Die roten Fahnen von Stalinstadt. Eine Ansichtskarte.

Auch wer viele Ansichtskarten aus Eisenhüttenstadt bzw. Stalinstadt kennt, dürfte vermutlich dann einen längeren Blick werfen, wenn ihm die unten gezeigte Ausgabe aus dem Jahr 1956 begegnet. Denn wirklich überschüttet wird man nicht mit der Ausgabe aus dem VEB Kunstverlag Reichenbach i.V., 1951 gegründet und 1959 in den das, nun ja, Heimatbild der DDR bis zu ihrem Ende prägende Bild und Heimat Reichenbach umbenannt, der bemerkenswerterweise seit den 1970ern auf das VEB verzichten konnte und auch verzichtete.

Umso schöner fühlt sich der Liebhaber der Eisenhüttenstadt-Philokartie, wenn ihm nun endlich doch ein Exemplar begegnet. Denn auch wenn das kulturästhetische Herz das des Sammlers in diesem Blog generell überlagert, erweckt der Fund einer solchen Rarität eben doch auch die eher niederen Antriebe der Sammelleidenschaft. Wo andere Ansichtskarten der Eisenhüttenstadt-Geschichte gern noch 1000 Runden durch Internetauktionen drehen dürfen, stand hier der Zugriff außer Frage..

Ansichtskarte Stalinstadt 1960
Ansichtskarte Stalinstadt 1960

Es ist aber auch ein schönes Objekt, egal wie man es dreht und wendet und zwar buchstäblich und bis zum sauberen Poststempel, der zwei Zehn-Pfennig-Dauermarken präzise mit der Bezeichnung STALINSTADT – Erste Sozialistische Stadt Deutschlands und der Werkssilhouette entwertet. Die Briefmarken entstammen der berühmten Fünfjahrplan-Serie und zeigen, ganz zur Stahlwerkerstadt passend, zwei Arbeiter der Metallverarbeitung im Gespräch.

Dass es zwei Marken bedurfte, ergab sich aus der Tatsache, dass die Ansicht der geschmückten sozialistischen Planstadt nach Frankreich reiste, genauer nach Blois an der Loire in eine dieser typischen französischen Kleinstadtstraßen mit ihren langen, geschlossenen hellen Häuserzeilen, zwei, maximal drei Geschosse hoch, mit Fensterläden und schlichten Fassaden, die Farbe nicht unähnlich der, mit denen die Häuser in Stalinstadt leuchteten, nur naturgemäß von der Zeit etwas abgestumpft. Der bürgerliche Chic von Blois findet sich weiter unten, Richtung Loire-Ufer. Der Zielort der Ansichtskarte deutet eher in Richtung Angestellten- und Handwerkermilieu.

Die dort wohnenden Madame et Monsieur M*, Lehrer offenbar, erhielten von einer Marie-Magdeleine nun am 22. August 1960 einen Gruß aus der “République Démocratique Allemande” mit dem Zusatz, dass es sich um eine lange und schöne Reise handele. Ungewöhnlich waren diese französisch-deutschen-demokratischen Ausflüge freilich nicht. Gerade in der frühen Aufbauphase der sozialistischen Vorzeigestadt wurden sehr regelmäßig Auslandsdelegationen durch das Zukunftsversprechen Stalinstadt geführt. Zudem signalisiert der August 1960 noch etwas anderes, nämlich die offiziellen Feierlichkeiten zum 10. Jahrestages der Stadtgründung, für das unter anderem die Freilichtbühne mit dem berühmten Massenaufzug “Blast das Feuer an” eröffnet wurde.

Marie-Magdeleine war also unvermeidlich in den Echoraum der Hüttenfestspiele geraten, die am 18. August 1960 offiziell begannen. Und sicher hörte sie auch von dem Luftschloss, dass der Stalinstädter Oberbürgermeister Max Richter in einer Samstagsausgabe des Neuen Deutschlands – exakt ein Jahr vor dem Mauerbau und Ein- und Einviertel-Jahr vor dem Ende von Stalinstadt – am 13.08.1960 formulieren durfte:

Die Perspektive unserer Stadt ist klar: Sie wird noch schöner werden. Nach den neuesten wissenschaftlich-technischen Erkenntnissen wird ein Stahl- und Walzwerk gebaut. Im Herzen der Stadt entsteht ein kulturelles Zentrum. Ein modernes Theater mit 800 Plätzen, ein 14geschossiges Haus der Kultur und Wissenschaften, eine herrliche Kongreß- und Sporthalle werden unseren Einwohnern die vielfältigsten Möglichkeiten für Bildung und Erholung bieten. Tausende werden hier schöpferisch an der Entwicklung der sozialistischen Kultur teilnehmen. (Max Richter: Junge Stadt des Sozialismus. In: Neues Deutschland, 13.08.1960, S. 3)

Ein kulturelles Zentrum dieser Art gab es nie und der Zentrale Platz erinnert bis heute daran. Statt des Kulturpalastes entstand später ein deutlich bescheideneres Pionierhaus, das auch eine Rolle als Verbindungselement zwischen der Kernstadt und dem neuen, so ganz anderen fünften Wohnkomplex übernehmen sollte. In der fußläufigen und auch sehr gelungen auf Fußwege geplanten Stadtanlage ist es gar nicht mal so weit von dem Wohnblock des WK II entfernt, den die Ansichtskarte rotbeflaggt inszeniert.

Erster Mai oder Siebter Oktober, Frühling oder Spätsommer, vielleicht Frühherbst lautet nun die Frage an die Aufnahme. Die kleinen Bäume tragen bereits Laub, allerdings nicht ausgesprochen zartes. Andererseits ist die Kolorierung nicht unbedingt absoluter Naturtreue verpflichtet. Die Menschen wandern in langen Ärmeln – beides ist für kalten Frühling oder kühlen Frühherbst angemessen. Für den 07. Oktober 1955 jedoch versprach die Wettervorhersage nicht nur halbwegs kühle Luft sondern auch Regen. Die Straßen der Stalinstadt sind jedoch trocken. Vielleicht also doch eher eine Aufnahme aus dem Monat Mai, wofür auch die Fußbekleidung der Frau im rechten Vordergrund spricht. Letztlich ist es auch von nachgeordneter Bedeutung.

Man wird sich darauf einigen können, dass die Aufnahme (“Farbfoto HO-Industriewaren”) einen doch eher seltenen Eindruck der sehr jungen Stalinstadt an einem Festtag in den 1950er Jahren präsentiert. Legt man eigene Erinnerungen dagegen, kann man zudem feststellen, dass diese Ecke – damals Ecke John-Scheer-Straße / Straße der Jugend – bis auf die Größe der Bäume und die irgendwann verschwundene Straßenwandzeitung erstaunlich lange ihre Anmutung stabil beibehielt. Eigentlich noch beibehält. Dies schließt die Litfaßsäule, frühes und wichtiges Kommunikationsmedium im Alltag der Stadt, mit ein, die irgendwann mit einer Uhr versehen wurde. Und sogar das Phänomen älterer Menschen in Schwarz gab es noch in den 1980er Jahren zu sehen. Heute trägt natürlich eher die Jugend schwarz, aus modischen Gründen und nachvollziehbar aus anderen Stoffen. Besonders im Sommer. Heute hängen auch andere Fahnen aus den Fenstern und meist nur zu großen internationalen Fußballwettkämpfen. Der gezeigte Wohnblock mit der hinter den Säulen versteckten traditionell so genannten Kameltränke steht allerdings auch 60 Jahre später genauso in der Sonne, wie ihn die Ansichtskarte zeigt.

(Ben Kaden, Berlin, 19.06.2017)

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