Neues aus der Materialsammlung zur Kunst der DDR. Eine Notiz.

von Ben Kaden (@bkaden)

Nachdem das Park-Inn-Hotel am Alexanderplatz (ehemals Interhotel Stadt Berlin) das Wissen der Facebook-Crowd zu aktivieren suchte, um Details zu einer bei Umbauarbeiten im Panoramageschoss freigelegte keramische Wandgestaltung zu erfahren, wurde mir eine Lücke bewusst. Denn obschon sich in diesem Fall (siehe Abbildung) sehr leicht Gunda Walk und Gertraude Pohl als Urheberinnen der Kunst im Bau festmachen ließen, gibt es genügend Fälle, in denen eine Zuordnung deutlich schwerer fällt.

Facebook / Park-Inn Berlin / Gunda Walk, Gertraude Pohl
Auf der Suche nach der Urheberschaft: Facebook-Aufruf des Park-Inn Berlin zu einer Wandgestaltung. Untern rechts im Bild die Signaturen von Gunda Walk und Gertraude Pohl.

Ohne solche Anhaltspunkte fehlen jedoch wichtige Informationen für eine tiefergehende Auseinandersetzung mit den jeweiligen Objekten. So versuche ich beispielsweise seit langem herauszufinden, wer für das Struwwelpeter-Wandbild in der Berliner Niederwallstraße verantwortlich zeichnet. Ich bin natürlich zuversichtlich, früher oder später auf eine Quelle mit einem Hinweis zu Heinrich-Hoffmann’schen Bilderbuchwelt in Sichtweite zu Wilfried Fitzenreiters Paris mit dem Erisapfel zu finden. Aber ich ahne auch, dass dies von vielen Zufällen abhängig sein und möglicherweise noch dauern wird. Zu hoch türmen sich die Stapel mit Material, zu viele Zeitschriften und Zeitungen sind noch nicht gesichtet.

Giebelbild in der Niederwallstraße Berlin-Mitte
Der Giebel als Bühne. Ein Wandbild in der Niederwallstraße in Berlin-Mitte

Die Stärke digitaler Medien liegt bekanntlich darin, solche Rechercheprozesse mittels Volltexterschließung zu beschleunigen. Zumal viele dieser Daten irgendwo bereits digital vorliegen dürften. Denn ich bin mit Sicherheit nicht der Einzige, der zwar mehr zum Vergnügen, aber eben doch halbwegs systematisierend, Angaben zu den Facetten von Architektur und Kunst (in) der DDR zusammenträgt.

Ein großer Gewinn wäre bereits, solche privaten Sammelarbeiten über das Netz für Suchmaschinen und volltextdurchsuchbar zugänglich zu machen. Meine wachsende bibliografische Materialsammlung ist exakt dadurch motiviert. Mit dem Problem, dass die in einem Online-Pad verwaltete Liste bei der Umwandlung in HTML-Code Teile ihrer Formatierung verliert, muss man genauso leben, wie mit der Tatsache, dass natürlich doch hier und da Tipp- und Übertragungsfehler sowie Unstimmigkeiten bleiben. Es ist eine Arbeit, die nebenbei, in einer gemütlichen stillen Stunde an einem Samstagvormittag entsteht und natürlich auch nicht ohne Eigennutz. Denn in Fragen, wie der vom Park-Inn aufgeworfenen, ist es damit möglich, auch direkt aus dem X54er Bus auf dem Smartphone zu schauen, ob sich etwas zu Gertraude Pohl in der Bibliografie findet. Der Befund war in diesem konkreten Fall zugegeben leider negativ.

Das führt zur Erkenntnis, die zwangsläufig einen zweiten Schritt auslöst. Titel sagen zwar ab und an einiges, aber eben nicht genug. Für eine wirkliche nützliche Nachweissammlung ist eine tiefere Erschließung notwendig. Aus diesem Grund erfasse ich dort, wo es mir möglich ist, zusätzlich zu den bibliografischen Angaben auch die in den Texten thematisierten konkreten Arbeiten bzw. erwähnten Künstler*innen.

Realisiert ist dies in der Materialsammlung zum Beispiel für den Tagungsband Kunst im Stadtraum – Hegemonie und Öffentlichkeit (: [Tagungsband zum Symposium im Rahmen von DRESDENPostplatz; veranstaltet vom Kunstfonds des Freistaates Sachsen in Kooperation mit dem Kunsthaus Dresden vom 21. bis 23. November 2003 in Dresden]. Berlin: b-books, 2004). Mit einer einfachen textanalytischen Auswertung lassen sich anhand des kleinen Indexes drei Künstler ermitteln, die im Band besonders häufig erwähnt wurden: Peter Makolies, Vinzenz Wanitschke und Walter Howard. Das ist natürlich für einen Titel unsinnig. Würde man das Verfahren jedoch auf einige hundert Titel oder Texte – beispielsweise die Volltexte der Zeitschrift “Bildende Kunst” – anwenden und mit einer Zeitachse verbinden, könnte man leicht im klassischen Forschungssinn der Digital Humanities Verteilungen und damit Hypothesen zum Diskurs über die Kunst der DDR ermitteln. Erstaunlicherweise hat dazu meines Wissens noch niemand ein Forschungsprojekt angeregt, obschon dies durchaus etwas beispielsweise für den Marburger Forschungsschwerpunkt von Sigrid Hofer sein könnte.

Bis sich dem jemand auf dieser Komplexitätsebene widmet, werde ich mich auf jeden Fall und solange es mir Freude bereitet mit der Datenerfassug anhand der Materialien beschäftigen, die auf meinen Schreibtisch finden. Ich sehe das durchaus als Vorarbeit für ein künftiges Zentralverzeichnis Kunst (in) der DDR. Dass die Sammlung nicht als relationale Datenbank oder in RDF-Triplen auf Github sondern als Google-Doc- und HTML-Dokumente hier landet, liegt auch daran, dass es mir vom Aspekt des Interesses her vorrangig um die Inhalte geht und weniger um eine optimale dateninfrastrukturelle Vorbereitung. Es ist natürlich ein wenig Abwägungssache. Aber am Ende habe ich mehr Freude, die Bücher und Aufsätze zu exzerpieren, als zunächst einmal ein Jahr in die Datenbankkonzeption und -realisierung zu investieren. Wenn dazu jemand Lust hat, bin ich für jede Kooperation offen.

Bis dahin kann ich – auch mir selbst – nur die informationswissenschaftlich suboptimale Volltexterschließung per Browsersuche vorbereiten. Absehbar ist freilich bereits, dass Bibliografie und indexierende Inhaltserschließung eher früher als später die Grenzen des Praktikablen sowohl von Google Docs als auch der Darstellung als Webseite strapazieren werden, weshalb perspektivisch wohl eine Aufteilung in drei Materialsammlungen analog zu meinen Themen- und Interessensschwerpunkten – Architektur der DDR, (Baugebundene) Kunst der DDR sowie Fotografie der DDR – erfolgen wird. Und vermutlich wird es später doch auf eine Datenbank hinauslaufen. Die Betonung liegt hier allerdings wirklich auf einem unbestimmten später.

Möglicherweise entwickelt sich auch dieses Weblog stärker als bisher in Richtung eines Mediums zur Datenpräsentation, wenngleich solche Lösungen erfahrungsgemäß ebenfalls ihre Nachteile haben.

Nachfolgend soll nur als kurze Skizze angeführt, wie ein solcher Index als Vorarbeit zu einer komplexen Datensammlung mit relativ wenig Aufwand auf Ebene eines Titels aussehen könnte. Gelistet werden fast alle Arbeiten, die Peter Guth in seiner zur baugebundenen Kunst der DDR maßgeblichen Abhandlung Wände der Verheißung abbildet. Man erhält damit zugleich einen groben Überblick zu mutmaßlich als exemplarisch zu betrachtenden Einzelarbeiten auf diesem Gebiet. Erschließt man nun mehr einen Großteil der Literatur zum Thema, lassen sich sehr einfach auch auf das einzelne Objekt bzw. auf einzelne Künstler*innen oder auch Kooperationen, Orte und Jahre bezogene Bibliografien und Nachweislisten erstellen. Es ließe sich anhand des Korpus der Literatur zum Thema ein schönes Netzwerk für die diversen einschlägigen Forschungsfragen abbilden lassen. Das Potenzial ist enorm. Der Stapel an zu erschließenden Quellen allerdings ebenso.

Peter Guth: Wände der Verheißung. Leipzig: Thom, 1995. Zugl.: Leipzig, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Dissertation, 1995. ISBN: 3-9803346-7-8. 525 Seiten Inhaltsverzeichnis

  • Wieland Schmiedel – Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus, Schwerin, 1982
  • Bernd Sikora – Alfred-Frank-Ehrung, Leipzig-Grünau, 1984
  • Bruno Kubas – Fischerstele, Wermsdorf, 1986
  • Hans-Joachim Förster – Stele, Leipzig-Grünau, 1987
  • Wolfgang Müller – Stadteingang Delitzscher Straße, Leipzig, 1982
  • Eberhard Kull – Stadteingang Halle, 1982
  • Fritz Kühn – Brunnen “Schwebender Ring”, Strausberger Platz, Berlin, 1967
  • Jochen Fiedler – Giebelgestaltung (Zoo), Delitzscher Straße, Leipzig, 1980
  • Kurt Sillack, Rudolf Lipowski – Wandbild, Fußgängerzone Prager Straße, Dresden, 1969
  • Martin Hadelich – ZIegenreiterin, Fußgängerzone Halle, 1975
  • Bernd Göbel – Liebespaar, Fußgängerzone, Halle, 1977
  • Heinrich Apel – Hofnarr Fröhlich, Dresden, 1979
  • Fritz Cremer – Bertolt Brecht, Berlin
  • Klaus Schwabe – Wandbild im Treppenhaus des EDV-Rechenzentrums “Robotron”, Leipzig, 1976
  • Claus Dietel – Brunnenplastik, Lobby Stadtbad Karl-Marx-Stadt, 1985
  • Georg-Torsten Kozik – Wandbild “Am Meer”, Stadtbad Karl-Marx-Stadt, 1983
  • Ronald Paris – Wandbild. Haus der Statistik, Berlin, 1969
  • Jutta Hellgreve, Bernd Sikora – Giebelgestaltung “Zoo”, Erich-Weinert-Platz, Leipzig, 1980
  • José Renau – Wandbild “Der Mensch nutzt die Atomenergie zu friedlichen Zwecken”, Energiekombinat West, Halle, 1971
  • Fritz Kühn – “Lindenblatt-Portal”, Polnische Botschaft, Berlin, 1966
  • Klaus Schwabe – Georg-Schumann-Ehrung, NVA-Kaserne Delitzsch, 1976
  • Bernhard Heisig – Wandbild “Hier und in dieser Zeit”, Bezirksleitung der SED, Leipzig, 1974
  • Waldemar Grzimek (mit Hedwig Bollhagen und Heidi Manthey – Keramikfries im Vestibül des Parteihauses der NDPD, Berlin, 1957
  • Regine Lipowski, Lutz Lipowski, Gerhard Klampäckel – Foyer und Betonglaswand, Harlaßgießerei, Wittgensdorf, 1977/83
  • Friedrich Press, Klinkerwand, Gabrielskirche, Wiederitzsch, 1968/70
  • Willi Sitte – Wandbild “Gedanken zum Kommunistischen Manifest, Parteihochschule der SED, Berlin, 1978
  • Heinz Beberniß, Gerhard Lichtenfeld, Sigbert Fliegel – Monument zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Halle. 1975
  • Rudolf Grunemann, Günter Junge – Symbolische Darstellung von Chemie und Wissenschaft, Schwedt, WK 2, 1967
  • Inge Götze – Wandteppich “Leben im Sozialismus”, Restaurant “Treff”, Wohngebietszentrum II, Halle Neustadt, 1969
  • Walter Womacka – Glasfendet “Mensch und Natur, Wissenschaft und Kosmos”, Foyer zum Auditorium, Humboldt-Universität zu Berlin
  • Lutz Brandt – Giebelgestaltung, Warschauer Straße, Berlin, 1980
  • Carola Buhlmann, Joachim Buhlmann – Keramikgruppe “Familie”, Potsdam, 1980
  • Dieter Dressler – Wandmosaik, HO-Gaststätte “Am Stadttor”, Cottbus, 1969
  • Reinhard Dietrich – Lebensbaummotiv, Rostock-Evershagen, 1974
  • Jürgen von Woyski – Lebensbaum, Hoyerswerda, 1967
  • Karl-Heinz Schamal – Lebensbaum, Berlin-Marzahn
  • Hernando León – Lebensbaum, Schwerin, 1977
  • Waldemar Grzimek – Dornenkranz, Gedenkstätte Buchenwald, 1958
  • Siegfried Schade – Mutter und Kind, Wandbild, Dresden-Prohlis, 1979
  • Arnold Bauer, Lothar Krone – Innenraumgestaltung Bar im Gaststättenkomplex “Stadt Vilnius”, Erfurt-Rieth, 1976
  • Thekla Müller – Gobelin, Klubhaus des FDGB, Halle, 1978
  • Willi Sitte – Wandbild “Die rote Fahne – Kampf, Leid und Sieg”, Palast der Republik, Berlin, 1976
  • Alfred Thiele, Fritz Przibilla – Säule “Arbeit und Handel”, Messehof-Passage, Leipzig, 1950
  • Dietrich Burger – Eingangsrisalit, Oberschule, WK 7, Leipzig-Grünau
  • Bernd Sikora – Trafohausbemalung, Leipzig-Grünau, 1982
  • Walter Münze – Wandbild “Bergmann”, Aula der Arbeiter- und Bauernfakultät. Leipzig, 1950
  • Bruno Quass – Marmormosaiksäuke, Foyer, Deutsches Nationaltheater, Weimar, 1948
  • Hermann Kirchberger – Glasmosaiksäule, Rangfoyer, Deutsches Nationaltheater Weimar, 1948
  • Hermann Kirchberger – Wandbild / 1.und 2. Fassung, Deutsches Nationaltheater, Weimar, 1948/49
  • Karl Völker – Wandbild, Schule am Gradierwerk, Bad Dürrenberg bei Halle, 1947/48
  • Walter Womacka – Glasfenster für die Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen, 1961
  • Frank Glaser – Glasfenster “Lenin in Deutschland”,  Humboldt-Universität zu Berlin, 1968/69
  • Walter Arnold – Mahnmal für die Opfer des Faschismus / Widerstandskämpfer, Südfriedhof, Leipzig, 1948/50
  • Gustav Weidanz – Mahnmal für die Opfer des Faschismus, Zerbst, 1949/51
  • Gustav Weidanz – Mahnmal für die Opfer des Faschismus, Apolda, 1951
  • Gustav Weidanz – Totenmal für die Opfer des Faschismus, Weißwasser, 1946
  • Waldemar Grzimek – Mahnmal für die Opfer des Faschismus, Halle, 1948
  • Willy Jahn – Wandbild “Kriegsbrandstifter sind Verbrecher!”, Feuerwache, Nordplatz, Dresden, 1948
  • Bert Heller – Wandfries, Rathaus Wernigerode, 1947
  • Bert Heller – Wandfries “Harzsagen”, Brockenhotel, 1958
  • Horst Strempel – Wandbild, Bahnhof Friedrichstraße, Berlin, 1949
  • Erwin Hahs – Wandbild, Speisesaal Buna-Werke, Schkopau, 1948/49
  • Hermann Bachmann, Fritz Rübbert, Willi Sitte – Wandbilder, Landesverwaltungsschule Ballenstedt, 1949
  • Horst Strempel, René Graetz, Arno Mohr – Wandbild “Metallurgie Hennigsdorf”, Dresden, 1949
  • Hans Kinder – Wandbild “Tanz”, Dresden, 1949
  • Alfred Hesse, Erich Gerlach – Wandbild in der Hochschule für Verkehrswesen, Dresden, 1954
  • Max Lingner – Wandbild Haus der Ministerien, Berlin, 1953
  • Hans Grundig – Wandbild “Jugenddemonstration”, Rathaus Dresden, 1950/51
  • Claus von Woyski – Scagliola, Stalinallee, Berlin, um 1953
  • Bert Heller – Stuckintarsie in der Vorhalle des Haus des Kindes, Berlin, 1953
  • Kurt Bunge, Hannes W. Wagner, Claus von Woyski – Wandmalerei in den Heilstätten Bad Berka, 1952
  • Rudolf Oelzner – Figurengruppe Sportforum/Zentralstadion Leipzig, 1955/57
  • Kurt Barth – Lüftungsverkleidung in den Innenräumen der Berliner Volksbühne, 1954
  • Fritz Kühn, Treppengeländer in der Eingangshalle des Kinderkaufhauses, Stalinallee, Berlin, 1955
  • Hans Kies – Stele, Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald, 1954/58
  • Fritz Cremer – Buchenwalddenkmal, Weimar, 1958
  • Waldemar Grzimek – Turmglocke, Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald, 1958
  • Rolf Szymanski – “Pestalozzi und Kinder”, Pestalozzi-Schule, Leipzig, 1949/50
  • Wolfgang Frankenstein, Gerhard Moll – Wandbild im Mädchenheim Hessenwinkel/Berlin, 1951
  • Arnd Wittig – Sandsteinreliefs, Altmarkt, Dresden, 1955
  • Alfred Hesse – Wandbild, Amtsgericht Dresden, 1950
  • Fritz Skade – Wandbild, Kunstseidenwerk Pirna, Speisesaal, 1952/53
  • Max Uhlig, Friederike Schubert – Wandbild Anatomisches Institut, Karl-Marx-Universität Leipzig, 1953/54
  • Horst Völker, Karl Erich Müller – Wandbilder “Gleisbau”, “Fahrdienst”, Reichsbahnbetriebsberufsschule, Weißenfels, 1952/53
  • Richard Morgenthal – Vestibülabschlußfenster, Deutsches Hygiene-Museum, Dresden, 1948/50
  • Siegfried Gericke – Glasfenster, Robert-Koch-Schule, Berlin-Treptow, 1954
  • Bert Heller, Wandbild, Schalterhalle S-Bahnhof Berlin-Halensee, 1954
  • Walter Herbert – Wandbild “Die Entwicklung des Lebens in der Erdgeschichte”, Institut für Mikrobiologie, Jena, 1954
  • Arno Mohr – Wandbild, Hochschule für bildende und angewandte Kunst, Berlin-Weißensee, 1956
  • Vera Singer, Gerhard Moll – Wandbild, VEB Bergmann-Borsig, Berlin-Wilhelmsruh, 1957
  • Karl Erich Müller, Wilhelm Schmied – Keramikwandbild im Speisesaal der Leuna-Werke, 1958
  • Willy Jahn, Helmut Gebhardt – Wandbild, Medizinische Akademie Dresden, Mensa-Gebäude, 1958
  • Walter Womacka – Glasmosaik “Aufbau”, Haus der Parteien und Massenorganisationen, Stalinstadt / Eisenhüttenstadt, 1957/58
  • Willy Jahn – Wandbild “Erprobung von Segelflugmodellen”, Hochschule für Verkehrswesen, Dresden, 1954
  • Gerhard Richter, Wandbild, Deutsches Hygiene-Museum Dresden, 1956
  • Wilhelm Lachnit, Supraporten, Arbeiter- und Bauernfakultät der Technischen Universität Dresden
  • Gerhard Richter – Wandbild, Deutsches Hygiene-Museum Dresden, Vortragssaal, 1956
  • Wolfgang Frankenstein – Wandbild, Dynamo-Sporthalle, Sportforum Berlin, 1959
  • Max Lachnit – Innenraumgestaltung, Mensa der Hochschule für Verkehrswesen, Dresden, 1959
  • Wolfgang Frankenstein – Wandbild im Kulturraum des VEB Holzwerk Berlin-Hohenschönhausen, 1957
  • Jürgen von Woyski – Reliefs Hochschule für bildende und angewandte Kunst, Berlin-Weißensee, 1956
  • Kurt Robbel – Wandbild in der Hochschule für bildende und angewandte Kunst, Berlin-Weißensee, 1956
  • Irmgard Hartmann – Glasfenster im Klub der Intelligenz, Halle, 1958
  • Walter Zschunke – Glasfenster im Kulturhaus Mestlin, 1957
  • Werner Moritz – Wandfries in der Mittelschule Eggesin, 1957
  • Vera Kopetz – Mosaik in der Mittelschule des Dorfes Bernitt/Güstrow, 1956
  • Manfred Kandt – Wandbild “Weinlese”, Café Stadt Prag, Magdeburg, 1955
  • Kurt Bunge – Zoo-Werbung, Osthalle, Leipzig-Hauptbahnhof, 1957
  • Willi Sitte – Gobelin “Ikarus”, 1958
  • Bernhard Heisig – Sgraffito im Erfrischungsraum, Sportforum Leipzig, 1955
  • Max Lachnit, Brunnen- “Der Flugwille des Menschen”, Internat der Technischen Universität Dresden, 1956/57
  • Walter Arnold – Ernst-Thälmann-Denkmal, Weimar, 1958
  • Lew Kerbel – Ernst-Thälmann-Denkmal, Thälmann-Park, Berlin, 1986
  • Rudolf Hogan – Brunnen im Hotel Astoria, Leipzig, 1958
  • Heinz Wagner – Glasfenster “Völkerfreundschaft”, Lobby des Hotels Astoria, Leipzig, 1958
  • Werner Tübke – Wandbilder “Fünf Erdteile”, Restaurant des Hotels Astoria Leipzig, 1958
  • Walter Arnold – Relieffelder Openhaus Leipzig, 1953
  • Fritz Kühn – Treppengeländer, Opernhaus Leipzig, 1958
  • Frank Glaser, Bruno Bernitz – Giebelwände, Kaulsdorfer Straße, Berlin-Köpenick, 1960
  • Karl-Heinz Jakob – Wandbild “Mechanisierung der Landwirtschaft”, Industrie- und Handelskammer Karl-Marx-Stadt, 1961
  • Walter Womacka – Mosaikfries “Unser Leben”, Haus des Lehrers, Berlin, 1964
  • Willi Neubert – Emailwandbild “Die Presse als kollektiver Organisator”, Verlagshaus der Zeitung Freiheit, Halle, 1964
  • Max Uhlig – Messehändler, Sonne, Fassadengestaltung, Georgiring, Leipzig, 1963
  • Bernhard Heisig – Wandbild “Chemie – Arbeit -Schönheit”, Konferenzraum des VVB Chemieanlagenbau, Leizig, 1965
  • Joachim Buhlmann, Mosaik “Pflanzen und Tiere”, Milchbar, Hennigsdorf, 1961
  • Hans Mayer-Foret, Gerhard Eichhorn – Raumteiler, Restaurant Hotel “Stadt Leipzig”, 1964
  • Peter Sinkwitz – Altarbild, Kirche des Diakonissenhauses Dresden, 1960/61
  • Walter Bullert – Wandgestaltung “Stahlwerker und Bauer mit Taube”, Kulturhaus Hennigsdorf, 1959
  • Jo Jastram – Bronzetür, Rathaus Greifswald, 1963/64
  • Heinrich Apel – Nordportal, Dom zu Magdeburg, 1961
  • Jürgen von Woyski – Jessener Mahnmahl, 1961/62
  • Hans Vent, Ronald Paris – Wandbild “Entwicklung der Flug- und Autotechnik”, Autoreparaturenwerk Berlin-Pankow, 1961
  • Rolf Schubert – Wandbild “Entwicklung der Verkehrsmittel”, BVG-Omnibushof, Berlin, 1954
  • Lüder Beier – Holzwand, Kulturpalast Dresden, 1969
  • Lothar Zitzmann – Natursteinmosaik “Entfaltung des Lebens”, Phyletisches Museum, Jena, 1961
  • Harry Müller – Plastisch-geometrische Strukturen, Müggelturm, Berlin, 1961
  • Harry Müller – Betonwand, Innenhof Hotel “Deutschland”, Leipzig, 1965
  • Hubert Schiefelbein – Betonfassade “Geometrische Elemente”, Karl-Marx-Stadt, 1967
  • Friedemann Lenk – Trennwände im Kaufhaus “konsument”, Leipzig, 1967
  • Friedemann Lenk – Wandverkleidung im Gästehaus des Ministerrates in Leipzig, 1968/69
  • Karl-Heinz Schamal, Hubert Schiefelbein – Wandgestaltung “Kino International”, Berlin, 1964
  • Eberhard Roßdeutscher – Mahnmal für die Opfer des Faschismus, Bitterfeld, 1965
  • Sigbert Fiegel – Monument “Flamme der Revolution”, Halle, 1967
  • Bernhard Heisig – Wandgestaltung Lobby im Gästehaus des Ministerrates, Leipzig, 1969
  • Bernhard Heisig – Entwurf für die Wandgestaltung über dem Eingangsportal der Universität Leipzig, 1970
  • Kurt Sillack, Rudolf Lipowski – Fassadengestaltung “Dresden grüßt seine Gäste”, Restaurant “Bastei”, Dresden, 1969
  • Leonie Wirth – Brunnenanlage, Dresden, 1970
  • Franz Tippel – Natursteinmosaik “Leningrader Veduten”, Hotel Newa, Dresden, 1970
  • Gerhard Bondzin – Wandbild “Der Weg der roten Fahne”, Kulturpalast Dresden, 1969
  • Rolf Kurth, Frank Ruddigkeit, Klaus Schwabe – Bronzerelief über dem Eingang der Karl-Marx-Universität Leipzig, 1974/76
  • Rolf Kurth – Wandbild “Aufbrauch”, SED-Kreisleitung, Delitzsch, 1976
  • Haus des Berliner Verlages mit Wandfries von Willi Neubert, 1970/73
  • Walter Womacka – Brunnen auf dem Alexanderplatz, Berlin, 1979
  • Eberhard Roßdeutscher, Christoph Wetzel – Reliefwand, Karl-Marx-Stadt
  • Inge Götze – Gobelin “Sozialismus und Frieden”, Hochzeitszimmer im Kulturhaus “Hans Marchwitza”, Potsdam, 1966
  • Ronald Paris – “Lob des Kommunismus”, Wandgestaltung im Haus der Statistik, Berlin, 1969
  • Dietrich Burger – Keramikmosaik “Kind und Musik”, Leipzig, 1973
  • Gerd Nawroth – Wandgestaltung SED-Stadtleitung, Leipzig, 1984
  • Astrid Danegger – Wandgestaltung, Terrakotta, Kulturhaus der LPG “8. Mai”, Neukirchen, 1987
  • Bernd Sikora – Serielles Freiflächensystem unter Einbeziehung von Plastik, Leipzig-Grünau, 1980
  • Reinhard Dietrich – Klinkerfassade “Sonne”, Rostock-Evershagen, 1976/77
  • Ronald Paris – “Von der Verantwortung der Menschen”, Rostock-Evershagen, 1976
  • Erich Enge – Wandbild “Die Idee wird zur materiellen Gewalt wenn sie die Mssen ergreift”, Erfurt-Rieth, 1976
  • Eberhard Heiland, Eckhardt Mater – Brunnen der Völkerfreundschaft, Erfurt-Rieth, 1978
  • Cornelia Buhlmann, Joachim Buhlmann – Familie, Potsdam, 1990
  • Horst Göhler – Wandbild “Tiere der Mark”, Kindergarten, Berlin-Marzahn, 1980
  • Siegfried Schütze, Bernd Martin – Wandbild “Phantastische Welt von morgen”, Berlin-Marzahn, 1980
  • Peter Hoppe – “Mensch im Kreislauf der Natur”, Berlin-Marzahn, 1980
  • Gerhard Lichtenfeld – Brunnen vor der Konzerthalle, Halle, 1974/76
  • Karl-Heinz Adler, Friedrich Kracht, Werner Sauter – Brunnen, Straße der Befreiung, Dresden, 1979
  • Ronald Paris – “Jugend und Sozialismus”, Karl-Marx-Stadt, 1973/80
  • Hajo Rose, Johanna Starke – Wandbild “Freizeit und Erholung”, VEB Drehmaschinenwerk, Leipzig, 1974
  • Michael Morgner – Wandbild “Gießprozess – der arbeitende Mensch in unserer Gesellschaft”, Ambulatorium der Harlaß-Gießerei, Wittgensdorf, 1980
  • Volker Beier, Hans Brockhage, Clauss Dietel, Helmut Humann – Eingangshalle FDGB-Erholungsheim “Am Fichtelberg”, Oberwiesenthal, 1975
  • Rolf Lindemann – Gobelin “Frühling”, Palast der Republik, Lindenrestaurant, 1974/76
  • Willi Sitte, Gestaltungsprojekt Sport- und Kongresshalle Rostock, 1971
  • Arno Mohr, Wandbild “Forscht bis ihr wißt”, Palast der Republik, 1974/76
  • Ronald Paris, Wandbild “Unsere Welt von morgen”, Palast der Republik, Berlin, 1974/76
  • Jo Jastram, Reliefwand “Lob des Kommunismus”, Eingang zur Volkskammer, Palast der Republik, Berlin, 1976
  • Werner Tübke, Wandbild “Arbeiterklasse und Intelligenz”, Rektoratsgebäude der Karl-Marx-Universität Leipzig, 1972/73
  • Lothar Zitzmann, Wettbewerbsentwurf für das Wandbild im Rektoratsgebäude, Karl-Marx-Universität Leipzig, 1970
  • Hartwig Ebersbach – Wandinstallation “Antiimperialistische Solidarität”, Karl-Marx-Universität Leipzig, 1977
  • Heinz-Jürgen Böhme – Giebelentwurf, 1.Leipziger Giebelwettbewerb, 1979
  • Klaus Liebig – Giebelentwurf, 1. Leipziger Giebelwettbewerb, 1979
  • Rudolf Liebscher – Giebelgestaltung Rudolf-Breitscheid-Straße, Leipzig, 2. Leipziger Giebelwettbewerb, 1981
  • Gertraude Pohl – Giebelgestaltung, Oderbruchstraße/Leninallee, Berliner Giebelwettbewerb, 1980/81
  • Inge Eckebrecht – Fassadengestaltung Kindereinrichtung Mageburg-Nord, WG 1, 1979
  • Constanze Neumann-Gast – Bemalung eines Bauwagens, Leipzig, Fockestraße, 1976
  • Andreas Weißgerber – Hofbemalung, Elsbethstraße, Leipzig, 1982
  • Hans-Joachim Riebsch – Wandmalerei “Hallesche Szene”, Halle, 1988
  • Gerhard Thieme – Bauplastik “Die Entwicklung Berlins”, Beton, 1987
  • Jo Doese – Landschaftsplastik “Begegnung”, Anton-Saefkow-Platz, Berlin, 1986/87
  • Roland Rother, Michael Voll – Freiflächengestaltung “Erdgeschichten – Erdschichten”, Eisenhüttenstadt, 1984/86
  • Peter Schulze – Plastisches Objekt, Straße der Befreiung, Riesa, 1982
  • Achim Kühn – Brunnenlandschaft “Mühlrad”, Berlin-Hohenschönhausen, 1983/86
  • Wilfried Fitzenreiter – “Liegende”, Plastikpark Leipzig, 1988
  • Werner Tübke – Panoramagemälde “Frühbürgerliche Revolution in Deutschland”, Bad Frankenhausen, 1976/87
  • Ludwig Engelhardt – “Marx und Engels”, Marx-Engels-Forum, Berlin, 1981/86
  • Werner Stötzer – “Alte Welt”, Marx-Engels-Forum, Berlin, 1981/86
  • Günter Junge, Karl-Heinz Schamal – Gedenkwand und Monument auf dem Demonstrationsplatz, Südfriedhof, Leipzig, 1981/86
  • Arndt Weigand – Säule auf dem Demonstrationsplatz, Südfriedhof Leipzig, 1984/86
  • Reinhard Dietrich – Ehrenmal für die Opfer des Faschismus, Bad Doberan, 1985/86
  • Ronald Paris – Wandbild “Triumph des Lebens”, Foyer des Theater- und Kulturhauses in Schwedt, 1978/82
  • Sighard Gille – Deckenmalerei “Das Lied von der Erde”, Neues Gewandhaus Leipzig, 1979/81
  • Wolfgang Peuker – Wandmalerei “Welttheater”, Neues Gewandhaus, 1979/81
  • Frank Ruddigkeit – Wandbild “Musik und Zeit”, Neues Gewandhaus, Leipzig, 1979/81
  • Reliefwand “Lied des Lebens”, Haus der Kultur, Gera, 1976/81
  • Hermann Glöckner – Stele, Technische Universität Dresden, 1984
  • Rüdiger Reinel – Fensterverglasung eines Mehrzwecksraum, ORWO-Kombinat, Wolfen, 1986
  • Christine Leweke – Textile Wandgestaltung, CENTRUM-Warenhaus, Halle-Neustadt
  • Bruno Groth – Fassadengestaltung, VEB Technische Gebäudeausrüstung, Magdeburg, 1985
  • Achim Kühn – Portal, Katholisches Gemeindezentrum St. Trinitatis, Leipzig, 1982/83
  • Jo Doese – Wandgestaltung “Märkische Steingeschichten”, Berlin, 1985
  • Wolfgang Peuker – Deckenbemalung, Sommersaal, Bose-Haus, Leipzig, 1985
  • Dieter Schmidt – Giebelbemalung, Rötha, 1985
  • Jutta Hellgrewe, Bernd Sikora – Giebelbemalung “Katze”, Leipzig, 1988
  • Constanze Neumann-Gast, Hannelore Reinhardt-Fischer – Wandmalerei, Süßwarenkombinat Delitzsch, 1983/84
  • Waldo Dörsch – “Diana Brunnen”, Suhl, 1983/84
  • Reinhard Dietrich – Giebelfigur am Fünfgiebelhaus, Rostock, 1986
  • Peter Willmaser – Hauszeichen, Schuhgasse, Suhl, 1985
  • Hans-Henrik Grimmling, Volker Baumgart – Wandgestaltung VEB Chemieanlagenbau Grimma, Leipzig, 198
  • Jost A. Braun – Trafohausbemaluung, Leipzig-Grünau, 1981/82
  • Thomas Müller – Trafohausbemalung, Leipzig-Grünau, 1981/82
  • Frieder Heinze – Trafohausbemalung, Leipzig-Grünau, 1981/82
  • Peter Makolies – Doppelrief “Antiker und zeitgenössischer Mädchenkopf, Gera, 1983
  • Andrea Köhler – Orientierungsystem in einer Kindereinrichtung in Berlin-Marzahn, 1979
  • Jutta Hellgreve, Bernd Sikora – Orientierungssystem eines Kindergartens, Leipzig, Grünau, 1980
  • Gertaude Pohl, Norbert Pohl – Gestaltung Kinderheim “Rosa Luxemburg”, Erfurt, 1982
  • Bernd Sikora – Geschoßbezifferung, Sprachheilschule “Käthe Kollwitz”, Leipzig, 1981/82
  • Jutta Hellgrewe, Bernd Sikora – Etagencharakterisierung, Kindergarten in Weida, 1984
  • Arnd Schultheiß – Wandgestaltung, Sprachheilschule “Käthe Kollwitz”, Leipzig, 1981/82
  • Dieter Schmidt -Spielwand “Urwald”, Sprachheilschule “Käthe Kollwitz”, Leipzig, 1981/82
  • Jutta Hellgrewe – Spielwand “Zirkus”, Kindereinrichtung, Torgau, 1984
  • Ernst Merker – Gestaltung Atrium der Sprachheilschule “Käthe Kollwitz”, Leipzig, 1981/82
  • Angela Hampel, Andreas Dress – Hausbemalung, Kindergarten, Schnorrstraße, Dresden, 1984
  • Matthias Grimm, Klaus Völker – Giebel und Hofgestaltung, Polytechnische Oberschule, Laucha/Nebra, 1986
  • Rudolf Sitte – Wandgestaltung Bibliothek/Mensagebäude, Ingenieurhochschule Mittweida, 1985
  • Frank Ruddigkeit, Peter Schnürpel, Klaus Schwabe – Gestaltung in der Mensa der DHfK, Leipzig, 1975/76
  • Heinz-Jürgen Böhme, Horst Gröschel, Detlef Lieffertz  – Gestaltung Jugendclub “metrum”, Leipzig-Grünau, 1984/85
  • Horst Gröschel, Detlef Lieffertz – Gestaltung Jugendclub “Freundschaft”, Gera-Lusan, 1985
  • Clemens Gröszer, Harald Schulze – Wandbild “Sommertraum”, LPG Marxwalde, 1988
  • Heinz-Jürgen Böhme, Manfred Küster, Detlef Lieffertz – Gestaltung academixer-Keller, Leipzig, 1981/83
  • Andre Böhme, Olaf Bote – Fassadengestaltung Jugendklub “Rabet”, Leipzig, 1988
  • Angela Hampel, Steffen Fischer – Gestaltung Jugendklub “Marschnerstraße”, Dresden, 1982
  • Kosta Sissis – Wandbild “Spanien 1936”, FDJ-Jugendhochschule Wilhelm Pieck, Bogensee, 1986
  • Stefan Th. Wagner – Gipsrelief “Kommunikation”, Leipzig, 1985

(Berlin, 17.02.2018)

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Die FAZ und die politische Philatelie.

Ein Sonntagstext von Ben Kaden (@bkaden)

I

Ich hege zur Frankfurter Allgemeine Zeitung ein auch für mich selbst bemerkenswert zwiespältiges Verhältnis. Einerseits verspüre ich regelmäßig eine beträchtliche Nostalgie, weil sie mich unmittelbar an einer weitgehend verschwundene Medienwelt erinnert, an eine verschwundene Zeitungsepoche mit einer seit je latent anachronistischen ab exzellent gemachten Tiefdruckbeilage “Bilder und Zeitung”, die allein an vielen Samstagen einen Gang zum Zeitungsstand motivierte. Andererseits gab es die “Berliner Seiten”, deren kurzes Leben exakt in die Zeit fiel, in der ich mir Berlin erstmals in der Tiefe erschließen konnte, die mich und mehr noch die Stadt und ihre Selbstwahrnehmung zu einer Zeit begleiteten, welche sich in der Rückschau, vielleicht etwas, verzerrt durch das eigene Staunen, als den Höhepunkt der Stadt als Heterotop darstellten.

Es war ein Zeitfenster, in dem viel Neues entstand und zugleich genug Improvisationsfläche übrig war, in dem sich die sozialen Zäune derart niedrig erwiesen, dass man an einem Abend, von einem Mitstudenten einfach mitgenommen zwei Stunden in der verrauchten und verbücherten Einzimmerwohnung eines so lang- wie grauhaarigen ehemaligen Bürgerrechtlers am Kachelofen sitzend Zeuge einer regen kreuzgenerationalen Literaturdiskussion werden konnte und danach mit einem sympathischen Hustler aus der Skalitzer Straße kurz zu einer Küchenfete ging, auf der ein Rapper herumstand, den man ein paar Jahre zuvor bei Vivas Hip-Hop-Show Freestyle sehr beeindruckend fand und der nun hier wohnte und bei dem man einfach klingeln durfte. Und nach zwei weiteren Stunden stand man dann zum Tagesausklang in einem frisch aufgebauten Penthouse in der Oranienburger Straße zwischen Moderatoren eines gerade in die Stadt gezogenen Privatsenders. Niemand störte sich daran, denn hier war man gewohnt, dass jeder alles sein konnte. Vor der Tür promenierten die leichten Mädchen auf hohen Absätzen und sämtliche Facetten der kreativen Nachtkultur, denn das Tacheles war der zentrale Anziehungspunkt in Berlin-Mitte. Die meisten Touristen ließen sich äußerlich kaum von den ortsansässigen Freiern und Freischaffenden im Scheunenviertel unterscheiden.

Man erlebte also den Hauch einer einzigartigen Offenheit, der auch in den Berliner Seiten als Narrativ hätte stehen können. Es war eine Zeit und Welt ohne Fernweh, denn jede*r glaubte: Wenn etwas von Relevanz geschieht, wird es hier geschehen. Insofern waren die Berliner Seiten eine Art Druckfahne des eigenen Erlebens. Die zwei Ausgaben, die man sich als Erinnerungsstücke bis heute aufbewahrte, deuten an, dass sich die Berliner Redaktion der Zeitung ebenfalls begeistert in dieses Durcheinander fallen ließ. Jede*r hatte das Gefühl, Teil einer einzigartigen Konstellation zu sein. Und war es ja auch irgendwie.

Wandert man heute durch diese Nachbarschaft, ist davon kaum mehr der Mythos übrig. Die Vorhersagen der Gentrifizierungstheorie lösten sich lehrbuchhaft ein. Die Gegend ist komplett gezähmt und auf eine erstaunliche apolitische Kleinteiligkeit zusammengeschrumpft, in der eine Post-Internet-Boheme an einem Winterabend freudig eine halbe Stunde im Frost auf einen Eckplatz bei Shiso-Burger wartet und über Sneaker diskutiert.

Diese Wende hat die FAZ nachvollziehbar nicht mitgemacht, sondern spätestens nach dem Tod Frank Schirrmachers, den Berlin-State-of-Mind wieder vollständig verlassen. Heute wirkt sie wie ein zahmes Blatt aus der Provinz, als die Frankfurt/Main nach wie vor und unvermeidlich aus Berlin erscheint, mit einem oft sehr offensichtlichen Hang zu einem rechtskonservativen Zeitgeist, der eigentlich nicht mal nach Frankfurt passt, aber vielleicht in manche Vorstädte drumherum.

Die einst ambitionierten und prominent platzierten Blogs sind bis auf den des Troll- und Gegenjournalisten Don Alphonso weitgehend verschwunden. Der Technikteil immerhin bleibt sich treu und rezensiert mit Freude den aktuellen Rolls-Royce Ghost Black Badge. Man will, das schreit einem die Zeitung geradezu entgegen, gern die Zeitung der Entscheider und am liebsten der oberen 1-Prozent sein.

Allerdings sind die oberen 1-Prozent zumindest in Deutschland eher nicht die, die gesellschaftlichen und kulturellen Glanzpunkte der Gegenwart setzen, vermutlich auch, weil beispielweise die neuen digitalen Industrien und Gründerkulturen einerseits hierzulande keine Zuckerberg’schen-Daimond-as-Big-as-a-Ritz Outlier produzieren konnte und andererseits die Investitionskultur bevorzugt fantasiearme und konzeptionell eher antiinnovative Phänomene wie die einfallslose Start-up-Palette der Samwers hofiert. Und schließlich vermutlich, weil Menschen wie Christian Lindner hier ernsthaft als Aushängeschilder und Gesichter der digitalen Zukunft gehandelt werden.

Ein wirklicher Gestaltungsanspruch ist nirgends spürbar und in der FAZ von heute schon gar nicht. Vielmehr wirkt man so, als kämpfe man Tag für Tag darum, dass wenigstens der Stapel mit den Freiexemplaren am Flughafen oder im Hotel abgetragen wird. Das allerdings versteckt man an den entscheidenden Stellen hinter einer beeindruckenden Überheblichkeit, die vielen im deutschen Journalismus offenbar während des ersten Volontariat eingebläut wird und die ignoriert, dass sich “vierte Gewalt” und eine Poschardt’hafte Selbstdarstellung eigentlich ausschließen, weil die Verantwortung, die man übernimmt, wenn man informationelles Nadelöhr und Agenda-Setzer*in spielt in einer gerechten Welt eher zu Demut angesichts der eigenen Rolle führen sollte. Eigenartigerweise deuten dagegen nicht wenige in der Branche eine große Zahl von Followern auf Twitter offenbar auch als große Potenz und demonstrieren damit gleichzeitig, wie wenig sie von solchen “neuen” Medien verstehen.

Dieser Art von Social-Media-Dünkel ist bei der FAZ glücklicherweise kaum spürbar. Dafür klammert sie sich viel zu sehr an das Fähnchen namens “Qualitätsjournalismus”, dessen Grundstoff jedoch aus einer anderen Zeit zu stammen scheint, was sicher auch daran liegt, dass der Abbau an Stellen für Qualitätsjournalist*innen nicht nur die teuren Journalist*innen sondern eben auch große Teile der Qualität aus den Redaktionen führt. Und so entstehen im Ergebnis die Ausgaben, die man, vielleicht aus Tradition, dennoch regelmäßig sichtet und meist nach zwei, drei Minuten gelangweilt oder enttäuscht beiseite legt.

Für einen Großteil der Bevölkerung dürfte die FAZ mit ihrem dahingewässerten Profil, aus dem gefühlt vielleicht drei bis fünf originäre und lesenswerte Stücke, meist von Gastautor*innen, pro Woche auftauchen, kaum mehr Relevanz entfalten können. Was die Herausgeber hinter dem Blatt vermutlich wenig tangiert. Inklusiv war sie nämlich noch nie. Aber im Gegensatz zur Süddeutschen Zeitung, die immerhin ab und an einen Recherche-Scoop hervorbringt, wirkt sie eher wie ein Schatten dieser Fahne “Qualitätsjournalismus” und im Prinzip vor allem eben in mehrfacher Hinsicht provinziell.

Für das Zeitungswesen in der Bundesrepublik ist dieser de facto Rückzug der FAZ aus der großen Öffentlichkeit bedauerlich. Denn auch wenn das Medium Zeitung in seiner gedruckten Form für die aktuelle Nachrichtenstreuung weitgehend eine nachgeordnete Alternativform (zu den Netzmedien) darstellt, ist es doch sowohl in seiner Funktion zur Ordnung und Kanalisierung des Diskurses als auch-als Mittel der unmittelbaren Aufzeichnung aktueller Gegenwart für zukünftige Gegenwarten einzigartig. Je größer und vielfältiger die Zeitungslandschaft, desto besser wird diese Funktion von ihr erfüllt. Nichts ist zum Verständnis von Ereignissen so aufschlussreich, wie die Zeitung von gestern, die nicht nur das Geschehen selbst fasst, sondern auch, wie es zu einem konkreten Zeitpunkt wahrgenommen wurde und wahrnehmbar war.

In der Umkehrung bedeutet dies jedoch, dass das, was nicht in der Zeitung steht, auch nicht für solche Verstehensprozesse bewahrt wird. Je schmaler die Zeitungen und ihre inhaltliche Vielfalt sind, desto weniger wird rekonstruierbar sein. Die Hochphase der außerordentlich differenzierten und üppigen Presselandschaft im späten 20. Jahrhundert wird also zumindest aus dieser Perspektive auch die Zeit sein, deren Diskurse, Debatten und journalistischen Wahrnehmungen am umfänglichsten dokumentiert sein werden.

Dass für die Gegenwart beispielsweise ein Michael Hanfeld als dominante Stimme des Medienjournalismus bleiben wird, dem man seine Frustration mit der Welt in jedem Artikel deutlich anmerkt, ist eine denkbar betrübliche Aussicht. Aber wo Auflagen sinken, verdampfen eben auch die Redaktionen und es bleibt nur ein bestimmter Teil übrig.

Nichts zeigt dies so deutlich in der deutschen Presselandschaft wie die Entwicklung des FAZ-Feuilletons nach Frank Schirrmacher. Die Lücke, die er hinterließ, wurde nicht etwa für eine konzeptionelle Neuaufstellung genutzt. Sondern für ein konzeptfreies Hinfortwurschteln in eine unklare Zukunft, offenbar verbunden mit der Hoffnung, dass es den Leser*innen nicht auffällt. Was auf eine etwas bittere Weise ja gelingt. Denn wo früher aus dem FAZ-Feuilleton mit schöner Regelmäßigkeit Akzente für Debatten gesetzt wurden, fällt heute tatsächlich kaum mehr etwas über den Tag hinaus auf.

II

Einer der wenigen, der sich noch spürbar bemüht und sich auch nicht scheut, als Intellektueller in der positivsten Bedeutung des Wortes zu erscheinen, ist Patrick Bahners, Redakteur des viel zu schmalen Ressorts für Geisteswissenschaft. Auch das sollte man festhalten. Die Mittwochsseite bedient zwar naturgemäß nur ein Nischenpublikum und ist zugegeben auch oft kaum mehr als ein Referateblatt, aber am Ende am ehesten noch der Teil, den sich zumindest meine Peers regelmäßig aus dem Online-Angebot ihrer Hochschulbibliothek holen und sichten. Am Mittwoch dem 24.Januar hatte ich nicht das e-Paper zur Verfügung sondern zugleich auch ein papiernes Bordexemplar in einem ICE, der ausgerechnet von Frankfurt nach Berlin. Da ich an einem Tisch zu sitzen kam, konnte ich die Zeitung sogar halbwegs bequem auffalten und so mit großem Interesse einen Artikel des Medienwissenschaftlers Detlev Schröttker lesen, der meine neben dem Phänomen Tageszeitung zweite anachronistische Liebhaberei aufgriff: die Philatelie. (Detlev Schröttker: Die Brüder Herzfeld interessierten sich 1933 auch wieder für Briefmarken. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.01.2018, S.N 3)

Und als jemand, der gar nicht mal so selten die Woelckpromenade in Berlin-Weißensee herunterspaziert, war es umso schöner, dieses mit dem Bogen zu Wieland Herzfelde präsentiert zu sehen, der nicht nur Briefmarkensammler und -theoretiker war, sondern offenbar auch in der Lage, während seines Exils New York mit dem Handel mit Briefmarken ein zureichendes Auskommen und eine Verlagsgründung absichern zu können.

Skulptur Lesender Knabe - Woelck-Promenade in Berlin-Weißensee
Natürlich mit Buch: Der Lesende Knabe, eine Arbeit des Bildhauers Siegfried Krepp aus dem Jahr 1983 an der Woelckpromenade, einst Ostberliner Wohnadresse von Wieland Herzfelde, erfüllt in mehrfacher Hinsicht jedes Klischee, das der CSU-Vordenker Alexander Dobrindt dem an Weißensee direkt anschließenden Prenzlauer Berg zuschreibt: Elitär im Anspruch, quasi-sozialistisch in der Form, irgendwie zu intellektuell und in jedem Fall erheblich zu grün. 

Heute ist das kaum mehr vorstellbar, aber als jemand, der die Briefmarkenhandlung in der Berliner Karl-Marx-Allee noch vom Erwerb kroatischer Sondermarken und nicht nur als Weinstube kennt, glaubt man gern, dass das noch möglich war.

Allerdings hatte man auch schon zum Zeitpunkt dieses philatelistischen Kontakts unweigerlich eine Assoziation mit Vladimir Nabokovs Pilgram, der zwar keine Briefmarken- sondern eine Schmetterlingshandlung betrieb. Aber aus dem Jahr 2018 betrachtet sind die Briefmarkenfachgeschäfte vermutlich die heutigen Gegenstücke zum Lepidopterologie-Bedarfshandel im Berlin der 1920er – kleine unübersichtliche Wunderkammern, darin “ein abgekämpfter älterer Mann mit gerötetem Gesicht, glatt anliegendem Haar und einem nachlässig gestutzten angegrauten Schnurrbart”. (Vladimir Nabokov: Pilgram. In: ders.: Stadtführer Berlin. Fünf Erzählungen. Stuttgart: Reclam, 1985, S.11)

Wie nah die Parallele zwischen Schmetterling und Briefmarken liegt, offenbart auch das letzte Wort aus Wieland Herzfeldes Gedicht “An meine Briefmarken-Sammlung” aus dem Jahr 1915, das Detlev Schröttker in seinem Artikel leider nur ausschnittsweise zitiert:

“Ihr Marken, angeschwemmt aus schlangensüßen Zonen! / Muscheln, gereiht auf elfenbeinernen Grund / Wo eure Altäre des Nimmermehr thronen / Schweben Erwartungen, falterbund.” (Hervorhebung von mir)

Zugleich wird deutlich, was viele Sammler*innen aus ihrer ersten Begegnung mit dem Phänomen Briefmarke unschwer als Auslöser ihrer Faszination festmachen können: Exotik. In den schulischen Arbeitsgemeinschaften zur Philatelie standen, jedenfalls nach meiner Erinnerung, Marken mit Tiermotiven aus Tonga, Japan oder Kolumbien deutlich höher im Kurs als jeder noch so seltene Plattenfehler. Ein interessanter Nebenaspekt: die in den 1980ern im Osten Deutschlands noch wenig beliebten Sammelgebiete DDR, Osteuropa und Sowjetunion erobern sich über diese Zeit mittlerweile auch einen ähnlichen exotischen Appeal, nämlich den einer unbestimmbaren Nostalgie. Beim Sammeln von Faltern, die eben auch das Versprechen einer anderen Welt in ihren bunten Flügeln trugen, setzte sich dagegen der Tierschutzgedanke so weit durch, dass Schmetterlingskästen außerhalb der Naturkundemuseen weitgehend in obskuren Nischen verstauben. Es ist durchaus eine Herausforderung, heute überhaupt noch einen Händler für diese Kästen zu finden.

Die Philatelie ist freilich, was ihre akademische Anerkennung betrifft, der Lepidopterologie erheblich nachgeordnet, da letztere wie direkt auch das Beispiel Nabokovs unterstreicht, durchaus problemlos in die Wissenschaftswelt der Zoologie eingebunden werden kann. Medien- und Kulturwissenschaft zeigten sich gegenüber der Philatelie traditionell weniger aufnahmebereit als beispielsweise sogar gegenüber der Numismatik. Möglicherweise ist das zugleich der Grund für den unglaublich verästelten und elaborierten Stand der Wissenskultur der Philatelist*innen, den Detlev Schröttker würdigt, wenn er schreibt:

“Nie wieder wurde ein solcher Umfang von Wissen über ein Medium von globaler Bedeutung ausschließlich von Laien zusammengetragen.”

Die Klebeseite dieser Marke ist freilich, dass sich in der philatelistischen Fachkultur nicht selten eine Geschlossenheit breitmachte, mit der arglose Besucher*innen von Briefmarkenschauen schwer umgehen können und die weder angebracht noch angemessen war. Man wertschätzt sich häufig nur auf vermeintlicher Augenhöhe und treibt alle interessierten Einsteiger*innen sofort zu anderen Hobbies. Und das wird bei einer alternden Kohorte mittlerweile zum Problem.

Soziologisch und sozialpsychologisch handelt es sich dabei um ein spannendes Untersuchungsfeld. Menschen, die eher spielerisch und explorativ an das Medium herantreten möchten, fällt es nach wie vor schwer, auf den Messen mit ihrer betulichen Gewichtigkeit und nicht selten auch abstoßenden Krämerei viel Freude zu haben. Viel zu oft bewahrheit sich zudem, was Kurt Karl Doberer 1979 in seinem Buch Schöne Briefmarken festzustellen wusste:

“Leider sind Kunstfreunde nur selten auch Briefmarkenfreunde. So kommt es, daß die herrlichen Farbstiche aus der Tschechoslowakei, Meisterminiaturen dieses Gebietes, als Briefmarken nur weit unten in der Beliebtheitsskala rangieren. Von Briefmarkensammlern nicht besonders begehrt, sind die Original-Stahlstiche in mehreren Farben ausgeführt und von flachen Stahlplatten in Kleinbögen zur vier Marken gedruckt – für den künstlerischen Feinschmecker eine seltene Gelegenheit.“ (Dortmund: Harenberg, 1979, zitiert nach dieser Quelle)

Der FAZ-Artikel von Detlev Schröttker erinnert zugleich daran, dass es nicht zwangsläufig so eindimensional sein muss, wie die biedere Luft in den Mehrzweckhallen bisweilen als Eindruck hinterlässt. Der Trend in Richtung Social Philately könnte hier ebenso für eine Entzerrung sorgen, wie die sich notwenig einstellende Einsicht, dass die meisten über Jahrzehnte aufgebauten Sammlungen keinen finanziellen Wert besitzen, der auch nur annähernd im Verhältnis zum Aufwand steht. In 99 von 100 Fällen ist das Medium Briefmarke als Kulturobjekt deutlich interessanter als als Anlageobjekt.

Die Philatelie muss sich und ihre Kommunikationen zwangsläufig im Rahmen ihrer jeweiligen Gegenwart aktualisieren. Dazu gehört zugleich der Blick zurück, wobei durchaus auffällt, dass man aus der kulturwissenschaftlichen Perspektive immer direkt bei Aby Warburg und Walter Benjamin ankommt und also 80 Jahre kulturwissenschaftliche Ignoranz im Umgang mit dem Medium Briefmarke verarbeiten muss.

Ob es Detlev Schröttker gelingt, das ein wenig abzufangen, bleibt offen. Er zeigt aber in jedem Fall anhand eines Beitrags der Herzfeld(e)-Brüder für die Abeiter-Illustrierte Zeitung (AIZ) in seinem Artikel eine vielversprechende akademische Annäherungsoption auf:

“Ein Kommentar im oberen Bildteil bietet Grundgedanken einer politischen Philatelie, die bis dahin nicht formuliert wurde. “Die Briefmarke ist längst nicht nur Sammler-Objekt, sondern auch Propaganda-Werkzeuge. Die Staaten benutzen bunte Bildchen, die durch Millionen Hände gehen, zur Propaganda von Ideen und Dingen, die ihnen wichtig erscheinen. So wird die Briefmarke zum Zeugnis für Gesinnungen und Absichten: für friedliche und unfriedliche, menschenfreundliche und menschenfeindliche.” “

Was sich bereits 1937 feststellen ließ, entfaltete sich bekanntlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Allein mit der Rubrik “Aus den Akten des MPF – Informationen aus den Akten und der Entwurfssammlung des Postministeriums der DDR”, in der in jeder Ausgabe der Deutschen Briefmarken-Zeitung (DBZ) die Entscheidungsketten für Briefmarkenausgaben der DDR detailliert nachgezeichnet werden, erhält man eine ausgezeichnete Forschungsgrundlage für eine Annäherung an eine solche politische Philatelie als Verständnisfläche der DDR-Geschichte.

Wer denkt, die politische Philatelie sei mittlerweile von einem der diversen Enden der Geschichte überholt, verkennt sowohl Funktion des Mediums Postwertzeichen als auch die Lage an sich. So ist zunächst jede Motiventscheidung politisch. Und trotz der äußerst fragwürdigen Idee der “Marke individuell“, deren gestalterische Ergebnisse sich zu professionellen amtlichen Umsetzungen in der Regel so verhalten, wie ein Lebensmitteldiscounter zum Feinkostgeschäft, bleiben Briefmarken bisher und zwar weltweit sehr exklusive Abbildungen bestimmter Ereignisse und Phänomene, denen jeweils national ein besonderer, eine Würdigung verdienender Status zugeschrieben wird.

Wer etwas über die Stimmung eines Landes lernen möchte, kann folglich aus den jeweiligen Briefmarkenausgaben, den Motiven und ihrer grafischen Inszenierung viel lernen – auch übrigens anhand der Ereignisse und Motive, die nicht gewürdigt werden.

Die in vergangenen Woche ausgegebenen Marken der Deutschen Post umfassen drei Werte Für die Wohlfahrtspflege mit Bildern aus dem Märchen “Der Froschkönig” (=deutsches Kulturgut), eine Briefmarke zum 200sten Jubiläum der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn (=Bildungstradition) sowie eine Ausgabe “25 Jahre Tafel in Deutschland”, die von der Illustratorin Susann Stefanizen recht schön auf der Höhe der gegenwärtigen grafischen Kultur gestaltet wurde. Inhaltlich würdigt sie unübersehbar zivilgesellschaftliches Engagement und anerkennt indirekt, dass es Armut in Deutschland gibt, auf die die Gesellschaft aber eigenverantwortlich zu reagieren versteht.

Nahezu unglaublich erscheint dagegen, dass die irakische Post im Jahr 2017 eine Marke zu einer gewonnenen Schlacht und sogar mit der klassischen Motivsprache eines Schlachtengemäldes ausgab. Und zwar allein deshalb, weil man lange dachte, dass das Zeitalter der großen Schlachten endgültig ein abgeschlossenes Kapitel in den Geschichtsbüchern ist. Aus kriegstheoretischer Sicht ist die Herrschaft des Islamischen Staats und der Kampf dagegen ein unglaublicher Forschungsgegenstand. Für die betroffenen Menschen ein von der Insel Deutschland aus betrachtet unfassbarer Alptraum. Die Briefmarke ist daher auch Zeugnis eines Irrsinns und genaugenommen ist das sich aus diesem Geschehen ergebene Sammelgebiet der Kriegsphilatelie vor allem Beleg eine Bankrotterklärung der globalen Politik im frühen 21. Jahrhundert. Zugleich ist die Anmutung der Marke so skurril, dass kaum beurteilt werden kann, ob man als Betrachter den bildtheoretischen Rahmen der Darstellung und Inszenierung nicht versteht oder ob es sich um eine – sehr verständliche – Hilflosigkeit handelt, dem Geschehen philatelistischen Ausdruck zu verleihen.

Briefmarke Mosul / Irak 2017
Werner Tübke hätte daran sicher keine Freude, aber das kleine Panorama der Briefmarke “Liberation of Mosul” / Irak 2017 verfolgt sicher einen ganz anderen Zweck als die letzte mir bewusste Schlachtendarstellung auf deutschem Boden in Bad Frankenhausen. 

Für eine wirkliche Analyse sind wir möglicherweise auch noch viel zu nah an diesem grundsätzlichen und weltumspannenden Spannungsfeld mit offenem Ausgang. Der Blick in die Nachrichten ruft im Prinzip täglich einen Satz auf, der da lautet: “Die Welt ist aus den Fugen!”. Der Blick in die Zeitung, von der man sich als Leser nicht zuletzt kompetente Einordnung erhofft,  verstärkt dies meist nur noch, auch hinsichtlich der Frage, was Journalismus bzw. Zeitungsjournalismus eigentlich noch leisten kann. Und wenn man hin und wieder einen Brief aus einer der Weltregionen erhält, in denen es sich die Menschen nicht leisten können, gemütlich an einem Nachmittag auf einem Marktplatz für eine absurde Abschottung ihrer Welt von der der anderen und damit eine Nichtlösung aufzumarschieren, dann erfasst einen dieser Eindruck durchaus auch bereits am Anblick der Briefmarken.

(Berlin, 04.02.2018)

Ein Sechseck Beton am Fernsehturm und der 07. Oktober 1977.

Wer die Fußumbauung des Berliner Fernsehturms aufmerksam umwandert, wird vermutlich auf ein Stück Randarchitektur stoßen, das auf den ersten Blick nicht gleich einzuordnen ist. Auf der Ebene der Passanten stellt sich das Objekt aus Beton nämlich zunächst einmal nur als genau das, als ungewöhnliches Betongebilde, dar. Steigt man dagegen auf die Galerie, erkennt man leicht, dass es sich um die wuchtige Lösung einer bautechnischen Notwendigkeit handelt, nämlich um einen Lüftungsschacht. Zeithistorisch ist er zugleich ein herauszuhebendes Monument.

Lüfttungsschacht des Berliner Fernsehturms
Lüftungsschacht des Berliner Fernsehturms. Fotografie: Ben Kaden, Januar 2018

Blickt man auf den Schacht, dann blickt nämlich ebenfalls auf den Ausgangspunkt der berühmten Jugendkrawalle (auch: Alex-Krawalle) am Republikfeiertag des Jahres 1977. Im Abschlussbericht der zuständigen Hauptabteilung des Ministeriums für Staatssicherheit (hier verfügbar) lässt sich eine Version des Geschehens nachlesen. Ursächlich war offenbar eine Verkettung von Ereignissen und Übersprungshandlungen, die eine gewisse Ventilwirkung nach sich zog. Während die Band Express vor dem meist jugendlichen Publikum ihre, wie man vielleicht noch sagte, Beatmusik auf dem Abendprogramm des Volksfestes am Alexanderplatz aufspielte und jugendliche Besucher zwecks besserer Sicht auf den Lüftungsschacht geklettert waren, gab das auf diesem befindliche Gitter nach und neun Menschen stürzten in die Tiefe. Da der zur Versorgung der Verletzten anrückende Rettungswagen Probleme hatte, sich den Weg durch die immerhin noch etwa 20.000 Besucher des Festes zu bahnen, begannen Volkspolizisten den Weg mit dem zu öffnen, was gemeinhin “körperlichen Zwang” nennt. Interpretiert wurde dies aber fast unvermeidlich als unnötige Härte und Gewalt. Als Reaktion gab es zunächst verbale Unmutsäußerungen und, laut Bericht der Staatssicherheit, später auch Fan- und andere Gesänge. Wie sich im Anschluss herausstellen sollte, befanden sich in der Gemengelage eine große Zahl von Anhängern des 1. FC Union Berlin, die wie viele Fußballanhänger in der DDR ein besonderes Verhältnis zur Polizei pflegten.

Die Atmosphäre heizte sich folglich auf, denn gerade die DDR-Vorzeigezone um Alexanderplatz und Fernsehturm war sowieso der Ort, an dem die Behörden besonders wenig Toleranz gegenüber abweichendem Verhalten zeigten. Was sie wiederum ideal für jede Provokation machte. Die Staatssicherheit notierte sorgfältig, was an Rufen und Slogans aufzuschnappen war. Sie dokumentiert damit nebenbei eine denkbar unbequeme Wahrheit, nämlich, dass sich zumindest Referenzen auf den Motivpool des Rechtsextremismus bzw. Neonazitums in der DDR zu jeder Zeit trotz offizieller Leugnung finden ließen. Ein aufblühender Rechtsradikalismus in Ostdeutschland ist keineswegs allein ein Phänomen der Nachwendezeit. Ein Aufsatz in der Zeitschrift “Die Volkspolizei” aus dem Jahr 1990 ordnete die Entwicklung so ein:

“Seit 1981 treten innerhalb von Gruppierungen junger Menschen, beginnend bei gewalttätigem Fußballanhang und in Teilen der Punkbewegung, sichtbare Elemente nationalistischer und neofaschistischer Ideologie in Erscheinung, die sich u.a. in Gewaltstraftaten offenbarten.” (o.A.: Erkenntnisse über Rechtsextremismus. Wertvolle Aufschlüsse des Zentralen Kriminalamtes. In: Die Volkspolizei – Zeitschrift für das gesamte Polizeiwesen. 06/1990. S.12-13)

Aber warum treten sie auf? “Die Volkspolizei” deutete:

“Es handelte sich schon zu dieser Zeit um offensichtliche Kennzeichen irrationalistischer Wirklichkeitsbewältigung.” (ebd.)

Die unterschwellige, wohlbekannte Richtung des Arguments ist klar: nicht gesellschaftliche Effekte, sondern individuelle Unzurechnungsfähigkeit (zum Ersten). Man räumt allerdings zugleich ein, dass ein verstärkender Effekt das “Fehlen [einer] problemangemessene[n] Diskussion und die einseitige Orientierung auf das Strafrecht” war. Leider zu spät. Hätte es die DDR geschafft, das Problem anders zu adressieren, dann hätte man möglicherweise die Ereignisse in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen und anderswo vermeiden können. So aber bereitete der toxische Cocktail aus Dogmatik, Realitätsverleugnung, Machtfetisch und Hilflosigkeit den Boden für den Flächenbrand, der einsetzte, nachdem die Polizei jede Autorität und die Leitnarrative der DDR jede Legitimation verloren hatten. Wer weiß, dass die Volkspolizei schon seit 1982 das Wachstum rechtsradikaler Skinhead-Gruppen in der DDR beobachtete, wundert sich etwas weniger über die Entfesselung und teils sogar Pogromstimmung in Ostdeutschland ab 1990 und dass zugleich so etwas wie der NSU entstehen konnte. Zumal ein linksliberales, engagiertes und demokratieorientiertes Bürgertum, das solche Entwicklungen gesellschaftlich hätte abfedern können, im Zweifelsfall in der DDR stärkere Verfolgung zu befürchten hatte als kahlrasierte Hooligans, die Gastarbeiter jagen gingen.

Die Akten des MfS lassen nun darauf schließen, dass auch die Datierung auf das Jahr 1981 nicht ganz der tatsächlichen Lage entsprechen kann, wenn bereits 1977 ein “Deutschland erwache!” über das Betonfaltwerk am Fuß des Fernsehturms schallte. Es bleibt allerdings auch unklar, wie viel davon reine Provokation war und wie stark die tatsächliche Identifikation mit solchen Slogans ausfiel. Unwahrscheinlich ist jedoch, dass sie aus dem Nichts kamen oder allein ironische Imitationen dessen waren, was der Staatsbürgerkundeunterricht regelmäßig als Auflösungserscheinungen der westdeutschen Gesellschaft präsentierte.

Zwei weitere Beobachtungen drängen sich auf: erstens, dass die Staatssicherheit den Ruf “Freiheit” auf einer Ebene mit “Nieder mit dem Bullenpack” einordnet sowie das Singen von “Brüder zur Sonne zur Freiheit” als Provokation einstuft und dem Deutschlandlied gleichsetzt. Und zweitens, dass sich die an sich sehr nachvollziehbare Forderung nach mehr Freiheit sehr schnell mit hassgelenkten und hart antagonisierenden Slogans koppelt – eine äußerst unangenehme Nachbarschaft, die auch am Rande späterer Montagsdemonstrationen der Wendezeit in gewissem Umfang anzutreffen war und die sich spätestens nach der Aneignung und Totalentwertung des 1989er-Aufbruchsrufes “Wir sind das Volk” durch rechtsextreme Pegida-Flügel knapp vierzig Jahre nach den Ausschreitungen am Fernsehturm als nach wie vor sehr lebendig präsentierte. Weiterhin fällt auf, dass der Bericht des Staatssicherheit ebenfalls ausdrücklich “den 1. FC Union glorifizierende und den BFC Dynamo beschimpfende Losungen” hervorhebt.

Die latente Gewaltbereitschaft einiger Jugendlichen vor der Beatbühne war eine Seite der Medaille. Den anderen, größeren Beitrag hat allerdings die Volkspolizei zu schultern, die verbale Stänkereien in aller Hilflosigkeit nur mit dem Knüppel zu beantworten wusste, obwohl sich jeder selbst ohne tiefere polizeiwissenschaftliche Kenntnis damals schon hätte ausmalen können, dass dies mit größter Wahrscheinlichkeit nur zur Explosion der Lage führen kann. So kam es dann ziemlich rasch. Steine flogen, Scheiben barsten. Es gab die üblichen Verstärkereffekte und wie wenig die Einsatzkräfte und die übergeordneten Stellen verstanden, was da eigentlich passiert, zeigt sich, dass ihnen für die Erklärung der Vorgänge vor allem der Film The Strawberry Statement einfiel, also ein Stück wenn man so will politisch angehauchte Popkultur, die gerade unter dem Titel Blutige Erdbeeren in den Kinos der DDR zu sehen war.

Den immerhin konnte man absetzen, was bequemer war, als sich die unbequeme Frage zu stellen, wieso der Präsenz von Volkspolizisten, offiziell und in jedem Kinderbuch bewundernswerte Freunde und Helfer, ohne große Zwischenstufen mit derart unbändiger Wut begegnet wird. Freigiebig und abstempelnd weist der Bericht der Staatssicherheit den Jugendlichen das Attribut “negativ-dekadent” zu, wobei die Wortwahl “dekadent” jegliche Schuld der inneren Schwäche des Individuums zuweist (der Duden nennt als Synonym u.a. “angekränkelt”) und sich die Frage spart, wieso diese Jugendlichen, die mutmaßlich allesamt das Bildungssystem der DDR durchlaufen durften, so abweisend reagieren. Individuelle Unzurechnungsfähigkeit (zum Zweiten).

Verletzte gab es im Ergebnis auf beiden Seiten. In der Sphäre der Gerüchte wird darüber diskutiert, ob es gar Tote und wenn ja, wie viele gab. Der Abschlussbericht des MfS weiß davon nichts, sondern rapportiert einzig, dass zwei Monate später nur noch einer der in den Schacht gestürzten Jugendlichen stationär behandelt wird. Alle anderen, also auch die 66 verletzten Volkspolizisten hätten die Krankenhäuser verlassen. Ein Reuters-Korrespondent hatte dagegen laut SPIEGEL berichtet, es

“habe [..] drei Tote gegeben – ein Mädchen sei beim Sturz in einen Luftschacht ums Leben gekommen, ein Volkspolizist sei erstochen, ein zweiter mit einem vollen Bierkasten erschlagen worden.” (o.A.: Brennende Uniform. In: Der SPIEGEL, 46/1977, S. 65-66)

Der Bericht der Staatssicherheit berichtet immerhin von “feststehenden Messern” und “verbrannten Dienstmützen”. Mit welcher Motivation ein internes Dokument eventuelle Todesfälle verschweigen hätte wollen, dessen Ziel sehr deutlich die unmissverständliche Darstellung der Schwere der Ereignisse und die Ächtung der an den Krawallen beteiligten Jugendlichen war, kann hier nicht seriös beurteilt werden. Ungeachtet dessen handelte es sich zweifellos um ein Schlüsselerlebnis in der Geschichte der DDR, trat hier doch vor großem Publikum, an einem denkbar prominenten Ort, zu einem maßgeblichen Datum und vor Vertretern der internationalen Öffentlichkeit der Graben zwischen einem Teil der Jugend der DDR und der Ordnungsmacht des Landes unübersehbar zu Tage.

Die DDR-Nachrichtenagentur versuchte die Ereignisse in einer sorgfältig komponierten Meldung einzuhegen:

“In den Abendstunden des Freitags versuchten am Berliner Alexanderplatz einige Rowdys in unverantwortlicher Weise die Volkspolizei an der Rettung von Verunglückten zu .behindern. Jugendliche, die fahrlässig die Mauer eines Lüftungsschachtes am Fuße des Fernsehturms bestiegen hatten und dabei herabgestürzt waren, hatten sich Verletzungen zugezogen. Die Rowdys versuchten, die polizeilichen Maßnahmen beim Abtransport der Verletzten zu stören, randalierten und wurden tätlich. Das Verhalten der Rowdys löste Empörung bei der Bevölkerung aus, die die Volkspolizei bei der Sicherung von Ruhe und Ordnung unterstützte. Eine Anzahl Rowdys, die den Aufforderungen der Volkspolizei nicht nachkamen, weiter randalierten und Tätlichkeiten begingen, wurden zur Personenfeststellung zugeführt.” (zitiert nach Berliner Zeitung, Mo. 10. Oktober 1977, S. 8)

Aber bereits die Tatsache, dass diese Meldung ausgegeben wurde und in vielen, vielleicht sogar sämtlichen Tageszeitungen der DDR erschien, ließ jedem erfahrenen Leser der DDR-Presse ahnen, dass da etwas passiert war, dass über banales Rowdytum hinausging.

Bestätigt wurde dies durch einen ebenfalls an diversen Stellen (z.B. Neues Deutschland, 14.10.1977, S.2; Berliner Zeitung, 14.10.1977, S.2; Neue Zeit, 15.10.1977, S.8) jeweils wortgleich abgedruckten Kommentar ohne Verfasserangabe unter der Überschrift “Brunnenvergifter am Werk”, der die Berichterstattung westlicher Medien über die Ereignisse vom 07. Oktober 1977 zum Gegenstand hat. Es scheint durchaus wahrscheinlich, dass dieser Artikel unter einem sich entwickelnden Druck der Bevölkerung platziert wurde, die die eklatanten Lücken zwischen den Berichten von Mensch zu Mensch und den Berichten von Zeitung zu Leser erkannten. Wo mehr als 400 Jugendliche “zugeführt” wurden, ließ sich ein Ereignis sicher nicht einfach per ADN-Meldung klein halten.

Der Kommentar ist sehr aussagekräftig und ein Muster dessen, wie man in der DDR versuchte, unangenehmen Ereignissen einen genehmeren Spin zu geben. Die Einleitung wirft der westlichen Berichterstattung eine janusköpfige Praxis vor – bei inneren Ereignissen sachlich, bei Ereignissen in der DDR tendenziös:

“Wenn es in westlichen Ländern bei Rockfestivals, bei Fußballspielen oder ähnlichen Anlässen zu einer Konfrontation zwischen der Polizei und einigen Schreihälsen kommt, die Tätlichkeiten begehen, dann wird dies von der westlichen Presse, von Rundfunk und Fernsehen als das geschildert, was es ist, als nicht schön und lästig für den Mann auf der Straße.”

Das dient zur Vorbereitung einer wertenden Einschätzung, die einige Sätze weiter folgen wird. Zunächst jedoch wird die Praxis der DDR-Berichterstattung geschildert:

“Und die Massenmedien der DDR nehmen kaum Notiz davon, wenn auf dem Marktplatz oder dem Fußballplatz in Bonn sich so etwas ereignet.”

Bonn spielte natürlich selbst 1977 keine besonders große Rolle, was den westdeutschen Fußball und die Hooligan-Kultur betraf. Just im Sommer 1977 wurde dem Bonner SC als erstem deutschen Verein die Lizenz entzogen. Der neue Maßstab hieß Verbandsliga. Auch der Marktplatz der beschaulichen Bundeshauptstadt war kaum als Ort regelmäßiger Krawalle bekannt. Die Ortsnennung dient hier demnach ausschließlich dazu, um Hauptstadt gegen Hauptstadt zu setzen, wo man aus sachlichen Gründen treffender zum Beispiel Hamburg hätte wählen können. Aber vielleicht wollte man auch einfach logisch schlüssig wirken, wenn man zur Beschreibung der westdeutschen und westberliner Pressepraxis ansetzt:

“Ganz anders verhalten sich westliche Presseorgane und Medien, wenn etwas ähnliches in der DDR, in der Nähe des Fernsehturms am Berliner Alexanderplatz, passiert.”

Die Ereignisse am Fernsehturm werden entsprechend auf die Ebene einer Marktplatzrauferei am Rhein gestellt und als im Prinzip keiner Meldung wert qualifiziert. Marktplatzraufereien mit – vom MfS benannten – 61 verletzten Polizisten, verbrannten Uniformteilen und “Adolf Hitler – unser großer Führer”-Skandierungen wären aber im mit Sicherheit dem Schwarzen Kanal ein sehr willkommenes Thema ausgiebiger Berichterstattung gewesen. Und vermutlich dem Neuen Deutschland ebenso. Damit keine Zweifel aufkommen, fasst der unbekannte Kommentator die Ereignisse vom 07.10. noch einmal in knapper Form zusammen:

“Hier haben in leichtsinniger Weise, unter dem Einfluß heißer Rhythmen Jugendliche einen Luftschacht bestiegen und durch ihr Gewicht sowie durch rhythmisches Trampeln zum Einsturz gebracht. Rettungsaktionen des Roten Kreuzes und der Polizei für neun Verletzte, die von einer Ballustrade [sic!] gestürzt waren, wurden, wie bereits berichtet, von einer Reihe von Jugendlichen, die von der Beatmusik noch erregt waren oder einen Schluck zuviel getrunken hatten, blockiert.”

Der Stil wird an dieser Stelle etwas flapsig, betont das dusslige, aber am Ende lässliche Verhalten unvernünftiger Musikfans. Und ein paar alkoholisierte  oder vom Sound benebelten Anwesende haben einfach nur die Rettungsgasse nicht geräumt. Vor allem der Grund der Übererregung mittels Musik ist, bei allem Respekt, kaum nachvollziehbar, wenn man heute Lieder der Gruppe Express anhört, zu deren Repertoire Titel namens “Schlafenszeit”. und “Wenn die Musikanten heimwärts fahren” gehören. Aber vielleicht waren die Beat-Anhänger und Union-Schlachtenbummler damals noch anders empfänglich. Der Kommentator wird es besser wissen, denn er kommt darauf noch einmal zurück:

“Aus humanitären und gesetzlichen Gründen mußte die Polizei die Rettungsaktion des Roten Kreuzes für die verletzten Jugendlichen, die von der Ballustrade gestürzt waren, sichern. Die Polizei fand dabei die Unterstützung der Bevölkerung, aber es kam – dies sei festgestellt – zu Handgreiflichkeiten seitens einiger Rowdys bzw. solcher Jugendlicher, die unter dem Eindruck der heißen Rhythmen nicht wußten, was sie taten.”

Unzurechnungsfähigkeit (zum Dritten). Interessant ist zudem der leichte Zynismus, der mitschwingt, wenn hier von “humanitären und gesetzlichen Gründen” geschrieben wird. Wo neun Personen, aus welchem Grund auch immer, zweieinhalb Etagen in die Tiefe stürzen und sich so schwer verletzen, dass eine Person zwei Monate später noch in der Klinik liegt, gibt es sicherlich naheliegendere andere Gründe, zu helfen, als einen Gesetzestext. Was die “Bevölkerung” anscheinend wusste. Parallel zu den Bergungsversuchen eskalierte die Situation zwischen Volkspolizei und anderen Umstehenden, wobei  der Autor statt einem brutalen Agieren beider Seiten nur “Handgreiflichkeiten” sah, was er, wie wir heute wissen, exklusiv tat. Oder einfach eine andere Definition von “handgreiflich” pflegte.

Auffällig ist dabei zugleich, dass der Bericht des MfS von 100 an den Ausschreitungen beteiligten Personen spricht aber zugleich von 468 Zuführungen und Ermittlungsverfahren gegen 183 Personen berichtet. Zur Hauptverhandlung kam es laut Bericht gegen 103 Personen. Am Ende standen 64 Haftstrafen. Selbst in den Hochzeiten der Fangewalt im Fußball mit nicht wenigen Todesfällen ging man nie mit solchen Resultaten aus einem Bundesliga-Wochenende. Und sogar die Katastrophe vom Heysel-Stadion am 29. Mai 1985, bei der vor laufender Kamera und der Sprachlosigkeit entgeisterten Reporter 32 Fußballfans starben, führte nur zur 14 Haftstrafen, deren Maximallänge von drei Jahren sich mit denen deckt, die nach dem Alexanderplatz-Krawallen verhängt wurden.

Wobei die Heysel-Katastrophe möglicherweise ganz gut ins Bild der offiziellen DDR-Weltsicht passte. Denn für den Kommentator sind die Ereignisse vom 07. Oktober am Fernsehturm das:

“Also Dinge, die in der westlichen Welt tagtäglich passieren. Aber Presse, Rundfunk und Fernsehen, besonders der Bundesrepublik und Westberlins, versuchen jetzt aus diesem bedauerlichen Vorfall ein politisches Geschäft zu machen. Die Zurückhaltung der DDRPresse und -Medien zu den gegenwärtigen Vorgängen in der Terrorszene der BRD hebt sich davon wohltuend ab.”

Wer sich den SPIEGEL- und BILD-Journalismus dieser Jahre kennt, weiß natürlich, dass der Vorwurf des “politischen Geschäfts” schon ein Körnchen Wahrheit enthält. Aber es war und ist in jeder Sicht lächerlich, zu behaupten, die DDR-Medien wären neutrale Berichterstatter ganz im Dienst der Sachlichkeit gewesen. Natürlich gab es eine gewisse Polarisierung auf allen Seiten, wobei der SPIEGEL öfter noch seine eigene Agenda verfolgte. Der anonyme Brunnenvergifter-Kommentar selbst ist dahingehend ein grotesker Selbstwiderspruch. Die verkündete Zurückhaltung beim Thema RAF-Terror wäre eine eigene Untersuchung wert. Ein Grund für die journalistische Sparsamkeit zu diesem Thema könnte einfach gewesen sein, dass die Erarbeitung eines brauchbaren Narrativs für die Kommunikation des Deutschen Herbstes an die DDR-Öffentlichkeit zu zu kompliziert erschien. Offen gezeigte Sympathie war ja auch kein Weg. Hinter den Kulissen hatte man aber kein Problem damit, RAF-Aussteiger mit neuen Identitäten zu Bürgern der DDR zu machen und sie nach Cottbus oder Schwedt ziehen zu lassen. Was freilich ein Thema ist, das deutlich zu weit vom Luftschaft an der Rathausstraße und die Ereignisse am 07. Oktober 1977 fortführt.

Die waren zunächst ein tragisches Ereignis:

“Gleichzeitig mit mir kam ein Sanitäter mit einem Scheinwerfer an. “Die sind abgestürzt, die sind abgestürzt, holt sie doch raus]” schrie alles. Die Musik dröhnte weiter. Das war gegen 20.30 Uhr. Der Sanitäter leuchtete mit dem Handscheinwerfer in die Tiefe. Da lagen sie, acht Meter unter uns auf dem Beton. Ihre Körper, Arme und Beine waren völlig verdreht. Keiner bewegte sich, keiner schrie, kein Blut. Nach einer Viertelstunde versuchten Krankenwagen mit Sirenengeheul, da ranzukommen. Die Musik spielte weiter. Polizisten schlugen mit Gummiknüppeln für die Krankenwagen den Weg frei. Sie schlugen in die falsche Richtung, und die Wagen entfernten sich von uns.” (Karl Winkler: „made in G.D.R. Jugendszenen aus Ost-Berlin“. Berlin: Oberbaum-Verlag, Berlin 1983. Zitiert nach: Wir wollen euren Friedhofsfrieden nicht. In: Der SPIEGEL, 11/1983. S.98-104)

Die bei der Bewältigung gleichermaßen ungeschickt und äußerst brutal agierende Volkspolizei sorgte dafür, dass es für die Betroffenen, die Zugeführten, die Zeugen und die DDR-Geschichte eine Zäsur wurde. Ohne das je beabsichtigt sein konnte, steht bis heute das betonierte Hektagon der Luftschachteinfassung wie ein Quasi-Denkmal für die Ereignisse vom 07. Oktober 1977 im Berliner Stadtraum. Eigentlich könnte man ein richtiges daraus machen.
(Ben Kaden / Berlin / 21. Januar 2018)

Die Welt am Platz des Gedenkens: Über einen Stadtraum und eine Ansichtskarte aus Stalinstadt.

Die unlängst zu Ende gegangene Peter-Zumthor-Ausstellung im Kunsthaus Bregenz hat der Welt etwas ziemlich Wunderbares hinterlassen. Nämlich eine schmale Broschüre mit einfühlsamer und sprachzarter Prosa von Marcel Beyer. Kleine Bilder in dunklen, schmutzigen Farben – der Titel zurückhaltend, grau auf makellosem Weiß. Darin: Assoziationen aus Provinzen, von Trebatsch bis Tomioka, vom Schwielochsee bis zum Chemnitzer Küchwaldpark. Und mittendrin folgende, etwas härter Richtung Reisefeuilleton strebende Betrachtung:

“Von einem Eisenhüttenstadt-Krimi oder einem Guben-Krimi habe ich noch nie gehört. Die Plastinatorenfabrik ergäbe ein klassisches Versteck in Poe’scher Manier. Irgendwo um das Sowjetische Ehrenmal in Eisenhüttenstadt oder in den Grünanlagen an der Lindenallee könnte eine Leichte unentdeckt liegen von Sonntagnachmittag bis weit in den Montag hinein. Ausreichend Zeit, um Zeit zu verwischen.” (Marcel Beyer: Kleine Bilder in dunklen, schmutzigen Farben. Bregenz: Kunsthaus Bregenz. September 2017. S.9)

Ja., vermutlich könnte sie, vielleicht auch in einem dieser Ostbrandenburger Polizeiruf-110-Folgen des rbb. Alte Rechnungen aus dem Eisenhüttenkombinat, die Spur einer Fehde zwischen einem EKO und einem Stadt-Funktionär, die Gespenster des in der DDR ignorierten und nach der Wende planierten STALAG III B, ein Sturz in der Ruine des Kraftwerks Vogelsang, ein Axthieb im nebligen I. Wohnkomplex in schöner Fritz-Selbmann-Tradition. Eine Szenerie zumindest lässt sich leicht ausdenken. Und der Platz des Gedenkens mit seinem Obelisken obenauf und den Gebeinen von Kriegsgefangenen darunter, der Platz auf dem Walter Ulbricht im Mai 1953 den Plan für den Aufbau von Stalinstadt verkündete, ist heute trotz zentraler Lage am Sonntagabend wirklich ein Ort der Stille, gebrochen höchstens von einem rastlosen Jugendlichen, der sein aufgetuntes Auto von der Karl-Marx-Straße zur Lindenallee beschleunigt, um zu sehen, ob vielleicht doch noch jemand anderes unterwegs ist. Ein paar mehr Menschen als 1953 leben noch in der Stadt, mehr sogar noch als das Zehnfache sogar, was etwa der Hälfte der Einwohnerzahl von 1989 entspricht. Aber sie tun das auf deutlich größerer Fläche und in einem Durchschnittsalter, das auf eine interessante und verquere Weise an die einst “jüngste Stadt Deutschlands” erinnert. Viele der jungen Zuwanderer der 1950er und 1960er Jahre sind geblieben, ihre Kinder und Enkel in deutlich geringerer Zahl. Die sind jetzt in Berlin, Weimar, Hamburg oder Melbourne. Und kommen nie zurück. Aber nicht nur das: Der ohnehin traditionell mehr auf Daheimlichkeit und Kleingarten ausgelegte Lebensstil war schon immer eher ein Bremsklotz für die Entwicklung eines öffentlichen Lebens. Das höchste erreichbare Ziel in der Stadt war ein eigenes Häuschen in der Werksiedlung, in dem man in Sommernächten die Tonspuren der auf der Freilichtbühne gezeigten Filme von der Terrasse aus erleben konnte. Für die meisten derer, die zum neuen Werk und seiner neuen Stadt strömten, blieb die Hügellage wie auch überhaupt ein eigenes Haus unerreichbar. Die eigene Gartenlaube dagegen, das ging. Kam aber erst später.

Die Stadtplanerin Gabriele Haubold beschrieb Anfang der 1990er die Wesensart zumindest dieser Generation

„Hier sind die Leute dickschädelig und poltrig. Wer hier von Beginn an dabei war, hat zunächst wie ein Goldgräber gelebt, im Dreck, einer kleinen Hütte mit einem Kanonenofen, und mußte bei Wind und Wetter raus. Das prägt einen Menschenschlag.” (zitiert nach Hannes Bahrmann: Die Zukunft des Stahls entscheidet über die Lebensqualität. In: Neue Zeit, 24. Februar 1993, S. 20)

Offenbar prägte es den Menschenschlag so sehr, dass sie gerade nachdem auch die verordneten Zusammenkünfte im öffentlichen Raum entfielen, den reichlich vorhandenen öffentlichen Raum nur noch sehr selektiv als solchen nutzen. Weihnachtsmarkt, Turmblasen und Stadtfest, das geht. Das Phänomen des Flaneurs wird dagegen erfahrungsgemäß hauptsächlich durch auswärtige Besucher in die so wunderbar fußgängerfreundliche Stadt getragen, wobei sich bei Vorliegen einer Verwandtschaft hin und wieder auch die angestammten Einwohner aufraffen und mitlaufen.

Der Platz des Gedenkens in Eisenhüttenstadt im Sommer 2015
Gleichschritt erlebt am ehemaligen Platz der DSF eher nur noch zufällig. Was auch ganz gut ist. Aber Schritte durcheinander, also eine lebendige Nutzung, hätte die Fläche trotz aller Erhabenheit durchaus verdient.So wie der Stadtraum in Eisenhüttenstadt überhaupt. Aber wie? (Platz des Gedenkens in Eisenhüttenstadt im Sommer 2015, Foto: Ben Kaden)

Andererseits ist die Zahl der Ziele, die sich an einem Sonntagabend ansteuern lassen, äußerst gering und man mag eben nur soundso oft um den Block spazieren, gerade auch, weil das für Städte dieser Größenordnung übliche Zucken der Vorhänge in den unteren Etagen verdeutlicht, dass die Wohnkomplexe zwar auf den Straßen leer, in den Häusern aber wachsam sind. Außerhalb der Küchenfenster trifft man bestenfalls noch jemanden, der seinen Hund ausführt und womöglich den Platz unter dem Stern an einem Sonntagabend quert, ein Platz, der nun wieder in der Tat so liegt, dass man einige versteckte Eckchen findet, in die auch kein Blick aus dem Fenster gelangt. Wird der Hund anschlagen? Wird jemand nachsehen, wenn es im Gesträuch hinter den Gedenktafeln mit den Namen der hier mutmaßlich bestatteten sowjetischen Offiziere knistert?

Das mögen ein Regionalkrimirautor oder eine Drehbuchschreiberin beantworten. Festzustellen bleibt allein, dass sich die Ansicht, die sich Besuchern des Platzes zu einer Sonntagsstunde bietet, zwar in Einigem von der Szenerie einer Ansichtskarte des VEB Reprocolor aus den frühen 1950er Jahren unterscheidet. Die Bäume sind einander erheblich zugewachsen. Autos in einer 1953 und damit auch für die Stadtplaner unvorstellbaren Dichte säumen die kleinen Straßen, halb auf der Fahrbahn, halb auf dem Gehsteig. Aber mehr als zwei Menschen, also hier vermutlich Mutter und Kind und dort eine kleine, auf der Fotografie etwas verwaschene Gruppe, wird man selten flanieren sehen. Wohin auch?

Die jüngeren Menschen streben dagegen naturgemäß durchaus nach einem geselligen Aufenthalt im Freien, promenieren aber tatsächlich eher die Lindenalle hinunter oder verweilen an einer Parkbank, bisweilen mit dem traditionellen Ziel aller Halbstarkengenerationen, die Bandbreiten des Berauschtseins gemeinschaftlich zu erkunden. Bis in die 1990er Jahre hinein war es, wie mir gerade einfällt, eine übliche Praxis, dieses “Abhängen”, viel später “Chillen” auch vor bzw. in Hauseingängen zu zelebrieren. Man sprach von Cliquen bzw. Jugendcliquen, ein Wort, das im Vokabular der DDR nicht selten mit dem Ausdruck Rowdytum korrelierte. Noch um 1994 wusste eine solche Gruppe im frisch eröffneten Skateboardpark der Stadt den beiden damaligen Skateboardern der Stadt auf die Bitte, die Miniramp nicht durch das Hineinhängenlassen der Beine zu blockieren, mit dem Vorzeigen eines Schmetterlingsmessers entgegenzutreten, woraufhin einer der Skateboarder das nächste Mal eine Axt(!) einpackte und ich, der zweite Skateboarder, erst einmal woanders rollen ging. Die kurzen Wege der sozialen Netzwerke in Eisenhüttenstadt erwiesen sich freilich als auf unserer Seite stehend: Aus Schule und Nachbarschaft kannte man jemanden, der jemanden kannte und im Ergebnis war eine friedliche Koexistenz von zwei Skateboardern und der kleinen Truppe mit dem Messer etabliert, die aber deshalb eher kurz währte, weil der Skatepark den Nicht-Skateboardenden schnell zu langweilig wurde oder zu uncool, denn neben den Skateboardern gehörten vor allem Grundschüler mit Rollerskates und Kinderfahrrädern zum Stammpublikum der Anlage. Insofern stellte sich die berühmte Spielplatzerkenntnis auch hier ein: Jugendliche lieben solche Orte als Treffpunkte, verabscheuen aber die Gegenwart von Kindern, die zum Beispiel ungebremst einen Sandkasten mit sogenannten Klingelfahrten umzirkeln oder lautstark Klettergreife spielen. Cliquentauglich sind Klettergerüste und Skateboardrampen erst Richtung Dunkelheit und da rollten wir frühen Rollbrettler entspannt wieder Richtung VI. Wohnkomplex davon.

Ansichtskarte Wohnblock 11 in Stalinstadt
An Autos fehlts im Quartier. Noch. Ansichtskarte mit dem des Wohnblocks 11 in Stalinstadt aus den frühen 1950er Jahren.

Der Platz des Gedenkens war aufgrund seiner Bepflasterung niemals im Blickpunkt der Skateboarder der Stadt, zieht aber zumindest im Sommer hin und wieder Gruppen junger Menschen zum Verweilen an, die jedoch keiner mehr Cliquen nennt. Viel mehr an zwischenmenschlichen Aktivitäten lässt sich dort darüber hinaus nicht beobachten oder sowohl Marcel Beyer als auch ich sind immer zum falschen Zeitpunkt da.

Man darf, wie oben schon angedeutet, für die frühen 1950er Jahre mit Sicherheit davon ausgehen, dass es in der Jugend der Stadtbiografie, also in den Jahren namens Stalinstadt, zwangsläufig intensivere Platznutzungen gab. Die Zahl der Lokale für die Stahlgoldgräber war zudem äußerst überschaubar und deren Mangel auch ein Grund, warum der 17. Juli 1953 in Eisenhüttenstadt nicht ganz reibungsfrei verstrich. Nicht zuletzt zur Beruhigung errichtete man schnell die Großgaststätte Aktivist mit einem viel genutztem Tanzboden, auf dem sich so manche Energie und Lohntüte loswerden ließ. Eine in dieser Hinsicht aufschlussreiche Beobachtung bekommt man auch bei Helga M. Novak um die Ecke (eine Ecke, die ein Hafen in Island ist), die in ihrem Erinnerungsbuch Im Schwanenhals schreibt:

“Nicht weit […] entfernt standen andere ihrer Zunft um eine lodernde Tonne. Sie streckten die Hände dem Feuer entgegen und ließen eine Halbliterflasche reihum gehen, auf deren schwarzumrandetem Etikett stand Svarty Daudi: Schwarzer Tod. Den kannte ich schon. Die Männer boten mir an mitzutrinken, direkt aus der Flasche. Die nächsten zwei Flaschen bestritten sie von einem Haushaltsgeld. Vielleicht war ich doch nicht so falsch? Es erinnerte mich ans Eisenhüttenkombinat Ost in seinen wildesten Zeiten.” (Helga M. Novak: Im Schwanenhals. Frankfurt/Main: Schöffling, 2013, S. 152f.

Als die gezeigte Ansichtskarte am 12. November 1954 aus Berlin Richtung Nizza reiste, war Helga M. Novak bereits in Leipzig um an der Fakultät für Journalistik zu studieren und ahnte vermutlich in keiner Weise, welche verwinkelten Wege des Lebens sie in den kommenden Jahrzehnten zwischen Erkner, Island und Italien und immer wieder Berlin (und Grünheide) und mehrfach Leipzig erwarten würde. Aber keine Rückkehr nach Stalinstadt bzw. Eisenhüttenstadt. Sie würde also nicht sehen, wie die Bäume vor dem gezeigten Wohnblock Nummer 11 der Stadt wachsen würden,  der auf der Ansichtskarte als Ingenieursblock ausgewiesen wurde und in der Praxis ein bisschen besser als die restlichen Blöcke drumherum ausgestattet war. Und auch außen, übrigens, denn beide Giebel erhielten je ein Wandbild aus gutem Meißner Porzellan, das in der zeittypischen Ästhetik die Solidarität der Werktätigen (Südgiebel) und das private Glück daheim mit Katze und Kleinfamilie (Nordgiebel) in den Stadtraum leuchten lässt.

Der Text der Karte, die ein – so meine Entzifferung – Gilbert an einen Jacques mit einer Adresse bei der Verbandszeitung  La Fédération postale, der offiziellen Publikation des Nationalen Verbands der französischen Post-, Telegrafen- und Telefonarbeiter schickte, rapportiert eine Handvoll Fakten, die man sich als Leser von Heinz Glades Buch Begegnungen in Stalinstadt (Berlin: Kongress-Verlag, 1961) wohlgeformt aus dem Munde eines offiziellen Presseverantwortlichen der Stadtverwaltung rollend vorstellen kann: Es ist die erste sozialistische Stadt der Deutschen Demokratischen Republik, gegründet 1951, aktuell 11.000 Einwohner, geplant ist sie für 35.000 Einwohner, das Kombinat hat 6 Hochöfen (hauts fourneaux). à bientôt..

So entstehen Aufregung und Freude über die Addition der Karte zur kleinen Sammlung mit Eisenhüttenstadt-Motiven weniger aus einer bahnbrechenden Botschaft als aus der Tatsache, dass es offenbar eine ganze Reihe von ausländischen Abordnungen und Besuchern (siehe auch diesen Beitrag) in den frühen Jahren der Planstadt gab, die, wie es wohl die Abordnungskultur auch hoffte und plante, Ansichten von einer werdenden sozialistischen Idealstadt in die Welt sandten. Die darin eingebettete Friedfertigkeit berührt freilich aus einem ganz anderen Grund: Hin und wieder findet man auf einschlägigen Börsen posthistorische Stücke, die etwa zehn Jahre zuvor ganz aus der Nähe der Stalinstadt ins Ausland abgingen. Auf den Vordrucken stand oben in dicken Lettern: Kriegsgefangenenpost.

(Ben Kaden / Berlin / 20.Januar 2018)