Die Schule im Sommer. Eine Ansichtskarte aus dem Juli 1960.

Im älteren Teil des Berliner Stadtbezirks Hohenschönhausen und unweit der von Autowerkstätten und Einfamilienhäusern gerahmten Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen entdeckt man als Stadtwanderung an der Werneuchener Straße ein kleines Ensemble, das sich für eine Rückschau auf die DDR-Architektur der späten 1950er Jahren geradezu aufdrängt. Auf der einen Seite steht ein weitgehend konturloser Wohnblock, der sich aber immerhin durch drei interessante die Wasserwelt betonende Supraporten auszeichnet. Auf der anderen Seite erstreckt sich aber über die Länge des Blockes ein bemerkenswertes Schulgebäude, das heutige Manfred-von-Ardenne-Gymnasium, eröffnet im Juni 1957 zum Tag des Lehrers als 2. Mittelschule mit dem Namen Pestalozzischule.

Für die Bildungsgeschichte der DDR ist der damalige Neubau von Bedeutung, weil mit den neuen Räumlichkeiten der so genannte Schichtunterricht in Berlin-Ost beendet werden konnte, wohingegen, jedenfalls nach Auskunft der sozialistischen Presse, Westberlin noch weit davon entfernt war. Der Ostteil der Stadt hatte nun seinen 27sten Schulneubau. Die Sonne der Nachkriegszukunft ging, so das Narrativ, ein weiteres Mal zuerst im Osten auf, was man am Gebäude auch mit einer schmucken ostseitig angebrachten Sonnenuhr signalisierte. Der Ostberliner Oberbürgermeister Friedrich Ebert hielt zur Einweihung eine Jubelrede auf die kommende Generation, die “die nicht mehr bereit sind, in einem kapitalistischen Land zu leben” (vgl. Neues Deutschland vom 12.06.1957, S.6) Danach gab es eine Puppenspiel, einen Jongleur namens  Mäxchen Pfiffig sowie für die sozialistische Feierstimmung Musikdarbietungen jeweils eines  Ensembles des Zentralhauses der Jungen Pioniere, des Orchesters der Berliner Volkspolizei und des Jugendorchesters der Hochschule für Musik, Leipzig, u.a. mit “Querschnitte[n] durch Oper und Operette”. Jugendkultur der 1950er Jahre eben.

Sozialistische Planziele wurden mit der Schule dann auch bald erreicht: Am 31.01.1960 meldete das Neue Deutschland, dass 82 Prozent der 700 Schülerinnen und Schüler der Pionierorganisation angehören, nur 2,2 Prozent sitzengeblieben sind und alle gemeinsam 2000 Mark mit Altstoffen zusammengesammelt haben, die in den Ausbau der Oberschule zu einer polytechnischen investiert werden sollten. (ND, 31.01.1960, S.8) Die Mütter wuschen dafür die Vorhänge der Klassenzimmer und Väter mauerten hier und da eine Wand. Passend zu diesem Engagement druckte die Zeitung unter den Bericht zum Fortschritt an der Pestalozzischule ein launiges Gedicht eines launigen Paule Panke mit dem Titel NAW 1960 dessen Reim

“Zehn Stunden sind nicht ville / vateilt man die uffs Jahr, / doch mal -zichhunderttausend, / det jibt een Exemplar…”

als Stilprobe reichen mag.

Architekturgeschichtlich ist die vom VEB Hochbau II entworfene Schule bemerkenswert, weil sie verkörpert, wie der an der Karl-Marx-Allee im Großen entfaltete Repräsentationsstil in der kleinen Form aussehen sollte und konnte. Mit der im Westen Deutschlands trendenden Bauhausmoderne und also auch mit dem ebenfalls nicht weit entfernten Mies-van-der-Rohe-Haus, van der Rohes letztem Auftrag vor dem Exil, hat dieser Stil wenig gemein, was natürlich beabsichtigt war. Dafür gab es ein ganz traditionell anmutendes Türmchen. Wäre der Hahn, Symbol deutscher Pünktlichkeit, nicht bereits Teil der Sgraffito-Sonnenuhr des Grafikers Erwin Weiß, hätte er auch als Wetterhahn über dieser Zentraluhr des Haupteingangs einen passenden Eindruck gemacht.

Erwin Weiß ging kurz nach Fertigstellung der Schule seinen Bitterfelder Weg und als Künstler in den VEB Schwermaschinenbau “Heinrich Rau” in Wildau, was ihm einen Preis einbrachte, hier als Thema aber nicht vertieft werden kann. Denn an der Sonnenuhr und der langen Seite der Schule vorbei lockt das ebenfalls in den Putz eingearbeitete sozialistische Bildungsideal von Gottfried Richter, das an Kinderbuchillustrationen erinnert und das in der frühen DDR-Kunst gar nicht so seltene Motiv des Knaben mit dem Modellsegelflugzeug an die Wand bringt. Dazu gibt es im stiltypischen Grobschnitt Lehrerin und Lehrer – er mit einem eingerollten Entwurfsplan, sie mit der Zeichenmappe. Unter ihnen stehen sechs Schülerinnen und Schüler. Neben dem Modellflieger sieht man ein schulberanztes Pärchen Mittelschüler und unter diesen einen Oberschüler, der seiner Mitschülerin ein Buch zeigt. Die Mode der Figuren betont die warme Jahreszeit und verbindet sie damit wieder zurück mit dem Sonnenuhrenhahn, der ja wie Sprichwort und Physik wissen, nur heitere Stunden anzuzeigen in der Lage ist.

Ob der Grafiker Gottfried Richter, der ganz gern Sprichwörter in Holzschnitte umsetzte, auch dazu etwas zu schnitzen hatte, ist nicht zu ermitteln. Bekannt und auf den ersten Blick auch erkennbar ist jedoch, dass die 20-Klassenschule räumlich sehr großzügig ausfiel und zeitüblich eine große Aula mit Bühne bekam, die auch später für diverse Veranstaltungen gern genutzt wurde, möglicherweise, weil die bald in Typenbauweise entstehenden Schulen der DDR solch einen Luxus nicht mehr selbstverständlich bieten sollten. Entsprechend dokumentiert die Berliner Zeitung vom 13.11.1962 für den nächsten Tag den Termin eines in der Aula geplanten Vortrags zum Thema „Wie kläre ich mein Kind auf. wenn es Fragen stellt”(S.8). Wenn man weiß, welches Objekt sich nur zwei Straßen weiter befand, läuft es einem bei diesem Titel gleich mal kalt den Rücken entlang.

Ansichtskarte Pestalozzischule Berlin-Hohenschönhausen
Pestalozzischule Berlin-Hohenschönhausen

Eine neugebaute Schule war selbstverständlich auch ein willkommenes Ansichtskartenmotiv. Die gerade auf dem Schreibtisch liegende Ansichtskarte aus dem Jahr 1959 ist zwar ein wenig ramponiert, lässt aber dennoch beispielhaft erkennen, wie damals noch – wenigstens gefühlt – öfter der Ansichtskartenverlag Graphokopie H. Sander K.G. in Berlin N 113 als der später dominante Reichenbacher Verlag Bild und Heimat die stadtbildgewordenen Vorstellungen der sozialistischen Lebenswelt inszenierte.

Hier sieht man die Werneuchener Straße in sommerlichen Sonneneinfall mit am Rand eingestreuten Menschen am Nachmittag. (Die Schuluhr weiß es besser und sagt: Mittagszeit.) Drei Kinder sehen den Schülerabbildern im Kratzputz erstaunlich ähnlich, zwei Frauen im, nun ja, Haushaltstagsstil, den Lehrern überhaupt nicht und halten einen Schwatz. Alles ist friedlich, ohne jede Anspannung. Die Welt ist eine offene Straße im Sommer. Und diese Alles-ist-Gut-Stimmung setzt sich, wenn auch mit leichter Trübung, in der Botschaft der Ansichtskarte fort, die am 06. Juli geschrieben (handschriftliche Datierung der Nachricht) am 08. Juli 1960 von Berlin-Hohenschönhausen (Poststempel) nach Hochkirch bei Bautzen reiste und dort, wie eine Eingangsmarkierung informiert, am 11.Juli eintraf. Ansichtskarten waren bekanntlich das zentrale private Distanzkommunikationsmittel der an Telefonen armen DDR und wohl auch bewusst bis zum Ende des Landes mit sehr niedrigem Porto zu versenden. Zudem zeigten sie denkbar transparent jedem, der das Postgeheimnis ignorieren wollte, wie harmlos man vor sich hin lebt. So schrieb man eben auch mal im Telegrammstil aber viel billiger, dass das Wetter in Berlin gerade gut ist, man sich über eine erhaltene Ansichtskarte freute, dass das Essen schmeckt und dass man viel Arbeit hat. Außerdem: “Wir immer müde. Grüße bestellt.”

(Ben Kaden / Berlin, 09.04.2017)

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