Briefmarken, Felix Hartlaub.

“Könntet Ihr mir (Michael wird sich der Sache annehmen), wenn Ihr mir nächstens schreibt, etwas deutsche Briefmarken, natürlich gestempelt, beifügen, für den Cavaliere, der ein grosser Sammler ist.”

Schrieb Felix Hartlaub am im März 1933 aus Neapel nach Mannheim an seinen Vater Gustav Friedrich Hartlaub und dessen zweite Frau Erika (geborene Schellenberg). Wir wissen das, da die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift und wunderbaren Kulturspeicher- und -aktualisierungseinrichtung Sinn und Form in ihrer aktuellen Ausgabe (Mai/Juni 2017) eine Reihe von Briefen des noch jungen (zwanzigjährigen) und 1945 verschollenen, verstorbenen Schriftstellers abdruckt, dessen Nachlass vom Literaturarchiv in Marbach verwahrt wird. Nikola Herweg, Mitarbeiterin an eben diesem führt gemeinsam mit dem Literaturwissenschaftler Harald Tausch kurz in die Schreiben Hartlaubs aus Italien ein. Ein eventuelles Interesse an diesen sollte unbedingt mit dem Heft selbst angegangen werden.

Für dieses Weblog soll allein die vielleicht nischigste der Facetten der Briefdokumentation aufgegriffen werden: die des Briefmarkensammelns. Für den gerade erst ehemaligen Odenwaldschüler Felix Hartlaub selbst war dies vermutlich weniger eine Herzenssache. Es wäre auch nicht zu erwarten. Kurz nach dem Abitur im Italien, dieses faschistisch, sich selbst hochhistorisierend, zugleich dunkle Nachrichten aus Deutschland, das nun ebenfalls zunehmend in seinen eigenen Faschismus kippt, zugleich chronische Geldsorgen und prinzipielle Fragezeichen über den Plänen der persönlichen Zukunft. Auch: Nach wie vor Trauer um die Mutter. Und auch sehr anschaulich dargelegt: Die Herausforderung, mittels den Postmedien Brief und Postkarte das Band zur Familie aufrechtzuerhalten. Briefmarken waren da verständlicherweise nur Mittel zum Zweck. Zum Beispiel für seine Verankerung in der für ihn aufzuschließenden akademischen (meist archäologischen) Gesellschaft Neapels. Der Cavaliere sammelt. Und daher muss der Bruder Michael auch im Geburtstagsbrief an den Vater noch einmal gemahnt werden:

“Erinnere Michael bitte an die Sendung der Briefmarkenauswahl.” (Brief vom 10.03.1933)

Das Gewünschte traf offenbar kurz darauf ein, denn der Brief vom 17.03.1933 eröffnet direkt:

“Lieber Pappi! Vielen Dank für die Sendung der Briefmarkenkollektion, sie wird mir hier sicher gute Dienste tuen, denn viele Leute sind passionierte Sammler.”

Damit war das Kapitel des Briefmarkensammelns für diese Briefe bereits wieder abgeschlossen. Es hier aus den Briefen zu lösen und zu notieren erfolgt nicht zuletzt mit einer Einsicht, die sich in Felix Hartlaubs Brief aus Perugia vom 1. August 1933 findet und die sich auch als Motto für diesen Blog eignete:

“Ich häufe hier im Laufe der Zeit eine Riesenmenge von Anregungen und Wissensfragmenten auf ohne irgendetwas zu verarbeiten und richtig zu befestigen.”

(Berlin, 18.06.2017)

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Die Schule im Sommer. Eine Ansichtskarte aus dem Juli 1960.

Im älteren Teil des Berliner Stadtbezirks Hohenschönhausen und unweit der von Autowerkstätten und Einfamilienhäusern gerahmten Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen entdeckt man als Stadtwanderung an der Werneuchener Straße ein kleines Ensemble, das sich für eine Rückschau auf die DDR-Architektur der späten 1950er Jahren geradezu aufdrängt. Auf der einen Seite steht ein weitgehend konturloser Wohnblock, der sich aber immerhin durch drei interessante die Wasserwelt betonende Supraporten auszeichnet. Auf der anderen Seite erstreckt sich aber über die Länge des Blockes ein bemerkenswertes Schulgebäude, das heutige Manfred-von-Ardenne-Gymnasium, eröffnet im Juni 1957 zum Tag des Lehrers als 2. Mittelschule mit dem Namen Pestalozzischule.

Für die Bildungsgeschichte der DDR ist der damalige Neubau von Bedeutung, weil mit den neuen Räumlichkeiten der so genannte Schichtunterricht in Berlin-Ost beendet werden konnte, wohingegen, jedenfalls nach Auskunft der sozialistischen Presse, Westberlin noch weit davon entfernt war. Der Ostteil der Stadt hatte nun seinen 27sten Schulneubau. Die Sonne der Nachkriegszukunft ging, so das Narrativ, ein weiteres Mal zuerst im Osten auf, was man am Gebäude auch mit einer schmucken ostseitig angebrachten Sonnenuhr signalisierte. Der Ostberliner Oberbürgermeister Friedrich Ebert hielt zur Einweihung eine Jubelrede auf die kommende Generation, die “die nicht mehr bereit sind, in einem kapitalistischen Land zu leben” (vgl. Neues Deutschland vom 12.06.1957, S.6) Danach gab es eine Puppenspiel, einen Jongleur namens  Mäxchen Pfiffig sowie für die sozialistische Feierstimmung Musikdarbietungen jeweils eines  Ensembles des Zentralhauses der Jungen Pioniere, des Orchesters der Berliner Volkspolizei und des Jugendorchesters der Hochschule für Musik, Leipzig, u.a. mit “Querschnitte[n] durch Oper und Operette”. Jugendkultur der 1950er Jahre eben.

Sozialistische Planziele wurden mit der Schule dann auch bald erreicht: Am 31.01.1960 meldete das Neue Deutschland, dass 82 Prozent der 700 Schülerinnen und Schüler der Pionierorganisation angehören, nur 2,2 Prozent sitzengeblieben sind und alle gemeinsam 2000 Mark mit Altstoffen zusammengesammelt haben, die in den Ausbau der Oberschule zu einer polytechnischen investiert werden sollten. (ND, 31.01.1960, S.8) Die Mütter wuschen dafür die Vorhänge der Klassenzimmer und Väter mauerten hier und da eine Wand. Passend zu diesem Engagement druckte die Zeitung unter den Bericht zum Fortschritt an der Pestalozzischule ein launiges Gedicht eines launigen Paule Panke mit dem Titel NAW 1960 dessen Reim

“Zehn Stunden sind nicht ville / vateilt man die uffs Jahr, / doch mal -zichhunderttausend, / det jibt een Exemplar…”

als Stilprobe reichen mag.

Architekturgeschichtlich ist die vom VEB Hochbau II entworfene Schule bemerkenswert, weil sie verkörpert, wie der an der Karl-Marx-Allee im Großen entfaltete Repräsentationsstil in der kleinen Form aussehen sollte und konnte. Mit der im Westen Deutschlands trendenden Bauhausmoderne und also auch mit dem ebenfalls nicht weit entfernten Mies-van-der-Rohe-Haus, van der Rohes letztem Auftrag vor dem Exil, hat dieser Stil wenig gemein, was natürlich beabsichtigt war. Dafür gab es ein ganz traditionell anmutendes Türmchen. Wäre der Hahn, Symbol deutscher Pünktlichkeit, nicht bereits Teil der Sgraffito-Sonnenuhr des Grafikers Erwin Weiß, hätte er auch als Wetterhahn über dieser Zentraluhr des Haupteingangs einen passenden Eindruck gemacht.

Erwin Weiß ging kurz nach Fertigstellung der Schule seinen Bitterfelder Weg und als Künstler in den VEB Schwermaschinenbau “Heinrich Rau” in Wildau, was ihm einen Preis einbrachte, hier als Thema aber nicht vertieft werden kann. Denn an der Sonnenuhr und der langen Seite der Schule vorbei lockt das ebenfalls in den Putz eingearbeitete sozialistische Bildungsideal von Gottfried Richter, das an Kinderbuchillustrationen erinnert und das in der frühen DDR-Kunst gar nicht so seltene Motiv des Knaben mit dem Modellsegelflugzeug an die Wand bringt. Dazu gibt es im stiltypischen Grobschnitt Lehrerin und Lehrer – er mit einem eingerollten Entwurfsplan, sie mit der Zeichenmappe. Unter ihnen stehen sechs Schülerinnen und Schüler. Neben dem Modellflieger sieht man ein schulberanztes Pärchen Mittelschüler und unter diesen einen Oberschüler, der seiner Mitschülerin ein Buch zeigt. Die Mode der Figuren betont die warme Jahreszeit und verbindet sie damit wieder zurück mit dem Sonnenuhrenhahn, der ja wie Sprichwort und Physik wissen, nur heitere Stunden anzuzeigen in der Lage ist.

Ob der Grafiker Gottfried Richter, der ganz gern Sprichwörter in Holzschnitte umsetzte, auch dazu etwas zu schnitzen hatte, ist nicht zu ermitteln. Bekannt und auf den ersten Blick auch erkennbar ist jedoch, dass die 20-Klassenschule räumlich sehr großzügig ausfiel und zeitüblich eine große Aula mit Bühne bekam, die auch später für diverse Veranstaltungen gern genutzt wurde, möglicherweise, weil die bald in Typenbauweise entstehenden Schulen der DDR solch einen Luxus nicht mehr selbstverständlich bieten sollten. Entsprechend dokumentiert die Berliner Zeitung vom 13.11.1962 für den nächsten Tag den Termin eines in der Aula geplanten Vortrags zum Thema „Wie kläre ich mein Kind auf. wenn es Fragen stellt”(S.8). Wenn man weiß, welches Objekt sich nur zwei Straßen weiter befand, läuft es einem bei diesem Titel gleich mal kalt den Rücken entlang.

Ansichtskarte Pestalozzischule Berlin-Hohenschönhausen
Pestalozzischule Berlin-Hohenschönhausen

Eine neugebaute Schule war selbstverständlich auch ein willkommenes Ansichtskartenmotiv. Die gerade auf dem Schreibtisch liegende Ansichtskarte aus dem Jahr 1959 ist zwar ein wenig ramponiert, lässt aber dennoch beispielhaft erkennen, wie damals noch – wenigstens gefühlt – öfter der Ansichtskartenverlag Graphokopie H. Sander K.G. in Berlin N 113 als der später dominante Reichenbacher Verlag Bild und Heimat die stadtbildgewordenen Vorstellungen der sozialistischen Lebenswelt inszenierte.

Hier sieht man die Werneuchener Straße in sommerlichen Sonneneinfall mit am Rand eingestreuten Menschen am Nachmittag. (Die Schuluhr weiß es besser und sagt: Mittagszeit.) Drei Kinder sehen den Schülerabbildern im Kratzputz erstaunlich ähnlich, zwei Frauen im, nun ja, Haushaltstagsstil, den Lehrern überhaupt nicht und halten einen Schwatz. Alles ist friedlich, ohne jede Anspannung. Die Welt ist eine offene Straße im Sommer. Und diese Alles-ist-Gut-Stimmung setzt sich, wenn auch mit leichter Trübung, in der Botschaft der Ansichtskarte fort, die am 06. Juli geschrieben (handschriftliche Datierung der Nachricht) am 08. Juli 1960 von Berlin-Hohenschönhausen (Poststempel) nach Hochkirch bei Bautzen reiste und dort, wie eine Eingangsmarkierung informiert, am 11.Juli eintraf. Ansichtskarten waren bekanntlich das zentrale private Distanzkommunikationsmittel der an Telefonen armen DDR und wohl auch bewusst bis zum Ende des Landes mit sehr niedrigem Porto zu versenden. Zudem zeigten sie denkbar transparent jedem, der das Postgeheimnis ignorieren wollte, wie harmlos man vor sich hin lebt. So schrieb man eben auch mal im Telegrammstil aber viel billiger, dass das Wetter in Berlin gerade gut ist, man sich über eine erhaltene Ansichtskarte freute, dass das Essen schmeckt und dass man viel Arbeit hat. Außerdem: “Wir immer müde. Grüße bestellt.”

(Ben Kaden / Berlin, 09.04.2017)

Die Tanzbar, die es gab. (Gera, 1972)

Der Weg Richtung Feierlichkeiten zum Tag der Republik  im Jahre 1967 – die DDR wurde endlich 18 – führte Albert Norden, altgedienter Kommunist und u.a. Mitglied des Politbüros des ZK der SED, nach Gera. Auf dem Programm stand die Eröffnung einer “Lehr- und Leistungsschau der Industrie und Landwirtschaft des Bezirkes”. und eine der üblichen Brandreden zum Kriegsgetrommel aus Bonn, der drohenden Rückkehr des Faschismus in der BRD und der wichtigen Rolle der DDR als “Sachwalter des Friedens aller Deutschen”, wie das Neue Deutschland auf der Titelseite seiner Ausgabe vom 06.10.1967 zu berichten wusste. Um seiner Ansprache einen hoffnungsvollen Hintergrund zu geben, sprach er auf dem Platz der Republik und vor dem Neubau des Interhotels, das das Herzstück des neu gestalteten Zentrums der Bezirksstadt war, ein aus heutiger Sicht klassischer Hotelbau der Ostmoderne (Architekt: Günther Gerhardt) mit 356 Ein- und Zweibettzimmern sowie reichlich Gastronomie nicht nur für die Hotelgäste. In der üblichen Investitionsblindheit der 1990er Jahre riss man das Objekt ab und besetzte den Platz mit einer farblosen Baukasten-Mall (Gera Arcaden), die zeigt, dass die Stadtplanung der Nachwendezeit in ihrer Einfalt das zugegeben häufig leicht schematische Plattendenken der DDR-Stadtentwicklung keineswegs überbot. Oft eher im Gegenteil. Ein wenig lebt das Gebäude natürlich in den Erinnerungen fort, insbesondere der ehemaligen Mitarbeiter_innen, die sich in diesem Oktober zum 50. Jahrestag der Eröffnung treffen.

Und es bleibt auch in den Erinnerungen von Besucher_innen, zu denen das wunderbare Medium der Ansichtskarte hin und wieder eine Spur erhalten hat. In diesem Fall ist es ein Blick in die Tanzbar des Hauses und zwar im Jahr 1972. Ob die Bar damals schon Rubin hieß, verrät die Karte leider nicht. Aber was spräche angesichts des geschliffenen Ambientes dagegen?

Ansichtskarte Tanzbar Interhotel "Gera"
Die Tanzbar Interhotel “Gera”, vermutlich Richtung 1972, in einem Jahr also, in dem es der Uve-Schikora-Combo gelang, Prog-Rock mit Schlager zu kombinieren (u.a. im Duett mit Frank Schöbel) und populär zu machen. Ob sie auch einmal auf dieser Bühne auftraten, ist nicht überliefert.

Die frühen 1970er Jahre navigierten wenigstens in den Interhotels der Deutschen Demokratischen Republik durchaus auf Augenhöhe der Leitbilder der internationalen Ästhetik. Und auch wenn die Aufnahme in ihrer Steifheit sehr gestellt anmutet (nicht nur die Sängerin schaut in die Runde, als wäre sie schon längst mehr als bedient), so transportiert das Bild doch einen Hauch dessen, was die rückseitig vermerkte Botschaft der postalisch nicht gelaufenen Karte andeutet:

14.9.[19]72
1.00-3.00
Exkursion der Schulfunktionäre des Kreises Bitterfeld. Zum Tanz spielt ein Barquartett aus der CSSR!

Ach Barquartett. Wie Tanzbar ein verschwundenes Phänomen, einst Gütezeichen der gehobenen Massenkultur, nämlich dann, wenn man sich mal etwas gönnen wollte, zum Beispiel auf einem Funktionärsausflug. Beide Konzepte hatten ihre Lebenszeit von etwa 1950 bis 1980 und beide waren vermutlich auch Teil des sanften Übergangs zur Durchsetzung der Popkultur, eine Kompromisslösung, niemals Avantgarde, immer gefällig, kein größerer Anspruch als Unterhaltung und Zerstreuung, der Wein nicht unbedingt aus filigranem Stielglas sondern gern aus dem dickwandigen Römer zu genießen. Die Szenerie passte eigentlich schon perfekt zu einem 1951 erschienenen Making-Of-Report zum DEFA-Krimi “Zugverkehr unregelmäßig”:

“Auf einer beleuchteten Tanzfläche bewegt nach den Klängen des Bar-Quartetts eine rothaarige Tänzerin ihren Körper. Eben betreten drei neue Gäste das Lokal, bleiben einige Minuten in der Tür stehen, schauen zur Tänzerin und werden vom Geschäftsführer an ihren Tisch geführt.” (Neue Zeit, 10.03.1951, S.4)

Ein Tisch wäre noch frei und der Kellner mit Fliege und traurigem Blick wartet offensichtlich auf eine neue Aufgabe. Die (Tanz)Bar als konspirativer Treffpunkt oder eben als Ort der Verzweiflung war ein gängiges Motiv in der DDR-Filmgeschichte, wie man unschwer aus einschlägigen Polizeiruf-110-Folgen lernen kann. Insofern schwingt hier eine doppelte Seite. So beliebt sie als Abendunterhaltung sein sollte, so problematisch war ihr hedonistisches, bacchantisches Potential. Wenn die Idee des Leselands DDR umstritten ist, so ist die überdeutlich Affinität zu Alkohol und Rausch in der DDR-Alltagskultur allgegenwärtig und in keiner Weise relativierbar. Was dem Arbeiter die Eckkneipe, war dem Mitglied des Klubs der Intelligenz eben gern die Tanzbar, in der man, um beim Bezug zur CSSR zu bleiben, die in der DDR durchaus die Facette International Küche zu bedienen hatte, “Prager Zunge mit Toast” bestellen konnte und dazu einen Karlsbader Becherbitter. Und entsprechend gestärkt vielleicht noch einen Casanova-Cocktail (Gin, Weinbrand, Rum-Verschnitt, Angostura) bevor es beim Schwof dann richtig zur Sache ging. Wozu die Bitterfelder Schulfunktionäre an ihrem Septemberabend in Gera griffen, ist vermutlich nicht einmal mehr für die Beteiligten erinnerlich. Aber durch die Dokumentation dieser Karte kann immerhin nun auch eine digitale Spur an diese Nacht vom 13. zum 14.09.1972 gelegt und wieder gefunden werden.

(Ben Kaden, Berlin, 12.02.2017)