Die Treppe / Transit. 18. / 25. Mai 2018

Diptychon Die Treppe / Transit - 18. / 25. Mai 2018 (Staatsratsgebäude, Frankfurter Allee)
Die Treppe / Transit – 18. / 25. Mai 2018
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Der Heimgang im Durchgang. Zu einer Wand- und Raumgestaltung von Steffen Mertens in Berlin-Friedrichshain

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Details der Arbeit "Heimgang der Akrobaten" von Steffen Mertens
Ein kleines Haus und ein Paar Akrobaten – Kunst am Bau von Steffen Mertens in Berlin-Friedrichshain (1986/87)

Im September 1987 eröffnete im Untergeschoss einer der Plattenbauten, die seit 1984 im östlichen Friedrichshain die Lücken an der Frankfurter Allee füllten, eine Galerie. Das Programm für die Wohnbebauung war ambitionierter, als die Häuser dem heutigen Betrachter der sich Richtung Lichtenberg gentrifizierenden Hauptachse des Bezirks vermutlich vermitteln können. Dem Architekten Till Dorst stellte sich nämlich die Herausforderung, eine bauliche Lösung in Bezug zur bestehenden Altbausubstanz (fachsprachlich: Quartierrandbebauung) umzusetzen, wozu auch eine für Plattenbauten bekanntermaßen nicht typische Ausstattung mit Ladenlokalen gehörte. In eines dieser zog nun direkt am Durchgang zur Müggelstraße die “Galerie Passage”, mit 90 Quadratmetern nicht allzu groß aber mit einer hochkarätigen ersten Schau, nämlich einer zum Werk von Fritz Kühn. Vor der Galerie bildete dessen Skulptur “Kosmische Kreise” aus dem Jahr 1983 einen schönen Kontrapunkt zur weitgehend rechtwinkligen Geometrie der neuen Sechsgeschosser, die teilweise noch eingerüstet standen. Die Besprechungen zur Ausstellung waren positiv (so die von Sabine Sülflohn für die Neue Zeit, Ausgabe vom 10. September 1987, S.7). Innen konnte man unter anderem Teile von Fritz Kühns Variationen zum Buchstaben “A” sehen, einer für sein Schaffen sehr maßgeblich Arbeit, die heute noch unversehrt die Besucher der Zentral- und Landesbibliothek Berlin in der Breiten Straße in Empfang nimmt. Oder auch Varianten der Formen, mit denen er den Eingang der Komischen Oper rahmte. Einen Monat später waren die A’s und die Formen aus der Galerie und die Kosmischen Kreise vom Gehweg der Frankfurter Allee verschwunden. Stattdessen sah man dort eine Kuh, die Passanten in die Passage locken sollte zu einer Ausstellung mit Tierplastiken des bekanntesten Theaterplastikers der DDR, Eduard Fischer, seit 1950 am Berliner Ensemble und später mit Tieren und Masken auf vermutlich jeder Bühne der Republik vertreten und hin und wieder sogar im nicht-sozialistischen Ausland. Nach hinten hinaus, also zur Müggelstraße, gab es eine kleine Terrasse mit Café-Bewirtschaftung. Die kann man sich merken, denn im Gegensatz zur Galerie, die längst eine Sportsbar ist, findet sich dort immer noch die Möglichkeit, etwas zu trinken. Die Terrasse gehört nämlich zur “Allee-Bar” und bietet Zugang zu einer Bierauswahl, die für die meisten Bürgerinnen und Bürger der DDR des Jahres 1987 nur der süße Schaum einer diffusen Sehnsucht gen Westen sein konnte.

Buchstäblich von der Terrasse über die Pflasterung dieses Durchgangs unterm Plattenbau zwischen rauschener Haupt- und meist bestenfalls flüsternder Nebenstraße zieht sich eine Raumgestaltung, die die nunmehr 30+ Jahre ihrer Existenz vergleichsweise sehr gut überstand. Der Bildhauer Steffen Mertens bekam nämlich die Gelegenheit, die Passage neben der Passage zu gestalten. Er griff zum Backstein und zum Detail und kleidete den sonst wenig einladenden Doppelgang auf der einen Seite mit mehr und auf der anderen Seite mit etwas weniger Einzelheiten aus, die zwei schwebende Hauptfiguren begleiten, welche sehr offensichlich namensgebend sind für die Arbeit “Heimgang der Akrobaten”. Dieses Potpourri aus kleiner und großer Kunst ist leider aufgrund der baulichen und lichtspezifischen Konfiguration nicht übermäßig fotogen aber gerade deshalb umso besuchens- und studierenswerter, auch wenn gelegentliches Graffiti und eine stadträumlich nicht minder wie Vandalismus anmutende Platzierung einer Packstation der Deutschen Post das Vergnügen etwas eintrüben. Die Liebhaber eines kühlen Pilsners, die den Außenbereich der Allee Bar bereits an frühen Sommernachmittagen bevölkern, bleiben zudem bei ihrer Sache, denn in dieser Ecke von Friedrichshain ist man viel Kauzigeres gewohnt, als zum Beispiel mittelalte Männer, die sich hinhocken, um irgendetwas auf dem Gehsteig zu untersuchen. Würden sie herüberblicken, könnte man begeistert rufen: “Schaut! Äpfel, Birnen, Autos, Busse!” Dies entspräche der Wahrheit und würde zugleich jeder eventuellen Konversation vorbeugen.

Ich habe einige Detailaufnahmen zum Heimgang der Akrobaten auf Flickr hinterlegt und werde vermutlich weitere anfertigen und ergänzen. Wer mehr über Steffen Mertens und sein Werk erfahren möchte, kann einmal einen Blick auf seine Internetpräsenz werfen. Und wer am S- oder U-Bahnhof Frankfurter Allee aus- oder umsteigt, sollte ruhig einmal das kleine Stück zur Frankfurter Allee 94a gehen und dort aufmerksam Wand und Boden betrachten. Denn für die architekturbezogene Kunst der DDR ist diese Gestaltung in Ton, Klinker und Backstein sehr ungewöhnlich, formal viel näher, vielleicht, bei Eduard Fischer als an Fritz Kühn, aber genau genommen ganz für sich. Und schön, schön, schön.

(Berlin, 26.05.2018)

Ein Blick, eine Hand. Eine Notiz zum Berliner Revolutions-Relief von Gerhard Rommel

von Ben Kaden (@bkaden)

Details aus dem Bronzerelief "Novemberrevolution in Deutschland" von Gerhard Rommel
Details aus dem Bronzerelief “Novemberrevolution in Deutschland” von Gerhard Rommel, enthüllt 1988 am Neuen Marstall in Berlin-Mitte. / Fotografien: Ben Kaden, 18.05.2018

Der Lauf der Welt richtete es eigenartiger Weise so ein, dass zentrale Ereignisse der deutschen Geschichte regelmäßig auf einen 09. November fielen. Den aktuell lebenden Generationen dürfte der 09. November 1989 besonders prägnant im kollektiven Gedächtnis stehen. Im Jahr 1988 dagegen gedachte man, zumindest in Ostberlin, mit großem Staat dem 09.November 1918. Exakt ein Jahr, bevor die Mauer fiel, stand der 70. Jahrestag der Novemberrevolution auf der Tagesordnung, allerdings nicht auf den Titelblättern der Tageszeitungen, denn die Geschichtsdichte dieses Datums rückten den 50. Jahrestag der Reichsprogromnacht auch in der DDR berechtigterweise vor alle anderen Dinge, an die man sich in Deutschland an diesem Tag erinnern sollte. Wie diese Ballung des zu Gedenkenden in diesem Jahr ausfallen wird, werden wir am 09. November beobachten können.

Es gibt unvermeidlich einige Spuren, die im Stadtraum Ostberlins an die Novemberrevolution erinnern. Ins Auge der Touristen fällt vermutlich am häufigsten das Doppelrelief am Neuen Marstall auf der Spreeinsel, vis-a-vis mit dem viel neueren Schloß. Ernst von Ihnes durchaus eindrucksvolles Domizil für die hoheitlichen Pferde, die am 09.November 1918 auch ihre Bestimmung einbüßten, wurde Zentralort der Revolution und damit steinerner Endpunkt von Kaiser und König in deutschen und preussischen Landen. In der sich findenden (und bald darauf wieder verlierenden) Republik wurden aus den Ställen Magazin und aus dem Haus die Berliner Stadtbibliothek. Die Reliefarbeiten kamen erst denkbar spät ans Gebäude, nämlich zum besagten 70. Jahrestag, 1988. Mit einer Breite von jeweils etwa dreieinhalb Metern und sieben Metern Höhe handelt es sich bei den Bronzen des Bildhauers Gerhard Rommel durchaus um Großformatkunst, die freilich im Gesamtensemble am Schloßplatz ein wenig untergeht und öfter übersehen wird, als man bei solchen Maßen eigentlich annimmt.

Auf dem linken Relief sieht man Karl Marx die gedanklichen Grundlagen für die Revolution deklamieren und darunter das Volk, offenbar ausschließlich aus Männern bestehend, beim Waffengang zur Selbstbefreiung aus dem ebenfalls in Bronze gefassten Elend. Auf der rechten Seite ruft ein etwas verloren herausgehobener Karl Liebknecht die “freie sozialistische Republik” aus. Arbeiter und Soldaten hören ihm zu, jubeln im zu und singen möglicherweise die Internationale in der Textfassung des vier Jahre zuvor (also im November 1914) in Flandern gefallenenen Emil Luckhardt. Die entsprechende Szene in Kurt Maetzigs Film “Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse” hat das kollektive Gedächtnis jedenfalls dahingehend nachhaltig geprägt.

Die Positionierung von Karl Liebknecht ist heute eigentlich noch passender als am 09. November 1988, an dem er ja nur Richtung Palast der Republik rufen konnte. Jetzt ist wieder das Berliner Schloß der Adressat, was seinen Worten eine frische Bedeutung schenkt:

“Das Alte ist nicht mehr. Die Herrschaft der Hohenzollern, die in diesem Schloß jahrhundertelang gewohnt haben, ist vorüber. In dieser Stunde proklamieren wir die freie sozialistische Republik Deutschland.”

Das Portal, von dem diese Worten die revolutionären Massen im Lustgarten erreichte, steht derweil ein paar Schritte weiter als Eingang früher des Staatsratsgebäudes, aktuell der ESMT Business School, deren Lehrplan und Gründerinstitutionen (unter anderem die Axel Springer SE) antisozialistischer nicht sein könnten. Ja, Berlin ist eine postmoderne Mischung höchster Qualität.

Frauen hat Gerhard Rommel exakt jeweils einmal in die Ecken gesetzt. Beim Marx links unten als angstvolle Mutter, die mit grotesk riesigen Händen ihr Kind umklammert, während über ihr die Revolution losbricht. Und beim Liebknecht in der rechten Ecke, die Hand nach ihrem Säugling ausstreckend, den ihr einer der siegreichen Matrosen reicht. Hoffentlich um die Mutterrolle zu verdeutlichen versah der Bildhauer die Figur mit über Gebühr auffallenden, fast obszön herausgestellten Brüsten, die auch einem Russ Meyer hätten gefallen können und deren Mamillen durchs Trikot drücken, als käme sie gerade vom Wet-T-Shirt-Contest. Es überrascht regelmäßig, wie, nun ja, fantasievoll sich viele Bildhauer der DDR der Herausforderung Anatomie weiblicher Körper annäherten. Das Gesicht allerdings gelang Gerhard Rommel recht schön, natürlich reibungsfrei im Echoraum des sozialistischen Realismus, weshalb ich es hier einmal herausgehoben dokumentieren möchte und auch eine Hand, die eher geschlechtsneutral erscheint und in jedem Fall kraftvoll. Das Problem allerdings bleibt bestehen: Die Rolle der Frau in der sozialistischen Republik war (nicht nur) bei dieser Arbeit zumindest bildsprachlich die einer Randfigur, passiv, funktional reduziert auf eine Mutterrolle und so ohnmächtig, dass ihr dabei noch ein tapferer Revolutionsmatrose als Beschützer der zukünftigen Generationen buchstäblich zur Hand gehen muss. Ein klein wenig aktiver durfte die Perspektive der Frau bei den Feierlichkeiten neben dem Relief ausfallen, wie die zeitgenössische Presse berichtete:

“Das Vermächtnis der Revolutionäre von 1918 in der DDR mit aller Kraft verwirklichen zu helfen, versprach die 20jährige Cathleen Themel, FDJ-Sekretär im Berliner Glühlampenwerk des Kombinats NARVA, dem vor genau zehn Jahren der Name Rosa Luxemburg verliehen worden war. Der Name einer der engagiertesten Kämpferinnen in den Tagen der Novemberrevolution ist für mich und meine Freunde nicht nur täglicher Ansporn, auf der Höhe der Zeit zu sein, sondern gleichzeitig alles für die Stärkung unseres sozialistischen Vaterlandes zu tun. Indem wir unsere eigenen Ideen und Fähigkeiten bei der weiteren Gestaltung unserer Gesellschaft einbringen, leben die Ideale der Novemberrevolution durch unsere Arbeit in uns weiter, sagte die Kandidatin der SED.” (ADN-Meldung in der Berliner Zeitung, Ausgabe 09. November 1988, S. 6)

Ein Jahr später sollte sich auch für sie die Welt vom Kopf auf die Füße stellen. Vorerst hieß es jedoch:

“Zum Abschluß des Meetings erklang die „Internationale”. (ebd.)

(Berlin, 19. Mai 2018)

Hände / 18.05.2018

Die Hände (Womacka / Gröszer / Womacka) - Drei Detailaufnahmen von Kunstwerken
Hände / 18.05.2018 (Walter Womacka / Clemens Gröszer / Walter Womacka)

äußere Aufnahmen: Details – Walter Womacka “Geschichte der Arbeiterbewegung” – Klebeglas / Auftragswerk für das ehemalige Staatsratsgebäude der DDR
mittlere Aufnahme: Detail – Clemens Gröszer “Ruth Zechlin”, Mischtechnik auf Leinwand, 1986