Die Karl-Marx-Schule in Zehdenick und Manja Präkels’ “Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß”.

Unter den literarischen Annäherungen an die Ursprünge einer ostdeutschen Identität, die – so der Eindruck beim Betrachten aktueller Post-13%-für-die-AfD-Debatten – erst 2017 so richtig ernsthaft die Grundfeste eines bundesrepublikanischen Selbstverständnisses zu erschüttern scheint, leuchtet eine aktuell besonders hell, trotz schwarzem Einband und vermutlich wegen der roten Schrift und dem Reizwort “Hitler” im Titel. Das Buch wird intensiv empfohlen, gelesen und hier und da diskutiert.

In der Popularität solcher Neuerscheinungen kreuzen sich gemeinhin zwei Erkenntniswünsche. Einerseits möchte man die Wurzeln dieses Rohen verstehen, für das Ostdeutschland erstaunlich stabil steht und was sich in Pegida und wütender Amateurpolitik vom rechten Rand sehr medienwirksam inszeniert. Reportagen in die nach wie vor mit offenbar tief verinnerlichtem Abgrenzungswillen “neue” genannten Bundesländer sind für viele Journalistinnen und Journalisten aus Hamburger, Frankfurter (Main, natürlich) und Berliner Verlagen auch 2017 Entsprechungen Lévi-Strauss’scher Expeditionen. Zugleich zieht es eine Generation ostdeutscher Kinder, die es geschafft haben, sich in der Weltläufigkeit zu verankern und in den prägenden Stadtvierteln dieser Welt Kunst oder Diskurs zu produzieren, eben auch, weil der Aufstieg durch Bildung doch manchen gelingen muss, zurück zur Heimat- und Nabelschau an die Orte, die verlassen werden mussten, um nicht das zu sein oder zu werden, dass man nicht sein oder werden wollte. Man liest, man erinnert sich, man feiert Acht Tage Marzahn und reist dann zurück nach Friedrichshain. Vier Stationen S7, ohne Umsteigen. Eine andere Welt.

Dieser Emanzipationsdrang von den Plattenbauten, diese Sehnsucht nach Flucht von den Alleen der Kosmonauten und aus Havelstädten hatte Gründe, hatte Bedingungen, hatte einen Rahmen und von diesen erzählt das schwarze Buch mit roter Schrift und dem Titel “Als ich mit Hitler Schnapskirchen aß” am Beispiel der Mimi Schulz bzw. Manja Präkels, deren reale Biografie, wie Interviews mit ihr zeigen, deutlich Spuren dessen tragen, was ihre Romanfigur erleben darf und muss.

Mimis / Manjas Leben in der Havelstadt Zehdenick von circa 1985 bis 1995 verblüfft weniger dadurch, dass es von besonders exzeptionellen Erfahrungen geprägt ist. Sondern vielmehr durch die erschreckende Erkenntnis, dass das Buch an vielen Stellen eine Art Spiegel ist, wenngleich natürlich ein Zerrspiegel der eigenen Erinnerung, in dem gebündelt, wie man jetzt realisiert, typische Erfahrungspunkte dieser Jahre und dieser Generation aufleuchten, die vor einigen Jahren als Dritte Generation Ostdeutschland ihre eigene Bezeichnung erhalten sollte.

Wie sollte es auch anders sein in der eingegrenzten DDR mit ihren kleinen Narrativen und dem darüber gespannten Bogen einer eigenwilligen und nicht erst in der Rückschau erstaunlich schematischen Perspektive auf Marx, Engels und Lenin. Es gab Eliten in Berlin, Leipzig, Dresden und ein paar anderen Bezirksstädten. An Orten wie beispielsweise dem Club der Intelligenz im Dachgeschoss des Textilkaufhauses von Eisenhüttenstadt sammelten sich aber eher, wenn man so will, Intellektuelle der ersten Generation, noch schwankend, welcher Kanon zur gesellschaftlichen Elite passt, durchaus und oft notgedrungen anpassungswillig in eine sozialistische Heimeligkeit, in der eine Legende von Paul und Paula als kulturelles Großereignis für Jahrzehnte ausreichen konnte.

Die Wende zur Romantik, die Nirgends-Orte, Störfälle und “Saiäns-fiktschen” waren literarische Haltegriffe, wichtige, und Versuche, sich in den Irrungen einer zunehmend ratlosen DDR-Kultur zu orientieren, aber am Ende kaum genug, um Stützbalken auf tieferer Ebene einzuziehen und jederzeit gegen einen abgenutzten Versandhauskatalog eintauschbar, mitgeschickt in den unvermeidlich herablassenden Kleiderspendepaketen westdeutscher Verwandtschaft. Sehnsucht und Status manifestierten sich im Objekt, im kleinen Besitz, oder wenigstens im Bild davon. Nicht im Gedanken. Bei vielen. Wahrscheinlich bei den meisten.

Der Zeitgeist eines übergreifenden Diskurses zur Gegenwart, Habermas, Derrida, Barthes, Literatur der Avantgarde, zu der auch lange Zeit Kafka zählte, tröpfelte nur selten und eigentlich erst spürbar in den 1980ern in die Verlagsprogramme, zu spät um ideengeschichtlich über ausgewählte Kreise mit sicherem Zugang zum vollen Sortiment des Verlags Volk und Welt Berlin hinaus durchzusickern zu den Bürgern von Zehdenick und anderswo in der brandenburgischen Provinz.

Ab 1990 kippte die Kleingartenstabilität endgültig mit den oft beschriebenen, zu selten verstandenen Effekten in eine Kryptoanarchie, bei der jeder nach einem Floß zum Anklammern suchte. Wo auf einmal der Kult des Stärkeren zum offenen Leitbild wird, hängen sich die sich als schwach Erfahrenden an den nächsten Haken, der einen zumindest im Kosmos des eigenen Wohnblocks nach oben zu ziehen verspricht. Das war dann vielleicht eine Bomberjacke. Es war zu oft eine Bomberjacke, Enthemmungsuniform, mit der noch der Geringste unter den Kameraden erleben konnte, wie es ist, wenn man Stärke, besser: Gewalt ausstrahlt. Natürlich konnten in den Schnürstiefeln auch die Füße stecken, die der alten Nachbarin die Einkäufe in den dritten Stock tragen. Aber potentiell waren es eben auch die, die einem den Kiefer brechen, wenn man kurz falsch schaut.

Die ostdeutschen frühen 1990er Jahre – dieses Substrat aus grassierender Verunsicherung und Einschüchterung. Was immer in der schöpferischen Wendezeit an moralischen Stufen für eher wenige Wochen als Monate erklommen wurde, stürzte rasant wieder hinab und in der Tat wurde hier und da mit einem beherzten Tritt nachgeholfen, sei es über die Plumpheit und Gewalt einer unterreflektierten Rückübertragungswut oder des Nackenschlags, platziert aus tiefer Angst, tiefem Sadismus oder tiefer Langeweile.

Sie kamen aus Weil am Rhein, Ulm oder Hannover, wie es Sichtbeton für das Kiezfieber der 2000er und die Entkernung des inneren Berlins beschrieben, hatten das neue Recht auf ihrer Seite und die Mittel und den Notar und waren überlegen. Die anderen lebten in Zehdenick, Hoyerswerda oder Frankfurt/Oder hatten ihrer Kraft auf ihrer Seite, die Angst der anderen, waren jung und wähnten sich stark. Überlegen. Dazwischen, versteckter: die Hustler, die Resilienten, die Stillen, ein paar Rächer am Stasi-System, ein paar Träumer, ein paar Bürgerrechtler. Menschen über deren Biografien man oft noch gar nicht geschrieben, gefilmt und gesprochen hat. Die Eltern, unsere Eltern, darum bemüht, im Strömen der Geschichte eine Art Normalität zu erhalten, zu rekonstruieren und bisweilen ihre eigenen Träume aus dem Herzen oder auch nur aus dem Versandhauskatalog zu verwirklichen. Es gab auch ein Leben außerhalb der Zumutung, der Bedrohung, der Angst, des Kämpfens in Ostdeutschland um 1990. Aber nicht für alle und nicht für die Figuren in Manja Präkels’ Buch.

Wo die Moral versagte. traf es in der Regel die, die sich nicht gut wehren konnten oder wollten, weil ihnen bestimmte Formen des Verlierens, der Erniedrigung, der Demütigung, des Niedergeschlagenwerdens gar nicht vorstellbar waren. Cleverness und Durchsetzungskraft waren die Talente der Stunde, die wenig Raum und Zeit ließ für Reflexion, Selbstfindung, Selbststabilisierung, Selbsterkenntnis. Den nicht so Cleveren blieb der Rückfall in einen vermeintlichen Naturzustand zur vermeintlichen Durchsetzung. Die neuen Herren des Kaufhallenvorplatzes etablierten eine neue Form von Konformität im öffentlichen Raum des frühen Nachsozialismus (gesenkter Blick, bloß nicht auffallen). In einer solcher Zwischenwelt hatten es Menschen wie Manja Präkels’ Mimi schwer, trieben mehr als dass sie schwammen durch ihre Gegenwart, versuchten sich an Definitions- und Identitätsangeboten und nicht wenige verloren sich dabei.

Die vorletzten Kinder der DDR, die noch genug sozialistische Volksbildung erfahren hatten, um zu wissen, wie ein Fahnenappell abläuft und wann man ins Blauhemd hineingewachsen sein wird, standen nun da mit ihren manchmal bemühten, manchmal resignierten, meist ahnungslosen Eltern, die in vielem plötzlich wieder selber wie Kinder waren. Ihre Lebenserfahrung, ihre Existenz als ehemalige Bürger der DDR war spätestens zum 03. Oktober 1990 vor allem Stigma, später unter dem Zeichen der Ostalgie als harmlose Melancholiezone wieder zulässig und an den linken und rechten Rändern das Gift eines zornigen Stolzes. In jedem Fall aber war es zunächst eine Schamerfahrung und nichts, womit die in der Pubertät blühenden Mimis und Olivers etwas zu tun haben wollten. Mit ihrem noch kleinen Häufchen Lebenserfahrung und viel Alleingelassensein  mussten sie sich selbst finden, erfinden oder wenigstens suchen.

Was Manja Präkels Buch leistet, ist, diesen besonderen Zustand zu konservieren. Der Mangel an Distanz, vielleicht auch an literarischer Fertigkeit in “Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß” unterstreicht diesen Eindruck, weshalb jedes Urteil ambivalent ausfallen muss. Das Buch ist literarisch ungelenk und wirkt nicht zuletzt genau dadurch außerordentlich authentisch. Was sie beschreibt, stimmt alles. Der Text überwältigt den Leser, in dem er die Unmöglichkeit der Figuren verdeutlicht, ihre Mitwelt anders als deskriptiv zu erfahren. Der Mensch gegenüber wankt, man sieht es, hört es, spürt es. Aber man wird ihm nicht helfen können, denn man kann sich schon selbst nicht helfen. Man flieht, kehrt zurück, staunt, flieht, kehrt zurück und am Ende hat jemand Glück und wird Journalistin, was ziemlich direkt zur Biographie zur Autorin überleitet, eine, wenn man so will, charakteristische derjenigen Kinder der ostdeutschen Provinz, die man heute auf Lesungen innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings treffen kann und mit denen man ganz gut ins Gespräch kommt, wenn man beim Smalltalk den Weg zurück in die frühen 1990er findet. Und so ist, hochverdichtet, das Buch. Manja Präkels’ führt jede/n, der/die diese Zeit an diesen Orten in diesem Alter erlebte, auf direktem Weg in dieses Erleben zurück an seine eigene Karl-Marx-Schule, in seine eigene Wolfshöhle, sein eigenes Marzahn, seine eigenen Verluste und wie man sie zu lernen hatte. //

Ansichtskarte Karl-Marx-Schule Havelstadt Zehdenick
Ansichtskarte Karl-Marx-Schule Havelstadt Zehdenick

Im Sommer des Jahres 1968 reisten Lydia und Mietek, die sich einen polnischen Nachnamen teilten, durch die DDR. Viel ist von der Reise nicht bekannt. Jedenfalls mir nicht, der ich nur diese Ansichtskarte als Zeugnis vor mir habe, die einen Schultypenbau der DDR zeigt, der nun zufällig die Schule zeigt, die Mimi Schulz in Manja Präkels’ Buch später besuchen wird – die Karl-Marx-Schule in der Havelstadt Zehdenick, wie es die Beschreibung auf der Rückseite zeigt, gedruckt bei der PGH “Rotophot” im Bestensee bei Berlin im Jahr 1967, verkauft für 0,25 MDN, frankiert mit dem 10-Pfennig Wert der Dauermarkenserie Staatsratsvorsitzender Walter Ulbricht, abgestempelt am 08.08.68 in 1434 Zehdenick, geschickt nach Potsdam, die Botschaft tragend “Liebe Geschwister Müller[,] sind schon 5 Tage in Eurem schönen Lande. Wollen auch Euch am Freitag den 16. Aug. besuchen kommen.” Die Schule war neu, die Ansichtskarten-DDR ein helles und modernes Versprechen der Zukunft. Manja Präkels’ Romanfigur Hitler würde in vier Jahren geboren werden, in nicht ganz 24 würde ihre Romanfigur Krischi vor dem Landgasthof nach einem Überfall (“Glatzen, grüne Bomberjacken, Springerstiefel.”) sterben, der Bruder, die Romanfigur Zottel, hilflos, verzweifelt, daneben. Das echte Leben hat echte Gesichter aus echten Erinnerungen für alle Beteiligten.

(Ben Kaden, Berlin, 27.10.2017)

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