Die FAZ und die politische Philatelie.

Ein Sonntagstext von Ben Kaden (@bkaden)

I

Ich hege zur Frankfurter Allgemeine Zeitung ein auch für mich selbst bemerkenswert zwiespältiges Verhältnis. Einerseits verspüre ich regelmäßig eine beträchtliche Nostalgie, weil sie mich unmittelbar an einer weitgehend verschwundene Medienwelt erinnert, an eine verschwundene Zeitungsepoche mit einer seit je latent anachronistischen ab exzellent gemachten Tiefdruckbeilage “Bilder und Zeitung”, die allein an vielen Samstagen einen Gang zum Zeitungsstand motivierte. Andererseits gab es die “Berliner Seiten”, deren kurzes Leben exakt in die Zeit fiel, in der ich mir Berlin erstmals in der Tiefe erschließen konnte, die mich und mehr noch die Stadt und ihre Selbstwahrnehmung zu einer Zeit begleiteten, welche sich in der Rückschau, vielleicht etwas, verzerrt durch das eigene Staunen, als den Höhepunkt der Stadt als Heterotop darstellten.

Es war ein Zeitfenster, in dem viel Neues entstand und zugleich genug Improvisationsfläche übrig war, in dem sich die sozialen Zäune derart niedrig erwiesen, dass man an einem Abend, von einem Mitstudenten einfach mitgenommen zwei Stunden in der verrauchten und verbücherten Einzimmerwohnung eines so lang- wie grauhaarigen ehemaligen Bürgerrechtlers am Kachelofen sitzend Zeuge einer regen kreuzgenerationalen Literaturdiskussion werden konnte und danach mit einem sympathischen Hustler aus der Skalitzer Straße kurz zu einer Küchenfete ging, auf der ein Rapper herumstand, den man ein paar Jahre zuvor bei Vivas Hip-Hop-Show Freestyle sehr beeindruckend fand und der nun hier wohnte und bei dem man einfach klingeln durfte. Und nach zwei weiteren Stunden stand man dann zum Tagesausklang in einem frisch aufgebauten Penthouse in der Oranienburger Straße zwischen Moderatoren eines gerade in die Stadt gezogenen Privatsenders. Niemand störte sich daran, denn hier war man gewohnt, dass jeder alles sein konnte. Vor der Tür promenierten die leichten Mädchen auf hohen Absätzen und sämtliche Facetten der kreativen Nachtkultur, denn das Tacheles war der zentrale Anziehungspunkt in Berlin-Mitte. Die meisten Touristen ließen sich äußerlich kaum von den ortsansässigen Freiern und Freischaffenden im Scheunenviertel unterscheiden.

Man erlebte also den Hauch einer einzigartigen Offenheit, der auch in den Berliner Seiten als Narrativ hätte stehen können. Es war eine Zeit und Welt ohne Fernweh, denn jede*r glaubte: Wenn etwas von Relevanz geschieht, wird es hier geschehen. Insofern waren die Berliner Seiten eine Art Druckfahne des eigenen Erlebens. Die zwei Ausgaben, die man sich als Erinnerungsstücke bis heute aufbewahrte, deuten an, dass sich die Berliner Redaktion der Zeitung ebenfalls begeistert in dieses Durcheinander fallen ließ. Jede*r hatte das Gefühl, Teil einer einzigartigen Konstellation zu sein. Und war es ja auch irgendwie.

Wandert man heute durch diese Nachbarschaft, ist davon kaum mehr der Mythos übrig. Die Vorhersagen der Gentrifizierungstheorie lösten sich lehrbuchhaft ein. Die Gegend ist komplett gezähmt und auf eine erstaunliche apolitische Kleinteiligkeit zusammengeschrumpft, in der eine Post-Internet-Boheme an einem Winterabend freudig eine halbe Stunde im Frost auf einen Eckplatz bei Shiso-Burger wartet und über Sneaker diskutiert.

Diese Wende hat die FAZ nachvollziehbar nicht mitgemacht, sondern spätestens nach dem Tod Frank Schirrmachers, den Berlin-State-of-Mind wieder vollständig verlassen. Heute wirkt sie wie ein zahmes Blatt aus der Provinz, als die Frankfurt/Main nach wie vor und unvermeidlich aus Berlin erscheint, mit einem oft sehr offensichtlichen Hang zu einem rechtskonservativen Zeitgeist, der eigentlich nicht mal nach Frankfurt passt, aber vielleicht in manche Vorstädte drumherum.

Die einst ambitionierten und prominent platzierten Blogs sind bis auf den des Troll- und Gegenjournalisten Don Alphonso weitgehend verschwunden. Der Technikteil immerhin bleibt sich treu und rezensiert mit Freude den aktuellen Rolls-Royce Ghost Black Badge. Man will, das schreit einem die Zeitung geradezu entgegen, gern die Zeitung der Entscheider und am liebsten der oberen 1-Prozent sein.

Allerdings sind die oberen 1-Prozent zumindest in Deutschland eher nicht die, die gesellschaftlichen und kulturellen Glanzpunkte der Gegenwart setzen, vermutlich auch, weil beispielweise die neuen digitalen Industrien und Gründerkulturen einerseits hierzulande keine Zuckerberg’schen-Daimond-as-Big-as-a-Ritz Outlier produzieren konnte und andererseits die Investitionskultur bevorzugt fantasiearme und konzeptionell eher antiinnovative Phänomene wie die einfallslose Start-up-Palette der Samwers hofiert. Und schließlich vermutlich, weil Menschen wie Christian Lindner hier ernsthaft als Aushängeschilder und Gesichter der digitalen Zukunft gehandelt werden.

Ein wirklicher Gestaltungsanspruch ist nirgends spürbar und in der FAZ von heute schon gar nicht. Vielmehr wirkt man so, als kämpfe man Tag für Tag darum, dass wenigstens der Stapel mit den Freiexemplaren am Flughafen oder im Hotel abgetragen wird. Das allerdings versteckt man an den entscheidenden Stellen hinter einer beeindruckenden Überheblichkeit, die vielen im deutschen Journalismus offenbar während des ersten Volontariat eingebläut wird und die ignoriert, dass sich “vierte Gewalt” und eine Poschardt’hafte Selbstdarstellung eigentlich ausschließen, weil die Verantwortung, die man übernimmt, wenn man informationelles Nadelöhr und Agenda-Setzer*in spielt in einer gerechten Welt eher zu Demut angesichts der eigenen Rolle führen sollte. Eigenartigerweise deuten dagegen nicht wenige in der Branche eine große Zahl von Followern auf Twitter offenbar auch als große Potenz und demonstrieren damit gleichzeitig, wie wenig sie von solchen “neuen” Medien verstehen.

Dieser Art von Social-Media-Dünkel ist bei der FAZ glücklicherweise kaum spürbar. Dafür klammert sie sich viel zu sehr an das Fähnchen namens “Qualitätsjournalismus”, dessen Grundstoff jedoch aus einer anderen Zeit zu stammen scheint, was sicher auch daran liegt, dass der Abbau an Stellen für Qualitätsjournalist*innen nicht nur die teuren Journalist*innen sondern eben auch große Teile der Qualität aus den Redaktionen führt. Und so entstehen im Ergebnis die Ausgaben, die man, vielleicht aus Tradition, dennoch regelmäßig sichtet und meist nach zwei, drei Minuten gelangweilt oder enttäuscht beiseite legt.

Für einen Großteil der Bevölkerung dürfte die FAZ mit ihrem dahingewässerten Profil, aus dem gefühlt vielleicht drei bis fünf originäre und lesenswerte Stücke, meist von Gastautor*innen, pro Woche auftauchen, kaum mehr Relevanz entfalten können. Was die Herausgeber hinter dem Blatt vermutlich wenig tangiert. Inklusiv war sie nämlich noch nie. Aber im Gegensatz zur Süddeutschen Zeitung, die immerhin ab und an einen Recherche-Scoop hervorbringt, wirkt sie eher wie ein Schatten dieser Fahne “Qualitätsjournalismus” und im Prinzip vor allem eben in mehrfacher Hinsicht provinziell.

Für das Zeitungswesen in der Bundesrepublik ist dieser de facto Rückzug der FAZ aus der großen Öffentlichkeit bedauerlich. Denn auch wenn das Medium Zeitung in seiner gedruckten Form für die aktuelle Nachrichtenstreuung weitgehend eine nachgeordnete Alternativform (zu den Netzmedien) darstellt, ist es doch sowohl in seiner Funktion zur Ordnung und Kanalisierung des Diskurses als auch-als Mittel der unmittelbaren Aufzeichnung aktueller Gegenwart für zukünftige Gegenwarten einzigartig. Je größer und vielfältiger die Zeitungslandschaft, desto besser wird diese Funktion von ihr erfüllt. Nichts ist zum Verständnis von Ereignissen so aufschlussreich, wie die Zeitung von gestern, die nicht nur das Geschehen selbst fasst, sondern auch, wie es zu einem konkreten Zeitpunkt wahrgenommen wurde und wahrnehmbar war.

In der Umkehrung bedeutet dies jedoch, dass das, was nicht in der Zeitung steht, auch nicht für solche Verstehensprozesse bewahrt wird. Je schmaler die Zeitungen und ihre inhaltliche Vielfalt sind, desto weniger wird rekonstruierbar sein. Die Hochphase der außerordentlich differenzierten und üppigen Presselandschaft im späten 20. Jahrhundert wird also zumindest aus dieser Perspektive auch die Zeit sein, deren Diskurse, Debatten und journalistischen Wahrnehmungen am umfänglichsten dokumentiert sein werden.

Dass für die Gegenwart beispielsweise ein Michael Hanfeld als dominante Stimme des Medienjournalismus bleiben wird, dem man seine Frustration mit der Welt in jedem Artikel deutlich anmerkt, ist eine denkbar betrübliche Aussicht. Aber wo Auflagen sinken, verdampfen eben auch die Redaktionen und es bleibt nur ein bestimmter Teil übrig.

Nichts zeigt dies so deutlich in der deutschen Presselandschaft wie die Entwicklung des FAZ-Feuilletons nach Frank Schirrmacher. Die Lücke, die er hinterließ, wurde nicht etwa für eine konzeptionelle Neuaufstellung genutzt. Sondern für ein konzeptfreies Hinfortwurschteln in eine unklare Zukunft, offenbar verbunden mit der Hoffnung, dass es den Leser*innen nicht auffällt. Was auf eine etwas bittere Weise ja gelingt. Denn wo früher aus dem FAZ-Feuilleton mit schöner Regelmäßigkeit Akzente für Debatten gesetzt wurden, fällt heute tatsächlich kaum mehr etwas über den Tag hinaus auf.

II

Einer der wenigen, der sich noch spürbar bemüht und sich auch nicht scheut, als Intellektueller in der positivsten Bedeutung des Wortes zu erscheinen, ist Patrick Bahners, Redakteur des viel zu schmalen Ressorts für Geisteswissenschaft. Auch das sollte man festhalten. Die Mittwochsseite bedient zwar naturgemäß nur ein Nischenpublikum und ist zugegeben auch oft kaum mehr als ein Referateblatt, aber am Ende am ehesten noch der Teil, den sich zumindest meine Peers regelmäßig aus dem Online-Angebot ihrer Hochschulbibliothek holen und sichten. Am Mittwoch dem 24.Januar hatte ich nicht das e-Paper zur Verfügung sondern zugleich auch ein papiernes Bordexemplar in einem ICE, der ausgerechnet von Frankfurt nach Berlin. Da ich an einem Tisch zu sitzen kam, konnte ich die Zeitung sogar halbwegs bequem auffalten und so mit großem Interesse einen Artikel des Medienwissenschaftlers Detlev Schröttker lesen, der meine neben dem Phänomen Tageszeitung zweite anachronistische Liebhaberei aufgriff: die Philatelie. (Detlev Schröttker: Die Brüder Herzfeld interessierten sich 1933 auch wieder für Briefmarken. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.01.2018, S.N 3)

Und als jemand, der gar nicht mal so selten die Woelckpromenade in Berlin-Weißensee herunterspaziert, war es umso schöner, dieses mit dem Bogen zu Wieland Herzfelde präsentiert zu sehen, der nicht nur Briefmarkensammler und -theoretiker war, sondern offenbar auch in der Lage, während seines Exils New York mit dem Handel mit Briefmarken ein zureichendes Auskommen und eine Verlagsgründung absichern zu können.

Skulptur Lesender Knabe - Woelck-Promenade in Berlin-Weißensee
Natürlich mit Buch: Der Lesende Knabe, eine Arbeit des Bildhauers Siegfried Krepp aus dem Jahr 1983 an der Woelckpromenade, einst Ostberliner Wohnadresse von Wieland Herzfelde, erfüllt in mehrfacher Hinsicht jedes Klischee, das der CSU-Vordenker Alexander Dobrindt dem an Weißensee direkt anschließenden Prenzlauer Berg zuschreibt: Elitär im Anspruch, quasi-sozialistisch in der Form, irgendwie zu intellektuell und in jedem Fall erheblich zu grün. 

Heute ist das kaum mehr vorstellbar, aber als jemand, der die Briefmarkenhandlung in der Berliner Karl-Marx-Allee noch vom Erwerb kroatischer Sondermarken und nicht nur als Weinstube kennt, glaubt man gern, dass das noch möglich war.

Allerdings hatte man auch schon zum Zeitpunkt dieses philatelistischen Kontakts unweigerlich eine Assoziation mit Vladimir Nabokovs Pilgram, der zwar keine Briefmarken- sondern eine Schmetterlingshandlung betrieb. Aber aus dem Jahr 2018 betrachtet sind die Briefmarkenfachgeschäfte vermutlich die heutigen Gegenstücke zum Lepidopterologie-Bedarfshandel im Berlin der 1920er – kleine unübersichtliche Wunderkammern, darin “ein abgekämpfter älterer Mann mit gerötetem Gesicht, glatt anliegendem Haar und einem nachlässig gestutzten angegrauten Schnurrbart”. (Vladimir Nabokov: Pilgram. In: ders.: Stadtführer Berlin. Fünf Erzählungen. Stuttgart: Reclam, 1985, S.11)

Wie nah die Parallele zwischen Schmetterling und Briefmarken liegt, offenbart auch das letzte Wort aus Wieland Herzfeldes Gedicht “An meine Briefmarken-Sammlung” aus dem Jahr 1915, das Detlev Schröttker in seinem Artikel leider nur ausschnittsweise zitiert:

“Ihr Marken, angeschwemmt aus schlangensüßen Zonen! / Muscheln, gereiht auf elfenbeinernen Grund / Wo eure Altäre des Nimmermehr thronen / Schweben Erwartungen, falterbund.” (Hervorhebung von mir)

Zugleich wird deutlich, was viele Sammler*innen aus ihrer ersten Begegnung mit dem Phänomen Briefmarke unschwer als Auslöser ihrer Faszination festmachen können: Exotik. In den schulischen Arbeitsgemeinschaften zur Philatelie standen, jedenfalls nach meiner Erinnerung, Marken mit Tiermotiven aus Tonga, Japan oder Kolumbien deutlich höher im Kurs als jeder noch so seltene Plattenfehler. Ein interessanter Nebenaspekt: die in den 1980ern im Osten Deutschlands noch wenig beliebten Sammelgebiete DDR, Osteuropa und Sowjetunion erobern sich über diese Zeit mittlerweile auch einen ähnlichen exotischen Appeal, nämlich den einer unbestimmbaren Nostalgie. Beim Sammeln von Faltern, die eben auch das Versprechen einer anderen Welt in ihren bunten Flügeln trugen, setzte sich dagegen der Tierschutzgedanke so weit durch, dass Schmetterlingskästen außerhalb der Naturkundemuseen weitgehend in obskuren Nischen verstauben. Es ist durchaus eine Herausforderung, heute überhaupt noch einen Händler für diese Kästen zu finden.

Die Philatelie ist freilich, was ihre akademische Anerkennung betrifft, der Lepidopterologie erheblich nachgeordnet, da letztere wie direkt auch das Beispiel Nabokovs unterstreicht, durchaus problemlos in die Wissenschaftswelt der Zoologie eingebunden werden kann. Medien- und Kulturwissenschaft zeigten sich gegenüber der Philatelie traditionell weniger aufnahmebereit als beispielsweise sogar gegenüber der Numismatik. Möglicherweise ist das zugleich der Grund für den unglaublich verästelten und elaborierten Stand der Wissenskultur der Philatelist*innen, den Detlev Schröttker würdigt, wenn er schreibt:

“Nie wieder wurde ein solcher Umfang von Wissen über ein Medium von globaler Bedeutung ausschließlich von Laien zusammengetragen.”

Die Klebeseite dieser Marke ist freilich, dass sich in der philatelistischen Fachkultur nicht selten eine Geschlossenheit breitmachte, mit der arglose Besucher*innen von Briefmarkenschauen schwer umgehen können und die weder angebracht noch angemessen war. Man wertschätzt sich häufig nur auf vermeintlicher Augenhöhe und treibt alle interessierten Einsteiger*innen sofort zu anderen Hobbies. Und das wird bei einer alternden Kohorte mittlerweile zum Problem.

Soziologisch und sozialpsychologisch handelt es sich dabei um ein spannendes Untersuchungsfeld. Menschen, die eher spielerisch und explorativ an das Medium herantreten möchten, fällt es nach wie vor schwer, auf den Messen mit ihrer betulichen Gewichtigkeit und nicht selten auch abstoßenden Krämerei viel Freude zu haben. Viel zu oft bewahrheit sich zudem, was Kurt Karl Doberer 1979 in seinem Buch Schöne Briefmarken festzustellen wusste:

“Leider sind Kunstfreunde nur selten auch Briefmarkenfreunde. So kommt es, daß die herrlichen Farbstiche aus der Tschechoslowakei, Meisterminiaturen dieses Gebietes, als Briefmarken nur weit unten in der Beliebtheitsskala rangieren. Von Briefmarkensammlern nicht besonders begehrt, sind die Original-Stahlstiche in mehreren Farben ausgeführt und von flachen Stahlplatten in Kleinbögen zur vier Marken gedruckt – für den künstlerischen Feinschmecker eine seltene Gelegenheit.“ (Dortmund: Harenberg, 1979, zitiert nach dieser Quelle)

Der FAZ-Artikel von Detlev Schröttker erinnert zugleich daran, dass es nicht zwangsläufig so eindimensional sein muss, wie die biedere Luft in den Mehrzweckhallen bisweilen als Eindruck hinterlässt. Der Trend in Richtung Social Philately könnte hier ebenso für eine Entzerrung sorgen, wie die sich notwenig einstellende Einsicht, dass die meisten über Jahrzehnte aufgebauten Sammlungen keinen finanziellen Wert besitzen, der auch nur annähernd im Verhältnis zum Aufwand steht. In 99 von 100 Fällen ist das Medium Briefmarke als Kulturobjekt deutlich interessanter als als Anlageobjekt.

Die Philatelie muss sich und ihre Kommunikationen zwangsläufig im Rahmen ihrer jeweiligen Gegenwart aktualisieren. Dazu gehört zugleich der Blick zurück, wobei durchaus auffällt, dass man aus der kulturwissenschaftlichen Perspektive immer direkt bei Aby Warburg und Walter Benjamin ankommt und also 80 Jahre kulturwissenschaftliche Ignoranz im Umgang mit dem Medium Briefmarke verarbeiten muss.

Ob es Detlev Schröttker gelingt, das ein wenig abzufangen, bleibt offen. Er zeigt aber in jedem Fall anhand eines Beitrags der Herzfeld(e)-Brüder für die Abeiter-Illustrierte Zeitung (AIZ) in seinem Artikel eine vielversprechende akademische Annäherungsoption auf:

“Ein Kommentar im oberen Bildteil bietet Grundgedanken einer politischen Philatelie, die bis dahin nicht formuliert wurde. “Die Briefmarke ist längst nicht nur Sammler-Objekt, sondern auch Propaganda-Werkzeuge. Die Staaten benutzen bunte Bildchen, die durch Millionen Hände gehen, zur Propaganda von Ideen und Dingen, die ihnen wichtig erscheinen. So wird die Briefmarke zum Zeugnis für Gesinnungen und Absichten: für friedliche und unfriedliche, menschenfreundliche und menschenfeindliche.” “

Was sich bereits 1937 feststellen ließ, entfaltete sich bekanntlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Allein mit der Rubrik “Aus den Akten des MPF – Informationen aus den Akten und der Entwurfssammlung des Postministeriums der DDR”, in der in jeder Ausgabe der Deutschen Briefmarken-Zeitung (DBZ) die Entscheidungsketten für Briefmarkenausgaben der DDR detailliert nachgezeichnet werden, erhält man eine ausgezeichnete Forschungsgrundlage für eine Annäherung an eine solche politische Philatelie als Verständnisfläche der DDR-Geschichte.

Wer denkt, die politische Philatelie sei mittlerweile von einem der diversen Enden der Geschichte überholt, verkennt sowohl Funktion des Mediums Postwertzeichen als auch die Lage an sich. So ist zunächst jede Motiventscheidung politisch. Und trotz der äußerst fragwürdigen Idee der “Marke individuell“, deren gestalterische Ergebnisse sich zu professionellen amtlichen Umsetzungen in der Regel so verhalten, wie ein Lebensmitteldiscounter zum Feinkostgeschäft, bleiben Briefmarken bisher und zwar weltweit sehr exklusive Abbildungen bestimmter Ereignisse und Phänomene, denen jeweils national ein besonderer, eine Würdigung verdienender Status zugeschrieben wird.

Wer etwas über die Stimmung eines Landes lernen möchte, kann folglich aus den jeweiligen Briefmarkenausgaben, den Motiven und ihrer grafischen Inszenierung viel lernen – auch übrigens anhand der Ereignisse und Motive, die nicht gewürdigt werden.

Die in vergangenen Woche ausgegebenen Marken der Deutschen Post umfassen drei Werte Für die Wohlfahrtspflege mit Bildern aus dem Märchen “Der Froschkönig” (=deutsches Kulturgut), eine Briefmarke zum 200sten Jubiläum der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn (=Bildungstradition) sowie eine Ausgabe “25 Jahre Tafel in Deutschland”, die von der Illustratorin Susann Stefanizen recht schön auf der Höhe der gegenwärtigen grafischen Kultur gestaltet wurde. Inhaltlich würdigt sie unübersehbar zivilgesellschaftliches Engagement und anerkennt indirekt, dass es Armut in Deutschland gibt, auf die die Gesellschaft aber eigenverantwortlich zu reagieren versteht.

Nahezu unglaublich erscheint dagegen, dass die irakische Post im Jahr 2017 eine Marke zu einer gewonnenen Schlacht und sogar mit der klassischen Motivsprache eines Schlachtengemäldes ausgab. Und zwar allein deshalb, weil man lange dachte, dass das Zeitalter der großen Schlachten endgültig ein abgeschlossenes Kapitel in den Geschichtsbüchern ist. Aus kriegstheoretischer Sicht ist die Herrschaft des Islamischen Staats und der Kampf dagegen ein unglaublicher Forschungsgegenstand. Für die betroffenen Menschen ein von der Insel Deutschland aus betrachtet unfassbarer Alptraum. Die Briefmarke ist daher auch Zeugnis eines Irrsinns und genaugenommen ist das sich aus diesem Geschehen ergebene Sammelgebiet der Kriegsphilatelie vor allem Beleg eine Bankrotterklärung der globalen Politik im frühen 21. Jahrhundert. Zugleich ist die Anmutung der Marke so skurril, dass kaum beurteilt werden kann, ob man als Betrachter den bildtheoretischen Rahmen der Darstellung und Inszenierung nicht versteht oder ob es sich um eine – sehr verständliche – Hilflosigkeit handelt, dem Geschehen philatelistischen Ausdruck zu verleihen.

Briefmarke Mosul / Irak 2017
Werner Tübke hätte daran sicher keine Freude, aber das kleine Panorama der Briefmarke “Liberation of Mosul” / Irak 2017 verfolgt sicher einen ganz anderen Zweck als die letzte mir bewusste Schlachtendarstellung auf deutschem Boden in Bad Frankenhausen. 

Für eine wirkliche Analyse sind wir möglicherweise auch noch viel zu nah an diesem grundsätzlichen und weltumspannenden Spannungsfeld mit offenem Ausgang. Der Blick in die Nachrichten ruft im Prinzip täglich einen Satz auf, der da lautet: “Die Welt ist aus den Fugen!”. Der Blick in die Zeitung, von der man sich als Leser nicht zuletzt kompetente Einordnung erhofft,  verstärkt dies meist nur noch, auch hinsichtlich der Frage, was Journalismus bzw. Zeitungsjournalismus eigentlich noch leisten kann. Und wenn man hin und wieder einen Brief aus einer der Weltregionen erhält, in denen es sich die Menschen nicht leisten können, gemütlich an einem Nachmittag auf einem Marktplatz für eine absurde Abschottung ihrer Welt von der der anderen und damit eine Nichtlösung aufzumarschieren, dann erfasst einen dieser Eindruck durchaus auch bereits am Anblick der Briefmarken.

(Berlin, 04.02.2018)

Advertisements

Die Welt am Platz des Gedenkens: Über einen Stadtraum und eine Ansichtskarte aus Stalinstadt.

Die unlängst zu Ende gegangene Peter-Zumthor-Ausstellung im Kunsthaus Bregenz hat der Welt etwas ziemlich Wunderbares hinterlassen. Nämlich eine schmale Broschüre mit einfühlsamer und sprachzarter Prosa von Marcel Beyer. Kleine Bilder in dunklen, schmutzigen Farben – der Titel zurückhaltend, grau auf makellosem Weiß. Darin: Assoziationen aus Provinzen, von Trebatsch bis Tomioka, vom Schwielochsee bis zum Chemnitzer Küchwaldpark. Und mittendrin folgende, etwas härter Richtung Reisefeuilleton strebende Betrachtung:

“Von einem Eisenhüttenstadt-Krimi oder einem Guben-Krimi habe ich noch nie gehört. Die Plastinatorenfabrik ergäbe ein klassisches Versteck in Poe’scher Manier. Irgendwo um das Sowjetische Ehrenmal in Eisenhüttenstadt oder in den Grünanlagen an der Lindenallee könnte eine Leichte unentdeckt liegen von Sonntagnachmittag bis weit in den Montag hinein. Ausreichend Zeit, um Zeit zu verwischen.” (Marcel Beyer: Kleine Bilder in dunklen, schmutzigen Farben. Bregenz: Kunsthaus Bregenz. September 2017. S.9)

Ja., vermutlich könnte sie, vielleicht auch in einem dieser Ostbrandenburger Polizeiruf-110-Folgen des rbb. Alte Rechnungen aus dem Eisenhüttenkombinat, die Spur einer Fehde zwischen einem EKO und einem Stadt-Funktionär, die Gespenster des in der DDR ignorierten und nach der Wende planierten STALAG III B, ein Sturz in der Ruine des Kraftwerks Vogelsang, ein Axthieb im nebligen I. Wohnkomplex in schöner Fritz-Selbmann-Tradition. Eine Szenerie zumindest lässt sich leicht ausdenken. Und der Platz des Gedenkens mit seinem Obelisken obenauf und den Gebeinen von Kriegsgefangenen darunter, der Platz auf dem Walter Ulbricht im Mai 1953 den Plan für den Aufbau von Stalinstadt verkündete, ist heute trotz zentraler Lage am Sonntagabend wirklich ein Ort der Stille, gebrochen höchstens von einem rastlosen Jugendlichen, der sein aufgetuntes Auto von der Karl-Marx-Straße zur Lindenallee beschleunigt, um zu sehen, ob vielleicht doch noch jemand anderes unterwegs ist. Ein paar mehr Menschen als 1953 leben noch in der Stadt, mehr sogar noch als das Zehnfache sogar, was etwa der Hälfte der Einwohnerzahl von 1989 entspricht. Aber sie tun das auf deutlich größerer Fläche und in einem Durchschnittsalter, das auf eine interessante und verquere Weise an die einst “jüngste Stadt Deutschlands” erinnert. Viele der jungen Zuwanderer der 1950er und 1960er Jahre sind geblieben, ihre Kinder und Enkel in deutlich geringerer Zahl. Die sind jetzt in Berlin, Weimar, Hamburg oder Melbourne. Und kommen nie zurück. Aber nicht nur das: Der ohnehin traditionell mehr auf Daheimlichkeit und Kleingarten ausgelegte Lebensstil war schon immer eher ein Bremsklotz für die Entwicklung eines öffentlichen Lebens. Das höchste erreichbare Ziel in der Stadt war ein eigenes Häuschen in der Werksiedlung, in dem man in Sommernächten die Tonspuren der auf der Freilichtbühne gezeigten Filme von der Terrasse aus erleben konnte. Für die meisten derer, die zum neuen Werk und seiner neuen Stadt strömten, blieb die Hügellage wie auch überhaupt ein eigenes Haus unerreichbar. Die eigene Gartenlaube dagegen, das ging. Kam aber erst später.

Die Stadtplanerin Gabriele Haubold beschrieb Anfang der 1990er die Wesensart zumindest dieser Generation

„Hier sind die Leute dickschädelig und poltrig. Wer hier von Beginn an dabei war, hat zunächst wie ein Goldgräber gelebt, im Dreck, einer kleinen Hütte mit einem Kanonenofen, und mußte bei Wind und Wetter raus. Das prägt einen Menschenschlag.” (zitiert nach Hannes Bahrmann: Die Zukunft des Stahls entscheidet über die Lebensqualität. In: Neue Zeit, 24. Februar 1993, S. 20)

Offenbar prägte es den Menschenschlag so sehr, dass sie gerade nachdem auch die verordneten Zusammenkünfte im öffentlichen Raum entfielen, den reichlich vorhandenen öffentlichen Raum nur noch sehr selektiv als solchen nutzen. Weihnachtsmarkt, Turmblasen und Stadtfest, das geht. Das Phänomen des Flaneurs wird dagegen erfahrungsgemäß hauptsächlich durch auswärtige Besucher in die so wunderbar fußgängerfreundliche Stadt getragen, wobei sich bei Vorliegen einer Verwandtschaft hin und wieder auch die angestammten Einwohner aufraffen und mitlaufen.

Der Platz des Gedenkens in Eisenhüttenstadt im Sommer 2015
Gleichschritt erlebt am ehemaligen Platz der DSF eher nur noch zufällig. Was auch ganz gut ist. Aber Schritte durcheinander, also eine lebendige Nutzung, hätte die Fläche trotz aller Erhabenheit durchaus verdient.So wie der Stadtraum in Eisenhüttenstadt überhaupt. Aber wie? (Platz des Gedenkens in Eisenhüttenstadt im Sommer 2015, Foto: Ben Kaden)

Andererseits ist die Zahl der Ziele, die sich an einem Sonntagabend ansteuern lassen, äußerst gering und man mag eben nur soundso oft um den Block spazieren, gerade auch, weil das für Städte dieser Größenordnung übliche Zucken der Vorhänge in den unteren Etagen verdeutlicht, dass die Wohnkomplexe zwar auf den Straßen leer, in den Häusern aber wachsam sind. Außerhalb der Küchenfenster trifft man bestenfalls noch jemanden, der seinen Hund ausführt und womöglich den Platz unter dem Stern an einem Sonntagabend quert, ein Platz, der nun wieder in der Tat so liegt, dass man einige versteckte Eckchen findet, in die auch kein Blick aus dem Fenster gelangt. Wird der Hund anschlagen? Wird jemand nachsehen, wenn es im Gesträuch hinter den Gedenktafeln mit den Namen der hier mutmaßlich bestatteten sowjetischen Offiziere knistert?

Das mögen ein Regionalkrimirautor oder eine Drehbuchschreiberin beantworten. Festzustellen bleibt allein, dass sich die Ansicht, die sich Besuchern des Platzes zu einer Sonntagsstunde bietet, zwar in Einigem von der Szenerie einer Ansichtskarte des VEB Reprocolor aus den frühen 1950er Jahren unterscheidet. Die Bäume sind einander erheblich zugewachsen. Autos in einer 1953 und damit auch für die Stadtplaner unvorstellbaren Dichte säumen die kleinen Straßen, halb auf der Fahrbahn, halb auf dem Gehsteig. Aber mehr als zwei Menschen, also hier vermutlich Mutter und Kind und dort eine kleine, auf der Fotografie etwas verwaschene Gruppe, wird man selten flanieren sehen. Wohin auch?

Die jüngeren Menschen streben dagegen naturgemäß durchaus nach einem geselligen Aufenthalt im Freien, promenieren aber tatsächlich eher die Lindenalle hinunter oder verweilen an einer Parkbank, bisweilen mit dem traditionellen Ziel aller Halbstarkengenerationen, die Bandbreiten des Berauschtseins gemeinschaftlich zu erkunden. Bis in die 1990er Jahre hinein war es, wie mir gerade einfällt, eine übliche Praxis, dieses “Abhängen”, viel später “Chillen” auch vor bzw. in Hauseingängen zu zelebrieren. Man sprach von Cliquen bzw. Jugendcliquen, ein Wort, das im Vokabular der DDR nicht selten mit dem Ausdruck Rowdytum korrelierte. Noch um 1994 wusste eine solche Gruppe im frisch eröffneten Skateboardpark der Stadt den beiden damaligen Skateboardern der Stadt auf die Bitte, die Miniramp nicht durch das Hineinhängenlassen der Beine zu blockieren, mit dem Vorzeigen eines Schmetterlingsmessers entgegenzutreten, woraufhin einer der Skateboarder das nächste Mal eine Axt(!) einpackte und ich, der zweite Skateboarder, erst einmal woanders rollen ging. Die kurzen Wege der sozialen Netzwerke in Eisenhüttenstadt erwiesen sich freilich als auf unserer Seite stehend: Aus Schule und Nachbarschaft kannte man jemanden, der jemanden kannte und im Ergebnis war eine friedliche Koexistenz von zwei Skateboardern und der kleinen Truppe mit dem Messer etabliert, die aber deshalb eher kurz währte, weil der Skatepark den Nicht-Skateboardenden schnell zu langweilig wurde oder zu uncool, denn neben den Skateboardern gehörten vor allem Grundschüler mit Rollerskates und Kinderfahrrädern zum Stammpublikum der Anlage. Insofern stellte sich die berühmte Spielplatzerkenntnis auch hier ein: Jugendliche lieben solche Orte als Treffpunkte, verabscheuen aber die Gegenwart von Kindern, die zum Beispiel ungebremst einen Sandkasten mit sogenannten Klingelfahrten umzirkeln oder lautstark Klettergreife spielen. Cliquentauglich sind Klettergerüste und Skateboardrampen erst Richtung Dunkelheit und da rollten wir frühen Rollbrettler entspannt wieder Richtung VI. Wohnkomplex davon.

Ansichtskarte Wohnblock 11 in Stalinstadt
An Autos fehlts im Quartier. Noch. Ansichtskarte mit dem des Wohnblocks 11 in Stalinstadt aus den frühen 1950er Jahren.

Der Platz des Gedenkens war aufgrund seiner Bepflasterung niemals im Blickpunkt der Skateboarder der Stadt, zieht aber zumindest im Sommer hin und wieder Gruppen junger Menschen zum Verweilen an, die jedoch keiner mehr Cliquen nennt. Viel mehr an zwischenmenschlichen Aktivitäten lässt sich dort darüber hinaus nicht beobachten oder sowohl Marcel Beyer als auch ich sind immer zum falschen Zeitpunkt da.

Man darf, wie oben schon angedeutet, für die frühen 1950er Jahre mit Sicherheit davon ausgehen, dass es in der Jugend der Stadtbiografie, also in den Jahren namens Stalinstadt, zwangsläufig intensivere Platznutzungen gab. Die Zahl der Lokale für die Stahlgoldgräber war zudem äußerst überschaubar und deren Mangel auch ein Grund, warum der 17. Juli 1953 in Eisenhüttenstadt nicht ganz reibungsfrei verstrich. Nicht zuletzt zur Beruhigung errichtete man schnell die Großgaststätte Aktivist mit einem viel genutztem Tanzboden, auf dem sich so manche Energie und Lohntüte loswerden ließ. Eine in dieser Hinsicht aufschlussreiche Beobachtung bekommt man auch bei Helga M. Novak um die Ecke (eine Ecke, die ein Hafen in Island ist), die in ihrem Erinnerungsbuch Im Schwanenhals schreibt:

“Nicht weit […] entfernt standen andere ihrer Zunft um eine lodernde Tonne. Sie streckten die Hände dem Feuer entgegen und ließen eine Halbliterflasche reihum gehen, auf deren schwarzumrandetem Etikett stand Svarty Daudi: Schwarzer Tod. Den kannte ich schon. Die Männer boten mir an mitzutrinken, direkt aus der Flasche. Die nächsten zwei Flaschen bestritten sie von einem Haushaltsgeld. Vielleicht war ich doch nicht so falsch? Es erinnerte mich ans Eisenhüttenkombinat Ost in seinen wildesten Zeiten.” (Helga M. Novak: Im Schwanenhals. Frankfurt/Main: Schöffling, 2013, S. 152f.

Als die gezeigte Ansichtskarte am 12. November 1954 aus Berlin Richtung Nizza reiste, war Helga M. Novak bereits in Leipzig um an der Fakultät für Journalistik zu studieren und ahnte vermutlich in keiner Weise, welche verwinkelten Wege des Lebens sie in den kommenden Jahrzehnten zwischen Erkner, Island und Italien und immer wieder Berlin (und Grünheide) und mehrfach Leipzig erwarten würde. Aber keine Rückkehr nach Stalinstadt bzw. Eisenhüttenstadt. Sie würde also nicht sehen, wie die Bäume vor dem gezeigten Wohnblock Nummer 11 der Stadt wachsen würden,  der auf der Ansichtskarte als Ingenieursblock ausgewiesen wurde und in der Praxis ein bisschen besser als die restlichen Blöcke drumherum ausgestattet war. Und auch außen, übrigens, denn beide Giebel erhielten je ein Wandbild aus gutem Meißner Porzellan, das in der zeittypischen Ästhetik die Solidarität der Werktätigen (Südgiebel) und das private Glück daheim mit Katze und Kleinfamilie (Nordgiebel) in den Stadtraum leuchten lässt.

Der Text der Karte, die ein – so meine Entzifferung – Gilbert an einen Jacques mit einer Adresse bei der Verbandszeitung  La Fédération postale, der offiziellen Publikation des Nationalen Verbands der französischen Post-, Telegrafen- und Telefonarbeiter schickte, rapportiert eine Handvoll Fakten, die man sich als Leser von Heinz Glades Buch Begegnungen in Stalinstadt (Berlin: Kongress-Verlag, 1961) wohlgeformt aus dem Munde eines offiziellen Presseverantwortlichen der Stadtverwaltung rollend vorstellen kann: Es ist die erste sozialistische Stadt der Deutschen Demokratischen Republik, gegründet 1951, aktuell 11.000 Einwohner, geplant ist sie für 35.000 Einwohner, das Kombinat hat 6 Hochöfen (hauts fourneaux). à bientôt..

So entstehen Aufregung und Freude über die Addition der Karte zur kleinen Sammlung mit Eisenhüttenstadt-Motiven weniger aus einer bahnbrechenden Botschaft als aus der Tatsache, dass es offenbar eine ganze Reihe von ausländischen Abordnungen und Besuchern (siehe auch diesen Beitrag) in den frühen Jahren der Planstadt gab, die, wie es wohl die Abordnungskultur auch hoffte und plante, Ansichten von einer werdenden sozialistischen Idealstadt in die Welt sandten. Die darin eingebettete Friedfertigkeit berührt freilich aus einem ganz anderen Grund: Hin und wieder findet man auf einschlägigen Börsen posthistorische Stücke, die etwa zehn Jahre zuvor ganz aus der Nähe der Stalinstadt ins Ausland abgingen. Auf den Vordrucken stand oben in dicken Lettern: Kriegsgefangenenpost.

(Ben Kaden / Berlin / 20.Januar 2018)

 

Eisenhüttenstadt, 2012, 2017.

Es ging kurz und unerwartet zurück. Das plötzliche Auftauchen einer meiner Fotografien in meinem Facebook-Stream, genauer in einer geschlossenen Facebookgruppe namens 1220 Eisenhüttenstadt, der beizutreten mich der Administrator so geduldig wie hartnäckig motivierte und die mir seither unter anderem die Bestandslücken meiner Ansichtskartensammlung vor Augen führt, transportierte mich unlängst zu einer besonderen Bildersammlung auf Flickr – nämlich dieser: Ben Kaden / Eisenhüttenstadt-Blog. Diese Zusammenstellung war gedacht als eine Parallelsammlung zu meiner fotografischen Auseinandersetzung mit Eisenhüttenstadt, Kindheitsstadt, Jugendstadt, tief prägender Ort, einer fortlaufenden Materialsammlung unter dem heute etwas albern erscheinenden Namen ehstiques, aber Social Media erzwingt spontane Namensgebungen und somit Flickr eben auch.

Diese Form der Auseinandersetzung mit Eisenhüttenstadt plätschert freilich mittlerweile aus. Sie ist nur noch ein schmaler Streifen Beschäftigung in Gestalt eines Ordners des verbliebenen digitalen Stroms für meine, um ein Wort des so großartigen wie offenbar bescheidenen Fotografen Boris Savelev zu übernehmen, Photocartochki, mit denen ich allgemein meine Beziehung zum Raum, zu den Dingen im Raum, zum Medium der Fotografie und hin und wieder sicher auch zu mir selbst fixiere, sammle, untersuche. Die Cartochki helfen beim Begreifen, also Verstehen, in dem sie visuelle Marker setzen, zu dem was gewesen ist, was gesehen wurde. Und diese Marker bleiben präsent bzw. re-präsentierbar, jedenfalls so lange die Flickr-Cloud sie vorhält. Es sind Aufzeichnungen, je nach Frequenz fast wie ein Tagebuch, kleine Dokumentationen, allerdings öffentlich und damit distanziert und die hier und da enthaltene Intimität nimmt zumeist eine Form an, die sie sehr gut verschleiert. Und eigentlich ist das ein anderes Thema.

Den Korpus zum Eisenhüttenstadt-Blog, den ein Guess-Where-Spielchen in meinen Stream schickte, hatte ich jedenfalls beinahe vergessen, so wie mir Eisenhüttenstadt selbst mittlerweile entgleitet, was lange brauchte und vermutlich den Eisenhüttenstadt-Blog als digitales Abarbeitungswerkzeug. Und was hier das Thema sein soll.

Auch die Bildersammlung entstand, so erscheint es mit jetzt, aus einer Art Ablösungsidee. Gesättigt von vielleicht fünf Jahren intensiver Arbeit im, nun ja, Blogwerk, die zu einer Reihe von interessanten Kontakten aber eben auch zu einer Reduzierung auf die Rolle eines Experten zur Stadt führte, zugleich jedoch durch die 7. Berlin Biennale noch einmal zurückgespült in die Stadt, für einige sehr intensive Monate, blitzte nebenbei die Idee auf, allgemein Fotografien aus der Stadt unter einer freien Lizenz – also CC BY – an einem Ort für alle nutzbar bereitzustellen. Denn Fotografien fielen ohnehin in großer Zahl an. Warum nicht also eine Auswahl mit aller Niedrigschwelligkeit digitaler Plattformen in die Welt setzen und schauen, wer sie für welchen Zweck entdeckt. Vor allem entbanden Bilder von der Notwendigkeit, das treffende Wort zu finden, etwas beschreiben zu müssen, ohne angreifbar zu werden und überhaupt von der Mühe, eine Position in Sprache zu übersetzen. Wie viel leichter es war, sich mit dem Display oder Sucher einer Kamera in die Stadt auszurichten.

Das Jahr 2012 war sozusagen Peak-Eisenhüttenstadt, unter anderem auch, da parallel zur Biennale noch die beiden Gestalter Reinhard Schmidt und Tobias Keinath das nach wie vor vermutlich beste (und seltenste) Buch über die Stadt produzierten und dafür viel Zeit vor Ort und mit mir verbrachten, wobei ich feststellen durfte, dass es sich nicht nur um herausragende Gestalter sondern auch um großartige Menschen handelt, die auch im Vergleich mit den zahlreichen anderen Personen, die ich bei ihrer Befassung mit der Stadt begleiten durfte, einen sehr außergewöhnlichen sensiblen, professionellen und auf Tiefe angelegten Ansatz verfolgten. Deren Begeisterung für die Stadt mich begeisterte und prompt fand ich mich systematisch und sehr nah wieder, an all dem, was mir schon fast übervertraut war, also auf der Kante zur Entfremdung kippelnd.

Wandbild von Walter Womacka in Eisenhüttenstadt
Wandbild von Walter Womacka in Eisenhüttenstadt

Aus der Rückschau erweist sich bei der Flickr-Sammlung als unglücklich, dass die zur freien Nachnutzung angedachten Fotografien nur in einer für diesen Zweck bedenklich kleinen Auflösung bereitgestellt wurden. 1024 x 768 Pixel reichen tatsächlich nur für digitale Fotokärtchen. Andererseits staune ich, dass unter den am Ende nur 168 Bildern in dieser Sammlung, doch einige sind, die ich auch ganz unabhängig von jeder individuellen Aufladung gelten lassen würde. Dokumente des Jahres sind sie ohnehin und dahingehend einzigartig.

Auch ist nicht absehbar, dass ich eine so intensive auch fotografische Beschäftigung mit der Stadt wiederholen kann oder will. Während der Biennale gab es Ideen, die Möglichkeit einer Präsenz auch zeitgenössischer Kunst und eines lebendigen, laufenden Diskurses über Stadt und Raum, individuelles und kollektives Gedächtnis in Eisenhüttenstadt zu verstetigen. Sie liefen allerdings und auch aus nachvollziehbaren Gründen unvermeidlich ins Leere.

Schon der Ableger des Biennale-Projektes von Paweł Althamer, immerhin bis tief in den Herbst 2012 hinein, gelang nur zufällig, so wie man Städte wie Eisenhüttenstadt für derartige Projekte vermutlich immer zufällig greifen und ein wenig überrumpeln muss. Aber bereits die Einbindung von Matthias Steier, eine Art lokale Leuchtfigur in Sachen Bildender Kunst und, wenn man so will, Leipziger Schüler, buchstäblich beispielsweise bei Arno Rink, misslang. Das offene Gegenatelier in der Straße der Republik zu seinem geschlossenen am Neuzeller Landweg lockte ihn auch mit handgezeichnerter Einladung nicht. Eine Handvoll anderer Menschen aus der Stadt erreichte man mutmaßlich schon tiefer gehend. Aber es blieben deutlich zu wenige, um etwas Nachhaltiges zu verankern.

Einladung von Paweł Althamer für Matthias Steier
Einladung von Paweł Althamer für Matthias Steier

Die Biennale wurde vom Rathaus und der Gebäudewirtschaft nach Kräften unterstützt. Vom Rest der Stadt wurde sie aber nicht sonderlich ernst genommen, oft als nicht mehr als ein Fremdkörper, mitunter auch als Störung angesehen. Das ist nicht ungewöhnlich, nicht einmal bedauernswert. Es löste vor allem eine Erwartung ein, über deren Enttäuschung man sich gefreut, mit der man aber nicht gerechnet hätte. Ein wenig schade ist, dass die geplante Bustour, die noch ein paar größere Namen der zeitgenössischen Kunst in die Stadt führen sollte, entfiel. Denn es ist immer interessant, zu sehen, wie sich die Stadt in ihre Besucher einschreibt und umso mehr, wenn diese einen sehr spezifischen Blick mitbringen.

Das temporäre offenes Studio der Berlin Biennale in der Straße der Republik
Das temporäre offene Studio der Berlin Biennale in der Straße der Republik

Paweł Althamer genoss jedenfalls, dass ihn wirklich niemand kannte, was freilich auch wunderbar mit seinem Verständnis von künstlerischer Praxis harmoniert. Für viele der Menschen in Eisenhüttenstadt, also die potentielle Interaktionsgröße für beispielsweise den Draftsmen’s Congress erwies sich jedoch schon die Idee von Kunst als Praxis (also nicht der Kunst als Objekt) als schwer nachvollziehbar, was zumindest einen Teil der Ablehnung erklärt. Das ist nicht wertend zu verstehen, eher verzeichnend und am Ende eben auch ein Grund, warum es sich so sortiert, dass bestimmte Formen der Entfaltung für bestimmte Kinder des Ortes nur an anderen Orten und also nach Fortgang aus der Stadt erfolgen konnten und können.

Alice, nicht im Wunderland, sondern in Eisenhüttenstadt
Alice, nicht im Wunderland, sondern im öffentlichen Raum von Eisenhüttenstadt

Ein Ort wie dieser zieht unausweichlich Grenzen und eine Stadt wie Eisenhüttenstadt mag aus ihrer Geschichte als sozialistisches Projekt noch eine besondere Konformitätserwartung addieren. Aber eigentlich ist sie heute, so wie sie von außen wahrgenommen werden kann, hinsichtlich ihres kreativen Potentials in der Hauptsache allenfalls als Inspirationszone für Kleinstadtnovellen tauglich. Man mag sie als Objekt betrachten, wie die Ethnologin Samantha Fox, als zeithistorisches Kuriosum und natürlich als steinernes Dokument der Idee des Sozialismus, wie zahlreiche Journalistinnen und Journalisten zu entsprechenden Jubiläen. Eisenhüttenstadt ist aufgrund der historischen Überschaubarkeit in vielen Dimensionen leicht zu durchforschen. Die Stadt ist auch als Transformationsgeschehen von einem spezifischen Ort in der Vergangenheit zu einem mehr und mehr an Kontur verlierenden Provinzstädtchens am Rande der Republik ein spannender sozialgeografischer Gegenstand.

Was der Stadt fehlt und weshalb sie mir und weshalb ich ihr letztlich verlorengehen musste, ist ein Innenleben, in dem ich mich dauerhaft positionieren, wiederfinden, einbringen könnte. Die Biennale 2012 war ein letzter Versuch und zugleich Scheitelpunkt eines Ausklingens meines Verhältnisses zu diesem Ort, das bis heute sicher anhält, aber eben zusehends an Frequenz und Kraft verliert. Ich verbrachte zwar viel Zeit vor Ort, dies aber unüberbrückbar zunehmend “nur zu Besuch”. Das Prinzip von Heimat passte irgendwann und unerwartet, wenngleich früh geahnt, nicht mehr. Die Stadt lag da und war nicht mehr vertraut, nur noch bekannt.

Sie schrumpfte und schrumpft nicht nur im stadtsoziologischen Sinn sondern auch in ihrer Bedeutung für mich, was zunächst paradox schien, ist sie doch einer von nur sehr wenigen wirklich tief prägenden Orten. Aber diese Prägung hat, wie festzustellen und auch zu lernen war, kaum noch etwas mit der Gegenwärtigkeit der Straßen, Wohnkomplexe und Sichtachsen zu tun, die beim Durchlaufen wie heimatlich scheinen, aber zugleich doch nicht mehr zu mir gehören, eine Erfahrung, die nur noch in den Kategorien der Analyse oder der Nostalgie funktioniert.

Die für mich wichtige Eisenhüttenstadt, ist eingekapselt in Erinnerung und Erinnerungsmöglichkeiten. Oft wirkt es, als sei die Begegnung mit dem heutigen Stadtraum dahingehend mehr Störung als Brücke. Dem gegenüber, was mit Eisenhüttenstadt geschieht, was mich über die Webseiten der Lokalredaktion der Märkischen Oderzeitung und über Facebook erreicht, macht sich ein Gleichmut breit, der noch 2012 kaum vorstellbar war, weil ich nicht verstanden hatte, dass das Motto des Jahres eigentlich Abschied hieß. Wirklich bewusst wurde mir dieses nunmehr Unbeteiligtsein als Tatsache erst jetzt, beim nochmaligen Durchblättern der Flickr-Sammlung und den aus dieser heraussteigenden Erinnerungen. Und ich weiß, wenn ich zurück komme, komme ich wirklich nur noch kurz zurück.

(Ben Kaden, Berlin, 21.12.2017)

Die roten Fahnen von Stalinstadt. Eine Ansichtskarte.

Auch wer viele Ansichtskarten aus Eisenhüttenstadt bzw. Stalinstadt kennt, dürfte vermutlich dann einen längeren Blick werfen, wenn ihm die unten gezeigte Ausgabe aus dem Jahr 1956 begegnet. Denn wirklich überschüttet wird man nicht mit der Ausgabe aus dem VEB Kunstverlag Reichenbach i.V., 1951 gegründet und 1959 in den das, nun ja, Heimatbild der DDR bis zu ihrem Ende prägende Bild und Heimat Reichenbach umbenannt, der bemerkenswerterweise seit den 1970ern auf das VEB verzichten konnte und auch verzichtete.

Umso schöner fühlt sich der Liebhaber der Eisenhüttenstadt-Philokartie, wenn ihm nun endlich doch ein Exemplar begegnet. Denn auch wenn das kulturästhetische Herz das des Sammlers in diesem Blog generell überlagert, erweckt der Fund einer solchen Rarität eben doch auch die eher niederen Antriebe der Sammelleidenschaft. Wo andere Ansichtskarten der Eisenhüttenstadt-Geschichte gern noch 1000 Runden durch Internetauktionen drehen dürfen, stand hier der Zugriff außer Frage..

Ansichtskarte Stalinstadt 1960
Ansichtskarte Stalinstadt 1960

Es ist aber auch ein schönes Objekt, egal wie man es dreht und wendet und zwar buchstäblich und bis zum sauberen Poststempel, der zwei Zehn-Pfennig-Dauermarken präzise mit der Bezeichnung STALINSTADT – Erste Sozialistische Stadt Deutschlands und der Werkssilhouette entwertet. Die Briefmarken entstammen der berühmten Fünfjahrplan-Serie und zeigen, ganz zur Stahlwerkerstadt passend, zwei Arbeiter der Metallverarbeitung im Gespräch.

Dass es zwei Marken bedurfte, ergab sich aus der Tatsache, dass die Ansicht der geschmückten sozialistischen Planstadt nach Frankreich reiste, genauer nach Blois an der Loire in eine dieser typischen französischen Kleinstadtstraßen mit ihren langen, geschlossenen hellen Häuserzeilen, zwei, maximal drei Geschosse hoch, mit Fensterläden und schlichten Fassaden, die Farbe nicht unähnlich der, mit denen die Häuser in Stalinstadt leuchteten, nur naturgemäß von der Zeit etwas abgestumpft. Der bürgerliche Chic von Blois findet sich weiter unten, Richtung Loire-Ufer. Der Zielort der Ansichtskarte deutet eher in Richtung Angestellten- und Handwerkermilieu.

Die dort wohnenden Madame et Monsieur M*, Lehrer offenbar, erhielten von einer Marie-Magdeleine nun am 22. August 1960 einen Gruß aus der “République Démocratique Allemande” mit dem Zusatz, dass es sich um eine lange und schöne Reise handele. Ungewöhnlich waren diese französisch-deutschen-demokratischen Ausflüge freilich nicht. Gerade in der frühen Aufbauphase der sozialistischen Vorzeigestadt wurden sehr regelmäßig Auslandsdelegationen durch das Zukunftsversprechen Stalinstadt geführt. Zudem signalisiert der August 1960 noch etwas anderes, nämlich die offiziellen Feierlichkeiten zum 10. Jahrestages der Stadtgründung, für das unter anderem die Freilichtbühne mit dem berühmten Massenaufzug “Blast das Feuer an” eröffnet wurde.

Marie-Magdeleine war also unvermeidlich in den Echoraum der Hüttenfestspiele geraten, die am 18. August 1960 offiziell begannen. Und sicher hörte sie auch von dem Luftschloss, dass der Stalinstädter Oberbürgermeister Max Richter in einer Samstagsausgabe des Neuen Deutschlands – exakt ein Jahr vor dem Mauerbau und Ein- und Einviertel-Jahr vor dem Ende von Stalinstadt – am 13.08.1960 formulieren durfte:

Die Perspektive unserer Stadt ist klar: Sie wird noch schöner werden. Nach den neuesten wissenschaftlich-technischen Erkenntnissen wird ein Stahl- und Walzwerk gebaut. Im Herzen der Stadt entsteht ein kulturelles Zentrum. Ein modernes Theater mit 800 Plätzen, ein 14geschossiges Haus der Kultur und Wissenschaften, eine herrliche Kongreß- und Sporthalle werden unseren Einwohnern die vielfältigsten Möglichkeiten für Bildung und Erholung bieten. Tausende werden hier schöpferisch an der Entwicklung der sozialistischen Kultur teilnehmen. (Max Richter: Junge Stadt des Sozialismus. In: Neues Deutschland, 13.08.1960, S. 3)

Ein kulturelles Zentrum dieser Art gab es nie und der Zentrale Platz erinnert bis heute daran. Statt des Kulturpalastes entstand später ein deutlich bescheideneres Pionierhaus, das auch eine Rolle als Verbindungselement zwischen der Kernstadt und dem neuen, so ganz anderen fünften Wohnkomplex übernehmen sollte. In der fußläufigen und auch sehr gelungen auf Fußwege geplanten Stadtanlage ist es gar nicht mal so weit von dem Wohnblock des WK II entfernt, den die Ansichtskarte rotbeflaggt inszeniert.

Erster Mai oder Siebter Oktober, Frühling oder Spätsommer, vielleicht Frühherbst lautet nun die Frage an die Aufnahme. Die kleinen Bäume tragen bereits Laub, allerdings nicht ausgesprochen zartes. Andererseits ist die Kolorierung nicht unbedingt absoluter Naturtreue verpflichtet. Die Menschen wandern in langen Ärmeln – beides ist für kalten Frühling oder kühlen Frühherbst angemessen. Für den 07. Oktober 1955 jedoch versprach die Wettervorhersage nicht nur halbwegs kühle Luft sondern auch Regen. Die Straßen der Stalinstadt sind jedoch trocken. Vielleicht also doch eher eine Aufnahme aus dem Monat Mai, wofür auch die Fußbekleidung der Frau im rechten Vordergrund spricht. Letztlich ist es auch von nachgeordneter Bedeutung.

Man wird sich darauf einigen können, dass die Aufnahme (“Farbfoto HO-Industriewaren”) einen doch eher seltenen Eindruck der sehr jungen Stalinstadt an einem Festtag in den 1950er Jahren präsentiert. Legt man eigene Erinnerungen dagegen, kann man zudem feststellen, dass diese Ecke – damals Ecke John-Scheer-Straße / Straße der Jugend – bis auf die Größe der Bäume und die irgendwann verschwundene Straßenwandzeitung erstaunlich lange ihre Anmutung stabil beibehielt. Eigentlich noch beibehält. Dies schließt die Litfaßsäule, frühes und wichtiges Kommunikationsmedium im Alltag der Stadt, mit ein, die irgendwann mit einer Uhr versehen wurde. Und sogar das Phänomen älterer Menschen in Schwarz gab es noch in den 1980er Jahren zu sehen. Heute trägt natürlich eher die Jugend schwarz, aus modischen Gründen und nachvollziehbar aus anderen Stoffen. Besonders im Sommer. Heute hängen auch andere Fahnen aus den Fenstern und meist nur zu großen internationalen Fußballwettkämpfen. Der gezeigte Wohnblock mit der hinter den Säulen versteckten traditionell so genannten Kameltränke steht allerdings auch 60 Jahre später genauso in der Sonne, wie ihn die Ansichtskarte zeigt.

(Ben Kaden, Berlin, 19.06.2017)

Am Sonntag: Eine Ansicht von Sztálinváros und wie sie an Eisenhüttenstadt erinnert.

Dunaújvaros ist die Eisenhüttenstadt Ungarns. Und Eisenhüttenstadt das deutsche Dunaújvaros. Das kann man angesichts der zahlreichen Parallelen zwischen beiden Planstädten schon so eindeutig sagen. Es gibt graduelle Unterschiede, aber es sind nur Monate vom offiziellen Baubeginn am Donauufer (02. Mai 1950) zum berühmten Axthieb des Industrieministers Fritz Selbmann am 18. August 1950 in der Schönfließer Heide, wobei weniger das Dorf Schönfließ als die kleine Oderstadt Fürstenberg in etwa dem entspricht, was Dunapentele für die neu entstehende Stahlwerkerstadt am Donauufer darstellte. Beide Städte hießen lange Stalinstadt bzw. in direkter Entsprechung Sztálinvaros. Beide liegen in mäßiger Entfernung zur jeweiligen Hauptstadt, wenngleich Budapest ein bisschen näher ist, was aber die Straßensituation hinsichtlich der zu erwartenden Reisezeit in etwa ausgleicht.

Dieses knappe Nebeneinander spiegelt sich schließlich auch noch im Zeitpunkt der Umbenennung in eine Post-Stalinstadt: Sztálinvaros wurde am 26.11.1961 zu Dunaújvaros, Eisenhüttenstadt erschien am 13.11.1961 auf den Straßenschildern. Und sogar die Größe der Städte hielt sich bis 1990 auf ähnlichem Niveau, wenngleich Dunaújvaros in puncto Einwohnerzahl immer eine Nasenlänge voraus war. Heute, Stichwort: Shrinking City Eisenhüttenstadt, sind es allerdings mindestens drei lange Nasen.

Aber auch die Donaustadt schrumpft, nur eben langsamer. Eine bisher selten herausgestellte Parallele zeigt sich schließlich darin, dass Dunaújvaros sogar, wenn man so will, seinen Sebastian Nakajew, also einen Bühnen- und Filmschauspieler hervorbringen konnte, nämlich den ebenfalls im Jahr 1976 geborenen Evrin Nagy.

Weniger zufällig ist dagegen, dass der Fotograf Thomas Neumann vor nun mehr fast 10 Jahren in beiden Städten den Grundgedanken der sozialistischen Utopie, also des neuen Menschen am neuen, schwere- da vergangenheitslosen Ort, in zwei Kunstprojekten entfaltete: dem Kongress der Futurologen, 2007 in dem damals und lange verlassenen zentralen Gastronomie- und Tanzlokal Eisenhüttenstadt, dem Aktivist, und der Wanderlust von Stalking Utopia ein Jahr darauf in Stadtraum und im Institut für zeitgenössische Kunst von Dunaújvaros. Dass die ungarische Stadt ein Kortárs Művészeti Intézet (ICA-D) hat, zeigt aber auch, dass sich die Stadtentwicklungen nach 1990 ein bisschen gabelten. Dafür sind die Häuser im Kernbestand der deutschen Planstadt in deutlich besserem Sanierungszustand. Und es gibt, wenigstens gefühlt, in Eisenhüttenstadt sehr viel mehr Kunst im öffentlichen Raum.

Das Pendant zur Eisenhüttenstädter Aussichtswiese an der Sprungschanze liegt in Dunaújvaros vom Ostrand der Stadt und bietet einen wunderschönen Ausblick weit über die Donau hinweg hat und dazu einen netten Uferpark. Wenn man ans Fürstenberger Arboretum denkt, lässt sich dies dagegen fast schon wieder als eine verwirrende Parallele erfahren. Insofern dürften alle stadtsensiblen Besucherinn*en der Städte, insbesondere, wenn sie ihre prägenden Jahre in Dunaújvaros oder Eisenhüttenstadt verbrachten, wissen, was ich in einem Beitrag zum Stalking Utopie 2008 als Dejavuros beschrieb und mit einigen weiteren auffälligen Ähnlichkeiten unterstrich, die hier nicht wiederholt werden müssen. Die fallen einem schon ins Auge, wenn man in der Semmelweis Utca steht und merkt, wie gut sich selbst Straßennamen decken.

Dass Dunaújvaros heute kurz wieder aufflackert, hat zwei Gründe, nämlich zum einen, dass der befreundete und aus Eisenhüttenstadt kommende Architekt und Fotograf und also wenig überraschend vor allem Architekturfotograf Martin Maleschka vor einem Monat dorthin fuhr, um sich die ehemalige sozialistische Vorzeigestadt Ungarns im Nebel anzusehen. Zum Anderen führte das Fischen in einem Stapel alter Ansichtskarten das schön gezackte Exemplar eines Luftbilds des noch sehr jugendlichen Noch-Sztálinváros, aufgenommen von Zoltán Horváth, das die Képzõmûvészeti Alap Kiadóvallalata (Verlag für Schöne Künste) in Budapest als eine Postkarte auflegte, die dem aufmerksamen Beobachter (besonders dem mit Lupe) zeigt, dass man nicht nur in der Stalinstadt der 1950er noch Pferdewagen in den neuen, schnurgerade Straßen sah.

Ansichtskarte Sztálinváros, 1950er Jahre
Sztálinváros, 1950er Jahre. Und nicht einmal an Menschen fehlt es im Revier  dieser Sommerstimmung – am rechten Bildrand kommen sie mutmaßlich aus Richtung Stahlwerk über eine heute verbaute Freifläche, die wenig Schatten bereithält und auch die Bäume an der Vasmű út 1 (früher Sztálin ut) sind dafür noch ein bisschen zu klein. Die Stahlwerkerplastik, die sich heute an einer Stelle rechts hinter dem Pferdefuhrwerk neben dem Bäumchen befindet, darf man ruhig als Entsprechung zum in der Eisenhüttenstädter Lindenallee stehenden überlebensgroßen Bronze-Metallurgen von Herbert Burschik verstehen. Die Freifläche dahinter ist übrigens immer noch frei. Sie dient als Parkplatz für einen Lidl. Der die Straße im Vordergrund flankierende Block (aus dem Jahr 1951) ist übrigens ein Musterbeispiel der frühen Pläne des am Bauhaus geschulten Stadtarchitekten Tibor Weiner. Was man aus der Perspektive nicht sieht, sind die straßenseitig im Erdgeschoss untergebrachten Geschäfte (drei Gewerbeeinheiten) zur Nahversorgung. Hätten Tibor Weiner und seine Kollegen Tibor Bartha und János Szalay diese zur Straße etwas mehr vielleicht mit Arkaden herausgestellt und den Bewohnern im ersten Stock hübsche Balkonterrassen gegönnt, garniert mit einem Hauch mehr neoklassizistischer Elemente, so wäre die Ähnlichkeit zum II. Wohnkomplex von Stalinstadt (DDR) noch augenfälliger.

Die Ansichtskarte reiste am 10.Mai 1960 (Poststempel) von Sztálinvaros nach Sopron und zwar mit einer sehr passenden Briefmarke aus der Serie Gebäude des Fünfjahrplans in Budapest. Sie zeigt den (damals) neuen Busbahnhof am Stalinplatz, der erstaunlicherweise bereits 1953 in Engels-Platz umbenannt wurde, den die Architekten  István Nyiri, János Golda und Attila Madzin 1949 noch vor der Durchsetzung der ästhetischen Leitlinie des auch in Ungarn zwischenzeitlich sehr dominierenden Sozialistischen Realismus bauen konnte. Diesen Stil konnte man in Dunaújvaros an zahlreichen Ecken und sehr deutlich an der Fassade sozusagen des “Aktivisten” der Stadt, (Béke Étterem és Üzletház am Bartok-Platz, hier noch ohne Mosaik) ablesen, die Ivan Szilárd – in diesem Fall vielleicht der Walter Womacka von Sztálinvaros – mit hagiografischen Mosaiken zur Geschichte des Aufbaus der sozialistischen Stadt und zur Schönheit der Metallurgie auskleidete. Der Budapester Busbahnhof, von dem sehr wahrscheinlich auch hin und wieder eine Reise donausüdwärts nach Sztálinvaros startete, konnte sich noch knapp davor wegducken, überlebte bis heute, ist nun Baudenkmal und beherbergt einen “Design Terminal”. Dass es dort im Herzen der ungarischen Hauptstadt einmal eine “Brain Bar” genannte Veranstaltungsreihe geben sollte, wusste der Absender der gefundenen Ansichtskarte naturgemäß noch nicht. Dass es sich um ein Kind handelt, welches hier einem – oder eher, wie gleich zu vermuten ist, einer– Jozsef. (sic!) Nemeth in eine unscheinbare Wohnstraße von Sopron schrieb, ergibt sich sowohl aus dem Schriftbild – bemühte, nicht immer perfekte Schönschreibung – und auch der Botschaft, soweit sie ohne Kenntnisse der ungarischen Sprache nachvollzogen werden kann. Eigenartigerweise wird eine Tante adressiert (=néni). Insofern ist Jozsef. dank Punkt offenbar die Abkürzung für Jozsefine. Und sie erfährt nun, von Imi, also vermutlich Imre, dass alles in Ordnung ist, er die Sendung erhalten hat, gut lernt, Mama sich durch Pfeifen (=fütyül – ach schöne ungarische Sprache!) gestört fühlt und Mutti, Vati, Bruder und Großmutter, alle offenbar beieinander in Sztálinvaros, grüßen. All das passt sehr gut zur traditionellen Rolle der Postkartenkommunikation in einer Zeit, in der selbst öffentliche Fernsprecher ein Ereignis waren und deckt sich zugleich mit Nachrichten, die man auch auf überlieferten Ansichtskarten  aus Stalinstadt nachlesen kann, wobei ganz und gar nicht auszuschließen ist, dass sich eine solche in ähnlicher Betrachtung demnächst hier wiederfindet.

(Ben Kaden / Berlin, 19.03.2017)

Berlin, Dresden, Eisenhüttenstadt: Drei Ansichtskarten und Erinnerungen.

 

milchbar
Ansichtskarte Berlin – Hauptstadt der DDR / Palast der Republik / Milchbar

Berlin war für alle in der DDR der 1980er Jahre, die nicht in Berlin wohnten, fast immer eine Reise wert, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Es war unzweifelhaft, so wie es die Stadt auch heute für Deutschland ist, die einzige wirkliche Metropole. Leipzig, ja, Messestadt mit internationalem Flair, dem viel zu großen Umsteigebahnhof Richtung Zwickau – aber welcher Bahnhof bis auf die zwei Gleise in Eisenhüttenstadt schien damals nicht überwältigend und mit Verlorengehen drohend – und einem japanischen Hotel. In Ostberlin gab es ein japanisches Restaurant, in dem man nie einen Platz bekam, so jedenfalls die Erinnerung an großes Hörensagen. Vom Fuji-Restaurant in Suhl wusste das Kind nichts, aber die Jagdwaffenstadt lag ohnehin deutlich ferner, führten die FDGB-Reisen doch aus dieser Ecke des Landes nur an die Ostsee und die Wochenendausflüge eben bis Erkner, wo der Trabant stehenblieb und die S-Bahn übernahm. Nach einer Dreiviertelstunde sah man den Fernsehturm.

Dresden gab es noch, durchaus eine Großstadt und häufig besucht. Der Ziegelhaufen, der die Frauenkirche war, ist, eine frühe Erinnerung, ein Schock in der Erzählung, nach dem der Blick häufiger zum Himmel ging. Es gab Gastbesuche in einem vierzehnten Stockwerk in Prohlis. Zum Schlafen wurde für die erwachsenen Gäste im Wohnzimmer ein Sofa ausgezogen. Für die Kinder improvisierte man in einem anderen Zimmer Schlafmöglichkeiten. Die Fenster nach Westen boten beeindruckende Sonnenuntergänge. War das tiefe Rot verklungen, dachte man fasziniert an die USA-for-Africa-Schallplatte, von der man aus einem Fernsehen wusste, das man hier gar nicht empfangen konnte, die aber ganz überraschend den Weg in den Plattenschrank des Dresdner Gastwohnzimmers gefunden hatte. Mit denkbar ungelenker Hand kopierte man die Titelliste – und wie spricht man das aus: Huey Lewis & The News? – in eines dieser schmalen grün-grauen Schulhefte, 1.-4. Klasse war unten links im Kasten für den Namen eingedruckt und damit durchaus passend für den Schüler mit der Hülle der “The Historic Recording” am Schreibtisch – auch hier die Aussprache schwer, da selbst die frühen, von einem Schulfernsehen in Schwarzweiß durchsetzten Englisch-Stunden über dem (Appell-)Platz der Jugend in der Schule namens Juri Gagarin noch in einem anderen Universum warteten. Hin und wieder war man, ja, an Fiebertagen, die einem ein entschuldigtes Verbleiben in der Wohnung an die Stelle der morgengrauen Wanderung den Kiefernweg hinunter schenkten, beim heimlichen Fernsehen – und wie wichtig war es, das Gerät frühzeitig zum Herunterkühlen wieder abzustellen – über diese eigenartigen Sendungen mit den Namen “English for You”, “Wir sprechen Russisch” oder auch nur ESP – Klasse 9 gestolpert. Alternativ lief Medizin nach Noten. Man lief wieder ins Bett und zum Buch.

Dresden also war zwar Großstadt, aber zugleich gemütlich mit einem kleinen Zoo und dem geheimnisvollen Blauen Wunder, das sich als große, aber gar nicht so wunderartige Brücke erwies, für die man in Ermangelung an architektonischem und ingenieurtechnischem Grundwissen zu diesem Zeitpunkt nur wenig Begeisterung aufbrachte, weniger jedenfalls als die begeisterten Dresdner, niemals müde sich an den Schönheiten ihrer Heimatstadt zu erfreuen und darüber zu reden. Die Seilbahn entschädigte ein wenig.

Und es gab noch den Esperanto-Kongress im Kulturpalast. Aber wann? Eventuell ja 1987, im Jubiläumsjahr, in dem die Post der DDR dem Ludwik Zamenhof eine Sonderbriefmarke, eine kleine Blockausgabe nämlich, widmete, “im Dienste des Weltfriedens” las man darauf im ersten Album, für das der Vater die Neuausgaben, ohne Sperrwerte, denn die waren für die Sammlerfreunde im nichtsozialistischen Ausland, regelmäßig von der kleinen Poststelle neben dem Fotografen im Funktionsbau gleich gegenüber der Juri-Gagarin-Schule mitbrachte. In den Frühlingstagen des Jahres 1990 standen die Schüler, die ein wenig mehr Taschengeld bekamen oder Erspartes dort an, um gleich zur Öffnung nach der Mittagspause eine der wenigen zugeteilten Exemplare der Bravo zu bekommen, Roxette auf dem Cover und 16 Supersticker im Heft, fast jeder ein Jahr zuvor separat für fünf Mark der DDR auf dem Schulhof verkaufbar. Das war nun vorbei. Aber bei einem Umrechnungskurs von 1 zu 6 kosteten Roxette und die Sticker am Kiosk auch noch 12 Mark, nicht gerade wenig, eher noch unverschämt viel für Schulkinder in den Zeiten unklarer wirtschaftlicher Zukunft für die meisten Eltern, aber das wussten die Kinder ja nicht, wohl jedoch, welches, erst langsam, ab Juni rasant schwindende, Prestige das Eigentum an der gedruckten Pop-Gegenwart der Bundesrepublik zu diesem Zeitpunkt noch bot.

Nicht im ersten Album und auch in keinem späteren fand sich leider der kleine Satz Briefmarken zur X. Kunstausstellung der DDR in Dresden mit jeweils einer Arbeit von Arno Mohr, Willi Sitte und Wieland Förster mit drei ziemlich eindrucksvollen Arbeiten. Die vierte Marke, die eine Schale von Gerd Lucke zeigt, kann angesichts dieser Reihung kaum in Erscheinung treten und tritt folgerichtig in keiner Form in Erinnerung.

Arno Mohrs leichte Kreidezeichnung für die 10-Pfennig-Marke dagegen schließt nahtlos an die üblichen Wege der Gegenwart an, denn sie zeigt die von Berlin-Touristen unbedingt zu fotografierende Perspektive von der Weidendammer Brücke unweit des Bahnhofs Friedrichstraße Richtung Bodemuseum und Fernsehturm. Für den 50 Pfennig-Wert hatte man Willi Sittes damals hochaktuelles “Sie wollten nur Lesen und Schreiben lehren (Nikaragua)” ausgewählt, dass auch bildsprachlich das Fünffache an Wucht transportiert und damaligen Fünftklässlern den Tod per Imperialismus nachdrücklicher als jedes Pressefoto in die Träume prägte. Schockierender war erst die 1989 von der Jungen Welt veröffentliche Fotografie eines erhängten und verbrannten Soldaten auf dem Platz des Himmlischen Friedens, mit der die Niedertracht der Konterrevolution illustriert werden sollte. Dagegen ist keines der berühmten Tank-Man-Fotografien aus dieser Zeit erinnerlich und allein das Herumzeigen der Aufnahme zum Beispiel zu Diskussionszwecken im Staatsbürgerkundeunterricht bei Herrn Fröhlich mit dem Blick auf den Pionierweg hätte auch so kurz vor Schluss der DDR noch unangenehmste Konsequenzen nach sich gezogen.

Für die dritte Sonderbriefmarke zur X. Kunstausstellung wählte man eine Arbeit von Wieland Förster, neben Werner Stötzer, dessen Hände übrigens im schönen DEFA-Künstlerfilm “Der nackte Mann auf dem Sportplatz” zu denen des Bildhauers Kemmel geworden waren, Zentralfigur der mittleren Bildhauerei-Generation der DDR. Der “Große Trauernde Mann” aus dem Jahr 1983 erinnert an die Luftangriffe auf die Kunstausstellungs- und Esperanto-Kongressstadt Dresden am 13. Februar 1945.

Der Esperanto-Kongress, der vielleicht auch nur ein Treffen war, war für Kinder eigentlich weniger interessant, als für die Kultur der Esperanto-Jugend und die älteren Anhänger dieser Plansprache, die sich noch an die Zeit erinnerten, in der die DDR, auch hier an Verbotstraditionen des Dritten Reiches anknüpfend, alles daran gesetzt hatte, die Plansprache aus der zu planenden besseren deutschen Gesellschaft herauszuhalten. Das misslang ganz offensichtlich und so wurde es möglich, dass ein Schüler an einem Stand eines einschlägigen Verlages sich derart für die sonst im deutschen demokratischen Publikationswesen nur in geringer Variation anzutreffenden Comics begeisterte, wenngleich auch in einer ihm unbekannten Sprache. Dies war keinesfalls eine Hürde für jemanden, der in einer hoch-Disney-fizierten Schulklassenkultur als einzige Variante des Lustigen Taschenbuchs das Jumbobog 75 Hvad nu, Onkel Joakim? (Dagobert Duck und ein rosafarbener Krake auf dem Titel) in seinem Bestand hatte und trotz vollständig abwesender dänischer Sprachkenntnisse bis zum Zerfall zerlas. Die leidenschaftlichen Esperanto-Verleger dagegen sahen in dem Jungen einen zukünftigen Sprecher der Sprache “im Dienste des Weltfriedens”, bereit oder wenigstens bereit zu machen, die Flamme ihrer Passion weiterzutragen. Ein in der Nähe stehender Fotoreporter zeigte sich ganz offen gerührt und verfertigte ein Bild, welches kurz darauf die erste Seite einer leider heute nicht mehr eindeutig zu benennenden lokalen Tageszeitung schmückte. Dresden also. Freundliche Besuchsstadt an der Elbe.

Wie anders war Berlin. Quirlig, robust, unüberschaubar. Die Türen der S-Bahn wurden lange vor dem Halt aufgerissen, damit die ganz Eiligen oder Lässigen schon aus den fahrenden Wagen auf den Bahnsteig übersetzen konnten. Passanten machten im Gedränge am Ostbahnhof, 1987 gerade Hauptbahnhof genannt, höchste Modernität der Bahnreisekultur der DDR mit großer Anzeigetafel und einem 24-Stunden-Kino, keinen Unterschied und rempelten auch den Vater in die Seite, wenn er Orientierung suchend an der falsche Stelle stehen geblieben war. Die Spielwarenabteilung im Centrum Warenhaus am Alexanderplatz war Quell ewigen Quengelns und schöner Geburts- und Weihnachtsgaben sowie weiteren, als Reiseandenken legitimierbaren Dingen zwischendurch. Die Lebensmittelabteilung des Centrum Warenhauses am Hauptbahnhof betrat man mit reichlich Vorbereitungszeit, aber wenn einen die Schlange im Seiteneingang zu den Waren durchgereicht hat, gab es belgische Schokolade und sowieso mehr Auswahl als im Delikat in Eisenhüttenstadt, in der Straße des Komsomol, später Saarlouiser Straße nach der westdeutschen Partnerstadt umbenannt, von der sich die Eisenhüttenstädter in der ersten Euphorie über die erste deutsch-deutsche Städtepartnerschaft sogar Reiseerleichterung erhofft hatten und die Zuteilung von PKW westdeutscher Produktion, Stichwort Ford-Werke.

Am Delikat konnte man auch gut stehen lernen, aber doch selten bis vor den Laden, was beim RFT-Geschäft in der Leninallee an den Tagen, an denen die neuen Schallplatten angeliefert wurden, ganz anders war. Da bildete sich werktags durchaus mal eine Wartereihe bis zum Möbelkaufhaus in Erwartung audiophiler Kostbarkeiten. Wer nur einen der hinteren Plätze inne hatte, ging freilich nicht mit der begehrten Amiga-Pressung von Madonnas True Blue sondern mit der Ersten Allgemeinen Verunsicherung heim. Immerhin, den Märchenprinz und vor allem Ba-Ba-Banküberfall kannte man auch aus den Berlin-Charts von RIAS 2. Mit dem Sandlerkönig Eberhard (“das Auge rot/die Leber hart”) gab es dazu in der DDR sehr akzeptable Sozialkritik an den Lebensbedingungen im Kapitalismus.

Obdachlosigkeit war eines der Schreckensnarrative nicht nur im Schwarzen Kanal und in der DDR sowieso nicht möglich, weshalb auch notwendig war, die sogenannten Gammler in all ihrer Sichtbarkeit aufs Bitterste zu ächten. Das kannte man nicht zuletzt aus der Schule, in der ausgewählte Lehrerinnen und Lehrer weniger konformen oder gar sozial auffälligen Schülerinnen und Schülern gern in aller Unsensibilität mit einer Karriere in der Zwangsbeschäftigung bei der Grünanlagenpflege einen derben Schnitt in die Zukunft ankündigten. Die mahnenden Beispiele, in Wirklichkeit häufig einfach nur sehr freundliche oder sehr schüchterne ehemalige Hilfsschüler, gab es direkt vor der Schule in den Rosenbeeten vor der Kaufhalle zu sehen und bald auch zu verachten, denn die sozialistische Erziehung des “jeder nach seine Fähigkeiten” hatte in ihrem impliziten Nebenlehrplan vor allem auch stabile soziale Hackordnungen zu vermitteln.

ehst
Ansichtskarte Eisenhüttenstadt – Im V. Wohnkomplex, ca. 1970

In Berlin fiel das weniger auf, als in der überschaubaren und wohlkontrollierten Ideal- und Planstadt des sozialistischen Menschen. Jedenfalls auf den ersten Blick. Volksmundliche Bezeichnungen wie “Nuttenbrosche” ausgerechnet für Walter Womackas “Brunnen der Völkerfreundschaft” auf dem Alexanderplatz – auch 2016 immer noch gut für eine Schenkelklopferüberschrift im oft mehr Gossen- als Boulevardjournalismus der Hauptstadt – offenbaren am Ende doch die schäbige und oft als bodenständig verklärte, nicht selten sogar geadelte Kleingeistigkeit vieler DDR-Berliner. Wenn man schon keine Westmark hatte, dann blieb doch wenigstens die moralischer Überlegenheit im Dorf.

Aber das weiß und versteht man erst heute. Und genauso erkennt man die Gründe, für die übergroße Sehnsucht nach Konsum, die eine Begleitmelodie der Kindheit in den 1980er Jahren war, erst in der Rückschau. Wie hungrig die Menschen waren nach Glanz und dem Geruch der Intershops. Allein ein Versandhauskatalog konnte enormes soziales Kapital einbringen und wurde unter der Hand herumgereicht, als wäre es eine Revolutionsschrift im Samisdat, nur eben begehrenswerter. Der Besitz eines “Colt-Seavers-Autos” in Matchbox-Variante ermöglichte auch schmächtigen und humorlosen 10-Jährigen den Aufstieg in die Höhen der Schulklassenhierarchie und wer mit 16 etwas auf sich hielt, verzichtete auf den kunstledernen Aktenkoffer, der kurzzeitig den Schulranzen ersetzt hatte, und trug seine Bücher, Hefte, Stifte und Sportzeug in einem von der Großmutter vom Westausflug mitgebrachten Plastikeinkaufsbeutel lässig über den Schulhof, unter taxierenden Blicken und in jedem Gespräch mit den Lehrern natürlich immer fest an den Sieg der sozialistischen Sache glaubend.

Diese sozialistischen Hipster unterschieden sich dahingehend nicht von allen anderen, waren also prinzipiell wenn es tatsächlich um etwas ging, in alles einpassbar und machten aus Nebensächlichkeiten viel Gewese. Mit Sechzehn hatte man sich sowieso einen Spitzenplatz in der Schülerhierarchie verdient, den Mopedführerschein in der Tasche und vielleicht schon eine Simson im Keller, einen Tanzkurs für die Jugendweihe absolviert und das Recht, als Hofaufsicht jeden jüngeren Schüler zu schikanieren, der aus welchem Bedürfnis auch immer während der Pause die Toilette aufsuchen wollte oder den Fehler machte, mit Kopfbedeckung ins Schulhaus zu treten. Gnade war hier fehl am Platz, würde vielmehr nur als Schwäche empfunden werden.

Diese Härte ohne Grund wirkte auf viele eigenartig anziehend und faszinierend. Das Bullyverhalten, die kleinen und großen Demütigungen, oft als “Klassenkloppe” verniedlicht, wurden oft, jedenfalls zu oft, auch von den Autoritätspersonen geduldet, mitunter sogar angeregt, sofern es die Richtigen oder Unwichtigen traf, sie apolitisch blieb und der reibungsfreie Ablauf des Schulbetriebs ansonsten wenig gestört wurde. Nach 1990 entwickelte sich an den Rändern dieser handlichen und tief verinnerlichten Gewaltkultur bekanntlich eine zunächst wenig gebremste Doppellinie von Skinheads einerseits und Hooligans andererseits. Es ging in beiden Fällen so gut wie nicht um gesellschaftliche Konflikte oder ein  Verarbeiten eines repressiven Systems, sondern um ein kleines ekliges Fest des Recht des Stärkeren, dass sich deswegen so gut entfalten konnte, weil sich im Umgang mit der rohen Kraft der Straße der Feigheit vor 1989 eine Feigheit nach 1989 nahtlos anschloss. Wenn es um etwas ging, wurden sehr viele von denen, auf die es angekommen wäre, sehr schnell konfliktscheu. Nicht alles hatte sich mit der Wende geändert.

In Berlin fiel das den Beobachtern von Außen eher nach 1990 auf, als Gewalt und Vandalismus, die nicht nur manchen schönen Sandsteinfiguren aus dem Bestand der Kunst im öffentlichen Raum den Kopf kostete, in voller Blüte standen und auf einmal so genannte “Guardian Angels” in der U-Bahn zu sehen waren. Jugendgewalt wurde ein zentrales Thema in den Zeitungen und für alle, die jung waren, stieg damit doch die Wahrscheinlichkeit, selbst Opfer zu werden, erheblich an und eines Tages musste man tatsächlich mal eine durchgeschwitzte Baseball-Kappe zwei erbärmlichen Wegelagerern im mittlerweile verschwundenen VII. Wohnkomplex in Eisenhüttenstadt aushändigen, die an dem nicht billigen, aber eben schon sehr verbrauchten Stück so interessiert waren, dass sie ohne Zögern ein Butterflymesser zur Rotation brachten, auch so ein Statussymbol dieser Zeit und bei geschickter Handhabung deutlich prestigeträchtiger als ein Springmesser, und mit einem Stich drohten, sollte man auf dem Behalten der Mütze bestehen. Geht man deshalb zur Polizei, setzt sich einer nicht immer freundlichen Behandlung durch die Behörden aus, nur um von den Burschen bei der nächsten Gelegenheit nun wegen der Anzeige das Messer noch einmal präsentiert zu bekommen? In einer kleinen Stadt dann doch lieber nicht.

In der Zeitung argumentierte derweil der Ostberliner Sozialdiakon Michael Heinisch, damals selbst gerade Mitte 20, der Kaufkraftverlust durch die Währungsunion hätte zur Folge, dass die Jugendlichen nun in ihren üblichen Treffpunkten “Jugendklubs, Kneipen” nichts mehr kaufen könnten und es sie deshalb auf die Straße zöge und wohl auch zur Gewalt – nachzulesen in der damals frisch von der Frankfurter Allgemeinen übernommenen Neuen Zeit, Ausgabe vom 18. Juli 1990 auf Seite 16 unter der erstklassigen Überschrift “Knüppel gegen Jugendgewalt”. Direkt daneben bittet die Polizei um Mithilfe bei der Suche nach zwei unbekannten, etwa 20-Jährigen, die in der S-Bahn kurz vor dem Ostkreuz den 38-jährigen Berliner Klaus-Dieter Sch. zusammenschlugen, nachdem sie zuvor im gleichen Abteil bereits einen älteren Mann attackiert hatten.

Solche Meldungen sorgten dafür, dass man ein paar Jahre von Ausflügen in den nun vermeintlichen Moloch Ost-Berlin eher absah. Dass zeitgleich, wie dieselbe Zeitungsseite informiert, beispielsweise die Filmemacherin Margit Eschenbach im Friedrichshainer Club TaBu einen Film über Feministinnen des 19. Jahrhunderts zeigen konnte und damit kulturgeschichtliche Anschlusspunkte für Noch-DDR-Bürgerinnen und -Bürger ermöglichte, die ein Jahr zuvor mutmaßlich eher nicht in dieser Form und das Volk gelangt wären, blendete das gefahrensensible Gehirn zu diesem Zeitpunkt aus. Und Feminismus war, offen gestanden, auch nicht das Thema, das frisch Jugendgeweihten in der Seele brannte. Die waren vielmehr noch mit dem ersten legalen Vollrausch und dem Vergleich der finanziellen Füllhörner, die sich über sie ergossen hatten, befasst.

Was Berlin Richtung 1989 sehr tief in die Erinnerung schrieb, waren Skateboarder vor dem Palast der Republik, aus dem man gerade mit den frisch vom Vater hart erkämpften Softcover-Sammelbänden Die Digedags in Amerika und Die Digedags am Mississippi trat – auch die Comics der DDR waren schwer zu bekommen und der Rest der Amerika-Serie wurde erst 20 Jahre später im Kulturkaufhaus Dussmann zusammengekauft.

Von This Ain’t California war damals erst die früheste Spur einer Idee angelegt, ohne dass die Protagonisten ahnten, dass sie sehr viel später in Eisenhüttenstadt am Platz des Gedenkens, der noch lange nach der Wende, eigentlich bis heute, sehr viel DDR-Ausstrahlung bewahren konnte, einige Einstellungen für diese Skateboardgeschichte der DDR drehen sollten. Man selbst war dort mit den Germina-Skateboards nie unterwegs.

Das Gefälle der Straße zur Freilichtbühne in den Diehloer Berger gefiel einem deutlich besser und als man dann endlich ein Brett hatte (Frankie Hill stand auf dem Holz von Powell-Peralta und wurde daher sofort zum Idol), das auch das übliche Sortiment zeitgenössischer Straßentricks zuließ – die Freestylekultur, die die Germina-Zauberer am Marx-Engels-Platz der Hauptstadt zelebrierten, geriet kurzzeitig sehr aus der Mode, wie auch das in der Eisenhüttenstädter Hauptpost erstmalig entdeckte Monster Skateboard Magazine zu berichten wusste – rumpelte man gewiss nicht auf den schlaglöchrigen Wegen der frühen Wohngebiete sondern hüpfte zum Beispiel in dem im Boden versenkten Gr0ßschach- oder Damefeld neben den Rosenbeeten vor der Schule namens Juri Gagarin herum und später, als die Bahn ein spottbilliges Wochenendticket auf den Markt geworfen hatte, nach Berlin vor allem zu eben diesem Palast der Republik, der mittlerweile geschlossen war.

Es gab daher keinen Blick mehr auf die Treppe im Foyer, an der man noch nicht einmal zehn Jahre und zugleich ein gefühltes Zeitalter früher staunend stand, weil Dean Reed gekommen war und den Kindern Autogramme schrieb. Keine Erinnerung gibt es dagegen an die oben gezeigte Milchbar, aus der im April 1985 unbekannte Menschen einen Ostergruß an andere unbekannte Menschen schickten, in die Bölschestraße, so viel verrät die Karte immerhin, die zufällig zu Weihnachten 2016 mit zwei Handvoll weiteren Ansichtskarten auf dem Schreibtisch landete.

dresden
Ansichtskarte Dresden – Neubauten an der Leningrader Straße, ca. 1970

Mit diesen kam eine Ansicht der Leningrader Straße in Dresden, die Liebhaber des industriellen Wohnungsbaus genauso begeistern dürfte, wie die Freunde der Lampenproduktion des Leuchtenbau Leipzig (LBL), falls es solche gibt und die, wenn, vermutlich eine hohe Schnittmenge mit der erstgenannten Gruppe aufweisen.

Was die Erinnerungen angeht, macht es die Leningrader Straße der Milchbar im Palast gleich und bleibt noch leerer als in dieser Ansicht, in der sich das kleine rote Auto und die roten Pullover bemerkenswert ausbalancieren. Verschickt wurde die Karte im Juni 1971 nicht etwa von Dresden sondern aus Bischofswerda und zwar nach Friedrichroda, die traurige Information im Gepäck, dass eine Elfriede ihren Sommerurlaubsplatz wegen einer plötzlichen Erkrankung ihres Mannes Hans absagen musste. “Gott sei dank hat er sich wieder gut erholt.” Und: “In Gedanken gehen wir mit Ihnen durch die Straßen”. Aber nicht durch die gezeigte.

Die mittlere Karte schließlich ist im Gegensatz zu den beiden anderen ein beherzter Griff in das Hornissennest der der Erinnerung, zeigt es doch die oben mehrfach benannte Schule namens Juri Gagarin im WKV von Eisenhüttenstadt und selbst die Telefonzelle stellt heute noch diverse Verbindungen her. Schreiberin (in Eisenhüttenstadt, in der Mittagspause) und Adressaten (in Suhl, der Stadt des japanischen Restaurants, urlaubend) der konkreten Sendung sind freilich völlig unbekannt. Roswitha grüßt und informiert, dass sie für Melanie eine weiße Hose strickt, nachdem eine in Rosa fertig ist und Melanie sich “sehr gefreut” hat. Auch das.

(Ben Kaden, Berlin, 29.12.2016)