Schreibtisch, aus dem die vorliegende zufällig gezupft wurde, wie umfangreich sich eine Auseinandersetzung mit den Objekten potentiell gestalten kann. Man könnte zum Beispiel den Postkartenverlag als Ausgangspunkt nehmen, und die Karte im Kontext des weiteren Verlagsprogramms verorten. Oder man geht den Weg in die Städtebaugeschichte der DDR und spürt der Frage der Einzelhandelsarchitektur nach. Die Kunst am Bau, ihre Funktion und ihre Gestaltung bieten sich als weiteres Thema an, auch Wilhelm Schmied und seine architekturbezogenen Arbeiten, genauso die Geschichten des Kosmonautenviertels in Aschersleben, die Sozialgeschichte der Frau in der DDR, ebenso eine fotografiegeschichtliche Auseinandersetzung und schließlich könnte man natürlich auch Senderin und Empfängerin konkret nachspüren.

Bereits eine einzelne gelaufene Ansichtskarte eröffnet zahllose Zugänge, was notwendig überwältigt, weshalb letztlich nur der subjektive und bruchstückhafte Zugang möglich bleibt und die Hoffnung einen Baustein beizutragen, mit dem eines Tages eventuell jemand anderes etwas anfangen können wird. Falls nicht, ist zumindest mit diesem Blogartikel die Existenz der Karte selbst öffentlich und ausdrücklich bezeugt. Und damit ist etwas mehr in der Welt als zuvor.

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Im vorliegenden Rahmen und auch in den meisten Fällen der Social Philately wird freilich nicht der akademische Anspruch einer Objektsoziologie einlösbar sein. Anstatt von einer Forschungsfrage auszugehen, um beispielsweise anhand der Drehrichtung des Sicherheitsverschlusses einer Flasche Christinenbrunnen oder der fototechnischen Entwicklung der Ansichtskartenfotografie Erkenntnisse über die techno-normativen Strukturen der allgemeinen Lebenswirklichkeit, Konventionen und Handlungsmöglichkeiten (eine Flasche lässt sich eben nur in die vorgeschriebene Richtung aufschrauben; die Farbfotografie war in der Ansichtskartenkultur der DDR der 1960er Jahre unüblich) abzuleiten, geht es hier um eine reine von der Lust am denkbaren Text getriebene Erkundung auffindbaren Materials. Statt tiefer Deutung mit dem Anspruch maximaler Ausleuchtung setzt diese Annäherungsform auf Aufspüren, Benennen und Verknüpfen. Auch dabei lernt man, aber anders als bei wissenschaftlichen Beforschungsprozessen nicht zwangsläufig auf das Ziel hin, eine möglichst verallgemeinerbare Aussage treffen zu können. Es gibt weder Prämissen noch Thesen noch eine elaborierte Methodologie.

Das bedeutet freilich nicht, dass man nur affirmativ an einer Oberfläche entlang gleitet und jede Kritik hinter der ästhetischen Wirkung verschwindet – ein Phänomen,  das leider häufiger in blühenden Bildkultur zur Ostmoderne, zur Architektur des Brutalismus oder auch, im Sinne eines Baberini-Effekts, zur Kunst der DDR feststellbar wird. Die Abflachung der Objekte auf nostalgische Trigger-Wirkungen, Instagramabilität und / oder geometrie-verliebte Reinszenierungen nimmt ihnen notwendig die Komplexität, die zu verstehen aber notwendig ist, wenn sie mehr sein sollen, als Dekor und Ornament.

Das Anliegen der Praxis, die ich beschreibe und anstrebe wäre folglich die eines Dar-, Heraus- und Über-Stellen der Objekte in Zusammenhänge. Diese Kontexte sind zwangsläufig anders gewählt als in der Wissenschaft, in der jeweilige Fachkulturen und Erkenntnisrichtungen festlegen, was auf welche Weise legitim analysiert werden kann. Solche Zwänge kennt die beschriebene Form der Annäherung mit den Objekten nicht, weshalb sie im Ergebnis in der elaboriertesten Variante im Essay mündet und nicht im Fachaufsatz. Die Aussage bleibt subjektiv und lautet: Schaut! Das gibt es. Und das kann es mir sagen.

Nichts davon schließt aus, dass man sich nicht hin und wieder Anleihen aus der wissenschaftlichen Arbeit holt. Mitunter ist es sogar erforderlich, auch wenn dies in den meisten Fällen der in diesem Weblog behandelten Interessengebiete darauf hinausläuft, dass einfach weitere Quellen auf den Schreibtisch gelangen oder hier und da aus einem Fachtext ein Partikel aufgehoben an dazu gefügt wird. Sowohl Briefmarken als auch Ansichtskarten und sogar das Phänomen der Kunst im Stadtraum (in der DDR) sind aus keiner geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschungsrichtung so tief thematisiert, wie man es sich eigentlich wünscht. Gerade im Bereich der Philatelie ergibt sich daraus die eigenartige Konstellation, dass die Substanz der wenigen wissenschaftlichen Artikel zum Thema bisweilen deutlich instabiler ist als die der Beiträge in den einschlägigen Publikumszeitschriften. Der Diskurs der Wissenschaft zum Thema wirkt so losgelöst von den Diskursen der Freizeitphilatelist*innen, dass er ihn kaum zu berühren vermag. Das ist freilich exemplarisch für eine Vielzahl von extra-wissenschaftlichen Wissenskulturen. Hier Brücken zu bauen wäre ein schöne Aufgabe für zum Beispiel Vermittlungsinstitutionen wie Bibliotheken.

Was man aus der Wissenschaftskultur in dieser Beziehung vielleicht sinnvoll in die freien Interessenskulturen übernehmen kann, ist die Praxis des Bibliografierens. Quellen und Belege sind wichtige Anker und gerade für Einsteiger*innen in ein Feld häufig schwer zu identifizieren. Ob nebenbei zusammengestellte Literaturlisten wirklich einen grundsätzlichen Mehrwert bieten können, der in einem angemessenen Verhältnis zum Aufwand für Pflege und Aktualisierung steht, wird sich zeigen. In jedem Fall sammle ich Quellen, die mir begegnen, für eine Domäne meiner Interessen seit einer Woche grob kategorisiert in einem offenen Netzdokument, dass ich sehr gern für Einsichtnahme und Nachnutzung teile: Bibliografie zu Kunst und Architektur in der DDR mit dem Schwerpunkt baubezogene Kunst und Kunst im öffentlichen Raum (vorläufiger Arbeitstitel) – [bzw. https://retraceblog.wordpress.com/kunst-architektur-ddr/]. Dahinter steht nicht zuletzt der Wunsch, trotz allem eine Art Systematizität und damit Ordnung in die Berglandschaften des Materials zu bringen, die sich eröffnen, wenn man anhand zum Beispiel einer Freiplastik oder eines Wandbilds halbwegs unbedarft um die Ecke biegt und sich mit den Biografien der Schöpfer*innen, den Entstehungsbedingungen und den Rezeptionsansätzen konfrontiert.

Zugleich erfordert auch eine Lektüre aus Freude Lektürekompetenz und damit Basiskenntnisse zu Kunst (und Architektur) als Medienform. In Ansichtskarten kreuzt sich zum Beispiel oft Fotografietheorie mit Postgeschichte. Um einen solchen Schnittpunkt gebührend würdigen zu können, braucht man zumindest Funken von Wissen sowohl zu dem einen als auch zu dem anderen. Letztlich ist es vermutlich das, was sich in der dargestellten Praxis einer Verständnissuche anhand von Zeugnisse manifestiert: Ein Funkenschlagen, verbunden mit der Hoffnung, dadurch mehr zu sehen und zu erkennen. 

(Ben Kaden, Berlin, 14.01.2018)

Die roten Fahnen von Stalinstadt. Eine Ansichtskarte.

Auch wer viele Ansichtskarten aus Eisenhüttenstadt bzw. Stalinstadt kennt, dürfte vermutlich dann einen längeren Blick werfen, wenn ihm die unten gezeigte Ausgabe aus dem Jahr 1956 begegnet. Denn wirklich überschüttet wird man nicht mit der Ausgabe aus dem VEB Kunstverlag Reichenbach i.V., 1951 gegründet und 1959 in den das, nun ja, Heimatbild der DDR bis zu ihrem Ende prägende Bild und Heimat Reichenbach umbenannt, der bemerkenswerterweise seit den 1970ern auf das VEB verzichten konnte und auch verzichtete.

Umso schöner fühlt sich der Liebhaber der Eisenhüttenstadt-Philokartie, wenn ihm nun endlich doch ein Exemplar begegnet. Denn auch wenn das kulturästhetische Herz das des Sammlers in diesem Blog generell überlagert, erweckt der Fund einer solchen Rarität eben doch auch die eher niederen Antriebe der Sammelleidenschaft. Wo andere Ansichtskarten der Eisenhüttenstadt-Geschichte gern noch 1000 Runden durch Internetauktionen drehen dürfen, stand hier der Zugriff außer Frage..

Ansichtskarte Stalinstadt 1960
Ansichtskarte Stalinstadt 1960

Es ist aber auch ein schönes Objekt, egal wie man es dreht und wendet und zwar buchstäblich und bis zum sauberen Poststempel, der zwei Zehn-Pfennig-Dauermarken präzise mit der Bezeichnung STALINSTADT – Erste Sozialistische Stadt Deutschlands und der Werkssilhouette entwertet. Die Briefmarken entstammen der berühmten Fünfjahrplan-Serie und zeigen, ganz zur Stahlwerkerstadt passend, zwei Arbeiter der Metallverarbeitung im Gespräch.

Dass es zwei Marken bedurfte, ergab sich aus der Tatsache, dass die Ansicht der geschmückten sozialistischen Planstadt nach Frankreich reiste, genauer nach Blois an der Loire in eine dieser typischen französischen Kleinstadtstraßen mit ihren langen, geschlossenen hellen Häuserzeilen, zwei, maximal drei Geschosse hoch, mit Fensterläden und schlichten Fassaden, die Farbe nicht unähnlich der, mit denen die Häuser in Stalinstadt leuchteten, nur naturgemäß von der Zeit etwas abgestumpft. Der bürgerliche Chic von Blois findet sich weiter unten, Richtung Loire-Ufer. Der Zielort der Ansichtskarte deutet eher in Richtung Angestellten- und Handwerkermilieu.

Die dort wohnenden Madame et Monsieur M*, Lehrer offenbar, erhielten von einer Marie-Magdeleine nun am 22. August 1960 einen Gruß aus der “République Démocratique Allemande” mit dem Zusatz, dass es sich um eine lange und schöne Reise handele. Ungewöhnlich waren diese französisch-deutschen-demokratischen Ausflüge freilich nicht. Gerade in der frühen Aufbauphase der sozialistischen Vorzeigestadt wurden sehr regelmäßig Auslandsdelegationen durch das Zukunftsversprechen Stalinstadt geführt. Zudem signalisiert der August 1960 noch etwas anderes, nämlich die offiziellen Feierlichkeiten zum 10. Jahrestages der Stadtgründung, für das unter anderem die Freilichtbühne mit dem berühmten Massenaufzug “Blast das Feuer an” eröffnet wurde.

Marie-Magdeleine war also unvermeidlich in den Echoraum der Hüttenfestspiele geraten, die am 18. August 1960 offiziell begannen. Und sicher hörte sie auch von dem Luftschloss, dass der Stalinstädter Oberbürgermeister Max Richter in einer Samstagsausgabe des Neuen Deutschlands – exakt ein Jahr vor dem Mauerbau und Ein- und Einviertel-Jahr vor dem Ende von Stalinstadt – am 13.08.1960 formulieren durfte:

Die Perspektive unserer Stadt ist klar: Sie wird noch schöner werden. Nach den neuesten wissenschaftlich-technischen Erkenntnissen wird ein Stahl- und Walzwerk gebaut. Im Herzen der Stadt entsteht ein kulturelles Zentrum. Ein modernes Theater mit 800 Plätzen, ein 14geschossiges Haus der Kultur und Wissenschaften, eine herrliche Kongreß- und Sporthalle werden unseren Einwohnern die vielfältigsten Möglichkeiten für Bildung und Erholung bieten. Tausende werden hier schöpferisch an der Entwicklung der sozialistischen Kultur teilnehmen. (Max Richter: Junge Stadt des Sozialismus. In: Neues Deutschland, 13.08.1960, S. 3)

Ein kulturelles Zentrum dieser Art gab es nie und der Zentrale Platz erinnert bis heute daran. Statt des Kulturpalastes entstand später ein deutlich bescheideneres Pionierhaus, das auch eine Rolle als Verbindungselement zwischen der Kernstadt und dem neuen, so ganz anderen fünften Wohnkomplex übernehmen sollte. In der fußläufigen und auch sehr gelungen auf Fußwege geplanten Stadtanlage ist es gar nicht mal so weit von dem Wohnblock des WK II entfernt, den die Ansichtskarte rotbeflaggt inszeniert.

Erster Mai oder Siebter Oktober, Frühling oder Spätsommer, vielleicht Frühherbst lautet nun die Frage an die Aufnahme. Die kleinen Bäume tragen bereits Laub, allerdings nicht ausgesprochen zartes. Andererseits ist die Kolorierung nicht unbedingt absoluter Naturtreue verpflichtet. Die Menschen wandern in langen Ärmeln – beides ist für kalten Frühling oder kühlen Frühherbst angemessen. Für den 07. Oktober 1955 jedoch versprach die Wettervorhersage nicht nur halbwegs kühle Luft sondern auch Regen. Die Straßen der Stalinstadt sind jedoch trocken. Vielleicht also doch eher eine Aufnahme aus dem Monat Mai, wofür auch die Fußbekleidung der Frau im rechten Vordergrund spricht. Letztlich ist es auch von nachgeordneter Bedeutung.

Man wird sich darauf einigen können, dass die Aufnahme (“Farbfoto HO-Industriewaren”) einen doch eher seltenen Eindruck der sehr jungen Stalinstadt an einem Festtag in den 1950er Jahren präsentiert. Legt man eigene Erinnerungen dagegen, kann man zudem feststellen, dass diese Ecke – damals Ecke John-Scheer-Straße / Straße der Jugend – bis auf die Größe der Bäume und die irgendwann verschwundene Straßenwandzeitung erstaunlich lange ihre Anmutung stabil beibehielt. Eigentlich noch beibehält. Dies schließt die Litfaßsäule, frühes und wichtiges Kommunikationsmedium im Alltag der Stadt, mit ein, die irgendwann mit einer Uhr versehen wurde. Und sogar das Phänomen älterer Menschen in Schwarz gab es noch in den 1980er Jahren zu sehen. Heute trägt natürlich eher die Jugend schwarz, aus modischen Gründen und nachvollziehbar aus anderen Stoffen. Besonders im Sommer. Heute hängen auch andere Fahnen aus den Fenstern und meist nur zu großen internationalen Fußballwettkämpfen. Der gezeigte Wohnblock mit der hinter den Säulen versteckten traditionell so genannten Kameltränke steht allerdings auch 60 Jahre später genauso in der Sonne, wie ihn die Ansichtskarte zeigt.

(Ben Kaden, Berlin, 19.06.2017)

Briefmarken, Felix Hartlaub.

“Könntet Ihr mir (Michael wird sich der Sache annehmen), wenn Ihr mir nächstens schreibt, etwas deutsche Briefmarken, natürlich gestempelt, beifügen, für den Cavaliere, der ein grosser Sammler ist.”

Schrieb Felix Hartlaub am im März 1933 aus Neapel nach Mannheim an seinen Vater Gustav Friedrich Hartlaub und dessen zweite Frau Erika (geborene Schellenberg). Wir wissen das, da die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift und wunderbaren Kulturspeicher- und -aktualisierungseinrichtung Sinn und Form in ihrer aktuellen Ausgabe (Mai/Juni 2017) eine Reihe von Briefen des noch jungen (zwanzigjährigen) und 1945 verschollenen, verstorbenen Schriftstellers abdruckt, dessen Nachlass vom Literaturarchiv in Marbach verwahrt wird. Nikola Herweg, Mitarbeiterin an eben diesem führt gemeinsam mit dem Literaturwissenschaftler Harald Tausch kurz in die Schreiben Hartlaubs aus Italien ein. Ein eventuelles Interesse an diesen sollte unbedingt mit dem Heft selbst angegangen werden.

Für dieses Weblog soll allein die vielleicht nischigste der Facetten der Briefdokumentation aufgegriffen werden: die des Briefmarkensammelns. Für den gerade erst ehemaligen Odenwaldschüler Felix Hartlaub selbst war dies vermutlich weniger eine Herzenssache. Es wäre auch nicht zu erwarten. Kurz nach dem Abitur im Italien, dieses faschistisch, sich selbst hochhistorisierend, zugleich dunkle Nachrichten aus Deutschland, das nun ebenfalls zunehmend in seinen eigenen Faschismus kippt, zugleich chronische Geldsorgen und prinzipielle Fragezeichen über den Plänen der persönlichen Zukunft. Auch: Nach wie vor Trauer um die Mutter. Und auch sehr anschaulich dargelegt: Die Herausforderung, mittels den Postmedien Brief und Postkarte das Band zur Familie aufrechtzuerhalten. Briefmarken waren da verständlicherweise nur Mittel zum Zweck. Zum Beispiel für seine Verankerung in der für ihn aufzuschließenden akademischen (meist archäologischen) Gesellschaft Neapels. Der Cavaliere sammelt. Und daher muss der Bruder Michael auch im Geburtstagsbrief an den Vater noch einmal gemahnt werden:

“Erinnere Michael bitte an die Sendung der Briefmarkenauswahl.” (Brief vom 10.03.1933)

Das Gewünschte traf offenbar kurz darauf ein, denn der Brief vom 17.03.1933 eröffnet direkt:

“Lieber Pappi! Vielen Dank für die Sendung der Briefmarkenkollektion, sie wird mir hier sicher gute Dienste tuen, denn viele Leute sind passionierte Sammler.”

Damit war das Kapitel des Briefmarkensammelns für diese Briefe bereits wieder abgeschlossen. Es hier aus den Briefen zu lösen und zu notieren erfolgt nicht zuletzt mit einer Einsicht, die sich in Felix Hartlaubs Brief aus Perugia vom 1. August 1933 findet und die sich auch als Motto für diesen Blog eignete:

“Ich häufe hier im Laufe der Zeit eine Riesenmenge von Anregungen und Wissensfragmenten auf ohne irgendetwas zu verarbeiten und richtig zu befestigen.”

(Berlin, 18.06.2017)

Berlin, Dresden, Eisenhüttenstadt: Drei Ansichtskarten und Erinnerungen.

 

milchbar
Ansichtskarte Berlin – Hauptstadt der DDR / Palast der Republik / Milchbar

Berlin war für alle in der DDR der 1980er Jahre, die nicht in Berlin wohnten, fast immer eine Reise wert, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Es war unzweifelhaft, so wie es die Stadt auch heute für Deutschland ist, die einzige wirkliche Metropole. Leipzig, ja, Messestadt mit internationalem Flair, dem viel zu großen Umsteigebahnhof Richtung Zwickau – aber welcher Bahnhof bis auf die zwei Gleise in Eisenhüttenstadt schien damals nicht überwältigend und mit Verlorengehen drohend – und einem japanischen Hotel. In Ostberlin gab es ein japanisches Restaurant, in dem man nie einen Platz bekam, so jedenfalls die Erinnerung an großes Hörensagen. Vom Fuji-Restaurant in Suhl wusste das Kind nichts, aber die Jagdwaffenstadt lag ohnehin deutlich ferner, führten die FDGB-Reisen doch aus dieser Ecke des Landes nur an die Ostsee und die Wochenendausflüge eben bis Erkner, wo der Trabant stehenblieb und die S-Bahn übernahm. Nach einer Dreiviertelstunde sah man den Fernsehturm.

Dresden gab es noch, durchaus eine Großstadt und häufig besucht. Der Ziegelhaufen, der die Frauenkirche war, ist, eine frühe Erinnerung, ein Schock in der Erzählung, nach dem der Blick häufiger zum Himmel ging. Es gab Gastbesuche in einem vierzehnten Stockwerk in Prohlis. Zum Schlafen wurde für die erwachsenen Gäste im Wohnzimmer ein Sofa ausgezogen. Für die Kinder improvisierte man in einem anderen Zimmer Schlafmöglichkeiten. Die Fenster nach Westen boten beeindruckende Sonnenuntergänge. War das tiefe Rot verklungen, dachte man fasziniert an die USA-for-Africa-Schallplatte, von der man aus einem Fernsehen wusste, das man hier gar nicht empfangen konnte, die aber ganz überraschend den Weg in den Plattenschrank des Dresdner Gastwohnzimmers gefunden hatte. Mit denkbar ungelenker Hand kopierte man die Titelliste – und wie spricht man das aus: Huey Lewis & The News? – in eines dieser schmalen grün-grauen Schulhefte, 1.-4. Klasse war unten links im Kasten für den Namen eingedruckt und damit durchaus passend für den Schüler mit der Hülle der “The Historic Recording” am Schreibtisch – auch hier die Aussprache schwer, da selbst die frühen, von einem Schulfernsehen in Schwarzweiß durchsetzten Englisch-Stunden über dem (Appell-)Platz der Jugend in der Schule namens Juri Gagarin noch in einem anderen Universum warteten. Hin und wieder war man, ja, an Fiebertagen, die einem ein entschuldigtes Verbleiben in der Wohnung an die Stelle der morgengrauen Wanderung den Kiefernweg hinunter schenkten, beim heimlichen Fernsehen – und wie wichtig war es, das Gerät frühzeitig zum Herunterkühlen wieder abzustellen – über diese eigenartigen Sendungen mit den Namen “English for You”, “Wir sprechen Russisch” oder auch nur ESP – Klasse 9 gestolpert. Alternativ lief Medizin nach Noten. Man lief wieder ins Bett und zum Buch.

Dresden also war zwar Großstadt, aber zugleich gemütlich mit einem kleinen Zoo und dem geheimnisvollen Blauen Wunder, das sich als große, aber gar nicht so wunderartige Brücke erwies, für die man in Ermangelung an architektonischem und ingenieurtechnischem Grundwissen zu diesem Zeitpunkt nur wenig Begeisterung aufbrachte, weniger jedenfalls als die begeisterten Dresdner, niemals müde sich an den Schönheiten ihrer Heimatstadt zu erfreuen und darüber zu reden. Die Seilbahn entschädigte ein wenig.

Und es gab noch den Esperanto-Kongress im Kulturpalast. Aber wann? Eventuell ja 1987, im Jubiläumsjahr, in dem die Post der DDR dem Ludwik Zamenhof eine Sonderbriefmarke, eine kleine Blockausgabe nämlich, widmete, “im Dienste des Weltfriedens” las man darauf im ersten Album, für das der Vater die Neuausgaben, ohne Sperrwerte, denn die waren für die Sammlerfreunde im nichtsozialistischen Ausland, regelmäßig von der kleinen Poststelle neben dem Fotografen im Funktionsbau gleich gegenüber der Juri-Gagarin-Schule mitbrachte. In den Frühlingstagen des Jahres 1990 standen die Schüler, die ein wenig mehr Taschengeld bekamen oder Erspartes dort an, um gleich zur Öffnung nach der Mittagspause eine der wenigen zugeteilten Exemplare der Bravo zu bekommen, Roxette auf dem Cover und 16 Supersticker im Heft, fast jeder ein Jahr zuvor separat für fünf Mark der DDR auf dem Schulhof verkaufbar. Das war nun vorbei. Aber bei einem Umrechnungskurs von 1 zu 6 kosteten Roxette und die Sticker am Kiosk auch noch 12 Mark, nicht gerade wenig, eher noch unverschämt viel für Schulkinder in den Zeiten unklarer wirtschaftlicher Zukunft für die meisten Eltern, aber das wussten die Kinder ja nicht, wohl jedoch, welches, erst langsam, ab Juni rasant schwindende, Prestige das Eigentum an der gedruckten Pop-Gegenwart der Bundesrepublik zu diesem Zeitpunkt noch bot.

Nicht im ersten Album und auch in keinem späteren fand sich leider der kleine Satz Briefmarken zur X. Kunstausstellung der DDR in Dresden mit jeweils einer Arbeit von Arno Mohr, Willi Sitte und Wieland Förster mit drei ziemlich eindrucksvollen Arbeiten. Die vierte Marke, die eine Schale von Gerd Lucke zeigt, kann angesichts dieser Reihung kaum in Erscheinung treten und tritt folgerichtig in keiner Form in Erinnerung.

Arno Mohrs leichte Kreidezeichnung für die 10-Pfennig-Marke dagegen schließt nahtlos an die üblichen Wege der Gegenwart an, denn sie zeigt die von Berlin-Touristen unbedingt zu fotografierende Perspektive von der Weidendammer Brücke unweit des Bahnhofs Friedrichstraße Richtung Bodemuseum und Fernsehturm. Für den 50 Pfennig-Wert hatte man Willi Sittes damals hochaktuelles “Sie wollten nur Lesen und Schreiben lehren (Nikaragua)” ausgewählt, dass auch bildsprachlich das Fünffache an Wucht transportiert und damaligen Fünftklässlern den Tod per Imperialismus nachdrücklicher als jedes Pressefoto in die Träume prägte. Schockierender war erst die 1989 von der Jungen Welt veröffentliche Fotografie eines erhängten und verbrannten Soldaten auf dem Platz des Himmlischen Friedens, mit der die Niedertracht der Konterrevolution illustriert werden sollte. Dagegen ist keines der berühmten Tank-Man-Fotografien aus dieser Zeit erinnerlich und allein das Herumzeigen der Aufnahme zum Beispiel zu Diskussionszwecken im Staatsbürgerkundeunterricht bei Herrn Fröhlich mit dem Blick auf den Pionierweg hätte auch so kurz vor Schluss der DDR noch unangenehmste Konsequenzen nach sich gezogen.

Für die dritte Sonderbriefmarke zur X. Kunstausstellung wählte man eine Arbeit von Wieland Förster, neben Werner Stötzer, dessen Hände übrigens im schönen DEFA-Künstlerfilm “Der nackte Mann auf dem Sportplatz” zu denen des Bildhauers Kemmel geworden waren, Zentralfigur der mittleren Bildhauerei-Generation der DDR. Der “Große Trauernde Mann” aus dem Jahr 1983 erinnert an die Luftangriffe auf die Kunstausstellungs- und Esperanto-Kongressstadt Dresden am 13. Februar 1945.

Der Esperanto-Kongress, der vielleicht auch nur ein Treffen war, war für Kinder eigentlich weniger interessant, als für die Kultur der Esperanto-Jugend und die älteren Anhänger dieser Plansprache, die sich noch an die Zeit erinnerten, in der die DDR, auch hier an Verbotstraditionen des Dritten Reiches anknüpfend, alles daran gesetzt hatte, die Plansprache aus der zu planenden besseren deutschen Gesellschaft herauszuhalten. Das misslang ganz offensichtlich und so wurde es möglich, dass ein Schüler an einem Stand eines einschlägigen Verlages sich derart für die sonst im deutschen demokratischen Publikationswesen nur in geringer Variation anzutreffenden Comics begeisterte, wenngleich auch in einer ihm unbekannten Sprache. Dies war keinesfalls eine Hürde für jemanden, der in einer hoch-Disney-fizierten Schulklassenkultur als einzige Variante des Lustigen Taschenbuchs das Jumbobog 75 Hvad nu, Onkel Joakim? (Dagobert Duck und ein rosafarbener Krake auf dem Titel) in seinem Bestand hatte und trotz vollständig abwesender dänischer Sprachkenntnisse bis zum Zerfall zerlas. Die leidenschaftlichen Esperanto-Verleger dagegen sahen in dem Jungen einen zukünftigen Sprecher der Sprache “im Dienste des Weltfriedens”, bereit oder wenigstens bereit zu machen, die Flamme ihrer Passion weiterzutragen. Ein in der Nähe stehender Fotoreporter zeigte sich ganz offen gerührt und verfertigte ein Bild, welches kurz darauf die erste Seite einer leider heute nicht mehr eindeutig zu benennenden lokalen Tageszeitung schmückte. Dresden also. Freundliche Besuchsstadt an der Elbe.

Wie anders war Berlin. Quirlig, robust, unüberschaubar. Die Türen der S-Bahn wurden lange vor dem Halt aufgerissen, damit die ganz Eiligen oder Lässigen schon aus den fahrenden Wagen auf den Bahnsteig übersetzen konnten. Passanten machten im Gedränge am Ostbahnhof, 1987 gerade Hauptbahnhof genannt, höchste Modernität der Bahnreisekultur der DDR mit großer Anzeigetafel und einem 24-Stunden-Kino, keinen Unterschied und rempelten auch den Vater in die Seite, wenn er Orientierung suchend an der falsche Stelle stehen geblieben war. Die Spielwarenabteilung im Centrum Warenhaus am Alexanderplatz war Quell ewigen Quengelns und schöner Geburts- und Weihnachtsgaben sowie weiteren, als Reiseandenken legitimierbaren Dingen zwischendurch. Die Lebensmittelabteilung des Centrum Warenhauses am Hauptbahnhof betrat man mit reichlich Vorbereitungszeit, aber wenn einen die Schlange im Seiteneingang zu den Waren durchgereicht hat, gab es belgische Schokolade und sowieso mehr Auswahl als im Delikat in Eisenhüttenstadt, in der Straße des Komsomol, später Saarlouiser Straße nach der westdeutschen Partnerstadt umbenannt, von der sich die Eisenhüttenstädter in der ersten Euphorie über die erste deutsch-deutsche Städtepartnerschaft sogar Reiseerleichterung erhofft hatten und die Zuteilung von PKW westdeutscher Produktion, Stichwort Ford-Werke.

Am Delikat konnte man auch gut stehen lernen, aber doch selten bis vor den Laden, was beim RFT-Geschäft in der Leninallee an den Tagen, an denen die neuen Schallplatten angeliefert wurden, ganz anders war. Da bildete sich werktags durchaus mal eine Wartereihe bis zum Möbelkaufhaus in Erwartung audiophiler Kostbarkeiten. Wer nur einen der hinteren Plätze inne hatte, ging freilich nicht mit der begehrten Amiga-Pressung von Madonnas True Blue sondern mit der Ersten Allgemeinen Verunsicherung heim. Immerhin, den Märchenprinz und vor allem Ba-Ba-Banküberfall kannte man auch aus den Berlin-Charts von RIAS 2. Mit dem Sandlerkönig Eberhard (“das Auge rot/die Leber hart”) gab es dazu in der DDR sehr akzeptable Sozialkritik an den Lebensbedingungen im Kapitalismus.

Obdachlosigkeit war eines der Schreckensnarrative nicht nur im Schwarzen Kanal und in der DDR sowieso nicht möglich, weshalb auch notwendig war, die sogenannten Gammler in all ihrer Sichtbarkeit aufs Bitterste zu ächten. Das kannte man nicht zuletzt aus der Schule, in der ausgewählte Lehrerinnen und Lehrer weniger konformen oder gar sozial auffälligen Schülerinnen und Schülern gern in aller Unsensibilität mit einer Karriere in der Zwangsbeschäftigung bei der Grünanlagenpflege einen derben Schnitt in die Zukunft ankündigten. Die mahnenden Beispiele, in Wirklichkeit häufig einfach nur sehr freundliche oder sehr schüchterne ehemalige Hilfsschüler, gab es direkt vor der Schule in den Rosenbeeten vor der Kaufhalle zu sehen und bald auch zu verachten, denn die sozialistische Erziehung des “jeder nach seine Fähigkeiten” hatte in ihrem impliziten Nebenlehrplan vor allem auch stabile soziale Hackordnungen zu vermitteln.

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Ansichtskarte Eisenhüttenstadt – Im V. Wohnkomplex, ca. 1970

In Berlin fiel das weniger auf, als in der überschaubaren und wohlkontrollierten Ideal- und Planstadt des sozialistischen Menschen. Jedenfalls auf den ersten Blick. Volksmundliche Bezeichnungen wie “Nuttenbrosche” ausgerechnet für Walter Womackas “Brunnen der Völkerfreundschaft” auf dem Alexanderplatz – auch 2016 immer noch gut für eine Schenkelklopferüberschrift im oft mehr Gossen- als Boulevardjournalismus der Hauptstadt – offenbaren am Ende doch die schäbige und oft als bodenständig verklärte, nicht selten sogar geadelte Kleingeistigkeit vieler DDR-Berliner. Wenn man schon keine Westmark hatte, dann blieb doch wenigstens die moralischer Überlegenheit im Dorf.

Aber das weiß und versteht man erst heute. Und genauso erkennt man die Gründe, für die übergroße Sehnsucht nach Konsum, die eine Begleitmelodie der Kindheit in den 1980er Jahren war, erst in der Rückschau. Wie hungrig die Menschen waren nach Glanz und dem Geruch der Intershops. Allein ein Versandhauskatalog konnte enormes soziales Kapital einbringen und wurde unter der Hand herumgereicht, als wäre es eine Revolutionsschrift im Samisdat, nur eben begehrenswerter. Der Besitz eines “Colt-Seavers-Autos” in Matchbox-Variante ermöglichte auch schmächtigen und humorlosen 10-Jährigen den Aufstieg in die Höhen der Schulklassenhierarchie und wer mit 16 etwas auf sich hielt, verzichtete auf den kunstledernen Aktenkoffer, der kurzzeitig den Schulranzen ersetzt hatte, und trug seine Bücher, Hefte, Stifte und Sportzeug in einem von der Großmutter vom Westausflug mitgebrachten Plastikeinkaufsbeutel lässig über den Schulhof, unter taxierenden Blicken und in jedem Gespräch mit den Lehrern natürlich immer fest an den Sieg der sozialistischen Sache glaubend.

Diese sozialistischen Hipster unterschieden sich dahingehend nicht von allen anderen, waren also prinzipiell wenn es tatsächlich um etwas ging, in alles einpassbar und machten aus Nebensächlichkeiten viel Gewese. Mit Sechzehn hatte man sich sowieso einen Spitzenplatz in der Schülerhierarchie verdient, den Mopedführerschein in der Tasche und vielleicht schon eine Simson im Keller, einen Tanzkurs für die Jugendweihe absolviert und das Recht, als Hofaufsicht jeden jüngeren Schüler zu schikanieren, der aus welchem Bedürfnis auch immer während der Pause die Toilette aufsuchen wollte oder den Fehler machte, mit Kopfbedeckung ins Schulhaus zu treten. Gnade war hier fehl am Platz, würde vielmehr nur als Schwäche empfunden werden.

Diese Härte ohne Grund wirkte auf viele eigenartig anziehend und faszinierend. Das Bullyverhalten, die kleinen und großen Demütigungen, oft als “Klassenkloppe” verniedlicht, wurden oft, jedenfalls zu oft, auch von den Autoritätspersonen geduldet, mitunter sogar angeregt, sofern es die Richtigen oder Unwichtigen traf, sie apolitisch blieb und der reibungsfreie Ablauf des Schulbetriebs ansonsten wenig gestört wurde. Nach 1990 entwickelte sich an den Rändern dieser handlichen und tief verinnerlichten Gewaltkultur bekanntlich eine zunächst wenig gebremste Doppellinie von Skinheads einerseits und Hooligans andererseits. Es ging in beiden Fällen so gut wie nicht um gesellschaftliche Konflikte oder ein  Verarbeiten eines repressiven Systems, sondern um ein kleines ekliges Fest des Recht des Stärkeren, dass sich deswegen so gut entfalten konnte, weil sich im Umgang mit der rohen Kraft der Straße der Feigheit vor 1989 eine Feigheit nach 1989 nahtlos anschloss. Wenn es um etwas ging, wurden sehr viele von denen, auf die es angekommen wäre, sehr schnell konfliktscheu. Nicht alles hatte sich mit der Wende geändert.

In Berlin fiel das den Beobachtern von Außen eher nach 1990 auf, als Gewalt und Vandalismus, die nicht nur manchen schönen Sandsteinfiguren aus dem Bestand der Kunst im öffentlichen Raum den Kopf kostete, in voller Blüte standen und auf einmal so genannte “Guardian Angels” in der U-Bahn zu sehen waren. Jugendgewalt wurde ein zentrales Thema in den Zeitungen und für alle, die jung waren, stieg damit doch die Wahrscheinlichkeit, selbst Opfer zu werden, erheblich an und eines Tages musste man tatsächlich mal eine durchgeschwitzte Baseball-Kappe zwei erbärmlichen Wegelagerern im mittlerweile verschwundenen VII. Wohnkomplex in Eisenhüttenstadt aushändigen, die an dem nicht billigen, aber eben schon sehr verbrauchten Stück so interessiert waren, dass sie ohne Zögern ein Butterflymesser zur Rotation brachten, auch so ein Statussymbol dieser Zeit und bei geschickter Handhabung deutlich prestigeträchtiger als ein Springmesser, und mit einem Stich drohten, sollte man auf dem Behalten der Mütze bestehen. Geht man deshalb zur Polizei, setzt sich einer nicht immer freundlichen Behandlung durch die Behörden aus, nur um von den Burschen bei der nächsten Gelegenheit nun wegen der Anzeige das Messer noch einmal präsentiert zu bekommen? In einer kleinen Stadt dann doch lieber nicht.

In der Zeitung argumentierte derweil der Ostberliner Sozialdiakon Michael Heinisch, damals selbst gerade Mitte 20, der Kaufkraftverlust durch die Währungsunion hätte zur Folge, dass die Jugendlichen nun in ihren üblichen Treffpunkten “Jugendklubs, Kneipen” nichts mehr kaufen könnten und es sie deshalb auf die Straße zöge und wohl auch zur Gewalt – nachzulesen in der damals frisch von der Frankfurter Allgemeinen übernommenen Neuen Zeit, Ausgabe vom 18. Juli 1990 auf Seite 16 unter der erstklassigen Überschrift “Knüppel gegen Jugendgewalt”. Direkt daneben bittet die Polizei um Mithilfe bei der Suche nach zwei unbekannten, etwa 20-Jährigen, die in der S-Bahn kurz vor dem Ostkreuz den 38-jährigen Berliner Klaus-Dieter Sch. zusammenschlugen, nachdem sie zuvor im gleichen Abteil bereits einen älteren Mann attackiert hatten.

Solche Meldungen sorgten dafür, dass man ein paar Jahre von Ausflügen in den nun vermeintlichen Moloch Ost-Berlin eher absah. Dass zeitgleich, wie dieselbe Zeitungsseite informiert, beispielsweise die Filmemacherin Margit Eschenbach im Friedrichshainer Club TaBu einen Film über Feministinnen des 19. Jahrhunderts zeigen konnte und damit kulturgeschichtliche Anschlusspunkte für Noch-DDR-Bürgerinnen und -Bürger ermöglichte, die ein Jahr zuvor mutmaßlich eher nicht in dieser Form und das Volk gelangt wären, blendete das gefahrensensible Gehirn zu diesem Zeitpunkt aus. Und Feminismus war, offen gestanden, auch nicht das Thema, das frisch Jugendgeweihten in der Seele brannte. Die waren vielmehr noch mit dem ersten legalen Vollrausch und dem Vergleich der finanziellen Füllhörner, die sich über sie ergossen hatten, befasst.

Was Berlin Richtung 1989 sehr tief in die Erinnerung schrieb, waren Skateboarder vor dem Palast der Republik, aus dem man gerade mit den frisch vom Vater hart erkämpften Softcover-Sammelbänden Die Digedags in Amerika und Die Digedags am Mississippi trat – auch die Comics der DDR waren schwer zu bekommen und der Rest der Amerika-Serie wurde erst 20 Jahre später im Kulturkaufhaus Dussmann zusammengekauft.

Von This Ain’t California war damals erst die früheste Spur einer Idee angelegt, ohne dass die Protagonisten ahnten, dass sie sehr viel später in Eisenhüttenstadt am Platz des Gedenkens, der noch lange nach der Wende, eigentlich bis heute, sehr viel DDR-Ausstrahlung bewahren konnte, einige Einstellungen für diese Skateboardgeschichte der DDR drehen sollten. Man selbst war dort mit den Germina-Skateboards nie unterwegs.

Das Gefälle der Straße zur Freilichtbühne in den Diehloer Berger gefiel einem deutlich besser und als man dann endlich ein Brett hatte (Frankie Hill stand auf dem Holz von Powell-Peralta und wurde daher sofort zum Idol), das auch das übliche Sortiment zeitgenössischer Straßentricks zuließ – die Freestylekultur, die die Germina-Zauberer am Marx-Engels-Platz der Hauptstadt zelebrierten, geriet kurzzeitig sehr aus der Mode, wie auch das in der Eisenhüttenstädter Hauptpost erstmalig entdeckte Monster Skateboard Magazine zu berichten wusste – rumpelte man gewiss nicht auf den schlaglöchrigen Wegen der frühen Wohngebiete sondern hüpfte zum Beispiel in dem im Boden versenkten Gr0ßschach- oder Damefeld neben den Rosenbeeten vor der Schule namens Juri Gagarin herum und später, als die Bahn ein spottbilliges Wochenendticket auf den Markt geworfen hatte, nach Berlin vor allem zu eben diesem Palast der Republik, der mittlerweile geschlossen war.

Es gab daher keinen Blick mehr auf die Treppe im Foyer, an der man noch nicht einmal zehn Jahre und zugleich ein gefühltes Zeitalter früher staunend stand, weil Dean Reed gekommen war und den Kindern Autogramme schrieb. Keine Erinnerung gibt es dagegen an die oben gezeigte Milchbar, aus der im April 1985 unbekannte Menschen einen Ostergruß an andere unbekannte Menschen schickten, in die Bölschestraße, so viel verrät die Karte immerhin, die zufällig zu Weihnachten 2016 mit zwei Handvoll weiteren Ansichtskarten auf dem Schreibtisch landete.

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Ansichtskarte Dresden – Neubauten an der Leningrader Straße, ca. 1970

Mit diesen kam eine Ansicht der Leningrader Straße in Dresden, die Liebhaber des industriellen Wohnungsbaus genauso begeistern dürfte, wie die Freunde der Lampenproduktion des Leuchtenbau Leipzig (LBL), falls es solche gibt und die, wenn, vermutlich eine hohe Schnittmenge mit der erstgenannten Gruppe aufweisen.

Was die Erinnerungen angeht, macht es die Leningrader Straße der Milchbar im Palast gleich und bleibt noch leerer als in dieser Ansicht, in der sich das kleine rote Auto und die roten Pullover bemerkenswert ausbalancieren. Verschickt wurde die Karte im Juni 1971 nicht etwa von Dresden sondern aus Bischofswerda und zwar nach Friedrichroda, die traurige Information im Gepäck, dass eine Elfriede ihren Sommerurlaubsplatz wegen einer plötzlichen Erkrankung ihres Mannes Hans absagen musste. “Gott sei dank hat er sich wieder gut erholt.” Und: “In Gedanken gehen wir mit Ihnen durch die Straßen”. Aber nicht durch die gezeigte.

Die mittlere Karte schließlich ist im Gegensatz zu den beiden anderen ein beherzter Griff in das Hornissennest der der Erinnerung, zeigt es doch die oben mehrfach benannte Schule namens Juri Gagarin im WKV von Eisenhüttenstadt und selbst die Telefonzelle stellt heute noch diverse Verbindungen her. Schreiberin (in Eisenhüttenstadt, in der Mittagspause) und Adressaten (in Suhl, der Stadt des japanischen Restaurants, urlaubend) der konkreten Sendung sind freilich völlig unbekannt. Roswitha grüßt und informiert, dass sie für Melanie eine weiße Hose strickt, nachdem eine in Rosa fertig ist und Melanie sich “sehr gefreut” hat. Auch das.

(Ben Kaden, Berlin, 29.12.2016)