Michael Schade / Irreguläre Tage

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

In meiner nicht sonderlich systematischen wohl aber in der Perspektive unverkennbar konzentrierten Leseliste der vergangenen Monate verortet sich das gestern gelesene Michael Schades “Irreguläre Tage” fast instinktiv zwischen Radjo Monks “Blende 89” und Manja Präkels “Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß”. Ein wenig sonderbar scheint das auf den ersten Blick schon, denn die jeweilige Motivation zur Lektüre war, wie meistens, sehr zufällig und jeweils anders gelagert. Manja Präkels’ Buch las ich, wenn man so will, aus der Perspektive einer Kindheit in Jugend in Brandenburg um die Wendezeit, auch um zu sehen, wie sich ein Erlebenszeitraum, der mir selbst sehr vertraut ist, aus ihrer Perspektive darstellt. Mein Eisenhüttenstadt circa 1985-1995 trifft sicher nicht im Detail ihr Zehdenick dieser Jahre. Aber beinahe erschreckend zeigt sich, wie ähnlich sich bestimmte Muster der DDR und ihrer Auflösung als eine Art biografische Verbindungslinie zwischen sehr vielen derer spannen lassen, die man eine Weile als “Dritte Generation Ost” bezeichnete.

Michael Schade, zehn Jahre vor Manja Präkels geboren, ist in gewisser Weise ein Angehöriger einer “Zweiten Generation” der DDR, ein Fakt, der mich überhaupt nicht interessierte, als ich sein Buch “Irreguläre Tage”  zur Hand nahm. Der Auslöser war hier Fotografie, genauer ein Interesse für die Fotografie der (Post-)DDR und was aus ihr wurde und der sehr früh verstorbene Michael Schade als Schüler Arno Fischers ist da ein nahe liegender und wahrscheinlich viel zu wenig präsenter Akteur.

Radjo Monk (bzw. Christian Heckel) schließlich ist, fünf Jahre vor Michael Schade geboren, gerade so noch Teil der Generation der in den 1950ern in der DDR Geborenen. Die wenigen Jahre Unterschied spielen, wie das Nebeneinanderlegen der Texte zeigt, eine erstaunliche Rolle und zwar dann, wenn es um die Wahrnehmung und Deutung nicht unbedingt der sich desintegrierenden DDR der 1980ern sondern um ihr Ende und die unmittelbare Wendezeit geht. Und wahrscheinlich sogar darum, wie man sich aus welcher Lebensposition mit der neuen Lage zu arrangieren versuchte. Neben den individuellen Spuren treten auch generationale Unterschiede deutlich hervor, was sich möglicherweise fast zwangsläufig aus den eher streng oder eng normierten Lebensabläufen im kleinen Kosmos DDR, Land vergleichsweise hoch entwickelter, größtmöglicher Homogenität, ergeben musste.

 

Fotografie des Buches Irreguläre Tage von Michael Schade
Irreguläre Tage / Michael Schade

Alle drei Bücher wurden von Menschen jeweils in ihren 30ern geschrieben, also in einem Lebensabschnitt, in dem man sich gemeinhin intensiver darauf befragt, ob man nun da ist, wo man sich in seinem jugendlichen Ungestüm gern gesehen hätte, ob man zufrieden mit seiner Lage ist, ob man schon ankommen konnte und worauf man vermutlich noch immer keine fixe Antwort zu finden in der Lage sein wird.

Für Radjo Monk konnte es schon deshalb keine geben, weil ihm gesamte gesellschaftliche Bezugsraum auseinanderlief, auch wenn man seinen Unwillen zum affirmativen Arrangement mit dem Alltag der Spät-DDR von vornherein spürt. Er stammte sichtbar aus einer Art Gegenwelt. Dennoch: Selbst für diejenigen, die in Leipzig oder auch im Prenzlauer Berg in ihren intellektuellen Nischen versuchten, einen Halt nach ihrer Fa­çon zu finden, war die DDR mit ihren absurden Selbstbildern und dem verzweifelten Kampf darum, diese stabil zu halten, unvermeidlich Stützpfeiler und Orientierungspunkt. Zugleich wirkte sie auch, wie man dem Wendetagebuch aus dem Herbst 89 lange ablesen kann, ein bedeutender Identifikationskern, denn auf den Montagsdemonstrationen lief bis zum November auch die Hoffnung der Realisierung von etwas Utopischem, Besseren mit, dass auf die nun unverkennbar gescheiterte Ausführung der DDR-Spielart der Idee des Sozialismus aufsetzen sollte, liberaler, mit einer neuen Verfassung und einem neuen Selbstbewusstsein. Die Geschichte ist bekannt und in zahllosen Zeugnissen der Ernüchterung dargelegt. Aber als Innenperspektive eines Erlebnisjournals aus Leipzig erscheint sie doch wieder einzigartig und ich danke der Büchergilde Gutenberg, dass sie mich über die Verlegenheit eines späten Quartalsplichtkaufes zu diesem schönen, aus meiner Sicht ebenfalls viel zu wenig präsenten Buch führte und genell für die so wichtige Reihe der “Verschwiegenen Bibliothek“.

“Er erbat sich ein paar Fotografien von mir […] Fotografien seien dafür prädestiniert, die Erinnerung zu unterstützen, denn sie zeigten die Dinge im Zusammenhang mit einem Raum. Die Dinge selbst, von denen er sich trennte, machten außerhalb der Umgebung keinen Sinn mehr.” ( Michael Schade: Irreguläre Tage, S. 121)

Eine Innenperspektive von Michael Schades Texten dringt auf ihre Art noch tiefer, da sie die übergeordnete, wenn man so will, soziologische Dimension, die allgemeinen Fakten und Prozesse fast ausklammert und sich auf eine meist anekdotische strukturierte Auseinandersetzung mit der Frage, wo man eigentlich hingehört, hingehören kann und will, beschränkt und darin beim Lesen eine außerordentliche Nähe entfaltet. Das Milieu deckt sich zumindest an der Oberfläche mit dem von Radjo Monk und auch Manja Präkels und entspricht dem, was man in der DDR “Intelligenz” nannte. Michael Schades Vater ist Chirurg, was die Lebenswirklichkeit in mehrfacher Hinsicht prägt, unter anderem auch hinsichtlich Wohnortwahl und Wohnungszuweisung. Mit großelterlichen Wurzeln im Thüringischen spielt sich die Kindheit zwischen Cottbus und Frankfurt an der Oder ab, großväterlichseits irgendwie auch zwischen dem Tagebau Welzow und dem Helenesee. Braunkohleland DDR. Einmal erscheint die Ostsee, mit dem neuen Freund der Mutter. Trennungsspuren im Scheidungsland DDR. Dieser Ausflug erzwingt eine Reihe von Entscheidungen. Für den kommenden Fotografen Michael Schade ist er maßgeblich, weil er die Fotografie kennen lernt im Versuch, den Horizont am Meer auf- und vielleicht auch mitnehmen zu können. Das einzige Fotobuch Michael Schades, erschienen 19 Jahre später, heißt “Counting Waves”.

Auf die Risse der Kindheit folgt der tiefe Bruch in Gestalt der anachronistischsten und in viel zu vielen Fällen ruinösen Praxis der Identitätsformung des sozialistischen Mannes, den man “Fahne” nannte, also der Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee, wahlweise für anderthalb oder, wenn man studieren wollte, drei Jahre und wer Geschmack an militärischer Zucht und Ordnung fand, durfte sich gern noch länger verpflichten. Für den, der keinen Geschmack daran finden konnte, waren 18 Monate schon mehr als genug. In gewisser Weise scheint es der Wehrdienstleistende Michael Schade sogar recht glimpflich erwischt zu haben und doch ist es furchtbar genug und in der Rückschau unübersehbar ein Verstärker für dieses grundlegende Gefühl der Haltlosigkeit, das einzig Stabile ein Fluchtkoffer, den er von seiner Großmutter übernommen hatte. Dann der Versuch eines Studiums, das in seinem Fall offenbar auch mit anderthalb Jahren Dienstverpflichtung für die Vaterlandsverteidigung möglich war. Im frühen 1989 eine Art Verlust des Vaters, der mehr oder weniger widerwillig Frankfurt/Oder Richtung Ausreisepunkt und westdeutscher Zukunft hinter sich lässt und seinen Sohn damit ebenfalls für, wie man glauben musste, absehbare Zeit. Der richtet sich derweil in einer Art Hilbig-Existenz ein – “als Nachtwächter in einem volkseigenen Betrieb” und sieht Freunde, die wie er gegen das individuelle Versinken in der Realität dieses späten Landes kämpfen. Oder sich versinken lassen. Die eigentliche Wende bleibt ausgeblendet. Eine Weihnachtsfeier bei Arno Fischer, ein bisschen Fotografen-Boheme, das findet schon nach dem Fall der Berliner Mauer statt. Dann das aufbrechende, sich verändernde, verfremdende Ostberlin, das Scheitern Anderer, Beziehungen und Entfremdungen, schließlich auch von der Stadt und Leipzig. Immer auch: Fundfotos als Spuren in die Vergangenheit. Immer auch Alkohol. Die letzte Geschichte: Eine Monolog über seine Mutter, gehalten in einer Telefonzelle, das Guthaben einer Telefonkarte lang für eine entfernte Bekannte. In der Hand: eine Flasche Cognac.

Das sind in etwa die Spuren, die Michael Schade in seinem Manuskript anlegte und die von sehr schönen, sehr guten Fotografien begleitet werden. Im Nachwort erfährt man, dass er für sich um 2000 das Schreiben an die Stelle des Fotografierens setzen wollte. Er fand keinen Verlag, auch nicht die Mittel, um den Druck selbst zu finanzieren. 2013, neun Jahre nach dem Tod Michael Schades und viel zu spät aber glücklicherweise dennoch kann es dank einer öffentlichen Förderung erscheinen. Es ist sehr wichtig, es ist sehr schön und es trifft.

(Berlin, 31.03.2018)

 

Michael Schade: Irreguläre Tage. Leipzig: Spector Books, 2013
Radjo Monk: Blende 89. Frankfurt/Main, Wien, Zürich: Büchergilde Gutenberg, 2005
Manja Präkels:  Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß. Berlin: Verbrecher Verlag, 2017

 

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Briefmarkensammeln als Klischee in der Literatur. Zum Beispiel bei Vladimir Nabokov und Pavel Brycz.

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

An einem Donnerstag im März fast genau vor 88 Jahren, es war der 20., meldete die Berliner Volkszeitung (Abendausgabe) ein dichtes Schneegestöber über dem Ärmelkanal und für Berlin als Aussicht “Ziemlich kühl, meist bewölkt und noch einzelne Niederschläge” bei etwa 2 Grad Morgentemperatur (S.3). Blätterte der Leser enttäuscht von dieser wenig einladenden Wetterlage um, stieß er auf einen Leserbrief mit einer Klage bezüglich der Zustellsorgfalt der Post:

“Der letzte Brief ist am 15.1.30 von Blesen bei Schwerin a. W. abgeschickt und am 22.1.30 hier [Zustellbezirk des Postamts 87 in Berlin] angekommen. Das sind sechs Tage und die Entfernung beträgt 170 Kilometer! In der Zeit kann man die Strecke zu Fuss zurücklegen!” (S.4)

Spaziergänge also lagen nicht zwingend nah und zumindest seine Briefe an Vera sind für den März 1930 ohne Spuren, weshalb es nicht sonderlich verwundert, dass Vladimir Nabokov just an diesem Tag eine seiner rundesten Geschichten niederzuschreiben begann: Pilgram bzw. Пильграм, denn er nannte sich noch Sirin und schrieb auf Russisch über das kleine Leben in einer Seitenstraße, die zumindest der Beschreibung nach ganz gut nach Berlin-Schöneberg passt. Dort lebt also der alternde Paul Pilgram der Geschichte mit seiner Frau Eleonore in einer “winzige[n], muffige[n] Wohnung” über seiner Schmetterlingshandlung. Samstags geht er in eine nahe Gastwirtschaft, trinkt seinen Rum und schweigt weitgehend in die Runde, unter anderem gezeichnet von einem Schlaganfall und ist als eine dieser skurrilen Kiezkuriositäten bekannt, die im Berliner Stadtbilder leider mittlerweile selten sind, die aber noch vor 20 Jahren in den vorgentrifizierten Altbaugebieten ebenso regelmäßig anzutreffen waren, wie die kleinen, verrauchten Kneipen, deren Publikum fast ausnahmslos die Vorsilbe Stamm- tragen konnte. Exemplare beider Gattungen lassen sich mit etwas Aufmerksamkeit noch finden, aber man würde sich belügen, behauptete man, ihre Zeit wäre keine, die langsam und sicher abläuft.

Da ergeht es ihnen so, wie es den Schmetterlingsgeschäften zu Pilgrams bzw. Nabokovs Berliner Jahren erging und heute beispielsweise den Briefmarkenbedarfsgeschäften und Videotheken. Da das Verlagshaus Penguin, nach wie vor überzeugt vom offenbar unzerstörbaren Medium des gedruckten Buches unlängst in der Penguin-Modern-Reihe Nabokovs Pilgram-Geschichte zusammen mit zwei weiteren perfekten Erzählungen – Symbols and Signs und Lance – in einer winzigen Taschenbuchausgabe zum halben Preis einer Tageszeitung auch in Berliner Buchhandlungen legte, nutzte ich den Samstagabend, auch in Ermangelung eines einladenden Lokals in der Nähe, um The Aurelian, wie Pilgram in der Übersetzung heißt, noch einmal zu lesen. Weil die Erzählung perfekt ist, gleitet man auch bei der wiederholten Lektüre leicht und schwer bewegt hindurch und nimmt all die präzisen Stiche mit, die die Geschichte bereithält, diese bittere Spannung zwischen Lebensentwurf und Lebenswirklichkeit und das Schicksal als Strukturironie des menschlichen Daseins, wundervoll zugespitzt auf die kleine Münze eben der Biografie des Durchschnittsmenschen und Überträumers (bzw. Aurelian) Paul Pilgram. Es findet sich eine Vielfalt Nabokov’scher Motive, seine Art der Transzendenz und eine hohe Dosis seines Stils verdichtet in wenigen Seiten. Wer tatsächlich zweifelt, ob er oder sie sich auf Die Gabe, Nabokovs so großes wie großartiges Berlin-Buch, einlassen möchte, kann hier gefahrlos vorfühlen. Kurz erwähnen möchte ich Pilgram jedoch heute vor allem, weil mir eine Formulierung vielleicht zum ersten Mal auffiel, vielleicht auch einfach nach der letzten Lektüre in Vergessenheit versank.

Es geht um die Philatelie, zu der ich ein, nun ja, eigenwilliges Verhältnis pflege, zusammengesetzt aus einem Bruchstück Kindheit, einem Eckchen medientheoretischen und einem kulturhistorischen Interesse, einer Prise Freude an der Praxis des Gestaltens und einem Eimer prinzipieller Neigung zu bedrohten, weitgehend harmlosen Elementen in dieser Welt. Briefmarken, denen Walter Benjamin ihr Ende bereits prophezeite, als Sirin-Nabokov noch Ideen für Pilgram und vielleicht auch ein paar Schmetterlinge im Berliner Umland sammelte, scheinen heute mehr denn je funktional völlig überflüssig und halten sich dennoch tapfer, auch wenn so manche Designentscheidung der jüngeren Ausgabepolitik der Deutschen Post die Vermutung nahelegt, man würde über ästhetische Abstriche endlich erzwingen wollen, dass niemand mehr am Schalter nach Sondermarken fragt. Zugleich zeigt der Blick in die Ausgabengeschichte, dass furchtbare Designentscheidungen einfach zum Wesen der Biefmarkengestaltung gehören. Die Briefmarkenhandlungen verschwinden tatsächlich aus dem Stadtbild, was aber auch daran liegen kann, dass sich das Internet für Alltagssammler*innen als deutlich bequemerer und niedrigschwelligerer Zugangsort zur Passion eignet. Noch vor zehn Jahren konnte man nämlich als erkennbar jüngerer Mensch die Erfahrung machen, bei bestimmten mehr oder weniger alterwürdigen, oft jedoch eigentlich nur alten Vertretern (Frauen sind traditionell kaum anzutreffen) der Zunft zunächst einmal einem kritischen Prüfungsgespräch ausgesetzt zu werden, bevor man einen schmucken Kleinbogen von der Sammlerbörse nach Hause tragen durfte. Beim Online-Handel muss man hingegen nirgends seine Expertise beweisen, um eine schöne Customer Journey zu erleben und hat zugleich eine globale Auswahl, die einem auch Umschläge aus Bagdad in den Briefkasten bringt, welche in einer Weise frankiert sind, die damals in der Arbeitsgemeinschaft Junge Philatelisten ein schier unvorstellbares soziales Kapital bedeutet hätten. Heute kann man also auch ganz nebenbei ohne Aufwand mittelkindliche Mangelerlebnisse  kompensieren, wenn man es denn nötig hat.

Es ist eine Zeile, die Nabokov bzw. Paul Pilgram mit diesen Wahrnehmungen verbindet. Der frustrierte Lepidopterologe und gezwungenermaßen auch Schreibwarenhändler P.P. äußert sich nämlich über eventuell in seinem Laden vorbeischauende andere Liebhaber der Entomologie mit einer schlimmstmöglichen und allgegenwärtigsten Altherrenüberheblichkeit;

” ‘That fellow’, he would think, ‘may be as learned as the late Dr Staudinger, but he has no more imagination than a stamp collector.’ ” (Vladimir Nabokov: The Aurelian. In: Vladimir Nabokov: Lance. [s.l.]: Penguin Books, 2018. S. 1-21, S.10)

Pilgram, der sich hier mutmaßlich auf Otto Staudinger bezog, der ihm und vielleicht auch Nabokov gleich zwischen Grunewald und Wuhlheide Käfer und Falter sammelte, heftet die anderen Falterfreunde und Insektenliebhaber in den Ordner derer ab, die man vielleicht auch Fachidioten nennen könnte – randvoll mit Buchwissen und komplett leer was Vorstellungskraft betrifft. Die Vergleichsgröße sind ihm die Briefmarkensammler, die offenbar als besonders fantasielos galten, in ihrem (vermeintlichen) Streben nach Vollständigkeit, das bekanntlich durch Vordruckalben befeuert wurde. Zugleich zeigt sich Pilgram diesem unangenehmen, jedoch zutiefst menschlichen Vollständigkeitsdrang, bei dem man alles haben möchte und unbedingt auch das, was niemand sonst im Album vorweisen kann, nicht ganz abhold nur dass es ihn zu Morphofaltern und Orleanderschwärmern zieht und nicht zu Sachsendreier und Olho-de-Bo.

Ob das am Ende besser ist, bleibt Auslegungssache. Natürlich ist das auratische Element und damit die Faszination bei der Naturforscherfantasie mit Fangnetz auf alpinen Wiesen oder im schwül-heißen Regenwald zunächst einmal deutlich größer, als das Durchforsten von Kilowarekisten und Briefmarkenalben. Aus der Natur- und Artenschutzperspektive ist das Aussterben der Lepidopterologie als Massensammelspaß jedoch sehr zu begrüßen und wenn man der Philatelie auch viel an Irrsinn unterstellen kann, so ist sie als Freizeitbeschäftigung doch zutiefst harmlos und vergleichsweise äußerst umweltverträglich. Auch hier ist also eine Art Abwägung zu treffen zwischen sinnlich komplexen Chloroformierungstouren in kaum berührte Landschaften und der zugegeben eher kleinen Geometrie gezackter Schreibtischfreuden.

Ganzsache Vladimir Nabokov - Russland, 1999
Philatelistisch blieb Vladimir Nabokov erstaunlicherweise weitgehend ungewürdigt und die Frage ist, ob er ihm das womöglich sogar ganz recht gewesen wäre. Neben einer nicht sonderlich schmucken Ausgabe der Republik Mali, die ihn als Lepidopterologen gemeinsam mit einem Bananenfalter (Caligo eurilochus) würdigt, ist vor allem eine Geburtstagsganzsache aus dem Jahr 1999 zu erwähnen, die Lushins Verteidigung zum Bildgegenstand nahm und insofern zeitlich auch ganz gut passt, da Nabokovs Schach-Roman chronologisch direkt der Pilgram-Geschichte vorausging. 

Heute trägt die Philatelie freilich nicht nur den Stempel der Kleinkariertheit sondern mehr noch den des Überkommenen, was so unnötig ist wie vermutlich natürlich im Lauf der stetigen Neuerfindung und -interpretation von Kultur. In vielen Fällen, unter anderem in der DDR, spielte sie nicht zuletzt eine wichtige Rolle als Anschluss zur Welt. Sammlerkontakte auch ins nicht-sozialistische Ausland waren deutlich leichter zu realisieren als Reisen ins das Selbige. Eine Karte aus Las Vegas oder Verona, schön gestempelt und zuverlässig zugestellt bedeutete, dass man immerhin etwas Physisches besaß, was einmal an einem Ort war, den man selbst voraussichtlich nie selbst sehen können würde. Philatelie war aus dieser Warte auch eine Praxis der Sehnsucht.

Für die Kinder dieser Generation sind diese Orte freilich wenigstens theoretisch erreichbar und sofern die individuelle nachwendliche sozioökonomische Entwicklung die Biegung Richtung Mittelstand nahm auch praktisch, zumal das Phänomen der Billigfluglinien Fernreisen teilweise erschwinglicher werden ließ, als die Reiseziele, die man noch aus dem Zeitalter der FDGB-Ferienplätze kannte. Eine spannende Frage ist, ob also Philatelie als Form des Umgangs mit Sehnsucht und Fernweh spurlos verschwand und ich fürchte beinahe, dass die Antwort hier tatsächlich ja lauten muss. Kultur- und sozialgeschichtlich ist dies dennoch oder gerade deshalb eine aufregendes Phänomen.

Dass das Briefmarkensammeln auch im Osten Europas ebenfalls weitgehend als vorväterliches Phänomen erfahren wird, blitzt unter anderem in Pavel Brycz’ großartigen multiperspektivischem Buch über seine Heimatstadt Most hervor. In I, City, seinem dritten Buch entfaltet der 1968 geborene Autor die Geschichte seines Kindheits- und Jugendortes anhand von diversen Erscheinungen (appearances), die in meist sehr knappen Skizzen ein bestimmtes Element der Stadt oft sehr poetisch fassen. Das Sammeln von Briefmarken kommt, sollte mir nichts entgangen sein, nur an einer Stelle vor. In “an appearance, innocent”, die beginnt “I knew a grandfather..:” beschreibt er einen Generationensprung, der sich in einer deprimierenden Einsamkeit offenbart, Resultat des Wunsches, man möge nirgends anecken, sich nicht in Gefahr begeben. Der Weg, den der Großvater für seinen Enkel aufzeichnet, nämlich das Vermeiden eines schädlichen Umgangs, führt freilich in eine vollkommene Isolation und ein einsames Ende – des Enkels (“When he grew up, he drank alone, and died totally alone, too.”)

“It wasn’t his fault. The easiest thing in this modern world is not to fall in with any company whatsoever. Though his grandfather didn’t know this. He lived and died in other times. He was a gardener, a volunteer fireman, philatelist, chess-player, and God knows what else.” (Pavel Brycz: I, City. Prague: Twisted Spoon Press, 2006. S. 46)

Philatelie als Symbol wirkt in diesem Fall als Kennzeichen einer Lebensführung, die für eine oder zwei Generationen keine Erfüllung mehr bieten kann. Die Lebensziele und -vorstellungen sind nicht übertragbar, auch wenn die Generation der Vorväter dies nicht wahrhaben und ihre Bilder von einem gelingenden Dasein mit aller Autorität übertragen wollen. Diese Spannung führt in der zitierten Skizze in die Katastrophe. Most bzw. Brycz schlagen sich in diesem Fall auf die Seite des Naheliegenden, nämlich des Rechts der Folgegenerationen, ihr Leben selbstbestimmt anzugehen, alle denkbaren Gefahren inklusive und unter Ausschluss der Philatelie, dieser kleinen zurückgezogenen Flucht ins Private, dieses Organisationsmodus’ einer überschaubaren Weltordnung im Einsteckbuch.

Ohne zu viel interpretieren zu wollen, ist das Auftauchen der Philatelie als generationale Reibungsfläche bemerkenswert und umso bemerkenswerter, da dies viele Jahrzehnte nach Benjamins Abgesang auf die Briefmarke und nach Pilgram-Nabokovs Abqualifizierung der Sammler erfolgt. Gerade als dankbares Klischee (fantasielos, überholt) klammert sich die Philatelie offenkundig tapfer als Spur auch in die Literatur bis hinein in die Gegenwart, was möglicherweise dafür spricht, dass ausgerechnet das Aufgehen in stereotypen Vorstellungen eine nicht ganz erfolglose kulturelle Überlebensstrategie sein kann. Unendlich ausreizen lässt sich dies freilich nicht. Wenn die Großväter mit ihren Alben verschwunden sind und einem auch in Seitenstraßen keine Briefmarkengeschäfte mit ihren  wunderkammerhaften Auslagen mehr begegnen und wenn der Alltag ohne Briefpost und Ansichtskarten bleibt, wird der Topos der Philatelie nur noch schwer nachvollziehbar zu vermitteln sein. Die Leser*innen werden dann bestenfalls noch mit einer faszinierten Irritation durch die Texte aus der Vergangenheit reisen, so wie wir heute erstaunt die Schmetterlingskästen des Paul Pilgram zusammenzusetzen versuchen, was immerhin deshalb  noch so ausgezeichnet gelingt, weil Vladimir Nabokov ein Erzähler der präzisesten Sorte war. Schade eigentlich, dass er so selten über Briefmarken schrieb.

(Berlin, 18.03.2018)

Die Karl-Marx-Schule in Zehdenick und Manja Präkels’ “Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß”.

Unter den literarischen Annäherungen an die Ursprünge einer ostdeutschen Identität, die – so der Eindruck beim Betrachten aktueller Post-13%-für-die-AfD-Debatten – erst 2017 so richtig ernsthaft die Grundfeste eines bundesrepublikanischen Selbstverständnisses zu erschüttern scheint, leuchtet eine aktuell besonders hell, trotz schwarzem Einband und vermutlich wegen der roten Schrift und dem Reizwort “Hitler” im Titel. Das Buch wird intensiv empfohlen, gelesen und hier und da diskutiert.

In der Popularität solcher Neuerscheinungen kreuzen sich gemeinhin zwei Erkenntniswünsche. Einerseits möchte man die Wurzeln dieses Rohen verstehen, für das Ostdeutschland erstaunlich stabil steht und was sich in Pegida und wütender Amateurpolitik vom rechten Rand sehr medienwirksam inszeniert. Reportagen in die nach wie vor mit offenbar tief verinnerlichtem Abgrenzungswillen “neue” genannten Bundesländer sind für viele Journalistinnen und Journalisten aus Hamburger, Frankfurter (Main, natürlich) und Berliner Verlagen auch 2017 Entsprechungen Lévi-Strauss’scher Expeditionen. Zugleich zieht es eine Generation ostdeutscher Kinder, die es geschafft haben, sich in der Weltläufigkeit zu verankern und in den prägenden Stadtvierteln dieser Welt Kunst oder Diskurs zu produzieren, eben auch, weil der Aufstieg durch Bildung doch manchen gelingen muss, zurück zur Heimat- und Nabelschau an die Orte, die verlassen werden mussten, um nicht das zu sein oder zu werden, dass man nicht sein oder werden wollte. Man liest, man erinnert sich, man feiert Acht Tage Marzahn und reist dann zurück nach Friedrichshain. Vier Stationen S7, ohne Umsteigen. Eine andere Welt.

Dieser Emanzipationsdrang von den Plattenbauten, diese Sehnsucht nach Flucht von den Alleen der Kosmonauten und aus Havelstädten hatte Gründe, hatte Bedingungen, hatte einen Rahmen und von diesen erzählt das schwarze Buch mit roter Schrift und dem Titel “Als ich mit Hitler Schnapskirchen aß” am Beispiel der Mimi Schulz bzw. Manja Präkels, deren reale Biografie, wie Interviews mit ihr zeigen, deutlich Spuren dessen tragen, was ihre Romanfigur erleben darf und muss.

Mimis / Manjas Leben in der Havelstadt Zehdenick von circa 1985 bis 1995 verblüfft weniger dadurch, dass es von besonders exzeptionellen Erfahrungen geprägt ist. Sondern vielmehr durch die erschreckende Erkenntnis, dass das Buch an vielen Stellen eine Art Spiegel ist, wenngleich natürlich ein Zerrspiegel der eigenen Erinnerung, in dem gebündelt, wie man jetzt realisiert, typische Erfahrungspunkte dieser Jahre und dieser Generation aufleuchten, die vor einigen Jahren als Dritte Generation Ostdeutschland ihre eigene Bezeichnung erhalten sollte.

Wie sollte es auch anders sein in der eingegrenzten DDR mit ihren kleinen Narrativen und dem darüber gespannten Bogen einer eigenwilligen und nicht erst in der Rückschau erstaunlich schematischen Perspektive auf Marx, Engels und Lenin. Es gab Eliten in Berlin, Leipzig, Dresden und ein paar anderen Bezirksstädten. An Orten wie beispielsweise dem Club der Intelligenz im Dachgeschoss des Textilkaufhauses von Eisenhüttenstadt sammelten sich aber eher, wenn man so will, Intellektuelle der ersten Generation, noch schwankend, welcher Kanon zur gesellschaftlichen Elite passt, durchaus und oft notgedrungen anpassungswillig in eine sozialistische Heimeligkeit, in der eine Legende von Paul und Paula als kulturelles Großereignis für Jahrzehnte ausreichen konnte.

Die Wende zur Romantik, die Nirgends-Orte, Störfälle und “Saiäns-fiktschen” waren literarische Haltegriffe, wichtige, und Versuche, sich in den Irrungen einer zunehmend ratlosen DDR-Kultur zu orientieren, aber am Ende kaum genug, um Stützbalken auf tieferer Ebene einzuziehen und jederzeit gegen einen abgenutzten Versandhauskatalog eintauschbar, mitgeschickt in den unvermeidlich herablassenden Kleiderspendepaketen westdeutscher Verwandtschaft. Sehnsucht und Status manifestierten sich im Objekt, im kleinen Besitz, oder wenigstens im Bild davon. Nicht im Gedanken. Bei vielen. Wahrscheinlich bei den meisten.

Der Zeitgeist eines übergreifenden Diskurses zur Gegenwart, Habermas, Derrida, Barthes, Literatur der Avantgarde, zu der auch lange Zeit Kafka zählte, tröpfelte nur selten und eigentlich erst spürbar in den 1980ern in die Verlagsprogramme, zu spät um ideengeschichtlich über ausgewählte Kreise mit sicherem Zugang zum vollen Sortiment des Verlags Volk und Welt Berlin hinaus durchzusickern zu den Bürgern von Zehdenick und anderswo in der brandenburgischen Provinz.

Ab 1990 kippte die Kleingartenstabilität endgültig mit den oft beschriebenen, zu selten verstandenen Effekten in eine Kryptoanarchie, bei der jeder nach einem Floß zum Anklammern suchte. Wo auf einmal der Kult des Stärkeren zum offenen Leitbild wird, hängen sich die sich als schwach Erfahrenden an den nächsten Haken, der einen zumindest im Kosmos des eigenen Wohnblocks nach oben zu ziehen verspricht. Das war dann vielleicht eine Bomberjacke. Es war zu oft eine Bomberjacke, Enthemmungsuniform, mit der noch der Geringste unter den Kameraden erleben konnte, wie es ist, wenn man Stärke, besser: Gewalt ausstrahlt. Natürlich konnten in den Schnürstiefeln auch die Füße stecken, die der alten Nachbarin die Einkäufe in den dritten Stock tragen. Aber potentiell waren es eben auch die, die einem den Kiefer brechen, wenn man kurz falsch schaut.

Die ostdeutschen frühen 1990er Jahre – dieses Substrat aus grassierender Verunsicherung und Einschüchterung. Was immer in der schöpferischen Wendezeit an moralischen Stufen für eher wenige Wochen als Monate erklommen wurde, stürzte rasant wieder hinab und in der Tat wurde hier und da mit einem beherzten Tritt nachgeholfen, sei es über die Plumpheit und Gewalt einer unterreflektierten Rückübertragungswut oder des Nackenschlags, platziert aus tiefer Angst, tiefem Sadismus oder tiefer Langeweile.

Sie kamen aus Weil am Rhein, Ulm oder Hannover, wie es Sichtbeton für das Kiezfieber der 2000er und die Entkernung des inneren Berlins beschrieben, hatten das neue Recht auf ihrer Seite und die Mittel und den Notar und waren überlegen. Die anderen lebten in Zehdenick, Hoyerswerda oder Frankfurt/Oder hatten ihrer Kraft auf ihrer Seite, die Angst der anderen, waren jung und wähnten sich stark. Überlegen. Dazwischen, versteckter: die Hustler, die Resilienten, die Stillen, ein paar Rächer am Stasi-System, ein paar Träumer, ein paar Bürgerrechtler. Menschen über deren Biografien man oft noch gar nicht geschrieben, gefilmt und gesprochen hat. Die Eltern, unsere Eltern, darum bemüht, im Strömen der Geschichte eine Art Normalität zu erhalten, zu rekonstruieren und bisweilen ihre eigenen Träume aus dem Herzen oder auch nur aus dem Versandhauskatalog zu verwirklichen. Es gab auch ein Leben außerhalb der Zumutung, der Bedrohung, der Angst, des Kämpfens in Ostdeutschland um 1990. Aber nicht für alle und nicht für die Figuren in Manja Präkels’ Buch.

Wo die Moral versagte. traf es in der Regel die, die sich nicht gut wehren konnten oder wollten, weil ihnen bestimmte Formen des Verlierens, der Erniedrigung, der Demütigung, des Niedergeschlagenwerdens gar nicht vorstellbar waren. Cleverness und Durchsetzungskraft waren die Talente der Stunde, die wenig Raum und Zeit ließ für Reflexion, Selbstfindung, Selbststabilisierung, Selbsterkenntnis. Den nicht so Cleveren blieb der Rückfall in einen vermeintlichen Naturzustand zur vermeintlichen Durchsetzung. Die neuen Herren des Kaufhallenvorplatzes etablierten eine neue Form von Konformität im öffentlichen Raum des frühen Nachsozialismus (gesenkter Blick, bloß nicht auffallen). In einer solcher Zwischenwelt hatten es Menschen wie Manja Präkels’ Mimi schwer, trieben mehr als dass sie schwammen durch ihre Gegenwart, versuchten sich an Definitions- und Identitätsangeboten und nicht wenige verloren sich dabei.

Die vorletzten Kinder der DDR, die noch genug sozialistische Volksbildung erfahren hatten, um zu wissen, wie ein Fahnenappell abläuft und wann man ins Blauhemd hineingewachsen sein wird, standen nun da mit ihren manchmal bemühten, manchmal resignierten, meist ahnungslosen Eltern, die in vielem plötzlich wieder selber wie Kinder waren. Ihre Lebenserfahrung, ihre Existenz als ehemalige Bürger der DDR war spätestens zum 03. Oktober 1990 vor allem Stigma, später unter dem Zeichen der Ostalgie als harmlose Melancholiezone wieder zulässig und an den linken und rechten Rändern das Gift eines zornigen Stolzes. In jedem Fall aber war es zunächst eine Schamerfahrung und nichts, womit die in der Pubertät blühenden Mimis und Olivers etwas zu tun haben wollten. Mit ihrem noch kleinen Häufchen Lebenserfahrung und viel Alleingelassensein  mussten sie sich selbst finden, erfinden oder wenigstens suchen.

Was Manja Präkels Buch leistet, ist, diesen besonderen Zustand zu konservieren. Der Mangel an Distanz, vielleicht auch an literarischer Fertigkeit in “Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß” unterstreicht diesen Eindruck, weshalb jedes Urteil ambivalent ausfallen muss. Das Buch ist literarisch ungelenk und wirkt nicht zuletzt genau dadurch außerordentlich authentisch. Was sie beschreibt, stimmt alles. Der Text überwältigt den Leser, in dem er die Unmöglichkeit der Figuren verdeutlicht, ihre Mitwelt anders als deskriptiv zu erfahren. Der Mensch gegenüber wankt, man sieht es, hört es, spürt es. Aber man wird ihm nicht helfen können, denn man kann sich schon selbst nicht helfen. Man flieht, kehrt zurück, staunt, flieht, kehrt zurück und am Ende hat jemand Glück und wird Journalistin, was ziemlich direkt zur Biographie zur Autorin überleitet, eine, wenn man so will, charakteristische derjenigen Kinder der ostdeutschen Provinz, die man heute auf Lesungen innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings treffen kann und mit denen man ganz gut ins Gespräch kommt, wenn man beim Smalltalk den Weg zurück in die frühen 1990er findet. Und so ist, hochverdichtet, das Buch. Manja Präkels’ führt jede/n, der/die diese Zeit an diesen Orten in diesem Alter erlebte, auf direktem Weg in dieses Erleben zurück an seine eigene Karl-Marx-Schule, in seine eigene Wolfshöhle, sein eigenes Marzahn, seine eigenen Verluste und wie man sie zu lernen hatte. //

Ansichtskarte Karl-Marx-Schule Havelstadt Zehdenick
Ansichtskarte Karl-Marx-Schule Havelstadt Zehdenick

Im Sommer des Jahres 1968 reisten Lydia und Mietek, die sich einen polnischen Nachnamen teilten, durch die DDR. Viel ist von der Reise nicht bekannt. Jedenfalls mir nicht, der ich nur diese Ansichtskarte als Zeugnis vor mir habe, die einen Schultypenbau der DDR zeigt, der nun zufällig die Schule zeigt, die Mimi Schulz in Manja Präkels’ Buch später besuchen wird – die Karl-Marx-Schule in der Havelstadt Zehdenick, wie es die Beschreibung auf der Rückseite zeigt, gedruckt bei der PGH “Rotophot” im Bestensee bei Berlin im Jahr 1967, verkauft für 0,25 MDN, frankiert mit dem 10-Pfennig Wert der Dauermarkenserie Staatsratsvorsitzender Walter Ulbricht, abgestempelt am 08.08.68 in 1434 Zehdenick, geschickt nach Potsdam, die Botschaft tragend “Liebe Geschwister Müller[,] sind schon 5 Tage in Eurem schönen Lande. Wollen auch Euch am Freitag den 16. Aug. besuchen kommen.” Die Schule war neu, die Ansichtskarten-DDR ein helles und modernes Versprechen der Zukunft. Manja Präkels’ Romanfigur Hitler würde in vier Jahren geboren werden, in nicht ganz 24 würde ihre Romanfigur Krischi vor dem Landgasthof nach einem Überfall (“Glatzen, grüne Bomberjacken, Springerstiefel.”) sterben, der Bruder, die Romanfigur Zottel, hilflos, verzweifelt, daneben. Das echte Leben hat echte Gesichter aus echten Erinnerungen für alle Beteiligten.

(Ben Kaden, Berlin, 27.10.2017)