Neues aus der Materialsammlung zur Kunst der DDR. Eine Notiz.

von Ben Kaden (@bkaden)

Nachdem das Park-Inn-Hotel am Alexanderplatz (ehemals Interhotel Stadt Berlin) das Wissen der Facebook-Crowd zu aktivieren suchte, um Details zu einer bei Umbauarbeiten im Panoramageschoss freigelegte keramische Wandgestaltung zu erfahren, wurde mir eine Lücke bewusst. Denn obschon sich in diesem Fall (siehe Abbildung) sehr leicht Gunda Walk und Gertraude Pohl als Urheberinnen der Kunst im Bau festmachen ließen, gibt es genügend Fälle, in denen eine Zuordnung deutlich schwerer fällt.

Facebook / Park-Inn Berlin / Gunda Walk, Gertraude Pohl
Auf der Suche nach der Urheberschaft: Facebook-Aufruf des Park-Inn Berlin zu einer Wandgestaltung. Untern rechts im Bild die Signaturen von Gunda Walk und Gertraude Pohl.

Ohne solche Anhaltspunkte fehlen jedoch wichtige Informationen für eine tiefergehende Auseinandersetzung mit den jeweiligen Objekten. So versuche ich beispielsweise seit langem herauszufinden, wer für das Struwwelpeter-Wandbild in der Berliner Niederwallstraße verantwortlich zeichnet. Ich bin natürlich zuversichtlich, früher oder später auf eine Quelle mit einem Hinweis zu Heinrich-Hoffmann’schen Bilderbuchwelt in Sichtweite zu Wilfried Fitzenreiters Paris mit dem Erisapfel zu finden. Aber ich ahne auch, dass dies von vielen Zufällen abhängig sein und möglicherweise noch dauern wird. Zu hoch türmen sich die Stapel mit Material, zu viele Zeitschriften und Zeitungen sind noch nicht gesichtet.

Giebelbild in der Niederwallstraße Berlin-Mitte
Der Giebel als Bühne. Ein Wandbild in der Niederwallstraße in Berlin-Mitte

Die Stärke digitaler Medien liegt bekanntlich darin, solche Rechercheprozesse mittels Volltexterschließung zu beschleunigen. Zumal viele dieser Daten irgendwo bereits digital vorliegen dürften. Denn ich bin mit Sicherheit nicht der Einzige, der zwar mehr zum Vergnügen, aber eben doch halbwegs systematisierend, Angaben zu den Facetten von Architektur und Kunst (in) der DDR zusammenträgt.

Ein großer Gewinn wäre bereits, solche privaten Sammelarbeiten über das Netz für Suchmaschinen und volltextdurchsuchbar zugänglich zu machen. Meine wachsende bibliografische Materialsammlung ist exakt dadurch motiviert. Mit dem Problem, dass die in einem Online-Pad verwaltete Liste bei der Umwandlung in HTML-Code Teile ihrer Formatierung verliert, muss man genauso leben, wie mit der Tatsache, dass natürlich doch hier und da Tipp- und Übertragungsfehler sowie Unstimmigkeiten bleiben. Es ist eine Arbeit, die nebenbei, in einer gemütlichen stillen Stunde an einem Samstagvormittag entsteht und natürlich auch nicht ohne Eigennutz. Denn in Fragen, wie der vom Park-Inn aufgeworfenen, ist es damit möglich, auch direkt aus dem X54er Bus auf dem Smartphone zu schauen, ob sich etwas zu Gertraude Pohl in der Bibliografie findet. Der Befund war in diesem konkreten Fall zugegeben leider negativ.

Das führt zur Erkenntnis, die zwangsläufig einen zweiten Schritt auslöst. Titel sagen zwar ab und an einiges, aber eben nicht genug. Für eine wirkliche nützliche Nachweissammlung ist eine tiefere Erschließung notwendig. Aus diesem Grund erfasse ich dort, wo es mir möglich ist, zusätzlich zu den bibliografischen Angaben auch die in den Texten thematisierten konkreten Arbeiten bzw. erwähnten Künstler*innen.

Realisiert ist dies in der Materialsammlung zum Beispiel für den Tagungsband Kunst im Stadtraum – Hegemonie und Öffentlichkeit (: [Tagungsband zum Symposium im Rahmen von DRESDENPostplatz; veranstaltet vom Kunstfonds des Freistaates Sachsen in Kooperation mit dem Kunsthaus Dresden vom 21. bis 23. November 2003 in Dresden]. Berlin: b-books, 2004). Mit einer einfachen textanalytischen Auswertung lassen sich anhand des kleinen Indexes drei Künstler ermitteln, die im Band besonders häufig erwähnt wurden: Peter Makolies, Vinzenz Wanitschke und Walter Howard. Das ist natürlich für einen Titel unsinnig. Würde man das Verfahren jedoch auf einige hundert Titel oder Texte – beispielsweise die Volltexte der Zeitschrift “Bildende Kunst” – anwenden und mit einer Zeitachse verbinden, könnte man leicht im klassischen Forschungssinn der Digital Humanities Verteilungen und damit Hypothesen zum Diskurs über die Kunst der DDR ermitteln. Erstaunlicherweise hat dazu meines Wissens noch niemand ein Forschungsprojekt angeregt, obschon dies durchaus etwas beispielsweise für den Marburger Forschungsschwerpunkt von Sigrid Hofer sein könnte.

Bis sich dem jemand auf dieser Komplexitätsebene widmet, werde ich mich auf jeden Fall und solange es mir Freude bereitet mit der Datenerfassug anhand der Materialien beschäftigen, die auf meinen Schreibtisch finden. Ich sehe das durchaus als Vorarbeit für ein künftiges Zentralverzeichnis Kunst (in) der DDR. Dass die Sammlung nicht als relationale Datenbank oder in RDF-Triplen auf Github sondern als Google-Doc- und HTML-Dokumente hier landet, liegt auch daran, dass es mir vom Aspekt des Interesses her vorrangig um die Inhalte geht und weniger um eine optimale dateninfrastrukturelle Vorbereitung. Es ist natürlich ein wenig Abwägungssache. Aber am Ende habe ich mehr Freude, die Bücher und Aufsätze zu exzerpieren, als zunächst einmal ein Jahr in die Datenbankkonzeption und -realisierung zu investieren. Wenn dazu jemand Lust hat, bin ich für jede Kooperation offen.

Bis dahin kann ich – auch mir selbst – nur die informationswissenschaftlich suboptimale Volltexterschließung per Browsersuche vorbereiten. Absehbar ist freilich bereits, dass Bibliografie und indexierende Inhaltserschließung eher früher als später die Grenzen des Praktikablen sowohl von Google Docs als auch der Darstellung als Webseite strapazieren werden, weshalb perspektivisch wohl eine Aufteilung in drei Materialsammlungen analog zu meinen Themen- und Interessensschwerpunkten – Architektur der DDR, (Baugebundene) Kunst der DDR sowie Fotografie der DDR – erfolgen wird. Und vermutlich wird es später doch auf eine Datenbank hinauslaufen. Die Betonung liegt hier allerdings wirklich auf einem unbestimmten später.

Möglicherweise entwickelt sich auch dieses Weblog stärker als bisher in Richtung eines Mediums zur Datenpräsentation, wenngleich solche Lösungen erfahrungsgemäß ebenfalls ihre Nachteile haben.

Nachfolgend soll nur als kurze Skizze angeführt, wie ein solcher Index als Vorarbeit zu einer komplexen Datensammlung mit relativ wenig Aufwand auf Ebene eines Titels aussehen könnte. Gelistet werden fast alle Arbeiten, die Peter Guth in seiner zur baugebundenen Kunst der DDR maßgeblichen Abhandlung Wände der Verheißung abbildet. Man erhält damit zugleich einen groben Überblick zu mutmaßlich als exemplarisch zu betrachtenden Einzelarbeiten auf diesem Gebiet. Erschließt man nun mehr einen Großteil der Literatur zum Thema, lassen sich sehr einfach auch auf das einzelne Objekt bzw. auf einzelne Künstler*innen oder auch Kooperationen, Orte und Jahre bezogene Bibliografien und Nachweislisten erstellen. Es ließe sich anhand des Korpus der Literatur zum Thema ein schönes Netzwerk für die diversen einschlägigen Forschungsfragen abbilden lassen. Das Potenzial ist enorm. Der Stapel an zu erschließenden Quellen allerdings ebenso.

Peter Guth: Wände der Verheißung. Leipzig: Thom, 1995. Zugl.: Leipzig, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Dissertation, 1995. ISBN: 3-9803346-7-8. 525 Seiten Inhaltsverzeichnis

  • Wieland Schmiedel – Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus, Schwerin, 1982
  • Bernd Sikora – Alfred-Frank-Ehrung, Leipzig-Grünau, 1984
  • Bruno Kubas – Fischerstele, Wermsdorf, 1986
  • Hans-Joachim Förster – Stele, Leipzig-Grünau, 1987
  • Wolfgang Müller – Stadteingang Delitzscher Straße, Leipzig, 1982
  • Eberhard Kull – Stadteingang Halle, 1982
  • Fritz Kühn – Brunnen “Schwebender Ring”, Strausberger Platz, Berlin, 1967
  • Jochen Fiedler – Giebelgestaltung (Zoo), Delitzscher Straße, Leipzig, 1980
  • Kurt Sillack, Rudolf Lipowski – Wandbild, Fußgängerzone Prager Straße, Dresden, 1969
  • Martin Hadelich – ZIegenreiterin, Fußgängerzone Halle, 1975
  • Bernd Göbel – Liebespaar, Fußgängerzone, Halle, 1977
  • Heinrich Apel – Hofnarr Fröhlich, Dresden, 1979
  • Fritz Cremer – Bertolt Brecht, Berlin
  • Klaus Schwabe – Wandbild im Treppenhaus des EDV-Rechenzentrums “Robotron”, Leipzig, 1976
  • Claus Dietel – Brunnenplastik, Lobby Stadtbad Karl-Marx-Stadt, 1985
  • Georg-Torsten Kozik – Wandbild “Am Meer”, Stadtbad Karl-Marx-Stadt, 1983
  • Ronald Paris – Wandbild. Haus der Statistik, Berlin, 1969
  • Jutta Hellgreve, Bernd Sikora – Giebelgestaltung “Zoo”, Erich-Weinert-Platz, Leipzig, 1980
  • José Renau – Wandbild “Der Mensch nutzt die Atomenergie zu friedlichen Zwecken”, Energiekombinat West, Halle, 1971
  • Fritz Kühn – “Lindenblatt-Portal”, Polnische Botschaft, Berlin, 1966
  • Klaus Schwabe – Georg-Schumann-Ehrung, NVA-Kaserne Delitzsch, 1976
  • Bernhard Heisig – Wandbild “Hier und in dieser Zeit”, Bezirksleitung der SED, Leipzig, 1974
  • Waldemar Grzimek (mit Hedwig Bollhagen und Heidi Manthey – Keramikfries im Vestibül des Parteihauses der NDPD, Berlin, 1957
  • Regine Lipowski, Lutz Lipowski, Gerhard Klampäckel – Foyer und Betonglaswand, Harlaßgießerei, Wittgensdorf, 1977/83
  • Friedrich Press, Klinkerwand, Gabrielskirche, Wiederitzsch, 1968/70
  • Willi Sitte – Wandbild “Gedanken zum Kommunistischen Manifest, Parteihochschule der SED, Berlin, 1978
  • Heinz Beberniß, Gerhard Lichtenfeld, Sigbert Fliegel – Monument zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Halle. 1975
  • Rudolf Grunemann, Günter Junge – Symbolische Darstellung von Chemie und Wissenschaft, Schwedt, WK 2, 1967
  • Inge Götze – Wandteppich “Leben im Sozialismus”, Restaurant “Treff”, Wohngebietszentrum II, Halle Neustadt, 1969
  • Walter Womacka – Glasfendet “Mensch und Natur, Wissenschaft und Kosmos”, Foyer zum Auditorium, Humboldt-Universität zu Berlin
  • Lutz Brandt – Giebelgestaltung, Warschauer Straße, Berlin, 1980
  • Carola Buhlmann, Joachim Buhlmann – Keramikgruppe “Familie”, Potsdam, 1980
  • Dieter Dressler – Wandmosaik, HO-Gaststätte “Am Stadttor”, Cottbus, 1969
  • Reinhard Dietrich – Lebensbaummotiv, Rostock-Evershagen, 1974
  • Jürgen von Woyski – Lebensbaum, Hoyerswerda, 1967
  • Karl-Heinz Schamal – Lebensbaum, Berlin-Marzahn
  • Hernando León – Lebensbaum, Schwerin, 1977
  • Waldemar Grzimek – Dornenkranz, Gedenkstätte Buchenwald, 1958
  • Siegfried Schade – Mutter und Kind, Wandbild, Dresden-Prohlis, 1979
  • Arnold Bauer, Lothar Krone – Innenraumgestaltung Bar im Gaststättenkomplex “Stadt Vilnius”, Erfurt-Rieth, 1976
  • Thekla Müller – Gobelin, Klubhaus des FDGB, Halle, 1978
  • Willi Sitte – Wandbild “Die rote Fahne – Kampf, Leid und Sieg”, Palast der Republik, Berlin, 1976
  • Alfred Thiele, Fritz Przibilla – Säule “Arbeit und Handel”, Messehof-Passage, Leipzig, 1950
  • Dietrich Burger – Eingangsrisalit, Oberschule, WK 7, Leipzig-Grünau
  • Bernd Sikora – Trafohausbemalung, Leipzig-Grünau, 1982
  • Walter Münze – Wandbild “Bergmann”, Aula der Arbeiter- und Bauernfakultät. Leipzig, 1950
  • Bruno Quass – Marmormosaiksäuke, Foyer, Deutsches Nationaltheater, Weimar, 1948
  • Hermann Kirchberger – Glasmosaiksäule, Rangfoyer, Deutsches Nationaltheater Weimar, 1948
  • Hermann Kirchberger – Wandbild / 1.und 2. Fassung, Deutsches Nationaltheater, Weimar, 1948/49
  • Karl Völker – Wandbild, Schule am Gradierwerk, Bad Dürrenberg bei Halle, 1947/48
  • Walter Womacka – Glasfenster für die Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen, 1961
  • Frank Glaser – Glasfenster “Lenin in Deutschland”,  Humboldt-Universität zu Berlin, 1968/69
  • Walter Arnold – Mahnmal für die Opfer des Faschismus / Widerstandskämpfer, Südfriedhof, Leipzig, 1948/50
  • Gustav Weidanz – Mahnmal für die Opfer des Faschismus, Zerbst, 1949/51
  • Gustav Weidanz – Mahnmal für die Opfer des Faschismus, Apolda, 1951
  • Gustav Weidanz – Totenmal für die Opfer des Faschismus, Weißwasser, 1946
  • Waldemar Grzimek – Mahnmal für die Opfer des Faschismus, Halle, 1948
  • Willy Jahn – Wandbild “Kriegsbrandstifter sind Verbrecher!”, Feuerwache, Nordplatz, Dresden, 1948
  • Bert Heller – Wandfries, Rathaus Wernigerode, 1947
  • Bert Heller – Wandfries “Harzsagen”, Brockenhotel, 1958
  • Horst Strempel – Wandbild, Bahnhof Friedrichstraße, Berlin, 1949
  • Erwin Hahs – Wandbild, Speisesaal Buna-Werke, Schkopau, 1948/49
  • Hermann Bachmann, Fritz Rübbert, Willi Sitte – Wandbilder, Landesverwaltungsschule Ballenstedt, 1949
  • Horst Strempel, René Graetz, Arno Mohr – Wandbild “Metallurgie Hennigsdorf”, Dresden, 1949
  • Hans Kinder – Wandbild “Tanz”, Dresden, 1949
  • Alfred Hesse, Erich Gerlach – Wandbild in der Hochschule für Verkehrswesen, Dresden, 1954
  • Max Lingner – Wandbild Haus der Ministerien, Berlin, 1953
  • Hans Grundig – Wandbild “Jugenddemonstration”, Rathaus Dresden, 1950/51
  • Claus von Woyski – Scagliola, Stalinallee, Berlin, um 1953
  • Bert Heller – Stuckintarsie in der Vorhalle des Haus des Kindes, Berlin, 1953
  • Kurt Bunge, Hannes W. Wagner, Claus von Woyski – Wandmalerei in den Heilstätten Bad Berka, 1952
  • Rudolf Oelzner – Figurengruppe Sportforum/Zentralstadion Leipzig, 1955/57
  • Kurt Barth – Lüftungsverkleidung in den Innenräumen der Berliner Volksbühne, 1954
  • Fritz Kühn, Treppengeländer in der Eingangshalle des Kinderkaufhauses, Stalinallee, Berlin, 1955
  • Hans Kies – Stele, Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald, 1954/58
  • Fritz Cremer – Buchenwalddenkmal, Weimar, 1958
  • Waldemar Grzimek – Turmglocke, Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald, 1958
  • Rolf Szymanski – “Pestalozzi und Kinder”, Pestalozzi-Schule, Leipzig, 1949/50
  • Wolfgang Frankenstein, Gerhard Moll – Wandbild im Mädchenheim Hessenwinkel/Berlin, 1951
  • Arnd Wittig – Sandsteinreliefs, Altmarkt, Dresden, 1955
  • Alfred Hesse – Wandbild, Amtsgericht Dresden, 1950
  • Fritz Skade – Wandbild, Kunstseidenwerk Pirna, Speisesaal, 1952/53
  • Max Uhlig, Friederike Schubert – Wandbild Anatomisches Institut, Karl-Marx-Universität Leipzig, 1953/54
  • Horst Völker, Karl Erich Müller – Wandbilder “Gleisbau”, “Fahrdienst”, Reichsbahnbetriebsberufsschule, Weißenfels, 1952/53
  • Richard Morgenthal – Vestibülabschlußfenster, Deutsches Hygiene-Museum, Dresden, 1948/50
  • Siegfried Gericke – Glasfenster, Robert-Koch-Schule, Berlin-Treptow, 1954
  • Bert Heller, Wandbild, Schalterhalle S-Bahnhof Berlin-Halensee, 1954
  • Walter Herbert – Wandbild “Die Entwicklung des Lebens in der Erdgeschichte”, Institut für Mikrobiologie, Jena, 1954
  • Arno Mohr – Wandbild, Hochschule für bildende und angewandte Kunst, Berlin-Weißensee, 1956
  • Vera Singer, Gerhard Moll – Wandbild, VEB Bergmann-Borsig, Berlin-Wilhelmsruh, 1957
  • Karl Erich Müller, Wilhelm Schmied – Keramikwandbild im Speisesaal der Leuna-Werke, 1958
  • Willy Jahn, Helmut Gebhardt – Wandbild, Medizinische Akademie Dresden, Mensa-Gebäude, 1958
  • Walter Womacka – Glasmosaik “Aufbau”, Haus der Parteien und Massenorganisationen, Stalinstadt / Eisenhüttenstadt, 1957/58
  • Willy Jahn – Wandbild “Erprobung von Segelflugmodellen”, Hochschule für Verkehrswesen, Dresden, 1954
  • Gerhard Richter, Wandbild, Deutsches Hygiene-Museum Dresden, 1956
  • Wilhelm Lachnit, Supraporten, Arbeiter- und Bauernfakultät der Technischen Universität Dresden
  • Gerhard Richter – Wandbild, Deutsches Hygiene-Museum Dresden, Vortragssaal, 1956
  • Wolfgang Frankenstein – Wandbild, Dynamo-Sporthalle, Sportforum Berlin, 1959
  • Max Lachnit – Innenraumgestaltung, Mensa der Hochschule für Verkehrswesen, Dresden, 1959
  • Wolfgang Frankenstein – Wandbild im Kulturraum des VEB Holzwerk Berlin-Hohenschönhausen, 1957
  • Jürgen von Woyski – Reliefs Hochschule für bildende und angewandte Kunst, Berlin-Weißensee, 1956
  • Kurt Robbel – Wandbild in der Hochschule für bildende und angewandte Kunst, Berlin-Weißensee, 1956
  • Irmgard Hartmann – Glasfenster im Klub der Intelligenz, Halle, 1958
  • Walter Zschunke – Glasfenster im Kulturhaus Mestlin, 1957
  • Werner Moritz – Wandfries in der Mittelschule Eggesin, 1957
  • Vera Kopetz – Mosaik in der Mittelschule des Dorfes Bernitt/Güstrow, 1956
  • Manfred Kandt – Wandbild “Weinlese”, Café Stadt Prag, Magdeburg, 1955
  • Kurt Bunge – Zoo-Werbung, Osthalle, Leipzig-Hauptbahnhof, 1957
  • Willi Sitte – Gobelin “Ikarus”, 1958
  • Bernhard Heisig – Sgraffito im Erfrischungsraum, Sportforum Leipzig, 1955
  • Max Lachnit, Brunnen- “Der Flugwille des Menschen”, Internat der Technischen Universität Dresden, 1956/57
  • Walter Arnold – Ernst-Thälmann-Denkmal, Weimar, 1958
  • Lew Kerbel – Ernst-Thälmann-Denkmal, Thälmann-Park, Berlin, 1986
  • Rudolf Hogan – Brunnen im Hotel Astoria, Leipzig, 1958
  • Heinz Wagner – Glasfenster “Völkerfreundschaft”, Lobby des Hotels Astoria, Leipzig, 1958
  • Werner Tübke – Wandbilder “Fünf Erdteile”, Restaurant des Hotels Astoria Leipzig, 1958
  • Walter Arnold – Relieffelder Openhaus Leipzig, 1953
  • Fritz Kühn – Treppengeländer, Opernhaus Leipzig, 1958
  • Frank Glaser, Bruno Bernitz – Giebelwände, Kaulsdorfer Straße, Berlin-Köpenick, 1960
  • Karl-Heinz Jakob – Wandbild “Mechanisierung der Landwirtschaft”, Industrie- und Handelskammer Karl-Marx-Stadt, 1961
  • Walter Womacka – Mosaikfries “Unser Leben”, Haus des Lehrers, Berlin, 1964
  • Willi Neubert – Emailwandbild “Die Presse als kollektiver Organisator”, Verlagshaus der Zeitung Freiheit, Halle, 1964
  • Max Uhlig – Messehändler, Sonne, Fassadengestaltung, Georgiring, Leipzig, 1963
  • Bernhard Heisig – Wandbild “Chemie – Arbeit -Schönheit”, Konferenzraum des VVB Chemieanlagenbau, Leizig, 1965
  • Joachim Buhlmann, Mosaik “Pflanzen und Tiere”, Milchbar, Hennigsdorf, 1961
  • Hans Mayer-Foret, Gerhard Eichhorn – Raumteiler, Restaurant Hotel “Stadt Leipzig”, 1964
  • Peter Sinkwitz – Altarbild, Kirche des Diakonissenhauses Dresden, 1960/61
  • Walter Bullert – Wandgestaltung “Stahlwerker und Bauer mit Taube”, Kulturhaus Hennigsdorf, 1959
  • Jo Jastram – Bronzetür, Rathaus Greifswald, 1963/64
  • Heinrich Apel – Nordportal, Dom zu Magdeburg, 1961
  • Jürgen von Woyski – Jessener Mahnmahl, 1961/62
  • Hans Vent, Ronald Paris – Wandbild “Entwicklung der Flug- und Autotechnik”, Autoreparaturenwerk Berlin-Pankow, 1961
  • Rolf Schubert – Wandbild “Entwicklung der Verkehrsmittel”, BVG-Omnibushof, Berlin, 1954
  • Lüder Beier – Holzwand, Kulturpalast Dresden, 1969
  • Lothar Zitzmann – Natursteinmosaik “Entfaltung des Lebens”, Phyletisches Museum, Jena, 1961
  • Harry Müller – Plastisch-geometrische Strukturen, Müggelturm, Berlin, 1961
  • Harry Müller – Betonwand, Innenhof Hotel “Deutschland”, Leipzig, 1965
  • Hubert Schiefelbein – Betonfassade “Geometrische Elemente”, Karl-Marx-Stadt, 1967
  • Friedemann Lenk – Trennwände im Kaufhaus “konsument”, Leipzig, 1967
  • Friedemann Lenk – Wandverkleidung im Gästehaus des Ministerrates in Leipzig, 1968/69
  • Karl-Heinz Schamal, Hubert Schiefelbein – Wandgestaltung “Kino International”, Berlin, 1964
  • Eberhard Roßdeutscher – Mahnmal für die Opfer des Faschismus, Bitterfeld, 1965
  • Sigbert Fiegel – Monument “Flamme der Revolution”, Halle, 1967
  • Bernhard Heisig – Wandgestaltung Lobby im Gästehaus des Ministerrates, Leipzig, 1969
  • Bernhard Heisig – Entwurf für die Wandgestaltung über dem Eingangsportal der Universität Leipzig, 1970
  • Kurt Sillack, Rudolf Lipowski – Fassadengestaltung “Dresden grüßt seine Gäste”, Restaurant “Bastei”, Dresden, 1969
  • Leonie Wirth – Brunnenanlage, Dresden, 1970
  • Franz Tippel – Natursteinmosaik “Leningrader Veduten”, Hotel Newa, Dresden, 1970
  • Gerhard Bondzin – Wandbild “Der Weg der roten Fahne”, Kulturpalast Dresden, 1969
  • Rolf Kurth, Frank Ruddigkeit, Klaus Schwabe – Bronzerelief über dem Eingang der Karl-Marx-Universität Leipzig, 1974/76
  • Rolf Kurth – Wandbild “Aufbrauch”, SED-Kreisleitung, Delitzsch, 1976
  • Haus des Berliner Verlages mit Wandfries von Willi Neubert, 1970/73
  • Walter Womacka – Brunnen auf dem Alexanderplatz, Berlin, 1979
  • Eberhard Roßdeutscher, Christoph Wetzel – Reliefwand, Karl-Marx-Stadt
  • Inge Götze – Gobelin “Sozialismus und Frieden”, Hochzeitszimmer im Kulturhaus “Hans Marchwitza”, Potsdam, 1966
  • Ronald Paris – “Lob des Kommunismus”, Wandgestaltung im Haus der Statistik, Berlin, 1969
  • Dietrich Burger – Keramikmosaik “Kind und Musik”, Leipzig, 1973
  • Gerd Nawroth – Wandgestaltung SED-Stadtleitung, Leipzig, 1984
  • Astrid Danegger – Wandgestaltung, Terrakotta, Kulturhaus der LPG “8. Mai”, Neukirchen, 1987
  • Bernd Sikora – Serielles Freiflächensystem unter Einbeziehung von Plastik, Leipzig-Grünau, 1980
  • Reinhard Dietrich – Klinkerfassade “Sonne”, Rostock-Evershagen, 1976/77
  • Ronald Paris – “Von der Verantwortung der Menschen”, Rostock-Evershagen, 1976
  • Erich Enge – Wandbild “Die Idee wird zur materiellen Gewalt wenn sie die Mssen ergreift”, Erfurt-Rieth, 1976
  • Eberhard Heiland, Eckhardt Mater – Brunnen der Völkerfreundschaft, Erfurt-Rieth, 1978
  • Cornelia Buhlmann, Joachim Buhlmann – Familie, Potsdam, 1990
  • Horst Göhler – Wandbild “Tiere der Mark”, Kindergarten, Berlin-Marzahn, 1980
  • Siegfried Schütze, Bernd Martin – Wandbild “Phantastische Welt von morgen”, Berlin-Marzahn, 1980
  • Peter Hoppe – “Mensch im Kreislauf der Natur”, Berlin-Marzahn, 1980
  • Gerhard Lichtenfeld – Brunnen vor der Konzerthalle, Halle, 1974/76
  • Karl-Heinz Adler, Friedrich Kracht, Werner Sauter – Brunnen, Straße der Befreiung, Dresden, 1979
  • Ronald Paris – “Jugend und Sozialismus”, Karl-Marx-Stadt, 1973/80
  • Hajo Rose, Johanna Starke – Wandbild “Freizeit und Erholung”, VEB Drehmaschinenwerk, Leipzig, 1974
  • Michael Morgner – Wandbild “Gießprozess – der arbeitende Mensch in unserer Gesellschaft”, Ambulatorium der Harlaß-Gießerei, Wittgensdorf, 1980
  • Volker Beier, Hans Brockhage, Clauss Dietel, Helmut Humann – Eingangshalle FDGB-Erholungsheim “Am Fichtelberg”, Oberwiesenthal, 1975
  • Rolf Lindemann – Gobelin “Frühling”, Palast der Republik, Lindenrestaurant, 1974/76
  • Willi Sitte, Gestaltungsprojekt Sport- und Kongresshalle Rostock, 1971
  • Arno Mohr, Wandbild “Forscht bis ihr wißt”, Palast der Republik, 1974/76
  • Ronald Paris, Wandbild “Unsere Welt von morgen”, Palast der Republik, Berlin, 1974/76
  • Jo Jastram, Reliefwand “Lob des Kommunismus”, Eingang zur Volkskammer, Palast der Republik, Berlin, 1976
  • Werner Tübke, Wandbild “Arbeiterklasse und Intelligenz”, Rektoratsgebäude der Karl-Marx-Universität Leipzig, 1972/73
  • Lothar Zitzmann, Wettbewerbsentwurf für das Wandbild im Rektoratsgebäude, Karl-Marx-Universität Leipzig, 1970
  • Hartwig Ebersbach – Wandinstallation “Antiimperialistische Solidarität”, Karl-Marx-Universität Leipzig, 1977
  • Heinz-Jürgen Böhme – Giebelentwurf, 1.Leipziger Giebelwettbewerb, 1979
  • Klaus Liebig – Giebelentwurf, 1. Leipziger Giebelwettbewerb, 1979
  • Rudolf Liebscher – Giebelgestaltung Rudolf-Breitscheid-Straße, Leipzig, 2. Leipziger Giebelwettbewerb, 1981
  • Gertraude Pohl – Giebelgestaltung, Oderbruchstraße/Leninallee, Berliner Giebelwettbewerb, 1980/81
  • Inge Eckebrecht – Fassadengestaltung Kindereinrichtung Mageburg-Nord, WG 1, 1979
  • Constanze Neumann-Gast – Bemalung eines Bauwagens, Leipzig, Fockestraße, 1976
  • Andreas Weißgerber – Hofbemalung, Elsbethstraße, Leipzig, 1982
  • Hans-Joachim Riebsch – Wandmalerei “Hallesche Szene”, Halle, 1988
  • Gerhard Thieme – Bauplastik “Die Entwicklung Berlins”, Beton, 1987
  • Jo Doese – Landschaftsplastik “Begegnung”, Anton-Saefkow-Platz, Berlin, 1986/87
  • Roland Rother, Michael Voll – Freiflächengestaltung “Erdgeschichten – Erdschichten”, Eisenhüttenstadt, 1984/86
  • Peter Schulze – Plastisches Objekt, Straße der Befreiung, Riesa, 1982
  • Achim Kühn – Brunnenlandschaft “Mühlrad”, Berlin-Hohenschönhausen, 1983/86
  • Wilfried Fitzenreiter – “Liegende”, Plastikpark Leipzig, 1988
  • Werner Tübke – Panoramagemälde “Frühbürgerliche Revolution in Deutschland”, Bad Frankenhausen, 1976/87
  • Ludwig Engelhardt – “Marx und Engels”, Marx-Engels-Forum, Berlin, 1981/86
  • Werner Stötzer – “Alte Welt”, Marx-Engels-Forum, Berlin, 1981/86
  • Günter Junge, Karl-Heinz Schamal – Gedenkwand und Monument auf dem Demonstrationsplatz, Südfriedhof, Leipzig, 1981/86
  • Arndt Weigand – Säule auf dem Demonstrationsplatz, Südfriedhof Leipzig, 1984/86
  • Reinhard Dietrich – Ehrenmal für die Opfer des Faschismus, Bad Doberan, 1985/86
  • Ronald Paris – Wandbild “Triumph des Lebens”, Foyer des Theater- und Kulturhauses in Schwedt, 1978/82
  • Sighard Gille – Deckenmalerei “Das Lied von der Erde”, Neues Gewandhaus Leipzig, 1979/81
  • Wolfgang Peuker – Wandmalerei “Welttheater”, Neues Gewandhaus, 1979/81
  • Frank Ruddigkeit – Wandbild “Musik und Zeit”, Neues Gewandhaus, Leipzig, 1979/81
  • Reliefwand “Lied des Lebens”, Haus der Kultur, Gera, 1976/81
  • Hermann Glöckner – Stele, Technische Universität Dresden, 1984
  • Rüdiger Reinel – Fensterverglasung eines Mehrzwecksraum, ORWO-Kombinat, Wolfen, 1986
  • Christine Leweke – Textile Wandgestaltung, CENTRUM-Warenhaus, Halle-Neustadt
  • Bruno Groth – Fassadengestaltung, VEB Technische Gebäudeausrüstung, Magdeburg, 1985
  • Achim Kühn – Portal, Katholisches Gemeindezentrum St. Trinitatis, Leipzig, 1982/83
  • Jo Doese – Wandgestaltung “Märkische Steingeschichten”, Berlin, 1985
  • Wolfgang Peuker – Deckenbemalung, Sommersaal, Bose-Haus, Leipzig, 1985
  • Dieter Schmidt – Giebelbemalung, Rötha, 1985
  • Jutta Hellgrewe, Bernd Sikora – Giebelbemalung “Katze”, Leipzig, 1988
  • Constanze Neumann-Gast, Hannelore Reinhardt-Fischer – Wandmalerei, Süßwarenkombinat Delitzsch, 1983/84
  • Waldo Dörsch – “Diana Brunnen”, Suhl, 1983/84
  • Reinhard Dietrich – Giebelfigur am Fünfgiebelhaus, Rostock, 1986
  • Peter Willmaser – Hauszeichen, Schuhgasse, Suhl, 1985
  • Hans-Henrik Grimmling, Volker Baumgart – Wandgestaltung VEB Chemieanlagenbau Grimma, Leipzig, 198
  • Jost A. Braun – Trafohausbemaluung, Leipzig-Grünau, 1981/82
  • Thomas Müller – Trafohausbemalung, Leipzig-Grünau, 1981/82
  • Frieder Heinze – Trafohausbemalung, Leipzig-Grünau, 1981/82
  • Peter Makolies – Doppelrief “Antiker und zeitgenössischer Mädchenkopf, Gera, 1983
  • Andrea Köhler – Orientierungsystem in einer Kindereinrichtung in Berlin-Marzahn, 1979
  • Jutta Hellgreve, Bernd Sikora – Orientierungssystem eines Kindergartens, Leipzig, Grünau, 1980
  • Gertaude Pohl, Norbert Pohl – Gestaltung Kinderheim “Rosa Luxemburg”, Erfurt, 1982
  • Bernd Sikora – Geschoßbezifferung, Sprachheilschule “Käthe Kollwitz”, Leipzig, 1981/82
  • Jutta Hellgrewe, Bernd Sikora – Etagencharakterisierung, Kindergarten in Weida, 1984
  • Arnd Schultheiß – Wandgestaltung, Sprachheilschule “Käthe Kollwitz”, Leipzig, 1981/82
  • Dieter Schmidt -Spielwand “Urwald”, Sprachheilschule “Käthe Kollwitz”, Leipzig, 1981/82
  • Jutta Hellgrewe – Spielwand “Zirkus”, Kindereinrichtung, Torgau, 1984
  • Ernst Merker – Gestaltung Atrium der Sprachheilschule “Käthe Kollwitz”, Leipzig, 1981/82
  • Angela Hampel, Andreas Dress – Hausbemalung, Kindergarten, Schnorrstraße, Dresden, 1984
  • Matthias Grimm, Klaus Völker – Giebel und Hofgestaltung, Polytechnische Oberschule, Laucha/Nebra, 1986
  • Rudolf Sitte – Wandgestaltung Bibliothek/Mensagebäude, Ingenieurhochschule Mittweida, 1985
  • Frank Ruddigkeit, Peter Schnürpel, Klaus Schwabe – Gestaltung in der Mensa der DHfK, Leipzig, 1975/76
  • Heinz-Jürgen Böhme, Horst Gröschel, Detlef Lieffertz  – Gestaltung Jugendclub “metrum”, Leipzig-Grünau, 1984/85
  • Horst Gröschel, Detlef Lieffertz – Gestaltung Jugendclub “Freundschaft”, Gera-Lusan, 1985
  • Clemens Gröszer, Harald Schulze – Wandbild “Sommertraum”, LPG Marxwalde, 1988
  • Heinz-Jürgen Böhme, Manfred Küster, Detlef Lieffertz – Gestaltung academixer-Keller, Leipzig, 1981/83
  • Andre Böhme, Olaf Bote – Fassadengestaltung Jugendklub “Rabet”, Leipzig, 1988
  • Angela Hampel, Steffen Fischer – Gestaltung Jugendklub “Marschnerstraße”, Dresden, 1982
  • Kosta Sissis – Wandbild “Spanien 1936”, FDJ-Jugendhochschule Wilhelm Pieck, Bogensee, 1986
  • Stefan Th. Wagner – Gipsrelief “Kommunikation”, Leipzig, 1985

(Berlin, 17.02.2018)

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Ein Sechseck Beton am Fernsehturm und der 07. Oktober 1977.

Wer die Fußumbauung des Berliner Fernsehturms aufmerksam umwandert, wird vermutlich auf ein Stück Randarchitektur stoßen, das auf den ersten Blick nicht gleich einzuordnen ist. Auf der Ebene der Passanten stellt sich das Objekt aus Beton nämlich zunächst einmal nur als genau das, als ungewöhnliches Betongebilde, dar. Steigt man dagegen auf die Galerie, erkennt man leicht, dass es sich um die wuchtige Lösung einer bautechnischen Notwendigkeit handelt, nämlich um einen Lüftungsschacht. Zeithistorisch ist er zugleich ein herauszuhebendes Monument.

Lüfttungsschacht des Berliner Fernsehturms
Lüftungsschacht des Berliner Fernsehturms. Fotografie: Ben Kaden, Januar 2018

Blickt man auf den Schacht, dann blickt nämlich ebenfalls auf den Ausgangspunkt der berühmten Jugendkrawalle (auch: Alex-Krawalle) am Republikfeiertag des Jahres 1977. Im Abschlussbericht der zuständigen Hauptabteilung des Ministeriums für Staatssicherheit (hier verfügbar) lässt sich eine Version des Geschehens nachlesen. Ursächlich war offenbar eine Verkettung von Ereignissen und Übersprungshandlungen, die eine gewisse Ventilwirkung nach sich zog. Während die Band Express vor dem meist jugendlichen Publikum ihre, wie man vielleicht noch sagte, Beatmusik auf dem Abendprogramm des Volksfestes am Alexanderplatz aufspielte und jugendliche Besucher zwecks besserer Sicht auf den Lüftungsschacht geklettert waren, gab das auf diesem befindliche Gitter nach und neun Menschen stürzten in die Tiefe. Da der zur Versorgung der Verletzten anrückende Rettungswagen Probleme hatte, sich den Weg durch die immerhin noch etwa 20.000 Besucher des Festes zu bahnen, begannen Volkspolizisten den Weg mit dem zu öffnen, was gemeinhin “körperlichen Zwang” nennt. Interpretiert wurde dies aber fast unvermeidlich als unnötige Härte und Gewalt. Als Reaktion gab es zunächst verbale Unmutsäußerungen und, laut Bericht der Staatssicherheit, später auch Fan- und andere Gesänge. Wie sich im Anschluss herausstellen sollte, befanden sich in der Gemengelage eine große Zahl von Anhängern des 1. FC Union Berlin, die wie viele Fußballanhänger in der DDR ein besonderes Verhältnis zur Polizei pflegten.

Die Atmosphäre heizte sich folglich auf, denn gerade die DDR-Vorzeigezone um Alexanderplatz und Fernsehturm war sowieso der Ort, an dem die Behörden besonders wenig Toleranz gegenüber abweichendem Verhalten zeigten. Was sie wiederum ideal für jede Provokation machte. Die Staatssicherheit notierte sorgfältig, was an Rufen und Slogans aufzuschnappen war. Sie dokumentiert damit nebenbei eine denkbar unbequeme Wahrheit, nämlich, dass sich zumindest Referenzen auf den Motivpool des Rechtsextremismus bzw. Neonazitums in der DDR zu jeder Zeit trotz offizieller Leugnung finden ließen. Ein aufblühender Rechtsradikalismus in Ostdeutschland ist keineswegs allein ein Phänomen der Nachwendezeit. Ein Aufsatz in der Zeitschrift “Die Volkspolizei” aus dem Jahr 1990 ordnete die Entwicklung so ein:

“Seit 1981 treten innerhalb von Gruppierungen junger Menschen, beginnend bei gewalttätigem Fußballanhang und in Teilen der Punkbewegung, sichtbare Elemente nationalistischer und neofaschistischer Ideologie in Erscheinung, die sich u.a. in Gewaltstraftaten offenbarten.” (o.A.: Erkenntnisse über Rechtsextremismus. Wertvolle Aufschlüsse des Zentralen Kriminalamtes. In: Die Volkspolizei – Zeitschrift für das gesamte Polizeiwesen. 06/1990. S.12-13)

Aber warum treten sie auf? “Die Volkspolizei” deutete:

“Es handelte sich schon zu dieser Zeit um offensichtliche Kennzeichen irrationalistischer Wirklichkeitsbewältigung.” (ebd.)

Die unterschwellige, wohlbekannte Richtung des Arguments ist klar: nicht gesellschaftliche Effekte, sondern individuelle Unzurechnungsfähigkeit (zum Ersten). Man räumt allerdings zugleich ein, dass ein verstärkender Effekt das “Fehlen [einer] problemangemessene[n] Diskussion und die einseitige Orientierung auf das Strafrecht” war. Leider zu spät. Hätte es die DDR geschafft, das Problem anders zu adressieren, dann hätte man möglicherweise die Ereignisse in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen und anderswo vermeiden können. So aber bereitete der toxische Cocktail aus Dogmatik, Realitätsverleugnung, Machtfetisch und Hilflosigkeit den Boden für den Flächenbrand, der einsetzte, nachdem die Polizei jede Autorität und die Leitnarrative der DDR jede Legitimation verloren hatten. Wer weiß, dass die Volkspolizei schon seit 1982 das Wachstum rechtsradikaler Skinhead-Gruppen in der DDR beobachtete, wundert sich etwas weniger über die Entfesselung und teils sogar Pogromstimmung in Ostdeutschland ab 1990 und dass zugleich so etwas wie der NSU entstehen konnte. Zumal ein linksliberales, engagiertes und demokratieorientiertes Bürgertum, das solche Entwicklungen gesellschaftlich hätte abfedern können, im Zweifelsfall in der DDR stärkere Verfolgung zu befürchten hatte als kahlrasierte Hooligans, die Gastarbeiter jagen gingen.

Die Akten des MfS lassen nun darauf schließen, dass auch die Datierung auf das Jahr 1981 nicht ganz der tatsächlichen Lage entsprechen kann, wenn bereits 1977 ein “Deutschland erwache!” über das Betonfaltwerk am Fuß des Fernsehturms schallte. Es bleibt allerdings auch unklar, wie viel davon reine Provokation war und wie stark die tatsächliche Identifikation mit solchen Slogans ausfiel. Unwahrscheinlich ist jedoch, dass sie aus dem Nichts kamen oder allein ironische Imitationen dessen waren, was der Staatsbürgerkundeunterricht regelmäßig als Auflösungserscheinungen der westdeutschen Gesellschaft präsentierte.

Zwei weitere Beobachtungen drängen sich auf: erstens, dass die Staatssicherheit den Ruf “Freiheit” auf einer Ebene mit “Nieder mit dem Bullenpack” einordnet sowie das Singen von “Brüder zur Sonne zur Freiheit” als Provokation einstuft und dem Deutschlandlied gleichsetzt. Und zweitens, dass sich die an sich sehr nachvollziehbare Forderung nach mehr Freiheit sehr schnell mit hassgelenkten und hart antagonisierenden Slogans koppelt – eine äußerst unangenehme Nachbarschaft, die auch am Rande späterer Montagsdemonstrationen der Wendezeit in gewissem Umfang anzutreffen war und die sich spätestens nach der Aneignung und Totalentwertung des 1989er-Aufbruchsrufes “Wir sind das Volk” durch rechtsextreme Pegida-Flügel knapp vierzig Jahre nach den Ausschreitungen am Fernsehturm als nach wie vor sehr lebendig präsentierte. Weiterhin fällt auf, dass der Bericht des Staatssicherheit ebenfalls ausdrücklich “den 1. FC Union glorifizierende und den BFC Dynamo beschimpfende Losungen” hervorhebt.

Die latente Gewaltbereitschaft einiger Jugendlichen vor der Beatbühne war eine Seite der Medaille. Den anderen, größeren Beitrag hat allerdings die Volkspolizei zu schultern, die verbale Stänkereien in aller Hilflosigkeit nur mit dem Knüppel zu beantworten wusste, obwohl sich jeder selbst ohne tiefere polizeiwissenschaftliche Kenntnis damals schon hätte ausmalen können, dass dies mit größter Wahrscheinlichkeit nur zur Explosion der Lage führen kann. So kam es dann ziemlich rasch. Steine flogen, Scheiben barsten. Es gab die üblichen Verstärkereffekte und wie wenig die Einsatzkräfte und die übergeordneten Stellen verstanden, was da eigentlich passiert, zeigt sich, dass ihnen für die Erklärung der Vorgänge vor allem der Film The Strawberry Statement einfiel, also ein Stück wenn man so will politisch angehauchte Popkultur, die gerade unter dem Titel Blutige Erdbeeren in den Kinos der DDR zu sehen war.

Den immerhin konnte man absetzen, was bequemer war, als sich die unbequeme Frage zu stellen, wieso der Präsenz von Volkspolizisten, offiziell und in jedem Kinderbuch bewundernswerte Freunde und Helfer, ohne große Zwischenstufen mit derart unbändiger Wut begegnet wird. Freigiebig und abstempelnd weist der Bericht der Staatssicherheit den Jugendlichen das Attribut “negativ-dekadent” zu, wobei die Wortwahl “dekadent” jegliche Schuld der inneren Schwäche des Individuums zuweist (der Duden nennt als Synonym u.a. “angekränkelt”) und sich die Frage spart, wieso diese Jugendlichen, die mutmaßlich allesamt das Bildungssystem der DDR durchlaufen durften, so abweisend reagieren. Individuelle Unzurechnungsfähigkeit (zum Zweiten).

Verletzte gab es im Ergebnis auf beiden Seiten. In der Sphäre der Gerüchte wird darüber diskutiert, ob es gar Tote und wenn ja, wie viele gab. Der Abschlussbericht des MfS weiß davon nichts, sondern rapportiert einzig, dass zwei Monate später nur noch einer der in den Schacht gestürzten Jugendlichen stationär behandelt wird. Alle anderen, also auch die 66 verletzten Volkspolizisten hätten die Krankenhäuser verlassen. Ein Reuters-Korrespondent hatte dagegen laut SPIEGEL berichtet, es

“habe [..] drei Tote gegeben – ein Mädchen sei beim Sturz in einen Luftschacht ums Leben gekommen, ein Volkspolizist sei erstochen, ein zweiter mit einem vollen Bierkasten erschlagen worden.” (o.A.: Brennende Uniform. In: Der SPIEGEL, 46/1977, S. 65-66)

Der Bericht der Staatssicherheit berichtet immerhin von “feststehenden Messern” und “verbrannten Dienstmützen”. Mit welcher Motivation ein internes Dokument eventuelle Todesfälle verschweigen hätte wollen, dessen Ziel sehr deutlich die unmissverständliche Darstellung der Schwere der Ereignisse und die Ächtung der an den Krawallen beteiligten Jugendlichen war, kann hier nicht seriös beurteilt werden. Ungeachtet dessen handelte es sich zweifellos um ein Schlüsselerlebnis in der Geschichte der DDR, trat hier doch vor großem Publikum, an einem denkbar prominenten Ort, zu einem maßgeblichen Datum und vor Vertretern der internationalen Öffentlichkeit der Graben zwischen einem Teil der Jugend der DDR und der Ordnungsmacht des Landes unübersehbar zu Tage.

Die DDR-Nachrichtenagentur versuchte die Ereignisse in einer sorgfältig komponierten Meldung einzuhegen:

“In den Abendstunden des Freitags versuchten am Berliner Alexanderplatz einige Rowdys in unverantwortlicher Weise die Volkspolizei an der Rettung von Verunglückten zu .behindern. Jugendliche, die fahrlässig die Mauer eines Lüftungsschachtes am Fuße des Fernsehturms bestiegen hatten und dabei herabgestürzt waren, hatten sich Verletzungen zugezogen. Die Rowdys versuchten, die polizeilichen Maßnahmen beim Abtransport der Verletzten zu stören, randalierten und wurden tätlich. Das Verhalten der Rowdys löste Empörung bei der Bevölkerung aus, die die Volkspolizei bei der Sicherung von Ruhe und Ordnung unterstützte. Eine Anzahl Rowdys, die den Aufforderungen der Volkspolizei nicht nachkamen, weiter randalierten und Tätlichkeiten begingen, wurden zur Personenfeststellung zugeführt.” (zitiert nach Berliner Zeitung, Mo. 10. Oktober 1977, S. 8)

Aber bereits die Tatsache, dass diese Meldung ausgegeben wurde und in vielen, vielleicht sogar sämtlichen Tageszeitungen der DDR erschien, ließ jedem erfahrenen Leser der DDR-Presse ahnen, dass da etwas passiert war, dass über banales Rowdytum hinausging.

Bestätigt wurde dies durch einen ebenfalls an diversen Stellen (z.B. Neues Deutschland, 14.10.1977, S.2; Berliner Zeitung, 14.10.1977, S.2; Neue Zeit, 15.10.1977, S.8) jeweils wortgleich abgedruckten Kommentar ohne Verfasserangabe unter der Überschrift “Brunnenvergifter am Werk”, der die Berichterstattung westlicher Medien über die Ereignisse vom 07. Oktober 1977 zum Gegenstand hat. Es scheint durchaus wahrscheinlich, dass dieser Artikel unter einem sich entwickelnden Druck der Bevölkerung platziert wurde, die die eklatanten Lücken zwischen den Berichten von Mensch zu Mensch und den Berichten von Zeitung zu Leser erkannten. Wo mehr als 400 Jugendliche “zugeführt” wurden, ließ sich ein Ereignis sicher nicht einfach per ADN-Meldung klein halten.

Der Kommentar ist sehr aussagekräftig und ein Muster dessen, wie man in der DDR versuchte, unangenehmen Ereignissen einen genehmeren Spin zu geben. Die Einleitung wirft der westlichen Berichterstattung eine janusköpfige Praxis vor – bei inneren Ereignissen sachlich, bei Ereignissen in der DDR tendenziös:

“Wenn es in westlichen Ländern bei Rockfestivals, bei Fußballspielen oder ähnlichen Anlässen zu einer Konfrontation zwischen der Polizei und einigen Schreihälsen kommt, die Tätlichkeiten begehen, dann wird dies von der westlichen Presse, von Rundfunk und Fernsehen als das geschildert, was es ist, als nicht schön und lästig für den Mann auf der Straße.”

Das dient zur Vorbereitung einer wertenden Einschätzung, die einige Sätze weiter folgen wird. Zunächst jedoch wird die Praxis der DDR-Berichterstattung geschildert:

“Und die Massenmedien der DDR nehmen kaum Notiz davon, wenn auf dem Marktplatz oder dem Fußballplatz in Bonn sich so etwas ereignet.”

Bonn spielte natürlich selbst 1977 keine besonders große Rolle, was den westdeutschen Fußball und die Hooligan-Kultur betraf. Just im Sommer 1977 wurde dem Bonner SC als erstem deutschen Verein die Lizenz entzogen. Der neue Maßstab hieß Verbandsliga. Auch der Marktplatz der beschaulichen Bundeshauptstadt war kaum als Ort regelmäßiger Krawalle bekannt. Die Ortsnennung dient hier demnach ausschließlich dazu, um Hauptstadt gegen Hauptstadt zu setzen, wo man aus sachlichen Gründen treffender zum Beispiel Hamburg hätte wählen können. Aber vielleicht wollte man auch einfach logisch schlüssig wirken, wenn man zur Beschreibung der westdeutschen und westberliner Pressepraxis ansetzt:

“Ganz anders verhalten sich westliche Presseorgane und Medien, wenn etwas ähnliches in der DDR, in der Nähe des Fernsehturms am Berliner Alexanderplatz, passiert.”

Die Ereignisse am Fernsehturm werden entsprechend auf die Ebene einer Marktplatzrauferei am Rhein gestellt und als im Prinzip keiner Meldung wert qualifiziert. Marktplatzraufereien mit – vom MfS benannten – 61 verletzten Polizisten, verbrannten Uniformteilen und “Adolf Hitler – unser großer Führer”-Skandierungen wären aber im mit Sicherheit dem Schwarzen Kanal ein sehr willkommenes Thema ausgiebiger Berichterstattung gewesen. Und vermutlich dem Neuen Deutschland ebenso. Damit keine Zweifel aufkommen, fasst der unbekannte Kommentator die Ereignisse vom 07.10. noch einmal in knapper Form zusammen:

“Hier haben in leichtsinniger Weise, unter dem Einfluß heißer Rhythmen Jugendliche einen Luftschacht bestiegen und durch ihr Gewicht sowie durch rhythmisches Trampeln zum Einsturz gebracht. Rettungsaktionen des Roten Kreuzes und der Polizei für neun Verletzte, die von einer Ballustrade [sic!] gestürzt waren, wurden, wie bereits berichtet, von einer Reihe von Jugendlichen, die von der Beatmusik noch erregt waren oder einen Schluck zuviel getrunken hatten, blockiert.”

Der Stil wird an dieser Stelle etwas flapsig, betont das dusslige, aber am Ende lässliche Verhalten unvernünftiger Musikfans. Und ein paar alkoholisierte  oder vom Sound benebelten Anwesende haben einfach nur die Rettungsgasse nicht geräumt. Vor allem der Grund der Übererregung mittels Musik ist, bei allem Respekt, kaum nachvollziehbar, wenn man heute Lieder der Gruppe Express anhört, zu deren Repertoire Titel namens “Schlafenszeit”. und “Wenn die Musikanten heimwärts fahren” gehören. Aber vielleicht waren die Beat-Anhänger und Union-Schlachtenbummler damals noch anders empfänglich. Der Kommentator wird es besser wissen, denn er kommt darauf noch einmal zurück:

“Aus humanitären und gesetzlichen Gründen mußte die Polizei die Rettungsaktion des Roten Kreuzes für die verletzten Jugendlichen, die von der Ballustrade gestürzt waren, sichern. Die Polizei fand dabei die Unterstützung der Bevölkerung, aber es kam – dies sei festgestellt – zu Handgreiflichkeiten seitens einiger Rowdys bzw. solcher Jugendlicher, die unter dem Eindruck der heißen Rhythmen nicht wußten, was sie taten.”

Unzurechnungsfähigkeit (zum Dritten). Interessant ist zudem der leichte Zynismus, der mitschwingt, wenn hier von “humanitären und gesetzlichen Gründen” geschrieben wird. Wo neun Personen, aus welchem Grund auch immer, zweieinhalb Etagen in die Tiefe stürzen und sich so schwer verletzen, dass eine Person zwei Monate später noch in der Klinik liegt, gibt es sicherlich naheliegendere andere Gründe, zu helfen, als einen Gesetzestext. Was die “Bevölkerung” anscheinend wusste. Parallel zu den Bergungsversuchen eskalierte die Situation zwischen Volkspolizei und anderen Umstehenden, wobei  der Autor statt einem brutalen Agieren beider Seiten nur “Handgreiflichkeiten” sah, was er, wie wir heute wissen, exklusiv tat. Oder einfach eine andere Definition von “handgreiflich” pflegte.

Auffällig ist dabei zugleich, dass der Bericht des MfS von 100 an den Ausschreitungen beteiligten Personen spricht aber zugleich von 468 Zuführungen und Ermittlungsverfahren gegen 183 Personen berichtet. Zur Hauptverhandlung kam es laut Bericht gegen 103 Personen. Am Ende standen 64 Haftstrafen. Selbst in den Hochzeiten der Fangewalt im Fußball mit nicht wenigen Todesfällen ging man nie mit solchen Resultaten aus einem Bundesliga-Wochenende. Und sogar die Katastrophe vom Heysel-Stadion am 29. Mai 1985, bei der vor laufender Kamera und der Sprachlosigkeit entgeisterten Reporter 32 Fußballfans starben, führte nur zur 14 Haftstrafen, deren Maximallänge von drei Jahren sich mit denen deckt, die nach dem Alexanderplatz-Krawallen verhängt wurden.

Wobei die Heysel-Katastrophe möglicherweise ganz gut ins Bild der offiziellen DDR-Weltsicht passte. Denn für den Kommentator sind die Ereignisse vom 07. Oktober am Fernsehturm das:

“Also Dinge, die in der westlichen Welt tagtäglich passieren. Aber Presse, Rundfunk und Fernsehen, besonders der Bundesrepublik und Westberlins, versuchen jetzt aus diesem bedauerlichen Vorfall ein politisches Geschäft zu machen. Die Zurückhaltung der DDRPresse und -Medien zu den gegenwärtigen Vorgängen in der Terrorszene der BRD hebt sich davon wohltuend ab.”

Wer sich den SPIEGEL- und BILD-Journalismus dieser Jahre kennt, weiß natürlich, dass der Vorwurf des “politischen Geschäfts” schon ein Körnchen Wahrheit enthält. Aber es war und ist in jeder Sicht lächerlich, zu behaupten, die DDR-Medien wären neutrale Berichterstatter ganz im Dienst der Sachlichkeit gewesen. Natürlich gab es eine gewisse Polarisierung auf allen Seiten, wobei der SPIEGEL öfter noch seine eigene Agenda verfolgte. Der anonyme Brunnenvergifter-Kommentar selbst ist dahingehend ein grotesker Selbstwiderspruch. Die verkündete Zurückhaltung beim Thema RAF-Terror wäre eine eigene Untersuchung wert. Ein Grund für die journalistische Sparsamkeit zu diesem Thema könnte einfach gewesen sein, dass die Erarbeitung eines brauchbaren Narrativs für die Kommunikation des Deutschen Herbstes an die DDR-Öffentlichkeit zu zu kompliziert erschien. Offen gezeigte Sympathie war ja auch kein Weg. Hinter den Kulissen hatte man aber kein Problem damit, RAF-Aussteiger mit neuen Identitäten zu Bürgern der DDR zu machen und sie nach Cottbus oder Schwedt ziehen zu lassen. Was freilich ein Thema ist, das deutlich zu weit vom Luftschaft an der Rathausstraße und die Ereignisse am 07. Oktober 1977 fortführt.

Die waren zunächst ein tragisches Ereignis:

“Gleichzeitig mit mir kam ein Sanitäter mit einem Scheinwerfer an. “Die sind abgestürzt, die sind abgestürzt, holt sie doch raus]” schrie alles. Die Musik dröhnte weiter. Das war gegen 20.30 Uhr. Der Sanitäter leuchtete mit dem Handscheinwerfer in die Tiefe. Da lagen sie, acht Meter unter uns auf dem Beton. Ihre Körper, Arme und Beine waren völlig verdreht. Keiner bewegte sich, keiner schrie, kein Blut. Nach einer Viertelstunde versuchten Krankenwagen mit Sirenengeheul, da ranzukommen. Die Musik spielte weiter. Polizisten schlugen mit Gummiknüppeln für die Krankenwagen den Weg frei. Sie schlugen in die falsche Richtung, und die Wagen entfernten sich von uns.” (Karl Winkler: „made in G.D.R. Jugendszenen aus Ost-Berlin“. Berlin: Oberbaum-Verlag, Berlin 1983. Zitiert nach: Wir wollen euren Friedhofsfrieden nicht. In: Der SPIEGEL, 11/1983. S.98-104)

Die bei der Bewältigung gleichermaßen ungeschickt und äußerst brutal agierende Volkspolizei sorgte dafür, dass es für die Betroffenen, die Zugeführten, die Zeugen und die DDR-Geschichte eine Zäsur wurde. Ohne das je beabsichtigt sein konnte, steht bis heute das betonierte Hektagon der Luftschachteinfassung wie ein Quasi-Denkmal für die Ereignisse vom 07. Oktober 1977 im Berliner Stadtraum. Eigentlich könnte man ein richtiges daraus machen.
(Ben Kaden / Berlin / 21. Januar 2018)

Die Praxis der Annäherung. Einige Gedanken am Sonntag.

Eine der angenehmsten Beschäftigungen für Menschen wie mich, die zum Verständnis ihrer Gegenwart gern auf das Mittel einer Re- oder auch Dekonstruktion von Spuren der Vergangenheit zurückgreifen, ist naturgemäß eine, nun ja, objektsoziologische Annäherung an zufällig auftauchende Zeugnisse. Ansichtskarten sind dafür ideal. Sie sind auf der einen Seite sehr reduziert und konventionalisiert, formal angepasst auf einer möglichst reibungsfreie Verarbeitung in postalischen Transportketten. Auf der anderen Seite besitzen sie, im Gegensatz beispielsweise zu Briefmarken, genügend variable Elemente, um vielschichtige Bedeutungspunkte bis zur Ebene des individuellen, teils hochpersönlichen Gebrauchs durch die Zeit zu tragen. Daher eignen sie sich außerordentlich gut als Bezugsgröße dessen, was man Social Philately nennt.

Hinter diesem Label versteckt sich etwas, was die Philatelie vielleicht tatsächlich über das Sammelstreben nach Vollständigkeit oder den Irrweg der Philatelie als Wertanlage hinaus sinnvoll aktualisierbar hält und zu einer neuen Anziehungskraft führt. Da sich zugleich jede Art von Ephemera – vom Bierdeckel bis zu behördlichen Formularen – potentiell für solche Auseinandersetzungen anbietet, spielt zwangsläufig auch immer die Idee einer Entgrenzung über die schmalen Grenzen des Philatelistischen oder – im Fall der Postkartenkunde – des Deltiologischen hinaus, mit. Abstrakt (oder auch von der Semiotik her) gesehen kann man selbstverständlich jeden Gegenstand diversen Lektüren unterziehen. Der Techniksoziologe Bernward Joerges wurde beispielsweise durch die Aufschlüsselung der Dispositive hinter so einem trivialen Objekt wie einer Mineralwasserflasche bekannt. (siehe auch Joerges, Bernward: Technische Normen sind soziale Normen. Zum Beispiel eine Sprudelflasche. In: Joerges, Bernward: Technik, Körper der Gesellschaft. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1996. S. 119-144)

Ansichtskarte Einkaufsquelle im Kosmonautenviertel in Aschersleben
Ansichtskarte Einkaufsquelle im Kosmonautenviertel in Aschersleben

Exkurs: Am Beispiel einer Ansichtskarte

Es gibt eine Ansichtskarte, deren Motiv eine Schwarz-Weiß-Fotografie der Einkaufquelle – also einer Kaufhalle – im damals noch recht jungen Kosmonautenviertel der Stadt Aschersleben ist. Einige Aufdrucke auf der Rückseite liefern, was man heute beschreibende Metadaten nennen würde. Neben der Motivbeschreibung sind das einige formale Angaben: Die Karte wurde im Jahr 1968 ausgegeben. Verlag war die Gebr. Garloff KG in Magdeburg. Der Einzelverkaufspreis war 0,20 M(ark der DDR).

Betrachtet man die Bildseite sieht man neben drei typisierten Wohnblöcken das durch eine Fassadengestaltung mit Kunst am Bau individualisierte Gebäude der “Einkaufsquelle.” Das Mosaik zeigt einerseits über dem Eingang auf die unmittelbare Gebäudefunktion bezogene Motive – eine Frau mit Einkaufskorb, Lebensmitteln (Fische, Obst, Gemüse), darunter in großen Lettern HO. Die zum kleinen Vorplatz weisende Fassade zeigt dagegen die gesamte Bandbreite der DDR-Alltagsikonografie, mit der die Botschaft des gelingenden Sozialismus allen Passanten präsentiert wird: Eine am Kranhaken hängende Platte des industriellen Wohnungsbaus, in diesem Fall schön selbstbezüglich mit Mosaiksteinen, ein junger Mann mit Flugzeugmodell als Anspielung auf das Luftfahrtzeitalter und zugleich denkbare Beziehung zur Beliebtheit des Themas u.a. auch in der GST, ein Ingenieur, ein Industriearbeiter, ein Junge mit Fahrrad, Friedenstauben, schließlich eine Frau mit einem Mädchen, also offenbar Mutter und Tochter. Eine kurze Recherche offenbart, dass das Wandbild von Wilhelm Schmied stammt, der auch die Einkaufsquelle in Sangerhausen mit einem ähnlichen Wandbild ausgestattet hat. Das Gebäude selbst entstand 1964, entworfen vom Projektierungsbüro VEB Halle-Projekt und dem Projektanten Werner Aster.

Die Aufnahme des leider nicht benannten Fotografen präsentiert dem Betrachter eine unspektakuläre Straßenszene, sicher an einem Wochentag, an der vor allem auffällt, dass sie nur Frauen und Kinder zeigt. Sie reiht sich also recht gut ins allgemeine Hauswirtschaftsverständnis der DDR und den daraus folgenden Mustern der Organisation des Alltags ein. Die Grünfläche im Vordergrund ist ungestaltet, die Kleidung lässt die Jahreszeit Sommer vermuten. Die Einkaufsquelle hat eine Art Informationskarren mit dem bekannten HO-Kaufhallen-Emblem herausgestellt, möglicherweise als Zeichen, dass sie geöffnet ist. Aus dem Laden treten zwei Frauen mit jeweils einer Einkaufstasche, was daran erinnert, dass Großeinkäufe in der DDR weniger alltäglich waren, als wir es heute kennen. Die Kaufhallen waren Orte einer Grundversorgung und nicht des Konsums. Kinderwagen und Kinder stehen vor den Schaufenstern. Die Wohnblöcke sind schmucklos und strahlen ihren Standardisierung bis in die letzten Fuge in den Stadtraum. Zwei Fernsehantennen schmücken das Dach des Vorderen der Blöcke.

Die Blöcke und auch das Gebäude der Einkaufsquelle an der Oberstraße Ecke Hans-Grade-Straße existieren offenbar auch heute noch, was nicht selbstverständlich ist. (vgl. Google-Maps-Luftbild) Zum Zustand der Wandbilder ließ sich leider ad hoc nichts ermitteln.

Individualisiert wird die Ansichtskarte durch zwei Briefmarken (Zuschlagsmarke Unbesiegbares Vietnam, ausgegeben am 08.Mai 1968, gestaltet von Günter Schütz sowie die Briefmarke Königin der Nacht (Selinicereus grandiflores) aus der Briefmarkenserie Kakteen, ausgegeben am 02.12.1970, gestaltet von Manfred Gottschall). Beide Marken und die Karte reisten am vermutlich 30.04.1971 von Aschersleben nach Halver im Sauerland, also über die deutsch-deutsche Grenze.

Den Inhalt auszuwerten und in Beziehung zu setzen wäre Gegenstand einer ausführlicheren Darstellung. Hier soll nur skizziert werden, was sich in wenigen Minuten an Anschlusspunkten für weiterführende Auseinandersetzungen mit einem einzelnen Objekt ermitteln lässt. Deutlich wird, auch mit Blick auf den Stapel an Karten neben dem Schreibtisch, aus dem die vorliegende zufällig gezupft wurde, wie umfangreich sich eine Auseinandersetzung mit den Objekten potentiell gestalten kann. Man könnte zum Beispiel den Postkartenverlag als Ausgangspunkt nehmen, und die Karte im Kontext des weiteren Verlagsprogramms verorten. Oder man geht den Weg in die Städtebaugeschichte der DDR und spürt der Frage der Einzelhandelsarchitektur nach. Die Kunst am Bau, ihre Funktion und ihre Gestaltung bieten sich als weiteres Thema an, auch Wilhelm Schmied und seine architekturbezogenen Arbeiten, genauso die Geschichten des Kosmonautenviertels in Aschersleben, die Sozialgeschichte der Frau in der DDR, ebenso eine fotografiegeschichtliche Auseinandersetzung und schließlich könnte man natürlich auch Senderin und Empfängerin konkret nachspüren.

Bereits eine einzelne gelaufene Ansichtskarte eröffnet zahllose Zugänge, was notwendig überwältigt, weshalb letztlich nur der subjektive und bruchstückhafte Zugang möglich bleibt und die Hoffnung einen Baustein beizutragen, mit dem eines Tages eventuell jemand anderes etwas anfangen können wird. Falls nicht, ist zumindest mit diesem Blogartikel die Existenz der Karte selbst öffentlich und ausdrücklich bezeugt. Und damit ist etwas mehr in der Welt als zuvor.

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Im vorliegenden Rahmen und auch in den meisten Fällen der Social Philately wird freilich nicht der akademische Anspruch einer Objektsoziologie einlösbar sein. Anstatt von einer Forschungsfrage auszugehen, um beispielsweise anhand der Drehrichtung des Sicherheitsverschlusses einer Flasche Christinenbrunnen oder der fototechnischen Entwicklung der Ansichtskartenfotografie Erkenntnisse über die techno-normativen Strukturen der allgemeinen Lebenswirklichkeit, Konventionen und Handlungsmöglichkeiten (eine Flasche lässt sich eben nur in die vorgeschriebene Richtung aufschrauben; die Farbfotografie war in der Ansichtskartenkultur der DDR der 1960er Jahre unüblich) abzuleiten, geht es hier um eine reine von der Lust am denkbaren Text getriebene Erkundung auffindbaren Materials. Statt tiefer Deutung mit dem Anspruch maximaler Ausleuchtung setzt diese Annäherungsform auf Aufspüren, Benennen und Verknüpfen. Auch dabei lernt man, aber anders als bei wissenschaftlichen Beforschungsprozessen nicht zwangsläufig auf das Ziel hin, eine möglichst verallgemeinerbare Aussage treffen zu können. Es gibt weder Prämissen noch Thesen noch eine elaborierte Methodologie.

Das bedeutet freilich nicht, dass man nur affirmativ an einer Oberfläche entlang gleitet und jede Kritik hinter der ästhetischen Wirkung verschwindet – ein Phänomen,  das leider häufiger in blühenden Bildkultur zur Ostmoderne, zur Architektur des Brutalismus oder auch, im Sinne eines Baberini-Effekts, zur Kunst der DDR feststellbar wird. Die Abflachung der Objekte auf nostalgische Trigger-Wirkungen, Instagramabilität und / oder geometrie-verliebte Reinszenierungen nimmt ihnen notwendig die Komplexität, die zu verstehen aber notwendig ist, wenn sie mehr sein sollen, als Dekor und Ornament.

Das Anliegen der Praxis, die ich beschreibe und anstrebe wäre folglich die eines Dar-, Heraus- und Über-Stellen der Objekte in Zusammenhänge. Diese Kontexte sind zwangsläufig anders gewählt als in der Wissenschaft, in der jeweilige Fachkulturen und Erkenntnisrichtungen festlegen, was auf welche Weise legitim analysiert werden kann. Solche Zwänge kennt die beschriebene Form der Annäherung mit den Objekten nicht, weshalb sie im Ergebnis in der elaboriertesten Variante im Essay mündet und nicht im Fachaufsatz. Die Aussage bleibt subjektiv und lautet: Schaut! Das gibt es. Und das kann es mir sagen.

Nichts davon schließt aus, dass man sich nicht hin und wieder Anleihen aus der wissenschaftlichen Arbeit holt. Mitunter ist es sogar erforderlich, auch wenn dies in den meisten Fällen der in diesem Weblog behandelten Interessengebiete darauf hinausläuft, dass einfach weitere Quellen auf den Schreibtisch gelangen oder hier und da aus einem Fachtext ein Partikel aufgehoben an dazu gefügt wird. Sowohl Briefmarken als auch Ansichtskarten und sogar das Phänomen der Kunst im Stadtraum (in der DDR) sind aus keiner geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschungsrichtung so tief thematisiert, wie man es sich eigentlich wünscht. Gerade im Bereich der Philatelie ergibt sich daraus die eigenartige Konstellation, dass die Substanz der wenigen wissenschaftlichen Artikel zum Thema bisweilen deutlich instabiler ist als die der Beiträge in den einschlägigen Publikumszeitschriften. Der Diskurs der Wissenschaft zum Thema wirkt so losgelöst von den Diskursen der Freizeitphilatelist*innen, dass er ihn kaum zu berühren vermag. Das ist freilich exemplarisch für eine Vielzahl von extra-wissenschaftlichen Wissenskulturen. Hier Brücken zu bauen wäre ein schöne Aufgabe für zum Beispiel Vermittlungsinstitutionen wie Bibliotheken.

Was man aus der Wissenschaftskultur in dieser Beziehung vielleicht sinnvoll in die freien Interessenskulturen übernehmen kann, ist die Praxis des Bibliografierens. Quellen und Belege sind wichtige Anker und gerade für Einsteiger*innen in ein Feld häufig schwer zu identifizieren. Ob nebenbei zusammengestellte Literaturlisten wirklich einen grundsätzlichen Mehrwert bieten können, der in einem angemessenen Verhältnis zum Aufwand für Pflege und Aktualisierung steht, wird sich zeigen. In jedem Fall sammle ich Quellen, die mir begegnen, für eine Domäne meiner Interessen seit einer Woche grob kategorisiert in einem offenen Netzdokument, dass ich sehr gern für Einsichtnahme und Nachnutzung teile: Bibliografie zu Kunst und Architektur in der DDR mit dem Schwerpunkt baubezogene Kunst und Kunst im öffentlichen Raum (vorläufiger Arbeitstitel) – [bzw. https://retraceblog.wordpress.com/kunst-architektur-ddr/]. Dahinter steht nicht zuletzt der Wunsch, trotz allem eine Art Systematizität und damit Ordnung in die Berglandschaften des Materials zu bringen, die sich eröffnen, wenn man anhand zum Beispiel einer Freiplastik oder eines Wandbilds halbwegs unbedarft um die Ecke biegt und sich mit den Biografien der Schöpfer*innen, den Entstehungsbedingungen und den Rezeptionsansätzen konfrontiert.

Zugleich erfordert auch eine Lektüre aus Freude Lektürekompetenz und damit Basiskenntnisse zu Kunst (und Architektur) als Medienform. In Ansichtskarten kreuzt sich zum Beispiel oft Fotografietheorie mit Postgeschichte. Um einen solchen Schnittpunkt gebührend würdigen zu können, braucht man zumindest Funken von Wissen sowohl zu dem einen als auch zu dem anderen. Letztlich ist es vermutlich das, was sich in der dargestellten Praxis einer Verständnissuche anhand von Zeugnisse manifestiert: Ein Funkenschlagen, verbunden mit der Hoffnung, dadurch mehr zu sehen und zu erkennen. 

(Ben Kaden, Berlin, 14.01.2018)

Fünf Kinder in Mitte. Eine Notiz zu Evelyn Hartnick-Geismeier.

Ein Neuzugang in der Bibliothek: Die Weihnachtstage des 2017 brachten einen Band über die Bildhauerin und unter Numismatikerin auch als Medaillenschöpferin Evelyn Hartnick-Geismeier (vormals Evelyn Nitzsche-Hartnick, vormals Evelyn Hartnick) auf den Schreibtisch. (Die Bildhauerin Evelyn Hartnick-Geismeier. Leipzig: Passage-Verlag, 2014) Wenngleich mehr oder weniger zufällig, kam er doch genau im richtig Augenblick. Denn beim Sichten älterer Fotografien fielen einige Aufnahmen aus einem der unsortierten Sammelordner, die ich am Neujahrstag des Jahres 2014 irgendwann am Vormittag auf dem Weg zum S-Bahnhof Hackeschen Markt anfertigte. Frisch mit Böllerresten besprengelt stand im menschenleeren Monbijoupark nahe den Basketballplätzen in noch dichter Nach-Silvester-Luft eine Plastik von Kindern unter einem Schirm, die es dort noch nicht lange gab und auch nicht mehr geben sollte.

Detail der Skulptur Kinder unterm Regenschirm im Berliner Monbijoupark
Detail der Skulptur Kinder unterm Regenschirm im Berliner Monbijoupark. Aufnahme: 01. Januar 2014

Ein paar Monate später war sie wieder verschwunden und damit irgendwie auch die Erinnerung an die Bilder und der Wunsch, mehr über die Skulptur zu erfahren. Beim Sichten des alten Ordners, motiviert durch einen Hardwareschaden und den Totalverlust aller Aufnahmen aus dem zweiten Halbjahr 2017, trudelten – leider nur – drei Detailaufnahmen zurück. Mit ihnen die allerdings auch die Neugier. Mit vier Jahre Verzögerung und eine kurzen Recherche fand sich ein Artikel aus der Berliner Woche, der Informationen zur Schöpferin – eben Evelyn Hartnick-Geismeier – und zum Aufenthalt der Plastik in Berlin-Mitte enthielt. Ursprünglich in den 1980ern für die Musikschule Mitte angefertigt, kam es aufgrund der Entwicklungen um 1989 nicht mehr zu ihrerAufstellung am vorgesehenen Standort. Erst im September 2013 fanden sie in die Öffentlichkeit des Monbijouparks in Sichtachse zum Storchenpaar von Hans-Detlef Hennig, ein schöne Verbindung, wie sich noch zeigen wird. Da aber Kunst im öffentlichen Raum auch immer in der Möglichkeit einer Zerstörung steht und offenbar gerade zartere Plastiken zur halbstarken Auseinandersetzung mit dem Material einladen, war die Gegenwart der bronzenen Kinder mit ihrem Schirm nur ein kurzes Intermezzo im schönen Park, wohingegen die unweit des Standorts platzierte und deutlich robustere Plastik Die Erde von Ingeborg Hunzinger bislang jedenfalls allen Angriffen tapfer trotzte. Der gelegentliche Namenszug zum Beispiel auf der Hüfte als minimalinvasive Geltungsfreude junger Freunde öffentlicher Handschriftenproben mag vernachlässigt werden.

Der Band zur Evelyn Hartnick-Geismeier aus dem Jahr 2014 kennt das Umsetzungs- und Beschädigungsdrama freilich noch nicht. In seinem Bildteil, in dem das bildnerische Werk, also die Reliefs, Skulpturen und schließlich auch Medaillen der Künstlerin dokumentiert werden, wird noch auf den Standort im Monbijoupark verwiesen, mit einer genauen Titelangabe – Fünfkindergruppe (Tröpfelbrunnen) und Datierung – 1986/86, gegossen 1989. (Seite 174 ff)

Der Textteil dieser bisher einzigen Monographie über die Bildhauerin berichtet dagegen über anderes. Er umfasst nämlich eine große Zahl von Briefauszügen, die die Kunststudentin Evelyn Hartnick zwischen 1949 und 1951 von Leipzig nach Hamburg an den Grafiker Günter Nitzsche schrieb, der ihr erster Mann werden sollte und dafür eine gut bezahlte Stellung in der westdeutschen Werbewirtschaft aufgab und in die DDR zurückzog. Wertvoll und lesenswert sind die Briefe vor allem als Zeitdokumente und Zeugnisse des rat- und rastlosen Herumtastens einer sich selbst suchenden DDR-Kunstpolitik, das sich naturgemäß besonders drastisch auf die Ausbildung in diesem Fall an der Kunstgewerbeschule und der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig auswirkte. Dass die junge Evelyn Hartnick mit einer gewissen Arglosigkeit in diese Hochphase der Formalismusdebatten hineinstolperte und die Reibereien zwischen Akteuren wie Max Schwimmer und Kurt Magritz aus der Perspektive einer siebzehn- bis zwanzigjährigen Studentin notiert werden, ist heute insofern ein Glücksfall, weil sich dem Leser auf diesem Weg eine unbefangenere Innenperspektive eröffnet, die die offizielle kunstgeschichtlichen und kunstsoziologischen Annäherungen um die Debatten dieser Zeit durchaus erkenntnisfördernd ergänzt. So versteht man, was man freilich schon immer ahnte. Beispielsweise, dass der offenbar auch sehr charismatische Max Schwimmer oder auch Walter Arnold deutlich ernster genommen wurden als die Hochschuldirektoren Kurt Massloff und Magritz, wobei letzterer spätestens seit dem Kursieren seiner frühen Gedichte unter den Studierenden offenbar kaum noch Überzeugungskraft besaß. Jedenfalls gilt das für Evelyn Hartnick. (vgl. Briefauszug vom 21.06.1951, im Buch auf Seite 115) Sie bestätigt auch, wie sehr beispielsweise das Werk Ernst Barlachs rein intuitiv nachhaltiger und prägender auf die angehenden Künstler*innen der DDR wirkte, als die Selbstüberhöhungsästhetik des offiziell propagierten und forcierten Stils:.

“Mich wundert es, dass man Barlach in der DDR überhaupt noch zulässt.” (Briefauszug vom 22.06.1950, im Buch auf Seite 57)

“Massloff eröffnete […] das Sommersemester mit einem Superreferat: “Der Kampf gegen den Formalismus in der Kunst für eine fortschrittliche deutsche Kultur und der Kampf um den im höchsten Grade gefährdeten Frieden mit dem Mittel, das [sic!] die Klassik überflügelnden sozialistischen Realismus.” (Brief vom 09.04.1951, im Buch auf Seite 105)

“Er [Walter Arnold] äußerte Bedenken, eines Tages seine Plastiken in der Buntmetallsammlung zu finden.” (ebd.)

Abgesehen von den ideologischen Grabenkämpfen, in denen die Kunststudent*innen oft kaum mehr als Spielbälle und Versuchsteilnehmer*innen sein konnten, erzählen die Briefe vom Bemühen, sich vor allem im Alltag, der neben der Kunst einiges an Mangel bereithielt, zurechtzufinden. So erfährt man aus den Briefen auch Einiges zum Leben und zur Lebensqualität der sehr frühen DDR.

“[I]st es nicht zu Lachen, dass man sein Geld zählen muss, wann man sich wieder mal eine Briefmarke kaufen kann. Das bedeutet, wann man mal einen Brief schreiben kann! Alles, was man sich mitteilen möchte oder müsste, ist also vom Geld abhängig! Nein, es ist nicht zum Lachen, bitter, bitter weinen möchte man. […] Aber vielleicht wird es einmal besser.” (Briefauszug, 23.03.1949, im Buch auf Seite 18)

Ein wenig besser wurde es dann schon im Verlauf der zwei Jahre. Zudem war man ja jung und die Welt trotz allem spannend, anregend, intensiv erfahrbar. Mit ein bisschen Glück, für das in der DDR das Zentralwort “Beziehungen” gängig war, gelangte Evelyn Hartnick 1951 an die Kunsthochschule Weißensee, um dort bei Heinrich Drake zu studieren. Max Schwimmer persönlich hatte sich nach der ersten Ablehnung für seine Studentin eingesetzt und dem VBK-Verbandssekretär Arno Krewerth ein paar nette Zeilen zukommen lassen, die Evelyn Hartnick in ihrem Brief vom 27.06.1951 zitiert. (vgl. S 118) Berlin traf sie als der Moloch, als der die Stadt berühmt ist:

“Aber dass Berlin so elend ist, dass hätte ich nicht gedacht. Wenn ich hier Kinder hätte, ich würde sterben vor Gram – kein Garten, keine frische Luft, nur Dunst, – der Atem der Millionenstadt und Lärm und Hast und Staub…” (Brief vom 10.09.1951, im Buch S. 122f.)

Aber Berlin waren eben auch die Kurse bei Arno Mohr, Freundschaft mit Arno Fischer und Mart Stam als Hochschuldirektor. Und fünf Jahre Bildhauerei-Ausbildung bei Heinrich Drake in einer Klasse auch heute noch leuchtender Namen:

“Wie schön auch, dass so ein guter Geist unter uns Drake-Schülern herrscht. Fritz (Ritter) kommt aus Polen, aus Lodz. Er wird viel gehänselt, denn er tut immer furchtbar schüchtern, besonders wenn es um Frauen geht . […] Ich weiß nicht recht – entweder ist er gerissen oder er schauspielert nur, oder er besitzt eine amüsante Naivität, mit der er verblüffende Gedanken hervorbringt, diese aber nicht konsequent, das heißt nie im großen Zusammenhang verfolgt.
Karl (Mertens) ist schon über vierzig und hat fast schon erwachsene Kinder. Er ist ganz ruhig, spricht kaum ein Wort, arbeitet fleißig und ist ein gütiger Mensche.
Bachmann (Eberhard) ist ein schöner schneidiger Mann mit Herz, Gemüt und Witz. […] Sein im Krieg verletzter Arm behindert ihn bei der Arbeit nur wenig, mehr stört es ihn, dass man die Verstümmelung sieht. Er kommt aus Meissen, hat Porzellanmodelleur gelernt. Deshalb sind seine Figuren so glatt. […]
Arno (Fischer) ist ein Mann mit ungemein klarem Geistesweg. Er liest und arbeitet und setzt sich intensiv mit wissenschaftlichen Problemen auseinander. Er lebt, um seinen Geist zu bilden und größer zu werden als Mensch, um sich und anderen zu nutzen. […]
Und dann ist da noch (Hänschen) (Hans Hennig), der fast nie etwas spricht, der seine Gefühle nicht gut in Worte formulieren kann, doch sein ganzes Sein in seine Arbeit hineinlegt, der kein “Mittelmäßiger” bleiben will, der zugrunde zu gehen fürchtet, wenn er seine Grenzen erreicht haben wird.” (Brief vom 21.10.1951, im Buch auf S. 132f.)

Dazu ist ein Bild der Bildhauerklasse abgedruckt – sechs Männer, bis auf Karl Mertens jung und fesch, zwei ausnehmend attraktive Frauen – im Weißenseer Atelier zwischen Kleinplastiken und Büsten. Zentral in Schwarz mit verschränkten Armen steht Arno Fischer, der die Szene per Selbstauslöser aufnahm und vermutlich komponiert hat. Zumindest liest der Betrachter aus dem Jahr 2018 die Vorahnung dessen ins Bild, was da kommen wird, nämlich eine Karriere als eine der profiliertesten Persönlichkeiten der DDR-Fotografie. In einer Nachbemerkung ergänzt Evelyn Hartnick-Geismeier nebenbei noch drei weitere Zentralfiguren der Bildhauerei der DDR:

“Seit 1952 hatten sich auch Jo Jastram und Ludwig Engelhardt dem Kern unserer Drake-Studiengemeinschaft zugesellt. Gleichzeitig mit diesen beiden und außerdem mit Jürgen von Woyskie [sic!] erwarb ich ich später mein Diplom.” (S.134)

Erstaunlich und womöglich ein subjektives Versäumnis ist, dass aus dieser Gruppe einige Namen (Jo Jastram, Ludwig Engelhardt, Hans-Detlef Hennig, natürlich aber anders Arno Fischer)  sofort aufblitzen, wenn man die Kunst der DDR denkt, auch Jürgen von Woyski, mit Abstrichen vielleicht Eberhard Bachmann, Karl Mertens und Fritz Ritter. Aber auch bei diesen kann man sofort ein paar Werke und Werkstandorte benennen. Für Evelyn Hartnick-Geismeier brauchte es dagegen das Buch, aus dem deutlich wird, dass sie ebenfalls gar nicht wenige Arbeiten im öffentlichen Raum vor allem in Berlin hinterlassen hat. Neben der Kindergruppe gibt bzw. gab es zwei eindrucksvolle Reliefarbeiten – der Otto-Nagel-Zyklus für das Kulturhaus des VEB Bergmann-Borsig in Pankow und die Arbeit “Altes Berlin und neues Berlin”, das traurigerweise 2016 gestohlen wurde. Damit teilt es das Schicksal von zwei Löwenfiguren, die die Bildhauerin für den Löwenbrunnen auf dem Karl-Holtz-Platz in Berlin-Marzahn geschaffen hatte. Ach ja, “äußerte Bedenken, eines Tages seine Plastiken in der Buntmetallsammlung zu finden.” Ein Fall, der für viel zu viele Plastiken in den Jahr nach 1989 tatsächlich eintrat, wobei sich besonders die wenig zimperliche Supermarktkette Rewe in Berlin irgendwie generell für die baubedingte Kunstzerstörung zu engagieren scheint.

Detail Plastik "Kinder unterm Schirm" von Evelyn Hartnick-Geismeier in Berlin
Detail Plastik “Kinder unterm Schirm” von Evelyn Hartnick-Geismeier in Berlin am Standort Marion-Gräfin-Dönhoff-Platz in Berlin-Mitte. Aufnahme: 04. Januar 2018

Die fünf Kinder unterm Regenschirm immerhin sind noch da und nach der Restaurierung und Umsetzung offenbar an einem sicheren Standort. Der gestrige Besuch bei der Plastik, an einem durchgängig finsteren Januartag mit einer Luft, die dank des Verkehrs der nahen Leipziger Straße an den Dunst Berlins erinnern könnte, den Evelyn Hartnick 1951 beschrieb, zeigte vielleicht etwas missmutig dreinschauende aber völlig unversehrte Bronzekindergesichter. Der angrenzende Spielplatz lag matschig und erwartungsgemäß ohne Nutzung in der Stadtlandschaft. Ein paar Menschen, sichtbar im Rentenalter, führten jedoch Hunde um das Hochhaus, blieben kurz stehen und betrachteten skeptisch die eigenartige Person im Parka, die sanft über das Material strich und ein paar Nahaufnahmen der Skulptur machte. Was ein gutes Zeichen ist. An einem helleren Tag des Jahres 2018 werden sie vermutlich etwas Ähnliches noch einmal beobachten können. Vorerst muss es aber reichen, zu berichten, dass die Plastik der Kinder unterm Schirm ohne Böllerschäden ins Jahr 2018 gelangt ist. Evelyn Hartnick-Geismeier, die so engagiert für die öffentliche Erlebbarkeit ihrer Arbeit kämpfte, würde sich freuen. Sie starb am 24. August letzten Jahres in Berlin.

(Ben Kaden, Berlin, 05.01.2018)

Die Schule von Behrenhoff – über eine Ansichtskarte aus dem Jahr 1968.

Legt man auf der Autobahn 20 das Stück zwischen Jarmen und Grimmen zurück, wird man vermutlich nicht bemerken, dass man, wenn auf der einen Seite der Flugplatz von Schmoldow, Heimat der Greifswalder Sportflugfreunde, vorbeirauscht, auf der anderen Seite Behrenhoff hinter sich lässt, eine dieser kleinen Landgemeinden, die so schöne Namen wie Bandelin, Dargelin oder Weitenhagen tragen und deren Klang die Idylle einer milden, stillen Landschaft und schönen weißen Sommerwolken auf himmelblauen Grund drüber für den hervorruft, der im rumpeligen und finsteren November-Berlin sitzt. Behrenhoff, vorpommersches Landratsgut. Nach 1945 Neubauerndorf, auch “Friedensdorf”. “Wer blöd ist, hört auf Adenauers Rat — wir Bauern bringen das erste Getreide dem Staat”, war der Leitspruch der Bauern aus dem Dorfe” wusste das Neue Deutschland am 06. August 1952 zu berichten.

Am 17. Oktober 1954 stand der Behrenhoffer Traktorist Adolf Kalina, geboren 1916 im ebenfalls winzigen aber hügeligeren Werbitz (heute Vrbice), Sohn eines Maschinenschlossers, auf der Liste der Nationalen Front, nicht für die SED sondern für den FDGB, vorgesehen um den Ort und die Neubauernschaft in der Volkskammer zu repräsentieren. Wenige Monate später meldete ADN, dass eben dieser Adolf Kalina seinen Volkskammerausweis verloren hatte. Er bekam einen neuen Ausweis. Sein Mandat behielt her.

Vermutlich kannte er auch die LPG-Bäuerin Frieda Raetz, die 1960 in einem Brief an die Ostsee-Zeitung vom Kontrast im Leben der kleinen Leute zu berichten wusste, der sich eingestellt hatte zwischen der Arbeit als Tagelöhnerin auf dem Gut des Grafen Behr von Behrenhoff in den 1930er Jahren, der als Einzelbäuerin nach der Bodenreform auf eigener Scholle und schließlich der als Mitglied der LPG “Frieden”. Man sprach nun von “der guten neuen Zeit”:

“Jetzt stehe ich morgens um halb sieben Uhr auf. In Ruhe kann ich das Frühstück für meine Familie machen. Um acht Uhr beginnt meine Arbeit in unserer Genossenschaft. Von zwölf bis dreizehn Uhr ist Mittag und um siebzehn Uhr Feierabend. Die Kinder sind im LPG- Kindergarten den ganzen Tag gut versorgt, und die schmutzige Wäsche bringe ich in die Wäscherei der Genossenschaft. … Die Abende verbringe ich meistens vor unserem Fernsehapparat. Manchmal gehen wir auch zu einem Vergnügen oder einer Kulturveranstaltung.”

Rationalisierung trifft auf Optimismus: “Ja, das Leben ist schön geworden, und ich weiß, daß es noch immer schöner wird. Es lohnt sich zu leben.”

Und das las sich so überzeugend, dass die Berliner Zeitung den Brief am 24. März 1960 unter der Überschrift “Früher nur einen Hungerlohn” noch einmal ihren Leserinnen und Leser in der Hauptstadt nahe bringen musste. Die Grafen von Behr auf Behrenhoff waren da längst allein im Ortsnamen noch vorhanden und vielleicht im von niemand Geringerem als dem Architekten Ernst May entworfenen Familiengrab neben der mit eindrucksvollen mittelalterlichen Wandmalereien ausgestatteten wunderschönen Kirche des Ortes.

Acht Jahre später fuhr der Bezirkskorrespondent Hans Jordan für das Neue Deutschland durch die landwirtschaftlich geprägte Umgebung Greifswalds um sich anzusehen, wie sich der Wettbewerb “Schöner unsere Städte und Gemeinden” exemplarisch nicht in Städten sondern eben in den Gemeinden manifestiert. Nicht überzeugend, musste er feststellen und sah sich gezwungen für Behrenhoff “viele ungepflegte Vorgärten” zu notieren, für “Ranzin viele große Tümpel und umgebrochene Zäune, in Grabow verwilderte Gärten und sehr ungepflegte Straßen, auch in Züssow und Groß Schönwalde wenig Schönes.” Bei der Ansicht des Wettbewerbssiegers Brünzow kam er nicht um ein erschütterndes Fazit umhin:

“Nach dem Bewertungsschema des Kreisausschusses kann man im Kreis Greifswald, ohne ein schönes Dorf zu haben, Sieger im Wettbewerb um das schöne Dorf werden.” (vgl. Neues Deutschland, 20. Oktober 1968, S.2)

Ansichtskarte Behrenhoff 1968
Ansichtskarte Polytechnische Oberschule Behrenhoff 1968

Hätte Hans Jordan die neue Schule von Behrenhoff besucht, wäre sein Urteil vermutlich auch nicht viel besser ausgefallen. Jedenfalls wenn man die Ansicht als Richtgröße nimmt, die erstaunlicher- und wunderbarerweise eben in diesem Jahr 1968 zu einer Ansichtskarte wurde.

Aus dem vogtländischen Mylau hatte sich ein Fotograf, von dem nur der Nachname Diener auf der Karte Platz fand, für den VEB Bild und Heimat auf die Reise in den Norden der Republik gemacht und in Behrenhoff erwartungsgemäß nicht die Kirche sondern dieses Motiv als postkartentauglich auserkoren.

Als Sammler erfreut man sich am Blick auf die 1966 gebaute Polytechnische Oberschule. Zugleich staunt man, wie grau der Schulhof wirkt, mit den gesprungenen Gehwegplatten, auf die sich vom Haus her schon jetzt das Gras vortastet und den erschöpften Fahnen an den schwarzen Masten hinter denen sich ein junger Baum am Stock um Verwurzelung bemüht.

Eventuell liegt es am unglücklichen Licht, möglicherweise auch daran, dass die Menschen fehlen, nicht ganz, aber eigentlich schon. Denn im Treppenhaus erkennt der Betrachter zwei Schatten menschlicher Form, welcher der Anwesenheit des Fotografen auf dem Schulhof allerdings offenbar nicht weiter entgegenkommen wollen.

In der Ferne dann: Feld, ein paar belaubte Bäume, die man heute aus der Aufnahmeposition nicht mehr sehen kann, da zwei Baracken in die Landschaft wuchsen. Eine Laterne ähnlich der gezeigten lässt sich aber auf einem Pressefoto erkennen. Dasselbe Bild zeigt aber auch, warum sich zumindest für Freundinnen und Freunde der Kunst am Bau der Gang zur Schule nicht mehr lohnt. Das naiv-schöne Wandbild am Giebel mit den sich auf die polytechnische Zukunft beziehungsweise ein Leben, “das immer schöner wird” (Frieda Raetz) vorbereitenden Kindern zwischen Eisenbahn, Verladekran, Flugzeug und Fernsehantenne, Boot und Rakete, also rein nicht-landwirtschaftlichen Motiven, verschwand leider irgendwann hinter einem fantasielosen Pastellanstrich und nun, so der Artikel zum Pressefoto, verschwindet die Schule als Schule vielleicht ebenfalls. Ihre Webseite informiert dagegen auch 2017 über Neueinschulungen.

In jedem Fall bleibt die Karte, die, sofern die Entzifferung des leider schwachen Poststempels nicht trügt, im späten Januar 1969 von Behrenhoff in ein Neubaugebiet nach Potsdam reiste und passenderweise (aus Sicht der Kunst am Bau der DDR) mit der 1968 ausgegebenen Gedenkmarke für die Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen frankiert wurde, die einen Teil der berühmten Glasmalerei Walter Womackas aus dem Jahr 1961 für die dortige Gedenkhalle der Nationen zeigt.

Die Botschaft der Karte ist denkbar weltlich: Aufgrund einer Krankschreibung konnte jemand ein Mietbehältnis nicht auftreiben und daher wurde eine unbestimmte Sache nicht verschickt. Aber bald! Mehr als das lässt sich anhand des Dokuments eigentlich nicht berichten aus dieser alltäglichen Welt der Traktoristen und LPG-Bäuerinnen, deren Kindern eine Polytechnische Oberschule als Fortschrittszeichen und Zukunftsversprechen an den Feldrand hinter dem Gutspark gestellt wurde, die immerhin über 50 Jahre ihren Dienst tat.

Was sich vom “immer besseren Leben” der 1960er letztlich einlösen ließ, bleibt offen. Für Menschen wie Frieda Raetz und Adolf Kalina eröffnete die DDR sicher Möglichkeiten, die angesichts der Schicht, in die sie hineingeboren wurden, ohne DDR kaum denkbar gewesen wären. Wie wir heute wissen, war dieses besondere Zeitfenster vor allem ein Versuch, ein Gesellschaftsexperiment, oft gut gemeint und weniger gut gemacht und an vielen Stellen mit einem hohen Preis und vom Ende her gesehen deutlich zu hoch.

Was die Gemeinde Behrenhoff mit sich und ihrer ehemaligen Schule im Experiment Gegenwart 2017 anfängt, ist eine Herausforderung, die sich die Mitglieder der LPG “Frieden” vermutlich in keiner Form vorstellen konnten und auch wollten. Und wer weiß, wie jemand in fünfzig Jahren auf diese Konstellationen zurückschauen wird. Eine Ansichtskarte der Schule von Behrenhoff aus dem Jahr 2017 wird ihm dafür leider nicht zur Verfügung stehen. Aber eventuell diese Sonntagnachmittagsnotiz, irgendwo als digitale Spur verschüttet und so schwer und nur zufällig auffindbar wie diese Ansichtskarte.

Ben Kaden / Berlin, 19.11.2017

Berlin-Friedrichstraße, circa 1962. Über eine Ansichtskarte.

Ansichtskarte Berlin Friedrichstraße 1960er
Ansichtskarte Die Friedrichstraße in Berlin-Mitte in den frühen 1960er Jahren

“EWG-Krise weiter verschärft” (Neues Deutschland, 18.01.1963, S.12), “Keine Einigung in Brüssel” (Berliner Zeitung, 27.02.1963, Titelseite), “Ergebnislos beendet” (Berliner Zeitung, 26.10.1963, S.4), “Keine Einigung in Brüssel” (Neues Deutschland, 14.11.1963, S.7), “Feindliche EWG-Brüder” (Berliner Zeitung, 17.12.1963, S.5). Die Presse der DDR und mehr noch ihre Nachtichtenagentur ADN (=Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst) engagierten sich in den fortschreitenden 1960er Jahren sehr in der Berichterstattung über Uneinigkeiten, Zankereien, Missverständnisse und ein denkbares Scheitern des sich formierenden Vorläufers der Europäischen Union, nämlich der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Im Januar 1963 hatten Konrad Adenauer und Charles de Gaulle den Élysée-Vertrag, Gegenstand nicht weniger Sonderbriefmarken in den Folgejahrzehnten und zugleich offizieller Schlusspunkt der Jahrhunderte brodelnden deutsch-französischen Erbfeindschaft, unterzeichnet. Umso wichtiger schien es, der DDR-Bevölkerung regelmäßig vor Augen zu führen, dass die europäische Annäherung in Westeuropa keineswegs zielführend und potentiell erfolgreich ist, sondern immer kurz vor einem Zerwürfnis steht. Anders jedenfalls lassen sich die vielen ähnlichen Schlagzeilen, die dies unterstreichen, kaum erklären.

Nun mochte vielleicht  nicht jede/r die 15 Pfennig für eine Zeitung ausgeben, um Details zu erlesen zur “Kolonialmacht EWG” (Neues Deutschland, 10. August 1962) oder ein “Offenes Wort zur Ernte” (ebenfalls Neues Deutschland, 10.08.1962, gezeichnet “Mit sozialistischem Gruß” von Hans Reichelt, NSDAP-Mitglied ab 1943, zehn Jahre später Staatssekretär im Ministerium für Land- und Forstwirtschaft der DDR, zwölf Jahre später Minister für Landwirtschaft, Erfassung und Forstwirtschaft). Für diese Zielgruppe der öffentlichen Meinung gab es, wie die hier vorgestellte Ansichtskarte aus dem Herzen der Hauptstadt der DDR zeigt, Anzeigetechnologien, mit denen die wichtiges Nachrichten direkt in den Stadtraum geleuchtet wurden.

Detail der Ansichtskarte - "Neues Deutschland meldet"
Detail der Ansichtskarte: Die Leuchtschrift “Neues Deutschland meldet” meldet: IN BRÜSSEL ERGEBNISLOS.

Diesem Umstand ist die Möglichkeit zu verdanken, nicht nur die Ansichtskarte zu datieren, sondern auch die ihr als Basis dienende Fotografie, zumindest per Vermutung. Die Karte, verlegt vom Dick-Foto-Verlag in Erlbach, erschien laut Registriernummer 1964 an den Verkaufsständen. Die Aufnahme müsste sinnvollerweise in einem vorhergehenden Jahr gemacht worden sein, zu einer Zeit, in der Mode und Vegetation sommerlich zumute war. Die Schlagzeilen zur EWG des Jahres 1963 umkreisen jedoch in einigem Abstand ausgerechnet die Sommerstimmung, wohingegen das Neue Deutschland vom 29. Juli 1962 informiert: “Verhandlungen mit Großbritannien erneut festgefahren” (ADN-Meldung, S.2) gleich unter einer Nachricht, die über “Wahnsinnspläne aus den USA” berichtet: “Satelliten-Bomber sollen Kontinente in Flammen verwandeln”. Die Ausgabe war auch deshalb eher so deprimierend wie fast jede beliebige Tageszeitung unserer Tage, weil sie vermeldete, dass der große Illustrator Josef Hegenbarth gerade verstorben war. Das Gute vergeht und es wird immer schlimmer. So die Stimmung auch bereits vor 55 Jahren.

Möglicherweise lief auch diese Meldung durch die Anzeige über der heute noch genauso vorzufindenden Fußgängerüberführung vom S-Bahnsteig des Bahnhofs Friedrichstraße über die Friedrichstraße. Zum Zeitpunkt der Fotografie leuchtete aber mit großer Wahrscheinlichkeit die Genugtuung in den Stadtraum, dass sich Großbritannien gegenüber den Wünschen der EWG-Agrarpolitik entzieht und der britische Beitritt zur Wirtschaftsgemeinschaft daher nicht ganz so reibungslos erfolgen wird, wie man es sich erhoffte bzw. befürchtete. Das lag, wie das Geschichtsbuch verrät, hauptsächlich am französischen Präsidenten Charles de Gaulle und weniger an den Briten selbst, die ja seit 1961 sehr gern eintreten wollten, aber noch bis 1973 warten sollten, um sich diesen Traum zu erfüllen.

Hat all das die Passanten in der Friedrichstraße interessiert, deren Inhalt Robert Walser in einem Feuilleton ein halbes Jahrhundert vor Aufnahme des Fotos inventarisierte: “Arbeit und Vergnügen, Laster und guter Trieb, Streben und Müßiggang, Edelsinn und Niedertracht, Liebe und Haß, feuriges und höhnisches Wesen, Buntheit und Einfachheit, Armut und Reichtum schimmern, glitzern, blöden, träumen, eilen und stolpern hier wild und zugleich ohnmächtig durcheinander”? Auf der Aufnahme wirkt die Straße aufgeräumt und beschäftigt, mehr Geschäfts- als Vergnügungszentrum und zugleich, mangels Automobilverkehr, sehr beruhigt. Ein Radfahrer radelt ums Eck. Die Telefonzelle ist leer. Der Vorverkauf der Distel wirbt leise per Schild und hat eventuell gar nicht geöffnet. Das anstehende neue Programm wird heißen: “Die Macht ist nicht zum Schlafen da”. Na ja.

Und auch ob die 1962 von der Mitropa im Bahnhof eingerichteten Intershop-Vorläufer namens “Valuta-Klein-Verkauf” schon Waren anbieten ist unbekannt und für die meisten Passanten vermutlich mangels Valuta und Zugangsoptionen auch bedeutungslos. Wahrscheinlich auch nicht sonderlich attraktiv, denn das Einstiegssortiment mit seinem Schwerpunkt auf Schnaps und Zigaretten betraf Warengruppen, die auch in den Kaufhallen der DDR vergleichsweise üppig vorgehalten wurden.

Wer auf der Karte zu sehen ist, für den/die gilt es Tagwerk zu verrichten, in einem Büro, offensichtlich. Oder noch wahrscheinlicher, das Tagwerk abzuschließen, denn die Bahnhofsuhr zeigt 17:30. Ein Kind wird an einer Hand Richtung Bushaltestelle geführt, die andere Hand trägt eine Einkaufstasche. Ein Mercedes-Reisebus wird nicht ihr Ziel sein, eher der Doppeldecker, der aus Clara-Zetkin-Straße oder vielleicht auch aus den Linden gerade in Richtung Süden abbiegt, vorbei am Antiquitätengeschäft, das die Berliner dieser Zeit als Gemälde-Nagy kannten.

Detail Ansichtskarte Friedrichstraße
Detail der Ansichtskarte Friedrichstraße: Zwei Busse, ein Lastkraftwagen und Nagys Gemäldeladen, etwa dort, wo sich heute eine Starbucks-Filiale befindet.

So gehen die meisten Menschen mit Aktentasche oder -mappe und im Anzug gerichtet ihre Heim- oder Berufswege oder erwarten einen Bus und während sie dies tun, schauen manche in die Auslagen des Pavillons, der der tschechoslowakischen Kultur ein Haus in Berlin gab. Zwei Volkspolizisten sind vor dem Presse-Café – offiziell HOG Presse-Café zu entdecken, aber kein Einstieg zur U-Bahn, was vielleicht an der Perspektive liegt oder an baulichen Veränderungen des Stadtbilds nach der Errichtung der Berliner Mauer. Hier steigt niemand mehr hinab um ab Mehringdamm wieder hinaufzusteigen. Und man ahnt nicht, dass nur sich einen Steinwurf und einigen Stunden entfernt (oder vielleicht auch anderthalb Jahrzehnte, wo findet man schon verlässliche Zeitzeugen für ein bestimmtes Jahr wie zum Beispiel 1962) das Areal zwischen Schiffbauerdamm und Johannisstraße in etwas verwandeln wird, was man “Freudengasse” nannte und das im Prinzip ein Straßenstrich war, bestens gelegen auch für internationales Publikum mit Hauptaufenthalt Westberlin.

In eben dieses Westberlin, genauer in die Aroser Allee in Reinickendorf, war nun diese Ansichtskarte gereist, ganz unschuldig in der Botschaft und zugleich Erinnerung daran, dass Ansichtskarten lange Zeit eine große Rolle als Funktionsmedium für die Organisation des Alltags übernahmen. Dies galt insbesondere für die an Telefonen arme DDR aber auch, wie man an diesem Beispiel sieht, für kleinen Nachrichtengrenzverkehr. Es ist als nicht ungewöhnlich, dass die am 07. Januar 1966 abgestempelte Karte den Erhalt eines Päckchens bestätigt und zwar mit Dank. Dazu kommen noch Grüße, “auch an Ihren Gatten”, der  Wunsch nach langanhaltender Gesundheit, die nicht mehr auf ihren Anlass rückführbare Bitte, jemand anderem etwas nicht zu sagen, um einen Ärger zu vermeiden und schließlich eine Aussicht auf ein nächstes Mal. Der Sonderwerbestempel, der ein wenig in die handschriftliche Nachricht hineinreicht, erinnert derweil an die Leipziger Frühjahrsmesse vom 06. bis zum 15. März 1966, was sicher auch der einen oder anderen Person, die auf der Karte am Haus der Presse vorbeipromeniert, ein Kreuzchen im Taschenkalender wert gewesen sein dürfte und die ziemlich sicher auch eine Laufschrift über dem Bahnhof Friedrichstraße hervorgebracht haben wird. Aber genau wissen wir es natürlich nicht und wenngleich das Bild noch mehr verrät, als die hier über die geschriebenen rund tausend Worte, so verschweigt es doch notwendig viel mehr als es mitteilt.

(Ben Kaden / Berlin, 31.10.2017)

 

Briefmarken, Felix Hartlaub.

“Könntet Ihr mir (Michael wird sich der Sache annehmen), wenn Ihr mir nächstens schreibt, etwas deutsche Briefmarken, natürlich gestempelt, beifügen, für den Cavaliere, der ein grosser Sammler ist.”

Schrieb Felix Hartlaub am im März 1933 aus Neapel nach Mannheim an seinen Vater Gustav Friedrich Hartlaub und dessen zweite Frau Erika (geborene Schellenberg). Wir wissen das, da die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift und wunderbaren Kulturspeicher- und -aktualisierungseinrichtung Sinn und Form in ihrer aktuellen Ausgabe (Mai/Juni 2017) eine Reihe von Briefen des noch jungen (zwanzigjährigen) und 1945 verschollenen, verstorbenen Schriftstellers abdruckt, dessen Nachlass vom Literaturarchiv in Marbach verwahrt wird. Nikola Herweg, Mitarbeiterin an eben diesem führt gemeinsam mit dem Literaturwissenschaftler Harald Tausch kurz in die Schreiben Hartlaubs aus Italien ein. Ein eventuelles Interesse an diesen sollte unbedingt mit dem Heft selbst angegangen werden.

Für dieses Weblog soll allein die vielleicht nischigste der Facetten der Briefdokumentation aufgegriffen werden: die des Briefmarkensammelns. Für den gerade erst ehemaligen Odenwaldschüler Felix Hartlaub selbst war dies vermutlich weniger eine Herzenssache. Es wäre auch nicht zu erwarten. Kurz nach dem Abitur im Italien, dieses faschistisch, sich selbst hochhistorisierend, zugleich dunkle Nachrichten aus Deutschland, das nun ebenfalls zunehmend in seinen eigenen Faschismus kippt, zugleich chronische Geldsorgen und prinzipielle Fragezeichen über den Plänen der persönlichen Zukunft. Auch: Nach wie vor Trauer um die Mutter. Und auch sehr anschaulich dargelegt: Die Herausforderung, mittels den Postmedien Brief und Postkarte das Band zur Familie aufrechtzuerhalten. Briefmarken waren da verständlicherweise nur Mittel zum Zweck. Zum Beispiel für seine Verankerung in der für ihn aufzuschließenden akademischen (meist archäologischen) Gesellschaft Neapels. Der Cavaliere sammelt. Und daher muss der Bruder Michael auch im Geburtstagsbrief an den Vater noch einmal gemahnt werden:

“Erinnere Michael bitte an die Sendung der Briefmarkenauswahl.” (Brief vom 10.03.1933)

Das Gewünschte traf offenbar kurz darauf ein, denn der Brief vom 17.03.1933 eröffnet direkt:

“Lieber Pappi! Vielen Dank für die Sendung der Briefmarkenkollektion, sie wird mir hier sicher gute Dienste tuen, denn viele Leute sind passionierte Sammler.”

Damit war das Kapitel des Briefmarkensammelns für diese Briefe bereits wieder abgeschlossen. Es hier aus den Briefen zu lösen und zu notieren erfolgt nicht zuletzt mit einer Einsicht, die sich in Felix Hartlaubs Brief aus Perugia vom 1. August 1933 findet und die sich auch als Motto für diesen Blog eignete:

“Ich häufe hier im Laufe der Zeit eine Riesenmenge von Anregungen und Wissensfragmenten auf ohne irgendetwas zu verarbeiten und richtig zu befestigen.”

(Berlin, 18.06.2017)