Das Erholungsheim am Berg. Eine Ansichtskarte aus Friedrichroda.

Touristisch war die DDR aus verschiedenen Gründen nahezu zwangsläufig auf etwas konzentriert, das aktuell aus ganz anderen Gründen wieder in Mode kommt: den Urlaub im eigenen Land. Diese Praxis reihte sich trotz oder gerade wegen dieser Orientierung nach Innen in die üblichen Organisationsriten für alle knappen Güter ein. Ein so genannter Urlaubsplatz war keine Selbstverständlichkeit und oft an verschiedene Bedingungen wie zum Beispiel eine konkrete Betriebszugehörigkeit geknüpft. So hatte beispielsweise das Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) mit Hauptstadt Eisenhüttenstadt ein eigenes Ferienheim auf der Insel Rügen, nahe Putbus, mit dem ganze Generationen von Kindern der Stahlwerkerplanstadt fast geschlossen ihre frühen Ferienerinnerungen verknüpft sehen.

Der Schlüssel zum Zimmer in Hotel oder Erholungsheim lag also in vielen Fällen zunächst einmal in der innerbetrieblichen Urlaubsverwaltung. Oder in den Händen des FDGB-Feriendienstes, der ebenfalls dafür sorgen wollte, dass zwei Wochen Ferien an Küste, See oder im Mittelgebirge für jede Familie der Republik erschwinglich sein sollte. Die Reisen wurden bezuschusst, weshalb Geld tatsächlich keine Hürde darstellte. Zwei Wochen im Thüringer Wald kosteten mit den passenden Ferienchecks etwa 150-200 Mark der DDR und pro Kind kamen noch etwa 30 Mark dazu. Die Verfügbarkeit von Urlaubsplätzen war jedoch eine andere Sache, nämlich eine knappe und im Kinderland DDR erwartungsgemäß besonders in den Wochen der großen Ferien besonders gering. Um die Nachfrage abdecken zu können griff man, wo man nur konnte, landesüblich auf das Kollektivprinzip zurück, also das, was man heute Massentourismus nennt. Die Ferien- und Erholungsheime des FDGB waren nicht nur, aber wo per Neubau möglich doch bevorzugt Großkomplexe mit riesigen Bettenhäusern und streng zentralisierten .Versorgungs- und Unterhaltungsangeboten.

Das ehemalige FDGB-Erholungsheim “August Bebel” am Reinhardsberg über der kleinen Stadt Friedrichroda im Thüringer Wald ist ein eindrucksvoller Vertreter dieses Trends. Vorher schon als Luftkurtort beliebt, wurde das Städtchen dank des Neubaus nach Kühlungsborn zur meistbesuchten Destination des DDR-Reiseverkehrs. Für 1989 werden nicht weniger als 1,2 Millionen Übernachtungen überliefert (vgl. Nancy Allmrodt: Geotourismus in Thüringen. Hamburg: 2011, S.54) Entsprechend vergleichsweise üppig ist auch die Zahl und Vielfalt – nicht unbedingt bildsprachlich, allerdings – der Ansichtskarten zum Ort, die aus den diversen Ferien- und Kurheimen, ob sie nun Tanzbuche, Hermann Danz oder Walter Ulbricht hießen.

Friedrichroda - FDGB-Erholungsheim "August Bebel
Friedrichroda – FDGB-Erholungsheim “August Bebel”

So generisch wie die lichtbildnerische Annäherung der Ansichtskartenfotografen waren am Ende freilich auch die Botschaften, weshalb es beim vorliegenden Exemplar gar nicht so schlimm ist, dass sie ungelaufen in die Sammlung fand. Spannend ist sie trotzdem. Denn sie zeigt, vermutlich unfreiwillig, wie der Satz zu verstehen ist, den der Chefarchitekt des Baus, Walter Schmidt, im Bericht zum 1500-Betten-Objekt für die Zeitschrift Architektur der DDR (Ausgabe 10/1981, S. 614-621) verfasste:

“Der Baukörper fügt sich städtebaulich und funktionell harmonisch in die Landschaft ein.”

Die Wuchtigkeit des Betonfertigteilbaus spiegelt zumindest exzellent die das Stadtbild ebenfalls prägenden Plattenbauten und beides schluckt zumindest auf der gezeigten Ansichtskarte die Landschaft recht gründlich. Man kann sich durchaus vorstellen, dass der Blick vom auf der Abbildung gut auszumachenden Dachcafé im 12. Stockwerk des Hotels daran erinnert, dass man sich in einem ausgedehnten Waldgebiet befindet.Die Karte zeigt aber nur ein paar eingeschüchterte Bäume, hinter denen sich traditionellere Bau- bzw. Dachformen verstecken. Immerhin mildert die Distanz die Brutalität des Komplexes auf dem Berg und zugleich strahlt die freilich nur zur Orts- bzw. Südseite hin durchgängig realisierte Fassadengestaltung in der feinen Wabenprägung der Betonformsteinkultur der DDR den Reiz der Geometrie ins Tal.

Noch erstaunlicher wirkt die Wahl der Perspektive dadurch, dass Friedrichroda insgesamt wirklich nur eine (na gut, drei) Handvoll Blöcke aus dieser Facette des Wohnungsbauprogramms der DDR aufweist. Andererseits wird so nebenbei die lokale Besonderheit einer hölzernen Balkonverkleidung überliefert, was auch einen Wert darstellt. Dennoch fragt man sich, warum der Fotograf nicht ans Fenster oder aus Dach des vorderen Blocks getreten ist, um das damals neue Ferienheim zu inszenieren.

Verlegt wurde die Ansichtskarte aus dem Jahr 1981 übrigens nicht vom dominanten DDR-Postkarten-Hersteller Bild und Heimat sondern vom Spezial-Kunstverlag Albert Horn aus Gotha. Das mag erklären, warum die Perspektive nicht übermäßig geschliffen daher kommt. Der zweiten Ansichtskartenverlag, der mit Bildern zum Objekt immer wieder auftaucht, ist die Lichtbild-Schincke KG aus Zeitz. Warum für Postkartenbilder dieses Vorzeigeneubaus des DDR-Tourismus so stark lokale Hersteller zum Zuge kommen konnten wäre ein spannendes Studienthema für die Ansichtsgeschichte der DDR. In jedem Fall sind diesem Umstand eine Reihe von zur Ansichtskarte gewordenen Aufnahmen zu verdanken, die etwas weniger präzise und ausbalanciert wirken, als man es von einem Bild-und Heimat-Produkt erwartet hätte, was heute bildhistorisch umso reizvoller ist.

Ebenfalls sehr reizvoll wäre es auch gewesen, dass an sich aber nicht im Detail gut sichtbare 12 mal 12 Meter große Emaille-Wandbild von Willi Neubert “zum Thema: Sport, Spiel, Erholung und Freizeitgestaltung” (Schmidt, ebd.) am Gaststättentrakt mit einer gesonderten Ansichtskarte zu würdigen, zumal die Wikipedia vermeldet, dass es mittlerweile zerstört sei. Auf dieser Aufnahme aus dem Jahr 1990 sieht man es jedenfalls noch, aber eben auch nur als bunten Fleck. Gleiches gilt für diese Instagram-Aufnahme aus dem Jahr 2016, nach der zu urteilen man aber immerhin auf einen Fehler in der Wikipedia hoffen kann.

Dass die Wikipedia hier irrt, wäre sehr zu begrüßen. Denn was man auf der Ansichtskarte nicht sieht, ist, wie verdichtet Ästhetik und Ikonografie der zu diesem Zeitpunkt schon eher mittelalten DDR auf den Emaille-Platten zum Ausdruck kommen: ein junges Paar in Sommerfrischestimmung in einer abstrahierten Landschaft, entschiedene Farben und eine kleine Friedenstaube. Ein bisschen denkt man bei der Formgebung vielleicht an Rolf Lindenmanns Ansatz für ein Schwimmhallenwandbild in Berlin-Lichtenberg ebenfalls aus den späteren 1970er Jahren.

Rolf Lindemann, 1978 / Detail aus dem Wandbild an der Schwimmhalle in Sewanstraße, Berlin Lichtenberg

Wobei Willi Neuberts Arbeit für Friedrichroda in präzisen Ausführung möglicherweise doch stärker die Wandbildsprache Walter Womackas aus dieser Zeit assoziiert. Deutlich wird jedoch in all diesen Arbeiten, dass sozialistische Kunst am Bau zu dieser Zeit ihre Schwere verlieren durfte – zumindest bei Freizeitobjekten – dafür an Farbe gewinnen durfte und generell verspieltere und grafischere Formen an Bedeutung gewannen. Wandgestaltungen dieses Zuschnitts durften und sollten Freude vermitteln, auch wenn ansonsten die Tristesse nicht zuletzt in der Massenarchitektur eher noch zunahm und auch die Architektur der DDR in den 1980ern wieder an ostmoderner Leichtigkeit und Eleganz verlor, was sie in den 1960ern und 1970ern zwischenzeitlich gewonnen hatte. Dass heute Phänomene wie der Außendämmungswahn den meisten dieser Bauten die letzte Idee raubt und die Architektur der DDR zusätzlich trivialisiert, ist bedauerlich. Das Erscheinungsbild von Hotelbauten wie dem in Friedrichroda erweist sich dagegen als erfreulich umbauresistent, wie ein Blick auf die Webseite des aktuellen Betreibers zeigt. Und bei den ausgerufenen Preisen könnte man sogar für eine Nacht hinfahren und nachsehen, was nun wirklich mit Willi Neuberts Ferienbild geschehen ist.

(Ben Kaden, 19.08.2017)

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