Michael Schade / Irreguläre Tage

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

In meiner nicht sonderlich systematischen wohl aber in der Perspektive unverkennbar konzentrierten Leseliste der vergangenen Monate verortet sich das gestern gelesene Michael Schades “Irreguläre Tage” fast instinktiv zwischen Radjo Monks “Blende 89” und Manja Präkels “Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß”. Ein wenig sonderbar scheint das auf den ersten Blick schon, denn die jeweilige Motivation zur Lektüre war, wie meistens, sehr zufällig und jeweils anders gelagert. Manja Präkels’ Buch las ich, wenn man so will, aus der Perspektive einer Kindheit in Jugend in Brandenburg um die Wendezeit, auch um zu sehen, wie sich ein Erlebenszeitraum, der mir selbst sehr vertraut ist, aus ihrer Perspektive darstellt. Mein Eisenhüttenstadt circa 1985-1995 trifft sicher nicht im Detail ihr Zehdenick dieser Jahre. Aber beinahe erschreckend zeigt sich, wie ähnlich sich bestimmte Muster der DDR und ihrer Auflösung als eine Art biografische Verbindungslinie zwischen sehr vielen derer spannen lassen, die man eine Weile als “Dritte Generation Ost” bezeichnete.

Michael Schade, zehn Jahre vor Manja Präkels geboren, ist in gewisser Weise ein Angehöriger einer “Zweiten Generation” der DDR, ein Fakt, der mich überhaupt nicht interessierte, als ich sein Buch “Irreguläre Tage”  zur Hand nahm. Der Auslöser war hier Fotografie, genauer ein Interesse für die Fotografie der (Post-)DDR und was aus ihr wurde und der sehr früh verstorbene Michael Schade als Schüler Arno Fischers ist da ein nahe liegender und wahrscheinlich viel zu wenig präsenter Akteur.

Radjo Monk (bzw. Christian Heckel) schließlich ist, fünf Jahre vor Michael Schade geboren, gerade so noch Teil der Generation der in den 1950ern in der DDR Geborenen. Die wenigen Jahre Unterschied spielen, wie das Nebeneinanderlegen der Texte zeigt, eine erstaunliche Rolle und zwar dann, wenn es um die Wahrnehmung und Deutung nicht unbedingt der sich desintegrierenden DDR der 1980ern sondern um ihr Ende und die unmittelbare Wendezeit geht. Und wahrscheinlich sogar darum, wie man sich aus welcher Lebensposition mit der neuen Lage zu arrangieren versuchte. Neben den individuellen Spuren treten auch generationale Unterschiede deutlich hervor, was sich möglicherweise fast zwangsläufig aus den eher streng oder eng normierten Lebensabläufen im kleinen Kosmos DDR, Land vergleichsweise hoch entwickelter, größtmöglicher Homogenität, ergeben musste.

 

Fotografie des Buches Irreguläre Tage von Michael Schade
Irreguläre Tage / Michael Schade

Alle drei Bücher wurden von Menschen jeweils in ihren 30ern geschrieben, also in einem Lebensabschnitt, in dem man sich gemeinhin intensiver darauf befragt, ob man nun da ist, wo man sich in seinem jugendlichen Ungestüm gern gesehen hätte, ob man zufrieden mit seiner Lage ist, ob man schon ankommen konnte und worauf man vermutlich noch immer keine fixe Antwort zu finden in der Lage sein wird.

Für Radjo Monk konnte es schon deshalb keine geben, weil ihm gesamte gesellschaftliche Bezugsraum auseinanderlief, auch wenn man seinen Unwillen zum affirmativen Arrangement mit dem Alltag der Spät-DDR von vornherein spürt. Er stammte sichtbar aus einer Art Gegenwelt. Dennoch: Selbst für diejenigen, die in Leipzig oder auch im Prenzlauer Berg in ihren intellektuellen Nischen versuchten, einen Halt nach ihrer Fa­çon zu finden, war die DDR mit ihren absurden Selbstbildern und dem verzweifelten Kampf darum, diese stabil zu halten, unvermeidlich Stützpfeiler und Orientierungspunkt. Zugleich wirkte sie auch, wie man dem Wendetagebuch aus dem Herbst 89 lange ablesen kann, ein bedeutender Identifikationskern, denn auf den Montagsdemonstrationen lief bis zum November auch die Hoffnung der Realisierung von etwas Utopischem, Besseren mit, dass auf die nun unverkennbar gescheiterte Ausführung der DDR-Spielart der Idee des Sozialismus aufsetzen sollte, liberaler, mit einer neuen Verfassung und einem neuen Selbstbewusstsein. Die Geschichte ist bekannt und in zahllosen Zeugnissen der Ernüchterung dargelegt. Aber als Innenperspektive eines Erlebnisjournals aus Leipzig erscheint sie doch wieder einzigartig und ich danke der Büchergilde Gutenberg, dass sie mich über die Verlegenheit eines späten Quartalsplichtkaufes zu diesem schönen, aus meiner Sicht ebenfalls viel zu wenig präsenten Buch führte und genell für die so wichtige Reihe der “Verschwiegenen Bibliothek“.

“Er erbat sich ein paar Fotografien von mir […] Fotografien seien dafür prädestiniert, die Erinnerung zu unterstützen, denn sie zeigten die Dinge im Zusammenhang mit einem Raum. Die Dinge selbst, von denen er sich trennte, machten außerhalb der Umgebung keinen Sinn mehr.” ( Michael Schade: Irreguläre Tage, S. 121)

Eine Innenperspektive von Michael Schades Texten dringt auf ihre Art noch tiefer, da sie die übergeordnete, wenn man so will, soziologische Dimension, die allgemeinen Fakten und Prozesse fast ausklammert und sich auf eine meist anekdotische strukturierte Auseinandersetzung mit der Frage, wo man eigentlich hingehört, hingehören kann und will, beschränkt und darin beim Lesen eine außerordentliche Nähe entfaltet. Das Milieu deckt sich zumindest an der Oberfläche mit dem von Radjo Monk und auch Manja Präkels und entspricht dem, was man in der DDR “Intelligenz” nannte. Michael Schades Vater ist Chirurg, was die Lebenswirklichkeit in mehrfacher Hinsicht prägt, unter anderem auch hinsichtlich Wohnortwahl und Wohnungszuweisung. Mit großelterlichen Wurzeln im Thüringischen spielt sich die Kindheit zwischen Cottbus und Frankfurt an der Oder ab, großväterlichseits irgendwie auch zwischen dem Tagebau Welzow und dem Helenesee. Braunkohleland DDR. Einmal erscheint die Ostsee, mit dem neuen Freund der Mutter. Trennungsspuren im Scheidungsland DDR. Dieser Ausflug erzwingt eine Reihe von Entscheidungen. Für den kommenden Fotografen Michael Schade ist er maßgeblich, weil er die Fotografie kennen lernt im Versuch, den Horizont am Meer auf- und vielleicht auch mitnehmen zu können. Das einzige Fotobuch Michael Schades, erschienen 19 Jahre später, heißt “Counting Waves”.

Auf die Risse der Kindheit folgt der tiefe Bruch in Gestalt der anachronistischsten und in viel zu vielen Fällen ruinösen Praxis der Identitätsformung des sozialistischen Mannes, den man “Fahne” nannte, also der Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee, wahlweise für anderthalb oder, wenn man studieren wollte, drei Jahre und wer Geschmack an militärischer Zucht und Ordnung fand, durfte sich gern noch länger verpflichten. Für den, der keinen Geschmack daran finden konnte, waren 18 Monate schon mehr als genug. In gewisser Weise scheint es der Wehrdienstleistende Michael Schade sogar recht glimpflich erwischt zu haben und doch ist es furchtbar genug und in der Rückschau unübersehbar ein Verstärker für dieses grundlegende Gefühl der Haltlosigkeit, das einzig Stabile ein Fluchtkoffer, den er von seiner Großmutter übernommen hatte. Dann der Versuch eines Studiums, das in seinem Fall offenbar auch mit anderthalb Jahren Dienstverpflichtung für die Vaterlandsverteidigung möglich war. Im frühen 1989 eine Art Verlust des Vaters, der mehr oder weniger widerwillig Frankfurt/Oder Richtung Ausreisepunkt und westdeutscher Zukunft hinter sich lässt und seinen Sohn damit ebenfalls für, wie man glauben musste, absehbare Zeit. Der richtet sich derweil in einer Art Hilbig-Existenz ein – “als Nachtwächter in einem volkseigenen Betrieb” und sieht Freunde, die wie er gegen das individuelle Versinken in der Realität dieses späten Landes kämpfen. Oder sich versinken lassen. Die eigentliche Wende bleibt ausgeblendet. Eine Weihnachtsfeier bei Arno Fischer, ein bisschen Fotografen-Boheme, das findet schon nach dem Fall der Berliner Mauer statt. Dann das aufbrechende, sich verändernde, verfremdende Ostberlin, das Scheitern Anderer, Beziehungen und Entfremdungen, schließlich auch von der Stadt und Leipzig. Immer auch: Fundfotos als Spuren in die Vergangenheit. Immer auch Alkohol. Die letzte Geschichte: Eine Monolog über seine Mutter, gehalten in einer Telefonzelle, das Guthaben einer Telefonkarte lang für eine entfernte Bekannte. In der Hand: eine Flasche Cognac.

Das sind in etwa die Spuren, die Michael Schade in seinem Manuskript anlegte und die von sehr schönen, sehr guten Fotografien begleitet werden. Im Nachwort erfährt man, dass er für sich um 2000 das Schreiben an die Stelle des Fotografierens setzen wollte. Er fand keinen Verlag, auch nicht die Mittel, um den Druck selbst zu finanzieren. 2013, neun Jahre nach dem Tod Michael Schades und viel zu spät aber glücklicherweise dennoch kann es dank einer öffentlichen Förderung erscheinen. Es ist sehr wichtig, es ist sehr schön und es trifft.

(Berlin, 31.03.2018)

 

Michael Schade: Irreguläre Tage. Leipzig: Spector Books, 2013
Radjo Monk: Blende 89. Frankfurt/Main, Wien, Zürich: Büchergilde Gutenberg, 2005
Manja Präkels:  Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß. Berlin: Verbrecher Verlag, 2017

 

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