Die Schule von Behrenhoff – über eine Ansichtskarte aus dem Jahr 1968.

Legt man auf der Autobahn 20 das Stück zwischen Jarmen und Grimmen zurück, wird man vermutlich nicht bemerken, dass man, wenn auf der einen Seite der Flugplatz von Schmoldow, Heimat der Greifswalder Sportflugfreunde, vorbeirauscht, auf der anderen Seite Behrenhoff hinter sich lässt, eine dieser kleinen Landgemeinden, die so schöne Namen wie Bandelin, Dargelin oder Weitenhagen tragen und deren Klang die Idylle einer milden, stillen Landschaft und schönen weißen Sommerwolken auf himmelblauen Grund drüber für den hervorruft, der im rumpeligen und finsteren November-Berlin sitzt. Behrenhoff, vorpommersches Landratsgut. Nach 1945 Neubauerndorf, auch “Friedensdorf”. “Wer blöd ist, hört auf Adenauers Rat — wir Bauern bringen das erste Getreide dem Staat”, war der Leitspruch der Bauern aus dem Dorfe” wusste das Neue Deutschland am 06. August 1952 zu berichten.

Am 17. Oktober 1954 stand der Behrenhoffer Traktorist Adolf Kalina, geboren 1916 im ebenfalls winzigen aber hügeligeren Werbitz (heute Vrbice), Sohn eines Maschinenschlossers, auf der Liste der Nationalen Front, nicht für die SED sondern für den FDGB, vorgesehen um den Ort und die Neubauernschaft in der Volkskammer zu repräsentieren. Wenige Monate später meldete ADN, dass eben dieser Adolf Kalina seinen Volkskammerausweis verloren hatte. Er bekam einen neuen Ausweis. Sein Mandat behielt her.

Vermutlich kannte er auch die LPG-Bäuerin Frieda Raetz, die 1960 in einem Brief an die Ostsee-Zeitung vom Kontrast im Leben der kleinen Leute zu berichten wusste, der sich eingestellt hatte zwischen der Arbeit als Tagelöhnerin auf dem Gut des Grafen Behr von Behrenhoff in den 1930er Jahren, der als Einzelbäuerin nach der Bodenreform auf eigener Scholle und schließlich der als Mitglied der LPG “Frieden”. Man sprach nun von “der guten neuen Zeit”:

“Jetzt stehe ich morgens um halb sieben Uhr auf. In Ruhe kann ich das Frühstück für meine Familie machen. Um acht Uhr beginnt meine Arbeit in unserer Genossenschaft. Von zwölf bis dreizehn Uhr ist Mittag und um siebzehn Uhr Feierabend. Die Kinder sind im LPG- Kindergarten den ganzen Tag gut versorgt, und die schmutzige Wäsche bringe ich in die Wäscherei der Genossenschaft. … Die Abende verbringe ich meistens vor unserem Fernsehapparat. Manchmal gehen wir auch zu einem Vergnügen oder einer Kulturveranstaltung.”

Rationalisierung trifft auf Optimismus: “Ja, das Leben ist schön geworden, und ich weiß, daß es noch immer schöner wird. Es lohnt sich zu leben.”

Und das las sich so überzeugend, dass die Berliner Zeitung den Brief am 24. März 1960 unter der Überschrift “Früher nur einen Hungerlohn” noch einmal ihren Leserinnen und Leser in der Hauptstadt nahe bringen musste. Die Grafen von Behr auf Behrenhoff waren da längst allein im Ortsnamen noch vorhanden und vielleicht im von niemand Geringerem als dem Architekten Ernst May entworfenen Familiengrab neben der mit eindrucksvollen mittelalterlichen Wandmalereien ausgestatteten wunderschönen Kirche des Ortes.

Acht Jahre später fuhr der Bezirkskorrespondent Hans Jordan für das Neue Deutschland durch die landwirtschaftlich geprägte Umgebung Greifswalds um sich anzusehen, wie sich der Wettbewerb “Schöner unsere Städte und Gemeinden” exemplarisch nicht in Städten sondern eben in den Gemeinden manifestiert. Nicht überzeugend, musste er feststellen und sah sich gezwungen für Behrenhoff “viele ungepflegte Vorgärten” zu notieren, für “Ranzin viele große Tümpel und umgebrochene Zäune, in Grabow verwilderte Gärten und sehr ungepflegte Straßen, auch in Züssow und Groß Schönwalde wenig Schönes.” Bei der Ansicht des Wettbewerbssiegers Brünzow kam er nicht um ein erschütterndes Fazit umhin:

“Nach dem Bewertungsschema des Kreisausschusses kann man im Kreis Greifswald, ohne ein schönes Dorf zu haben, Sieger im Wettbewerb um das schöne Dorf werden.” (vgl. Neues Deutschland, 20. Oktober 1968, S.2)

Ansichtskarte Behrenhoff 1968
Ansichtskarte Polytechnische Oberschule Behrenhoff 1968

Hätte Hans Jordan die neue Schule von Behrenhoff besucht, wäre sein Urteil vermutlich auch nicht viel besser ausgefallen. Jedenfalls wenn man die Ansicht als Richtgröße nimmt, die erstaunlicher- und wunderbarerweise eben in diesem Jahr 1968 zu einer Ansichtskarte wurde.

Aus dem vogtländischen Mylau hatte sich ein Fotograf, von dem nur der Nachname Diener auf der Karte Platz fand, für den VEB Bild und Heimat auf die Reise in den Norden der Republik gemacht und in Behrenhoff erwartungsgemäß nicht die Kirche sondern dieses Motiv als postkartentauglich auserkoren.

Als Sammler erfreut man sich am Blick auf die 1966 gebaute Polytechnische Oberschule. Zugleich staunt man, wie grau der Schulhof wirkt, mit den gesprungenen Gehwegplatten, auf die sich vom Haus her schon jetzt das Gras vortastet und den erschöpften Fahnen an den schwarzen Masten hinter denen sich ein junger Baum am Stock um Verwurzelung bemüht.

Eventuell liegt es am unglücklichen Licht, möglicherweise auch daran, dass die Menschen fehlen, nicht ganz, aber eigentlich schon. Denn im Treppenhaus erkennt der Betrachter zwei Schatten menschlicher Form, welcher der Anwesenheit des Fotografen auf dem Schulhof allerdings offenbar nicht weiter entgegenkommen wollen.

In der Ferne dann: Feld, ein paar belaubte Bäume, die man heute aus der Aufnahmeposition nicht mehr sehen kann, da zwei Baracken in die Landschaft wuchsen. Eine Laterne ähnlich der gezeigten lässt sich aber auf einem Pressefoto erkennen. Dasselbe Bild zeigt aber auch, warum sich zumindest für Freundinnen und Freunde der Kunst am Bau der Gang zur Schule nicht mehr lohnt. Das naiv-schöne Wandbild am Giebel mit den sich auf die polytechnische Zukunft beziehungsweise ein Leben, “das immer schöner wird” (Frieda Raetz) vorbereitenden Kindern zwischen Eisenbahn, Verladekran, Flugzeug und Fernsehantenne, Boot und Rakete, also rein nicht-landwirtschaftlichen Motiven, verschwand leider irgendwann hinter einem fantasielosen Pastellanstrich und nun, so der Artikel zum Pressefoto, verschwindet die Schule als Schule vielleicht ebenfalls. Ihre Webseite informiert dagegen auch 2017 über Neueinschulungen.

In jedem Fall bleibt die Karte, die, sofern die Entzifferung des leider schwachen Poststempels nicht trügt, im späten Januar 1969 von Behrenhoff in ein Neubaugebiet nach Potsdam reiste und passenderweise (aus Sicht der Kunst am Bau der DDR) mit der 1968 ausgegebenen Gedenkmarke für die Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen frankiert wurde, die einen Teil der berühmten Glasmalerei Walter Womackas aus dem Jahr 1961 für die dortige Gedenkhalle der Nationen zeigt.

Die Botschaft der Karte ist denkbar weltlich: Aufgrund einer Krankschreibung konnte jemand ein Mietbehältnis nicht auftreiben und daher wurde eine unbestimmte Sache nicht verschickt. Aber bald! Mehr als das lässt sich anhand des Dokuments eigentlich nicht berichten aus dieser alltäglichen Welt der Traktoristen und LPG-Bäuerinnen, deren Kindern eine Polytechnische Oberschule als Fortschrittszeichen und Zukunftsversprechen an den Feldrand hinter dem Gutspark gestellt wurde, die immerhin über 50 Jahre ihren Dienst tat.

Was sich vom “immer besseren Leben” der 1960er letztlich einlösen ließ, bleibt offen. Für Menschen wie Frieda Raetz und Adolf Kalina eröffnete die DDR sicher Möglichkeiten, die angesichts der Schicht, in die sie hineingeboren wurden, ohne DDR kaum denkbar gewesen wären. Wie wir heute wissen, war dieses besondere Zeitfenster vor allem ein Versuch, ein Gesellschaftsexperiment, oft gut gemeint und weniger gut gemacht und an vielen Stellen mit einem hohen Preis und vom Ende her gesehen deutlich zu hoch.

Was die Gemeinde Behrenhoff mit sich und ihrer ehemaligen Schule im Experiment Gegenwart 2017 anfängt, ist eine Herausforderung, die sich die Mitglieder der LPG “Frieden” vermutlich in keiner Form vorstellen konnten und auch wollten. Und wer weiß, wie jemand in fünfzig Jahren auf diese Konstellationen zurückschauen wird. Eine Ansichtskarte der Schule von Behrenhoff aus dem Jahr 2017 wird ihm dafür leider nicht zur Verfügung stehen. Aber eventuell diese Sonntagnachmittagsnotiz, irgendwo als digitale Spur verschüttet und so schwer und nur zufällig auffindbar wie diese Ansichtskarte.

Ben Kaden / Berlin, 19.11.2017

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