Die Rosen im Kurpark. Eine Ansichtskarte aus Slowjansk.

Unlängst erschien in dem kleinen wunderbaren Verlag edition.foto.Tapeta ein schmaler eindrucksvoller und berührender Band mit Gedichten des ukrainischen Gegenwartsdichters Ostap Slyvynsky unter dem Titel Im Fünften Jahrtausend erwachen. Statt eines Klappentextes zitiert die Ausgabe auf ihrer Rückseite folgendes kurzes Gedicht:

Spuren von Irgendwem

Ein paar verwaschene Zeichen, eine durchweichte Karte, / Zweige, die jemand abgeknickt hat und denen ich folge, sonst nichts.

Es ist typisch für die eindrucksvoll gegenwärtige, und zugleich, wie Jan Kuhlbrodt in seiner Besprechung zum Buch schrieb, überzeitliche Poesie des Ostap Slyvynskys. Zugleich erinnerte mich das Beschwören von Vergehen und Folgen, notiert mit einem ukrainischen Blick, sofort an eine Ansichtskarte aus einer ganz anderen, heute aus verschiedenen Sichten verloren scheinenden Zeit, die aus irgendeinem unerfindlichen Grund und ganz buchstäblich als Spur von Irgendwem regelmäßig über den Schreibtisch wandert und nun mit diesem Text ins Internet.

Ansichtskarte Kurpark Slowjansk
Ansichtskarte Kurpark Slowjansk

Die undatierte und unverschickte aber beschriebene Karte zeigt die Kurparkidylle von Slowjansk, ein traditionelles und spätestens seit dem frühen 20. Jahrhundert europaweit bekanntes Zentrum der Balneologie (Bäderkunde) mit dem Schwerpunkt auf Schlammkuren, auch dem des sogenannten Bitterwassers und also Salinenstadt – es gibt zwei Salzseen. “Wenn auch kein Baden-Baden”, wie Oleg Ismailow in seinem nicht unproblematischen Reiseführer “Donbass für Anfänger” schreibt (Олег Измайлов: Донбасс для «чайников». 2017) Anton Tschechow mochte die Stadt offenbar auch recht gern, wie er in einem Brief aus dem Mai 1887 schrieb. Er fühlte sich offenbar angesichts der Provinzialität an Gogols Mirgorod erinnerte und beschreibt sanfte Straßen, auf denen Haus- und Nutztiere im Flieder- und Akazienduft promenieren. (vgl. dazu Walter Horace Bruford: Chekhov and his Russia: a sociological study. London: Routledge, 1998 [1948]) Und er vermerkt über den Morgen des 06. Mai, dass ihn ein duftiger Windhauch durchs offene Hotelzimmerfenster genauso begrüßt wie das Läuten der Kathedrale, die die Menschen zur Messe ruft und wie friedlich und versöhnt Polizisten, Richter und Militärvertreter in die Kirche einkehren.

Der Brief Tschechows allerdings ist nicht unbedingt das, was man heute als erstes mit Slowjansk assoziiert. Sondern vielmehr, dass ein ganzes plus ein Viertel Jahrhundert nach dessen Schreiben, am 12. April 2014, genau dort der Donbass-Konflikt eskalierte. Was niemand selbst nach dem Maidan erwartete, trat ein: die Stadt stürzte in den Krieg – nach ihrer Geisel- und Übernahme durch eine kleine Gruppe vorwiegend offenbar von Söldnern unter Führung des russischen Veterans und Nationalisten Igor Girkin (vgl. exemplarisch FAZ.net: In Slawjansk herrscht jetzt Krieg, 25.05.2014 bzw. Neues Deutschland: Im Kurort, 06.03.2015). Im Juli 2014 rückte die Stadt in die russischen Abendnachrichten und wurde zu einem Schlüsselort des Kampfes um die Narrative zur Deutung der Entwicklungen in der Ostukraine, wie Ulrich Schmid in seinem Buch Technologien der Seele beschreibt:

“Als nächstes spielte das russische Staatsfernsehen ein Melodrama ein. Am 12. Juli 2014 zeigte die Hauptausgabe der Tagesschau eine schluchzende Mutter, die angeblich aus Slawjansk nach Russland geflüchtet war. Sie erzählte von ukrainischen Soldaten, die auf dem Hauptplatz von Slawjansk einen dreijährigen Jungen gekreuzigt hätten. Diese »Urenkel der SS-Einheit Galizien« hätten schlimmer als die deutschen Faschisten gewütet. Das religiöse Motiv der Kreuzigung verlieh der frei erfundenen Gräuelgeschichte die Würde eines Martyriums.” (Ulrich Schmid: Technologien der Seele: Vom Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur. Berlin: Suhrkamp, 2015)

Der Krieg der Deutungen war eine Facette. Die andere war der Krieg der Geschosse, mit denen sich Konflikt und die bis Anfang Juli 2014 anhaltende Besetzung der Stadt durch die pro-russischen Separatisten um Girkin nicht nur mittels Kampfhandlungen und Bombardements sondern auch von Kriegsverbrechen in die Stadt und die Psyche ihrer Bewohner schrieb. Vice News berichtete im August 2014 vom Fund eines Massengrabs. Und dass seit der Übernahme der Stadt durch die Separatisten noch 300 Menschen verschwunden blieben.

Die Sanatorien wurden zwischenzeitlich zu Kasernen und ihre Umgebung zum Schießplatz. Jedenfalls berichtet der Schriftsteller Martin Leidenfrost dies von seinem Ortsbesuch. (Martin Leidenfrost: Expedition Europa : Fünfzig exzessive Selbstversuche. Wien: Picus, 2016) Ob der Kurpark zu dieser Umgebung zählt und ob die Sanatorien heute noch als Unterkünfte für Soldaten dienen, ist unbekannt. Es gibt eine Webseite, welche die Behandlungsmöglichkeiten des Sanatoriums anpreist. Möglicherweise fand der Ort wieder zu einer Art Normalmodus zurück, sofern dies unter den Umständen möglich ist.

“[…] Vier Tage / Stille schon, kein Granatendonner, niemand reißt die Lufttüren aus. / Es brennt kein Busch, die Vögel finden Ruhe. Nie war so viel Horizont über der zertrampelten / Erde […]”

schreibt Ostap Slyvynsky in seiner 2015er Episode.

War die auf der Karte dargestellte Szenerie im Rosengarten des Kurparks der vielleicht 1960er Jahre ein Normalmodus? Ein Paar, wenn auch nach der Körperhaltung und -nähe zu urteilen keines der Liebe, offensichtlich im Sommer, er im roten Hemd, sie im Kleid, dessen mögliches Muster von der Druckqualität der Karte fortgerastert wurde. Man sieht, dass sie eine Tasche trägt. Oder einen Blumenstrauß im weißen Papier? Wohl eher eine Tasche. Weiß sind auch die Brunnen und Plastiken des Kurparks, von denen man ein Exemplar in der Bildkomposition erkennt. Er balanciert die beiden Menschen und der Laternenmast als Stadtmöbel in gewisser Wiese dazu passend die Bank. Heute findet man, wie das Internet zeigt, an dieser Stelle statt Rosen Tulpen, aber vielleicht wechselt die Gartenpflege die Blumen auch hin und wieder. Geblieben ist Rot als Hauptfarbe, die auf der Ansichtskarte hier und da von gelben Blüten umflort wird. Und dem Grün des Landschaftsparks als Horizont unter dem leicht bewölkten Himmelblau sowieso. Auch darin, vielleicht, oder eher sicher: Zweige, die jemand abgeknickt hat. Wird ihnen jemand folgen?

Auf der Rückseite der Karte ist in schulmäßiger Schönschrift auf Russisch, zufällig trocken durch die Jahre und über weitgehend unbekannte Stationen bis auf diesen Schreibtisch gelangt, vermerkt: Slawjansk. Dies ist der Kurpark. Viele Menschen suchen hier Ruhe. Und vielleicht auch Schatten. Nur wenige Schritte entfernt findet sich eine Trinkhalle und man kann sich gut vorstellen, dass das Paar entspannt dorthin schlendert, und nur kurz einen Blick auf den Fotografen (oder die Fotografin) wirft, der (die) aus der Szenerie eine Postkartenansicht herausarbeitet und die beiden dafür sehr gut gebrauchen kann. Diese Szene ist nun ganz unspektakulär, aber genau das sollte vermutlich ihr Botschaft sein: Hier ist Kur, ist Ruhe, hier ist Frieden zwischen den Rosen und nah den flachen, warmen Salzseen von Slowjansk. Tschechow übrigens hatte die Stadt nicht nur im Mai 1887 besucht. Er hatte dort bereits einen Monat zuvor mit der Eisenbahn kurz gehalten, um eine Ansichtskarte an seine Schwester einzuwerfen. Welches Motiv deren Bildseite zierte, ist anscheinend leider nicht überliefert…

Und ja, Bahnstationen und die Stadt als Eisenbahnknotenpunkt und dann wieder Ostap Slyvynsky lesen, der doch besser passt, heute, als Tschechow: “Auf dem Rückweg vom Bahnhof ist sie allein, gleicht einer Figur aus Papier, trocken, flach, zweidimensional […].” Und  daran denken, was zum Beispiel Ansichtskarten bedeuten können und was bewahren.

(Ben Kaden, Berlin, 04.06.2017)

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