Die Schwimmhalle “Amphibia”: Eine Ansichtskarte aus Barnaul.

 

Was fällt einem ein, wenn man an die russische Stadt Barnaul denkt? Vielleicht, dass sie irgendwo in Sibirien liegt, von einer Schleife des Ob umschlossen. Vielleicht, dass sich vor einigen Jahren die Enttäuschung über die Lokalpolitik darin zuspitzte, dass eine Katze namens Barsik als Bürgemeisterkandidat zum Social-Media- und Weltpresse-Liebling wurde. Eventuell, dass Julia Neigel, mit Schatten an der Wand und als Jule Neigel kurzzeitiger Shooting-Star der ausgehenden 1980er Jahre, dort geboren wurde, bevor ihre Familie nach Ludwigshafen zog. In ihrer Autobiografie Neigelnah (Gütersloh, 2012) erzählt die Künstlerin mit russlanddeutscher Herkunft:

“Unser Haus in Barnaul war das erste, das meine Eltern gebaut hatten. Es lag am Rand einer Ansammlung von alten Hütten, die früher einmal ein Dorf waren. Direkt vor unserer Tür begann die freie Natur.” (S. 15)

Und beschreibt das Spannungsverhältnis ihrer Kindheitsjahre zwischen sehr beengender Armut und weiten Kindheitstagen, besonders in den eiligen und intensiven sibirischen Sommern, “die satt waren mit Mohnfeldern, Kirschblüten und Blumenwiesen.” (S.16) Im Jahr 1971 erfolgte für die Familie Neigel der Umzug in die Bundesrepublik. Im selben Jahr veröffentlichte der Moskauer Ansichtskartenverlag Издателъство Планета, in gewisser Weise der VEB Bild und Heimat der Sowjetunion, eine Serie von 15 Ansichtskarten zu Barnaul in der beeindruckenden Auflage von jeweils 1,2 Millionen Exemplaren. Das ist insofern besonders bemerkenswert, da die Einwohnerzahl der Stadt gerade einmal Richtung 600.000 strebte. Weniger verwunderlich ist daher, dass das Set bis in die 1990er Jahre verkauft wurde, wie eine lokale Nachrichtenseite 2014 berichtete.

Eine dieser Karten zeigt die Schwimmhalle Amphibia (Плавательцый бассейн Амфибия) im Stadtteil Южный, also in etwa Südstadt, der etwas abgelegen seit den 1950er als Wohnstadt für Industriearbeiter errichtet wurde. Das fügt sich selbstredend nahtlos in eine bekannte und biografisch bedingte Schwäche für (sozialistische) Planstädte wie zum Beispiel Sztálinváros ein.

Die Schwimmhalle Amphibia in Barnaul
Ansichtskarte und zugleich historische Aufnahme: Diese Fassade gibt es leider nicht mehr. Von den Ansichtskarten sind auf den einschlägigen Internetmarktplätzen noch zahlreiche Exemplare erhältlich.

Mindestens zwei Details fallen an der Karte sofort auf. Einerseits weist die Fotografie das bei sowjetischen Ansichtskarten häufiger anzutreffende Phänomen exakt einer Person mit rotem Kleidungsstück auf. (Weitere Beispiele werden früher oder später in diesem Weblog folgen.) Andererseits dokumentiert sie die sehr moderne typographische Gebäudebeschriftung der noch jungen Schwimmhalle (gebaut 1968), in der es offenbar auch ein Mosaik gab, für das leider kein Bildzeugnis ermittelt werden konnte. Dokumentiert ist auf der Karte jedoch die Kunst außen am Bau, die, wie man unschwer erkennt, einen Wasserballspieler im wilden Bad der Wellen stilisiert. Die Amphibia war im Prinzip die Betriebsschwimmhalle der Rotor-Werke (Алтайский приборостроительный завод «Ротор»), welche einmal eine erhebliche militärische Bedeutung hatten und eventuell noch haben, heute nebenbei jedoch unter anderem ein umfängliche Produktpalette im Fleischwolf-Segment herstellen.

Welche Künstler oder welche Künstlerin die Metallarbeit hergestellt und so gelungen zurecht gebogen hat, verrät die Karte leider nicht. Auch das Internet macht es zumindest nicht leicht, eine entsprechende Spur zu entdecken. Gleiches gilt für mögliche Architekten. Wenn es um das Thema sowjetische Baukünstler und Metallgestalter der Altai-Region der späten 1960 Jahre geht, zeigen sich zumindest spontan deutliche kunsthistorische Wissenslücken. Diese kann heute nicht geschlossen werden. Aufnahmen des 1966 errichteten Barnauler Sportpalastes zeigen zumindest Kunst am Bau, die an den dynamischen Ansatz der Wassersport-Darstellung erinnert. Darüber, ob hier die selbe Urheberschaft zu vermuten, soll hier allerdings lieber nicht gemutmaßt werden. Die Arbeiten am Sportpalast sind, vertraut man Google Street View, offenbar noch vorhanden. Was mit der Schwimmhallenkunst beim sehr grundständigen Umbau in den 2000er Jahren geschah, ist dagegen leider nicht rekonstruierbar.

Rekonstruierbar ist dagegen wenigstens ein Stück weit, wann die Karte welche Reise für den welchen Zweck absolvierte. Sie wurde laut Poststempel und Datierung am 12.12.1974 von offenbar jugoslawischen Reisenden nach Zagreb gesendet und zwar an die Abteilung für zeitgenössischen Tanz (Studio za Suvremeni Ples) der Kazaliste Komedija, dem komischen (komisch wie in “Komische Oper”) Stadttheater der heutigen kroatischen Hauptstadt. Es liegt also nah, dass es sich um eine Ensemblereise handelte, auch wenn Vornamen wie Desanka, Danijela und Monica nur eingeschränkt Rückschlüsse auf konkrete Tänzerinnen bieten. Möglicherweise handelte es sich bei der benannten Desanka um die Tänzerin und Choreografin Desanka Virant, was von der Jahreszahl sehr gut passen würde und eigentlich ganz schön wäre. Denn dann wäre die Ansichtskarte zugleich eine Autogrammkarte.

Es ist natürlich insgesamt sehr bedauerlich, dass die Karte nicht mehr als ein Namenssammlung übermittelt. Zum Dezemberwetter zum Beispiel hätte sich sicher etwas sagen lassen und dazu, wie warm man sich anziehen musste, wie eine auf Twitter einsehbare Impression aus eben diesem Dezember 1974 zeigt. Aus philatelistischer Sicht ist ebenfalls bedauerlich, sofern man sich diesen Luxuskummer gönnen möchte, dass die Reisegruppe aus Zagreb nur zu einer schnöden Dauermarke griff, wo doch gerade die Sondermarkenvielfalt der sowjetischen Post geradezu berüchtigt war. Wie einfach diese freilich im Dezember 1974 auch vermutlich am Tresen eines Barnauler Hotels verfügbar waren, ist auch etwas, was sich heute kaum nachvollziehen lassen wird.

(Ben Kaden, Berlin, 25. Mai 2017)

 

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