Rudolf Sitte, Strehla, eine Ansichtskarte.

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Hin und wieder stößt man auf die Aussage, dass Rudolf Sitte, Bruder des DDR-Über-Malers und langjährigen VBK-Präsidenten Willi Sitte, zwar “sehr begabt” war, aber viel zu wenig Wertschätzung erfährt (so beispielsweise geäußert Martin Maleschka unlängst in seiner Rolle als Redakteur der Kunst-am-Wege-Facebook-Seite). Im Vergleich zu seinem Bruder mag Rudolf Sitte tatsächlich untergehen. Und leider verschwanden auch nicht wenige seiner Arbeiten, wie auch überhaupt viele der mitunter eher in den ignoranten 1990er und auch 2000er Jahen bestenfalls als dekorativ denn als erhaltenswerte Kunst wahrgenommenen Realisierungen – nicht nur von ihm sondern insgesamt aus der von ihm mitbegründeten und programmatisch benannten Dresdner  Produktionsgenossenschaft Bildender Künstler „Kunst am Bau“. Das geschah selten mit Vorsatz sondern meist, nun ja, zufällig mit den dazugehörigen Gebäuden. Es geschieht auch heute noch hin und wieder, aber zunehmend mit Protest und Gegenwehr.

Aber, auch das gehört dazu, Rudolf Sitte besaß ab 1981 eine Professur an der HfBK in Dresden, wurde regelmäßig in den Katalogen Kunstaustellungen der DDR gezeigt und verwirklichte in seiner Schaffensbiografie eine erstaunliche Vielfalt von baugebundenen Arbeiten, von denen viele erstaunlicherweise doch überlebten und noch heute betrachtet und wertgeschätzt werden können. Es reichte für ihn vielleicht nicht zu ganzen großen Wurf in die Unsterblichkeit der Kunstgeschichte. Aber er war trotz allem etabliert und anerkannt. Und er galt, wenngleich spät, auch fast ein wenig als Avantgarde in der baugebundenen Gestaltungskunst der DDR.

Sichtbar wird dies beispielsweise im vom Kollektiv Ulf Zimmermann für die Ingenieurhochschule in Mittweida entworfene Mensa- und Bibliotheksgebäude aus der Mitte der 1980er Jahre, für dessen künstlerische Innengestaltung sich Rudolf Sitte am Thema Leiterplatte orientierte. Die Themenwahl scheint nur folgerichtig, wenn man bedenkt als welche Leuchtfigur bereits mehr als 10 Jahre zuvor Werner Tübke den Leiter des Rechenzentrums für sein Monumentalgemälde “Arbeiterklasse und Intelligenz” aufs Wandbild brachte und wie die schematische Struktur einer Platine dem generell sehr geometrischen Ansatz von Rudolf Sitte und vielen seiner Kunst-Am-Bau-Kollegen entsprach. Die Digitalisierung war als Zukunftstechnologie in der DDR längst präsent, allerdings im internationalen Vergleich, wie sich zeigen sollte, nicht mit einer überlebensfähigen Leistungsfähigkeit.

Das informatische Denken floss nun also auch den kommenden Ingenieuren der späten DDR zum Mittagessen in Rot und Grün und Schwarz durch den Speisesaal, allerdings ohne Dominanzanspruch und auch ohne einen Hinweis auf eine eventuelle Vormachtstellung des informatischen Menschen sozialistischer Prägung. Rudolf Sitte traf den Geist seiner Zeit mit einer sehr gelungenen Form. Warum blieb er, so jedenfalls der Anschein, in der Nische?

Nun beschränkt sich mein Wissen über Rudolf Sitte und sein Schaffen leider auf das, was man in etwa beim Small-Talk im Treppenhaus aufschnappt. Auf dieser Basis lässt sich jedoch unschwer die, gern auch diskutierbare, These formulieren, dass er es unter anderem, abgesehen von einem biografischen Makel, in der DDR womöglich auch deshalb nicht ganz in die allererste Reihe der künstlerischen Prominenz schaffte, weil er zu sehr abstrahierende und grafisch geprägte Stilmittel bevorzugte, in denen der Mensch zwar auftauchte, aber in der Wirkung eben doch stärker selbst als grafisches Element und selten als Figur der unmittelbaren Identifikation. Zudem waren seine Umsetzungen keinesfalls so eingängig und allgemein vermittelbar wie zum Beispiel die eines Hans Ticha, der so etwas wie eine Pop-Art und damit sich selbst auch international etablieren konnte.

Rudolf Sitte blieb in der öffentlichen Wahrnehmung immer etwas am Rand, gut vernetzt und von Experten wertgeschätzt, aber doch möglicherweise auch irgendwie verdeckt durch die “Kunst am Bau”-Genossenschaft, in der zum Beispiel mit Karl-Heinz Adler jemand aktiv war, der vielleicht noch einen Tick innovativer formte. Dazu addierte sich mutmaßlich, dass man die Arbeiten der Genossenschaft überall dort, wo man Kunst vor allem galerieseitig betrachtet, bestenfalls nachgeordnet wahrnahm und wahrnimmt. Mitunter auch zu Recht. Die großartige Formengüte Friedrich Kracht’scher Formsteinwände berührt und überzeugt ästhetisch, lässt sich aber mit größter Anstrengung kaum über die Rolle des Ornaments hinaus ausdeuten. Was hier “Kunst am Bau” im Namen trug, war und ist am Ende in vielen Fällen nur Dekoration.

Spannend wird es bei Grenzfällen in Rudolf Sittes Schaffen. So findet man beispielsweise in der Motivwahl straff dem sozialistischen Motivschatz folgende Reliefarbeiten –  unter anderem mit Karl Liebknecht als Wegbereiter für Frieden und Sieg der Arbeiterklasse in der ehemaligen Schule der Volkspolizei in Berlin-Marzahn. Waffenbrüderschaft, Pioniergruß, Friedenstaube, sozialistische Familie und ein wenig Freizeitidyll. Ist das nur Ornament? Oder wird hier nicht doch auch inhaltlich eine individuelle Gestaltung jenseits der Formgebung sichtbar?

Andere, unstrittig als solche bezeichneten, Künstler (und man setzt das Maskulinum leider immer zutreffend, denn Künstlerinnen tauchten in den beschriebenen Zusammenhängen fast nie auf) schafften es mit einen ähnlichen Potpourri allseits bekannter Figuren bis in die Palastgalerie und damit dann auch ins Museum Baberini. So ist Willi Sittes aus dem gleichen Jahr wie das Relief seines Bruders stammende Großgemälde “Die rote Fahne – Kampf, Leid und Sieg” zwar interessanter durchkomponiert als das Marzahner Relief, aber im Ergebnis ebenfalls nur ein Neuaufguss von Altbekanntem. Und genau das sollte es für den Zweck wohl auch sein.

Wenn Willi Sittes Rotbild also Kunst ist, dann sind es Rudolf Sittes Themenreliefs auch. Allerdings bleiben beide selbst für die Kunstgeschichte der DDR ideengeschichtlich eher schmächtig, zugleich jedoch umso ausholender in der Form.

Ähnliches gilt für ein weiteres, häufiger thematisiertes Relief von Rudolf Sitte, dass 1969 im Zentrum von Cottbus enthüllt wurde und den bemerkenswertenTitel “Die revolutionäre Arbeiterklasse und ihr Sieg” trägt. Im Prinzip dürfte das gesamte Bild ein Eingeständnis sein und zwar, dass sich Rudolf Sitte wie auch einige seiner Kollegen bei “Kunst am Bau” (wie Vinzenz Wanitschke oder auch Dieter Graupner) Druck und Anforderungen der offiziellen Kulturpolitik beugten und genehmere Arbeiten anfertigten.

Entsprechend bewegt er sich beim Cottbusser Relief sogar formal erstaunlich nah am sozialistischen Realismus, was auch der Tatsache geschuldet sein dürfte, dass hinter der Entstehung fast ein Bitterfelder Weg lag: “Werktätige und Arbeiterveteranen” steuerten Bildidee und Gestaltungsansprüche bei. (vgl. ADN/BZ: Bildende Künstler verschönern Städte. In: Berliner Zeitung, 18.08.1968, S. 6) Zugleich hatte Rudolf Sitte ein wenig Pech, entstand doch parallel ein paar Meter weiter der Wandfries “Aus dem Spreewald” von Kurt Heinz Sieger, der mit seinem gekachelten Lokalkolorit den meisten Menschen der Stadt deutlich mehr Identifikationsfläche bot, als eine weitere Wiederkehr des, buchstäblich steingrauen, Mythos der siegenden Arbeiterklasse. Zwar qualmt auch im Spreewaldidyll die Traktorisierung im Hintergrund. Aber immerhin auf edlem Meißner Porzellan.

Und dann Halle. Vier Jahre arbeiteten Rudolf Sitte, Vincenz Wanitschke, Egmar Ponndorf und Hans Peschel an ihrem Betonrelief für das Haus des Lehrers am selbst für Verhältnisse der monumentalen DDR unwirtlichen Ernst-Thälmann-Platz – wieder zur Geschichte der Arbeiterbewegung, angefangen vom Kommunistischen Manifest bis hin zur Gegenwart, auch wenn der realexistierende Verkehrslärm darin keine Rolle spielten. Es ist natürlich offensichtlich, weshalb Künstler in der DDR solche Auftragswerke nicht ausschlugen. Sie ermöglichten, dass man zugleich halbwegs ungestört in freien Arbeiten eben auch freie Ideen folgen konnte.

Zugleich jedoch meißelten sie damit auch einen bestimmten Ruf in den Stein. Ein Vinzenz Wanitschke mag seine Kleinplastiken wie “Gelöschtes Leben” besonders wertgeschätzt haben. Aber im öffentlichen Blick verschwinden sie nahezu unvermeidlich hinter einem “Proletarischen Internationalismus”, der auf dem Robotron-Gelände die Fäuste in den Himmel reckt. Sie haben, wenn auch aus Gründen, mitgespielt und sich für einen Weg entschieden, der am Ende eher auf die Seite derer führte, die mit den Wende nicht unbedingt viel gewannen. Rudolf Sitte dürfte das vor Augen gehabt haben, saß er doch einst bei Heinz Lohmar in einer Klasse mit einem Künstler, der eine ganz andere Karriere einschlagen sollte: Gerhard Richter. (Immerhin wurde Rudolf Sitte die Ehre zuteil, die bildkünstlerische Gestaltung für den Friedhof zu übernehmen, auf dem der ehemalige gemeinsame Hochschullehrer seine letzte Ruhe fand.)

Hinzu kommt, dass eine offene kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle als bildender Künstler/in in der DDR oft unterblieb. Das mag aus verschiedenen Gründen nachvollziehbar sein. Es birgt aber auch die Gefahr, dass man in der Wahrnehmung in eine bestimmten Richtung isoliert wird, gerade als Bildhauer, von dem die Öffentlichkeit wenig mehr kennt, als rein ornamentale oder eben thematisch eher eindimensionale Wandgestaltungen. Dass die Form nicht immer folgsam war, geht dabei unter.

Ansichtskarte Erich-Weinert-Oberschule, Strehla
Ansichtskarte Erich-Weinert-Oberschule, Strehla

Als ebenfalls vor allem dekorativ gedacht aber im Vergleich zu vielen späteren Arbeiten deutlich sympathischer skaliert offenbart sich eine frühe Arbeit Rudolf Sittes für einen Schulneubau in der Kleinstadt Strehla aus dem Jahr 1961. Die oben abgebildete Ansichtskarte zeigt aufgrund der Perspektive, die der Fotograf (W. Lange) für die Inszenierung des Gebäudes und als Postkartenansicht wählte, zwar eher nur, wo sich das mehr Mosaik als Relief am Gebäude befindet. Aber immerhin. Ein anderes Zeugnis der Arbeit auf einer Ansichtskarte ist mir noch nicht begegnet.

Die konkrete Wandgestaltung weicht auf den ersten Blick nicht sonderlich von der Bildsprache der DDR Anfang der 1960er ab, entfaltet aber auf den zweiten einen erstaunlichen Reiz. Zwei Figuren schwer bestimmbaren Alters und auch in den Geschlechtsmerkmalen faszinierend ambivalent in einer floralen Szenerie, allerdings nicht pflanzend sondern in ein Halma-Spiel vertieft. Dazu addiert sich ein kleiner Vogel und möglicherweise ein stilisierter Fisch als auflockernde Füllfiguren. .

Heute steht die Schule aus dem Jahr 1961 unter Denkmalschutz. Sie entstand nach Plänen des Architekten Hans-Otto Gebauer, der sich in den 1950er Jahren ein wenig mit dem so genannten “Heimatstil” profilieren konnte und kurz darauf nach Westdeutschland abwanderte.Gebaut wurde sie daher vom wie Gebauer aus Dresden stammenden Siegfried Keller (und Kollegen).

Architekturgeschichtlich ist das Gebäudeensemble, wie auch der Heimatstil selbst, eine bemerkenswerte Zwischen-, teils auch Nebenstufe zwischen Repräsentationsansprüchen des Sozialistischen  Realismus, der DDR- bzw. Ostmoderne und der Typisierung der vollindustrialisierten Taktstraßenarchitektur. Es ist, wenn man so will, die gemütlichste und zugleich traditionellste Variante dessen, was in der DDR entworfen und gebaut werden konnte, oberflächlich gesehen nicht sonderlich spektakulär aber gerade deshalb durchaus passend in die entspannte Ländlichkeit von Strehla unweit der Elbe, Geburtsort von Heinz Kuhrig übrigens, der erst für die SED und später für die gesamte DDR für die Landwirtschaft zuständig war. Vielleicht war diese Herkunft ja auch ein Grund, warum die Schule ausgerechnet in Strehla entstand.

Dort also wurde noch Ziegel auf Ziegel gesetzt, dies aber zu einem weiträumigen Baukörper mit Pavillons, offenen Verbindungsgängen und einer zeittypischen Aula mit Galerie, ein helle und Spielräume schaffendes Haus, das offenbar auch heute noch funktioniert. Auf der sommerlichen Ansichtskarte erkennt man mit etwas Anstrengung (oder einer Lupe) sogar das Namensschild – Erich-Weinert-Oberschule sowie eine Reihe der Merkmale (Ziegel, Fensterfronten, Gebäudeform), die das Objekt bereits zur Entstehungszeit über andere Schulneubauten heraushoben.

Ansichtskarte Strehla Detail
Ansichtskarte Strehla Detail

Was lässt sich darüber hinaus sagen? Die Vegetation ist ungestaltet. Das Wetter wirkt warm, die Stimmung heiter. Wichtig war dem Fotografen, dass die Szenerie für die Ansichtskarte belebt wirkt. Drei Menschen, zwei junge Frauen, ein junger Mann laufen ihm entsprechend sozusagen entgegen, wobei der Mann ihn in den Blick nimmt, die Frauen ins Gespräch vertieft scheinen. Ein Fahrrad wartet auf Abholung. Der Weg zum Schuleingang wirkt auf der Aufnahmen schätzungsweise aus den frühen 1970er Jahren interessanterweise unbefestigt, was durchaus in eine Landgemeinde passt. Der Blick auf die Karte zeigt, dass der Eingang der Schule bewusst von der Hauptstraße entfernt liegt. Auf einen Vorplatz hat man verzichtet.

Die Karte ist beschrieben, wurde aber vermutlich in einem Brief verschickt. Daher fehlt auch ein Anhaltspunkt für eine Datierung. Die Botschaft lässt sich als typische Organisation der Selbstversorgung bestimmen: Eine Frau G. (“und Mutter”) schreibt an eine Familie N. anlässlich einer bei Fam. N. anscheinend anstehenden Schlachtung und bittet um “eine Rodwurst [sic!]”, zwei Leberwürste, Wurstbrühe, zwei Blutwürste, ein Pfund Gehacktes und zwei Pfund Wellfleisch. Für die Bezahlung bietet Frau G. zwanzig Mark per Zahlkarte und den Rest bei Übergabe. Mit herzlichen Grüßen. Der DDR-Wurstversand funktionierte anders als heute Otto-Gourmet.

Natürlich wünscht man sich als Philokartist hin und wieder gern eine andere Nähe zwischen Ansichtskartenmotiv und Botschaft und träumt bei dieser Karte davon, dass sie vom ausführenden Architekten Siegfried Keller aus Dresden nach, zum Beispiel, Sennestadt gewandert ist, um Hans-Otto Gebauer zu zeigen, wie schön sein Entwurf in der Umsetzung aussieht, vielleicht noch mit einem Gruß vom alten Freund und Formgestalter Rudolf Sitte. Anderseits ist es aber auch schön erdend, die Durchlässigkeit der Dinge zu sehen und zu realisieren, dass die Darstellung eines herausragenden Schulneubaus der DDR mit den vielleicht eingängigsten architekturbezogenen Arbeiten eines unabwendbar im Schatten seines Bruders verschwindenden Bildhauers, am Ende dazu diente, Rotwurst und Wellfleisch zu bestellen.

(Berlin, 15.07.2018)

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Der Heimgang im Durchgang. Zu einer Wand- und Raumgestaltung von Steffen Mertens in Berlin-Friedrichshain

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Details der Arbeit "Heimgang der Akrobaten" von Steffen Mertens
Ein kleines Haus und ein Paar Akrobaten – Kunst am Bau von Steffen Mertens in Berlin-Friedrichshain (1986/87)

Im September 1987 eröffnete im Untergeschoss einer der Plattenbauten, die seit 1984 im östlichen Friedrichshain die Lücken an der Frankfurter Allee füllten, eine Galerie. Das Programm für die Wohnbebauung war ambitionierter, als die Häuser dem heutigen Betrachter der sich Richtung Lichtenberg gentrifizierenden Hauptachse des Bezirks vermutlich vermitteln können. Dem Architekten Till Dorst stellte sich nämlich die Herausforderung, eine bauliche Lösung in Bezug zur bestehenden Altbausubstanz (fachsprachlich: Quartierrandbebauung) umzusetzen, wozu auch eine für Plattenbauten bekanntermaßen nicht typische Ausstattung mit Ladenlokalen gehörte. In eines dieser zog nun direkt am Durchgang zur Müggelstraße die “Galerie Passage”, mit 90 Quadratmetern nicht allzu groß aber mit einer hochkarätigen ersten Schau, nämlich einer zum Werk von Fritz Kühn. Vor der Galerie bildete dessen Skulptur “Kosmische Kreise” aus dem Jahr 1983 einen schönen Kontrapunkt zur weitgehend rechtwinkligen Geometrie der neuen Sechsgeschosser, die teilweise noch eingerüstet standen. Die Besprechungen zur Ausstellung waren positiv (so die von Sabine Sülflohn für die Neue Zeit, Ausgabe vom 10. September 1987, S.7). Innen konnte man unter anderem Teile von Fritz Kühns Variationen zum Buchstaben “A” sehen, einer für sein Schaffen sehr maßgeblich Arbeit, die heute noch unversehrt die Besucher der Zentral- und Landesbibliothek Berlin in der Breiten Straße in Empfang nimmt. Oder auch Varianten der Formen, mit denen er den Eingang der Komischen Oper rahmte. Einen Monat später waren die A’s und die Formen aus der Galerie und die Kosmischen Kreise vom Gehweg der Frankfurter Allee verschwunden. Stattdessen sah man dort eine Kuh, die Passanten in die Passage locken sollte zu einer Ausstellung mit Tierplastiken des bekanntesten Theaterplastikers der DDR, Eduard Fischer, seit 1950 am Berliner Ensemble und später mit Tieren und Masken auf vermutlich jeder Bühne der Republik vertreten und hin und wieder sogar im nicht-sozialistischen Ausland. Nach hinten hinaus, also zur Müggelstraße, gab es eine kleine Terrasse mit Café-Bewirtschaftung. Die kann man sich merken, denn im Gegensatz zur Galerie, die längst eine Sportsbar ist, findet sich dort immer noch die Möglichkeit, etwas zu trinken. Die Terrasse gehört nämlich zur “Allee-Bar” und bietet Zugang zu einer Bierauswahl, die für die meisten Bürgerinnen und Bürger der DDR des Jahres 1987 nur der süße Schaum einer diffusen Sehnsucht gen Westen sein konnte.

Buchstäblich von der Terrasse über die Pflasterung dieses Durchgangs unterm Plattenbau zwischen rauschener Haupt- und meist bestenfalls flüsternder Nebenstraße zieht sich eine Raumgestaltung, die die nunmehr 30+ Jahre ihrer Existenz vergleichsweise sehr gut überstand. Der Bildhauer Steffen Mertens bekam nämlich die Gelegenheit, die Passage neben der Passage zu gestalten. Er griff zum Backstein und zum Detail und kleidete den sonst wenig einladenden Doppelgang auf der einen Seite mit mehr und auf der anderen Seite mit etwas weniger Einzelheiten aus, die zwei schwebende Hauptfiguren begleiten, welche sehr offensichlich namensgebend sind für die Arbeit “Heimgang der Akrobaten”. Dieses Potpourri aus kleiner und großer Kunst ist leider aufgrund der baulichen und lichtspezifischen Konfiguration nicht übermäßig fotogen aber gerade deshalb umso besuchens- und studierenswerter, auch wenn gelegentliches Graffiti und eine stadträumlich nicht minder wie Vandalismus anmutende Platzierung einer Packstation der Deutschen Post das Vergnügen etwas eintrüben. Die Liebhaber eines kühlen Pilsners, die den Außenbereich der Allee Bar bereits an frühen Sommernachmittagen bevölkern, bleiben zudem bei ihrer Sache, denn in dieser Ecke von Friedrichshain ist man viel Kauzigeres gewohnt, als zum Beispiel mittelalte Männer, die sich hinhocken, um irgendetwas auf dem Gehsteig zu untersuchen. Würden sie herüberblicken, könnte man begeistert rufen: “Schaut! Äpfel, Birnen, Autos, Busse!” Dies entspräche der Wahrheit und würde zugleich jeder eventuellen Konversation vorbeugen.

Ich habe einige Detailaufnahmen zum Heimgang der Akrobaten auf Flickr hinterlegt und werde vermutlich weitere anfertigen und ergänzen. Wer mehr über Steffen Mertens und sein Werk erfahren möchte, kann einmal einen Blick auf seine Internetpräsenz werfen. Und wer am S- oder U-Bahnhof Frankfurter Allee aus- oder umsteigt, sollte ruhig einmal das kleine Stück zur Frankfurter Allee 94a gehen und dort aufmerksam Wand und Boden betrachten. Denn für die architekturbezogene Kunst der DDR ist diese Gestaltung in Ton, Klinker und Backstein sehr ungewöhnlich, formal viel näher, vielleicht, bei Eduard Fischer als an Fritz Kühn, aber genau genommen ganz für sich. Und schön, schön, schön.

(Berlin, 26.05.2018)

Ein Blick, eine Hand. Eine Notiz zum Berliner Revolutions-Relief von Gerhard Rommel

von Ben Kaden (@bkaden)

Details aus dem Bronzerelief "Novemberrevolution in Deutschland" von Gerhard Rommel
Details aus dem Bronzerelief “Novemberrevolution in Deutschland” von Gerhard Rommel, enthüllt 1988 am Neuen Marstall in Berlin-Mitte. / Fotografien: Ben Kaden, 18.05.2018

Der Lauf der Welt richtete es eigenartiger Weise so ein, dass zentrale Ereignisse der deutschen Geschichte regelmäßig auf einen 09. November fielen. Den aktuell lebenden Generationen dürfte der 09. November 1989 besonders prägnant im kollektiven Gedächtnis stehen. Im Jahr 1988 dagegen gedachte man, zumindest in Ostberlin, mit großem Staat dem 09.November 1918. Exakt ein Jahr, bevor die Mauer fiel, stand der 70. Jahrestag der Novemberrevolution auf der Tagesordnung, allerdings nicht auf den Titelblättern der Tageszeitungen, denn die Geschichtsdichte dieses Datums rückten den 50. Jahrestag der Reichsprogromnacht auch in der DDR berechtigterweise vor alle anderen Dinge, an die man sich in Deutschland an diesem Tag erinnern sollte. Wie diese Ballung des zu Gedenkenden in diesem Jahr ausfallen wird, werden wir am 09. November beobachten können.

Es gibt unvermeidlich einige Spuren, die im Stadtraum Ostberlins an die Novemberrevolution erinnern. Ins Auge der Touristen fällt vermutlich am häufigsten das Doppelrelief am Neuen Marstall auf der Spreeinsel, vis-a-vis mit dem viel neueren Schloß. Ernst von Ihnes durchaus eindrucksvolles Domizil für die hoheitlichen Pferde, die am 09.November 1918 auch ihre Bestimmung einbüßten, wurde Zentralort der Revolution und damit steinerner Endpunkt von Kaiser und König in deutschen und preussischen Landen. In der sich findenden (und bald darauf wieder verlierenden) Republik wurden aus den Ställen Magazin und aus dem Haus die Berliner Stadtbibliothek. Die Reliefarbeiten kamen erst denkbar spät ans Gebäude, nämlich zum besagten 70. Jahrestag, 1988. Mit einer Breite von jeweils etwa dreieinhalb Metern und sieben Metern Höhe handelt es sich bei den Bronzen des Bildhauers Gerhard Rommel durchaus um Großformatkunst, die freilich im Gesamtensemble am Schloßplatz ein wenig untergeht und öfter übersehen wird, als man bei solchen Maßen eigentlich annimmt.

Auf dem linken Relief sieht man Karl Marx die gedanklichen Grundlagen für die Revolution deklamieren und darunter das Volk, offenbar ausschließlich aus Männern bestehend, beim Waffengang zur Selbstbefreiung aus dem ebenfalls in Bronze gefassten Elend. Auf der rechten Seite ruft ein etwas verloren herausgehobener Karl Liebknecht die “freie sozialistische Republik” aus. Arbeiter und Soldaten hören ihm zu, jubeln im zu und singen möglicherweise die Internationale in der Textfassung des vier Jahre zuvor (also im November 1914) in Flandern gefallenenen Emil Luckhardt. Die entsprechende Szene in Kurt Maetzigs Film “Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse” hat das kollektive Gedächtnis jedenfalls dahingehend nachhaltig geprägt.

Die Positionierung von Karl Liebknecht ist heute eigentlich noch passender als am 09. November 1988, an dem er ja nur Richtung Palast der Republik rufen konnte. Jetzt ist wieder das Berliner Schloß der Adressat, was seinen Worten eine frische Bedeutung schenkt:

“Das Alte ist nicht mehr. Die Herrschaft der Hohenzollern, die in diesem Schloß jahrhundertelang gewohnt haben, ist vorüber. In dieser Stunde proklamieren wir die freie sozialistische Republik Deutschland.”

Das Portal, von dem diese Worten die revolutionären Massen im Lustgarten erreichte, steht derweil ein paar Schritte weiter als Eingang früher des Staatsratsgebäudes, aktuell der ESMT Business School, deren Lehrplan und Gründerinstitutionen (unter anderem die Axel Springer SE) antisozialistischer nicht sein könnten. Ja, Berlin ist eine postmoderne Mischung höchster Qualität.

Frauen hat Gerhard Rommel exakt jeweils einmal in die Ecken gesetzt. Beim Marx links unten als angstvolle Mutter, die mit grotesk riesigen Händen ihr Kind umklammert, während über ihr die Revolution losbricht. Und beim Liebknecht in der rechten Ecke, die Hand nach ihrem Säugling ausstreckend, den ihr einer der siegreichen Matrosen reicht. Hoffentlich um die Mutterrolle zu verdeutlichen versah der Bildhauer die Figur mit über Gebühr auffallenden, fast obszön herausgestellten Brüsten, die auch einem Russ Meyer hätten gefallen können und deren Mamillen durchs Trikot drücken, als käme sie gerade vom Wet-T-Shirt-Contest. Es überrascht regelmäßig, wie, nun ja, fantasievoll sich viele Bildhauer der DDR der Herausforderung Anatomie weiblicher Körper annäherten. Das Gesicht allerdings gelang Gerhard Rommel recht schön, natürlich reibungsfrei im Echoraum des sozialistischen Realismus, weshalb ich es hier einmal herausgehoben dokumentieren möchte und auch eine Hand, die eher geschlechtsneutral erscheint und in jedem Fall kraftvoll. Das Problem allerdings bleibt bestehen: Die Rolle der Frau in der sozialistischen Republik war (nicht nur) bei dieser Arbeit zumindest bildsprachlich die einer Randfigur, passiv, funktional reduziert auf eine Mutterrolle und so ohnmächtig, dass ihr dabei noch ein tapferer Revolutionsmatrose als Beschützer der zukünftigen Generationen buchstäblich zur Hand gehen muss. Ein klein wenig aktiver durfte die Perspektive der Frau bei den Feierlichkeiten neben dem Relief ausfallen, wie die zeitgenössische Presse berichtete:

“Das Vermächtnis der Revolutionäre von 1918 in der DDR mit aller Kraft verwirklichen zu helfen, versprach die 20jährige Cathleen Themel, FDJ-Sekretär im Berliner Glühlampenwerk des Kombinats NARVA, dem vor genau zehn Jahren der Name Rosa Luxemburg verliehen worden war. Der Name einer der engagiertesten Kämpferinnen in den Tagen der Novemberrevolution ist für mich und meine Freunde nicht nur täglicher Ansporn, auf der Höhe der Zeit zu sein, sondern gleichzeitig alles für die Stärkung unseres sozialistischen Vaterlandes zu tun. Indem wir unsere eigenen Ideen und Fähigkeiten bei der weiteren Gestaltung unserer Gesellschaft einbringen, leben die Ideale der Novemberrevolution durch unsere Arbeit in uns weiter, sagte die Kandidatin der SED.” (ADN-Meldung in der Berliner Zeitung, Ausgabe 09. November 1988, S. 6)

Ein Jahr später sollte sich auch für sie die Welt vom Kopf auf die Füße stellen. Vorerst hieß es jedoch:

“Zum Abschluß des Meetings erklang die „Internationale”. (ebd.)

(Berlin, 19. Mai 2018)

Hände / 18.05.2018

Die Hände (Womacka / Gröszer / Womacka) - Drei Detailaufnahmen von Kunstwerken
Hände / 18.05.2018 (Walter Womacka / Clemens Gröszer / Walter Womacka)

äußere Aufnahmen: Details – Walter Womacka “Geschichte der Arbeiterbewegung” – Klebeglas / Auftragswerk für das ehemalige Staatsratsgebäude der DDR
mittlere Aufnahme: Detail – Clemens Gröszer “Ruth Zechlin”, Mischtechnik auf Leinwand, 1986

Bildende Kunst Heft 06 / 1978. Eine kurze Zeitschriftenschau

von Ben Kaden (@bkaden)

Ein freier Tag lädt ein zum Griff nach einer nächsten Ausgabe der Bildenden Kunst für eine kleine, erhebungsorientierte Zeitschriftenschau. Nach der Ausgabe 10 /1959 erfolgt jetzt ein Sprung von fast zwanzig Jahren durch die Kunst- und Kunstdiskursgeschichte der DDR. Format und Gestaltung haben sich, wie man sieht, deutlich verändert. Legt man beispielsweise Ausgaben der Art International aus den 1970er Jahren neben ein Heft Bildende Kunst der 1970er, entdeckt man von der Gestaltung bis zur Wahl des Papiers mehr Gemeinsamkeiten als zur Bildenden Kunst aus den 1950er Jahren. Die Zeitschrift wirkt, zumindest auf den ersten Blick, durchaus auf Stand des gestalterischen Zeitgeistes. Entsprechend lockte eine publikationshistorische Parallelbetrachtung, die jedoch für diesen Moment unterbleiben soll. Wie in der vorhergehenden Zeitschriftschau geht es hier und heute einzig um eine inhaltliche Erschließung, die den Inhalt des Heftes systematische auffaltet und dokumentiert.

Heft Bildende Kunst 6 / 1978 - Titelbild "Lenindenkmal" von Imre Varga in Mohács, 1975
Heft Bildende Kunst 6 / 1978 / Imre Vargas Lenin in Mohács, eingefroren beim Treppensteigen. Aber frische Blumen gab es hin und wieder.

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