Rudolf Sitte, Strehla, eine Ansichtskarte.

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Hin und wieder stößt man auf die Aussage, dass Rudolf Sitte, Bruder des DDR-Über-Malers und langjährigen VBK-Präsidenten Willi Sitte, zwar “sehr begabt” war, aber viel zu wenig Wertschätzung erfährt (so beispielsweise geäußert Martin Maleschka unlängst in seiner Rolle als Redakteur der Kunst-am-Wege-Facebook-Seite). Im Vergleich zu seinem Bruder mag Rudolf Sitte tatsächlich untergehen. Und leider verschwanden auch nicht wenige seiner Arbeiten, wie auch überhaupt viele der mitunter eher in den ignoranten 1990er und auch 2000er Jahen bestenfalls als dekorativ denn als erhaltenswerte Kunst wahrgenommenen Realisierungen – nicht nur von ihm sondern insgesamt aus der von ihm mitbegründeten und programmatisch benannten Dresdner  Produktionsgenossenschaft Bildender Künstler „Kunst am Bau“. Das geschah selten mit Vorsatz sondern meist, nun ja, zufällig mit den dazugehörigen Gebäuden. Es geschieht auch heute noch hin und wieder, aber zunehmend mit Protest und Gegenwehr.

Aber, auch das gehört dazu, Rudolf Sitte besaß ab 1981 eine Professur an der HfBK in Dresden, wurde regelmäßig in den Katalogen Kunstaustellungen der DDR gezeigt und verwirklichte in seiner Schaffensbiografie eine erstaunliche Vielfalt von baugebundenen Arbeiten, von denen viele erstaunlicherweise doch überlebten und noch heute betrachtet und wertgeschätzt werden können. Es reichte für ihn vielleicht nicht zu ganzen großen Wurf in die Unsterblichkeit der Kunstgeschichte. Aber er war trotz allem etabliert und anerkannt. Und er galt, wenngleich spät, auch fast ein wenig als Avantgarde in der baugebundenen Gestaltungskunst der DDR.

Sichtbar wird dies beispielsweise im vom Kollektiv Ulf Zimmermann für die Ingenieurhochschule in Mittweida entworfene Mensa- und Bibliotheksgebäude aus der Mitte der 1980er Jahre, für dessen künstlerische Innengestaltung sich Rudolf Sitte am Thema Leiterplatte orientierte. Die Themenwahl scheint nur folgerichtig, wenn man bedenkt als welche Leuchtfigur bereits mehr als 10 Jahre zuvor Werner Tübke den Leiter des Rechenzentrums für sein Monumentalgemälde “Arbeiterklasse und Intelligenz” aufs Wandbild brachte und wie die schematische Struktur einer Platine dem generell sehr geometrischen Ansatz von Rudolf Sitte und vielen seiner Kunst-Am-Bau-Kollegen entsprach. Die Digitalisierung war als Zukunftstechnologie in der DDR längst präsent, allerdings im internationalen Vergleich, wie sich zeigen sollte, nicht mit einer überlebensfähigen Leistungsfähigkeit.

Das informatische Denken floss nun also auch den kommenden Ingenieuren der späten DDR zum Mittagessen in Rot und Grün und Schwarz durch den Speisesaal, allerdings ohne Dominanzanspruch und auch ohne einen Hinweis auf eine eventuelle Vormachtstellung des informatischen Menschen sozialistischer Prägung. Rudolf Sitte traf den Geist seiner Zeit mit einer sehr gelungenen Form. Warum blieb er, so jedenfalls der Anschein, in der Nische?

Nun beschränkt sich mein Wissen über Rudolf Sitte und sein Schaffen leider auf das, was man in etwa beim Small-Talk im Treppenhaus aufschnappt. Auf dieser Basis lässt sich jedoch unschwer die, gern auch diskutierbare, These formulieren, dass er es unter anderem, abgesehen von einem biografischen Makel, in der DDR womöglich auch deshalb nicht ganz in die allererste Reihe der künstlerischen Prominenz schaffte, weil er zu sehr abstrahierende und grafisch geprägte Stilmittel bevorzugte, in denen der Mensch zwar auftauchte, aber in der Wirkung eben doch stärker selbst als grafisches Element und selten als Figur der unmittelbaren Identifikation. Zudem waren seine Umsetzungen keinesfalls so eingängig und allgemein vermittelbar wie zum Beispiel die eines Hans Ticha, der so etwas wie eine Pop-Art und damit sich selbst auch international etablieren konnte.

Rudolf Sitte blieb in der öffentlichen Wahrnehmung immer etwas am Rand, gut vernetzt und von Experten wertgeschätzt, aber doch möglicherweise auch irgendwie verdeckt durch die “Kunst am Bau”-Genossenschaft, in der zum Beispiel mit Karl-Heinz Adler jemand aktiv war, der vielleicht noch einen Tick innovativer formte. Dazu addierte sich mutmaßlich, dass man die Arbeiten der Genossenschaft überall dort, wo man Kunst vor allem galerieseitig betrachtet, bestenfalls nachgeordnet wahrnahm und wahrnimmt. Mitunter auch zu Recht. Die großartige Formengüte Friedrich Kracht’scher Formsteinwände berührt und überzeugt ästhetisch, lässt sich aber mit größter Anstrengung kaum über die Rolle des Ornaments hinaus ausdeuten. Was hier “Kunst am Bau” im Namen trug, war und ist am Ende in vielen Fällen nur Dekoration.

Spannend wird es bei Grenzfällen in Rudolf Sittes Schaffen. So findet man beispielsweise in der Motivwahl straff dem sozialistischen Motivschatz folgende Reliefarbeiten –  unter anderem mit Karl Liebknecht als Wegbereiter für Frieden und Sieg der Arbeiterklasse in der ehemaligen Schule der Volkspolizei in Berlin-Marzahn. Waffenbrüderschaft, Pioniergruß, Friedenstaube, sozialistische Familie und ein wenig Freizeitidyll. Ist das nur Ornament? Oder wird hier nicht doch auch inhaltlich eine individuelle Gestaltung jenseits der Formgebung sichtbar?

Andere, unstrittig als solche bezeichneten, Künstler (und man setzt das Maskulinum leider immer zutreffend, denn Künstlerinnen tauchten in den beschriebenen Zusammenhängen fast nie auf) schafften es mit einen ähnlichen Potpourri allseits bekannter Figuren bis in die Palastgalerie und damit dann auch ins Museum Baberini. So ist Willi Sittes aus dem gleichen Jahr wie das Relief seines Bruders stammende Großgemälde “Die rote Fahne – Kampf, Leid und Sieg” zwar interessanter durchkomponiert als das Marzahner Relief, aber im Ergebnis ebenfalls nur ein Neuaufguss von Altbekanntem. Und genau das sollte es für den Zweck wohl auch sein.

Wenn Willi Sittes Rotbild also Kunst ist, dann sind es Rudolf Sittes Themenreliefs auch. Allerdings bleiben beide selbst für die Kunstgeschichte der DDR ideengeschichtlich eher schmächtig, zugleich jedoch umso ausholender in der Form.

Ähnliches gilt für ein weiteres, häufiger thematisiertes Relief von Rudolf Sitte, dass 1969 im Zentrum von Cottbus enthüllt wurde und den bemerkenswertenTitel “Die revolutionäre Arbeiterklasse und ihr Sieg” trägt. Im Prinzip dürfte das gesamte Bild ein Eingeständnis sein und zwar, dass sich Rudolf Sitte wie auch einige seiner Kollegen bei “Kunst am Bau” (wie Vinzenz Wanitschke oder auch Dieter Graupner) Druck und Anforderungen der offiziellen Kulturpolitik beugten und genehmere Arbeiten anfertigten.

Entsprechend bewegt er sich beim Cottbusser Relief sogar formal erstaunlich nah am sozialistischen Realismus, was auch der Tatsache geschuldet sein dürfte, dass hinter der Entstehung fast ein Bitterfelder Weg lag: “Werktätige und Arbeiterveteranen” steuerten Bildidee und Gestaltungsansprüche bei. (vgl. ADN/BZ: Bildende Künstler verschönern Städte. In: Berliner Zeitung, 18.08.1968, S. 6) Zugleich hatte Rudolf Sitte ein wenig Pech, entstand doch parallel ein paar Meter weiter der Wandfries “Aus dem Spreewald” von Kurt Heinz Sieger, der mit seinem gekachelten Lokalkolorit den meisten Menschen der Stadt deutlich mehr Identifikationsfläche bot, als eine weitere Wiederkehr des, buchstäblich steingrauen, Mythos der siegenden Arbeiterklasse. Zwar qualmt auch im Spreewaldidyll die Traktorisierung im Hintergrund. Aber immerhin auf edlem Meißner Porzellan.

Und dann Halle. Vier Jahre arbeiteten Rudolf Sitte, Vincenz Wanitschke, Egmar Ponndorf und Hans Peschel an ihrem Betonrelief für das Haus des Lehrers am selbst für Verhältnisse der monumentalen DDR unwirtlichen Ernst-Thälmann-Platz – wieder zur Geschichte der Arbeiterbewegung, angefangen vom Kommunistischen Manifest bis hin zur Gegenwart, auch wenn der realexistierende Verkehrslärm darin keine Rolle spielten. Es ist natürlich offensichtlich, weshalb Künstler in der DDR solche Auftragswerke nicht ausschlugen. Sie ermöglichten, dass man zugleich halbwegs ungestört in freien Arbeiten eben auch freie Ideen folgen konnte.

Zugleich jedoch meißelten sie damit auch einen bestimmten Ruf in den Stein. Ein Vinzenz Wanitschke mag seine Kleinplastiken wie “Gelöschtes Leben” besonders wertgeschätzt haben. Aber im öffentlichen Blick verschwinden sie nahezu unvermeidlich hinter einem “Proletarischen Internationalismus”, der auf dem Robotron-Gelände die Fäuste in den Himmel reckt. Sie haben, wenn auch aus Gründen, mitgespielt und sich für einen Weg entschieden, der am Ende eher auf die Seite derer führte, die mit den Wende nicht unbedingt viel gewannen. Rudolf Sitte dürfte das vor Augen gehabt haben, saß er doch einst bei Heinz Lohmar in einer Klasse mit einem Künstler, der eine ganz andere Karriere einschlagen sollte: Gerhard Richter. (Immerhin wurde Rudolf Sitte die Ehre zuteil, die bildkünstlerische Gestaltung für den Friedhof zu übernehmen, auf dem der ehemalige gemeinsame Hochschullehrer seine letzte Ruhe fand.)

Hinzu kommt, dass eine offene kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle als bildender Künstler/in in der DDR oft unterblieb. Das mag aus verschiedenen Gründen nachvollziehbar sein. Es birgt aber auch die Gefahr, dass man in der Wahrnehmung in eine bestimmten Richtung isoliert wird, gerade als Bildhauer, von dem die Öffentlichkeit wenig mehr kennt, als rein ornamentale oder eben thematisch eher eindimensionale Wandgestaltungen. Dass die Form nicht immer folgsam war, geht dabei unter.

Ansichtskarte Erich-Weinert-Oberschule, Strehla
Ansichtskarte Erich-Weinert-Oberschule, Strehla

Als ebenfalls vor allem dekorativ gedacht aber im Vergleich zu vielen späteren Arbeiten deutlich sympathischer skaliert offenbart sich eine frühe Arbeit Rudolf Sittes für einen Schulneubau in der Kleinstadt Strehla aus dem Jahr 1961. Die oben abgebildete Ansichtskarte zeigt aufgrund der Perspektive, die der Fotograf (W. Lange) für die Inszenierung des Gebäudes und als Postkartenansicht wählte, zwar eher nur, wo sich das mehr Mosaik als Relief am Gebäude befindet. Aber immerhin. Ein anderes Zeugnis der Arbeit auf einer Ansichtskarte ist mir noch nicht begegnet.

Die konkrete Wandgestaltung weicht auf den ersten Blick nicht sonderlich von der Bildsprache der DDR Anfang der 1960er ab, entfaltet aber auf den zweiten einen erstaunlichen Reiz. Zwei Figuren schwer bestimmbaren Alters und auch in den Geschlechtsmerkmalen faszinierend ambivalent in einer floralen Szenerie, allerdings nicht pflanzend sondern in ein Halma-Spiel vertieft. Dazu addiert sich ein kleiner Vogel und möglicherweise ein stilisierter Fisch als auflockernde Füllfiguren. .

Heute steht die Schule aus dem Jahr 1961 unter Denkmalschutz. Sie entstand nach Plänen des Architekten Hans-Otto Gebauer, der sich in den 1950er Jahren ein wenig mit dem so genannten “Heimatstil” profilieren konnte und kurz darauf nach Westdeutschland abwanderte.Gebaut wurde sie daher vom wie Gebauer aus Dresden stammenden Siegfried Keller (und Kollegen).

Architekturgeschichtlich ist das Gebäudeensemble, wie auch der Heimatstil selbst, eine bemerkenswerte Zwischen-, teils auch Nebenstufe zwischen Repräsentationsansprüchen des Sozialistischen  Realismus, der DDR- bzw. Ostmoderne und der Typisierung der vollindustrialisierten Taktstraßenarchitektur. Es ist, wenn man so will, die gemütlichste und zugleich traditionellste Variante dessen, was in der DDR entworfen und gebaut werden konnte, oberflächlich gesehen nicht sonderlich spektakulär aber gerade deshalb durchaus passend in die entspannte Ländlichkeit von Strehla unweit der Elbe, Geburtsort von Heinz Kuhrig übrigens, der erst für die SED und später für die gesamte DDR für die Landwirtschaft zuständig war. Vielleicht war diese Herkunft ja auch ein Grund, warum die Schule ausgerechnet in Strehla entstand.

Dort also wurde noch Ziegel auf Ziegel gesetzt, dies aber zu einem weiträumigen Baukörper mit Pavillons, offenen Verbindungsgängen und einer zeittypischen Aula mit Galerie, ein helle und Spielräume schaffendes Haus, das offenbar auch heute noch funktioniert. Auf der sommerlichen Ansichtskarte erkennt man mit etwas Anstrengung (oder einer Lupe) sogar das Namensschild – Erich-Weinert-Oberschule sowie eine Reihe der Merkmale (Ziegel, Fensterfronten, Gebäudeform), die das Objekt bereits zur Entstehungszeit über andere Schulneubauten heraushoben.

Ansichtskarte Strehla Detail
Ansichtskarte Strehla Detail

Was lässt sich darüber hinaus sagen? Die Vegetation ist ungestaltet. Das Wetter wirkt warm, die Stimmung heiter. Wichtig war dem Fotografen, dass die Szenerie für die Ansichtskarte belebt wirkt. Drei Menschen, zwei junge Frauen, ein junger Mann laufen ihm entsprechend sozusagen entgegen, wobei der Mann ihn in den Blick nimmt, die Frauen ins Gespräch vertieft scheinen. Ein Fahrrad wartet auf Abholung. Der Weg zum Schuleingang wirkt auf der Aufnahmen schätzungsweise aus den frühen 1970er Jahren interessanterweise unbefestigt, was durchaus in eine Landgemeinde passt. Der Blick auf die Karte zeigt, dass der Eingang der Schule bewusst von der Hauptstraße entfernt liegt. Auf einen Vorplatz hat man verzichtet.

Die Karte ist beschrieben, wurde aber vermutlich in einem Brief verschickt. Daher fehlt auch ein Anhaltspunkt für eine Datierung. Die Botschaft lässt sich als typische Organisation der Selbstversorgung bestimmen: Eine Frau G. (“und Mutter”) schreibt an eine Familie N. anlässlich einer bei Fam. N. anscheinend anstehenden Schlachtung und bittet um “eine Rodwurst [sic!]”, zwei Leberwürste, Wurstbrühe, zwei Blutwürste, ein Pfund Gehacktes und zwei Pfund Wellfleisch. Für die Bezahlung bietet Frau G. zwanzig Mark per Zahlkarte und den Rest bei Übergabe. Mit herzlichen Grüßen. Der DDR-Wurstversand funktionierte anders als heute Otto-Gourmet.

Natürlich wünscht man sich als Philokartist hin und wieder gern eine andere Nähe zwischen Ansichtskartenmotiv und Botschaft und träumt bei dieser Karte davon, dass sie vom ausführenden Architekten Siegfried Keller aus Dresden nach, zum Beispiel, Sennestadt gewandert ist, um Hans-Otto Gebauer zu zeigen, wie schön sein Entwurf in der Umsetzung aussieht, vielleicht noch mit einem Gruß vom alten Freund und Formgestalter Rudolf Sitte. Anderseits ist es aber auch schön erdend, die Durchlässigkeit der Dinge zu sehen und zu realisieren, dass die Darstellung eines herausragenden Schulneubaus der DDR mit den vielleicht eingängigsten architekturbezogenen Arbeiten eines unabwendbar im Schatten seines Bruders verschwindenden Bildhauers, am Ende dazu diente, Rotwurst und Wellfleisch zu bestellen.

(Berlin, 15.07.2018)

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Defesa Animal – zu einer Briefmarke.

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Eher zufällig fand mich unlängst eine Briefmarke aus Brasilien, die den Tierschutz, im speziellen Fall den Schutz von Haustieren würdigt. Marken wie diese sind für mich unvermeidlich immer auch Erinnerungsauslöser –  wie vermutlich für viele Menschen mit einer Neigung zur Philatelie. Wobei Philatelie keinesfalls zwingend mit Briefmarkensammeln gleichzusetzen sein muss. Im besten Fall meint sie die Freude am Phänomen Briefmarke oder auch am Einzelstück aber eben nicht primär und ausschließlich ein zielstrebiges Zusammentragen, Ordnen und damit Abbilden einer bestimmten wie auch immer gearteten Domäne von Postwertzeichen.

Möglicherweise zeichnen sich hier schlicht zwei Kulturen oder Perspektiven im Umgang mit Briefmarken ab: eine staunend explorative und eine systematisch erfassende. (Abstrakt findet sich dieses mal polarisierende, mal wechselwirkende Muster von Zulassen und Ordnenwollen natürlich in sämtlichen Varianten des Erfahrens von Welt.) Selbstverständlich gibt es Übergänge. In jedem Fall gibt es Überfluss und zugleich an manchen Stellen Mangel, wobei von letzterem die immer noch in erstaunlicher Zahl existierenden Auktionshäuser profitieren.

Das Phänomen der Social Philately, das in der Deutschen Briefmarkenzeitung unter der Kategorisierung “Postgeschichte” mittlerweile erfreulich häufig präsent ist, etabliert sich, vielleicht, als ein Vermittlungsansatz zwischen den beiden benannten Polen des Umgangs mit Briefmarken über die reine postalische Funktion hinaus. Eine thematische Einordnung und das Aufzeigen vor allem historischer Hintergründe ist seit je Thema der philatelistischen Zeitschriftenliteratur. Die Social Philately erweitert diesen Ansatz jedoch erheblich: Ihr geht es um die Auseinandersetzung mit dem Einzelstück, was selten eine Einzelmarke und oft ein erhebliche Zeitspuren tragendes Zeugnis, zum Beispiel ein Telegramm von Hanoi nach Karl-Marx-Stadt ist (siehe Peter Fischer: Karl-Marx-Stadt 1967. In: Deutsche Briefmarkenzeitung, 05.01.2018, S. 24).

Es finden sich zugleich unzählige weitere denkbare Annäherungen an das Phänomen Philatelie – druckgeschichtliche, gestaltungstheoretische bzw. typographische (siehe zum Beispiel diesen sehr empfehlenswerten Artikel zu den Briefmarkenentwürfen von Henning Wagenbreth) und natürlich motivgerichtete in jeder erdenklichen Verästelung.

Entsprehend eröffnet auch die brasilianische Ausgabe “Defesa Animals” vom 19.03.2018 vielschichtige Zugänge. Zum einen erschließt sie, wie angedeutet, einen persönlichen Erinnerungsraum, denn Tiere auf Briefmarken sind – vielleicht neben Sport, Comicfiguren und Raumfahrerei – das, was bei Kindern (sofern überhaupt) den Blick auf für Briefmarken öffnet(e). Ich jedenfalls habe ein kleines erstes Album, in dem ausschließlich, vom vielen Herausziehen und Zurückstecken arg ramponierte, Tierbriefmarken stecken. Das vorliegende, noch makellose Exemplar werde ich aus Gründen der Nostalgie hinzufügen, sobald dieser Text beendet ist.

Die Gestaltung der Marke durch Carolina Spina und Marcela Tenório erfüllt vermutlich genau das, was man 2018 für eine solche Themenausgabe erwartet. Dass zwei denkbar durchschnittlich aussehende Tiere und nicht etwa eine Rassekatze und ein besonders gezüchteter Hund dargestellt werden, unterstreicht deutlich das tierethische Anliegen der Ausgabe: “Amor, Respeito, Vida” ist allen Tieren gleichermaßen, bzw. wenigstens allen Hunden und Katzen gleichermaßen, entgegenzubringen.

Briefmarke Brasilien 2018 - Defensa Animal
Briefmarke Brasilien 2018 – Defensa Animal

Dass diese Botschaft heute allen Menschen auf Höhe der Zeit fast selbstverständlich erscheint, markiert unbestreitbar einen der bedeutenden Fortschrittspunkte der Gegenwart: die Verschiebung von einer anthropozentrischen hin zu einer pathozentrischen Sicht auf die Mitwelt. Das Tier, insbesondere das Haustier, ist uns, also dem Menschen, per se ausgeliefert, woraus sich eine besondere Verpflichtung ergibt. Als empfindendes Wesen ist es gerade vor Willkür zu schützen, es ist im Rahmen des Möglichen als das anzunehmen, was es ist, mit seinen eigenen Bedarfen und Bedürfnissen.

Naturgemäß fällt solch ein Schritt bei Hunden und Katzen und anderen domestizierten Tieren besonders leicht und zwar nicht nur allein wegen des, wie die Marke erneut demonstriert, den Menschen in der Regel angenehm berührenden Äußeren, sondern auch, weil sie im Gegensatz zu den meisten anderen Tieren nicht per se defensiv auf die Präsenz des Menschen reagieren, sondern kommunikativ. Sie sind Mitwesen, oft unmittelbarer Teil des Familiengefüges. Im besten Fall wirken sie damit als Verbindungen und Übergänge, die es uns irgendwann ermöglichen, den Umgang mit Tieren möglichst weiträumig auf einem Niveau wie etwa der Stufe 6 von Lawrence Kohlbergs Modell zur Moralentwicklung (“Orientierung an allgemeingültigen ethischen Prinzipien”) zu organisieren. Der Weg ist noch lang, aber man erkennt mit ein wenig geschichtlichen Bewusstsein verblüfft, wie vergleichsweise beschleunigt doch die Entwicklung zu einem tierethischen Grundkonsens ablaufen. Dass der Mensch dennoch nach wie vor das grausamste Tier insbesondere den Tieren gegenüber ist, steht nicht nur angesichts der Agrarindustrie außer Frage. Doch er stellt sich mehr und mehr dieser Tatsache. Hoffentlich.

Diese Selbstbefragung setzt freilich eine Beschäftigung mit den komplexen ethischen Problemstellungen des Mensch-Tier-Verhältnisses voraus. Eine Briefmarke allein wird hier nicht viel ausrichten. Aber sie kann doch und gerade im Alltagsgebrauch daran erinnern, ein Zeichen setzen, eine Anregung geben, eine Assoziation hervorrufen, die sich bei den Empfängern einer Sendung einstellt, die zunächst am Motiv hängenbleiben – “Ach, das ist ja ein schöne Marke!” – und diese dann mehr oder weniger unterbewusst weiter verarbeiten. Daher ist es fast bedauerlich, dass die Auflage dieser Marke bei nur 120.000 Stück liegt, was sie für Sammler zwar interessanter macht, ihr mögliches Auftauchen jedoch erheblich einschränkt. Gut ist in jedem Fall, dass es sie gibt und dass sie ausdrücklich mit dem Gedanken der Verbreitung eine tierethischen Idee, die seit 1988 auch in der basilianischen Verfassung verankert ist, herausgegeben wurde. Entsprechend mag man hier sogar weniger mit der Idee der “sozialen Philatelie” (in einer anderen Bedeutung als “Social Philately”) erkennen, auch wenn der gewünschte Effekt fraglos gesellschaftlich ist. Sondern man sollte präziser von einer “politischen” sprechen.

(Berlin, 06. Juli 2018)