Am Sonntag: Eine Ansicht von Sztálinváros und wie sie an Eisenhüttenstadt erinnert.

Dunaújvaros ist die Eisenhüttenstadt Ungarns. Und Eisenhüttenstadt das deutsche Dunaújvaros. Das kann man angesichts der zahlreichen Parallelen zwischen beiden Planstädten schon so eindeutig sagen. Es gibt graduelle Unterschiede, aber es sind nur Monate vom offiziellen Baubeginn am Donauufer (02. Mai 1950) zum berühmten Axthieb des Industrieministers Fritz Selbmann am 18. August 1950 in der Schönfließer Heide, wobei weniger das Dorf Schönfließ als die kleine Oderstadt Fürstenberg in etwa dem entspricht, was Dunapentele für die neu entstehende Stahlwerkerstadt am Donauufer darstellte. Beide Städte hießen lange Stalinstadt bzw. in direkter Entsprechung Sztálinvaros. Beide liegen in mäßiger Entfernung zur jeweiligen Hauptstadt, wenngleich Budapest ein bisschen näher ist, was aber die Straßensituation hinsichtlich der zu erwartenden Reisezeit in etwa ausgleicht.

Dieses knappe Nebeneinander spiegelt sich schließlich auch noch im Zeitpunkt der Umbenennung in eine Post-Stalinstadt: Sztálinvaros wurde am 26.11.1961 zu Dunaújvaros, Eisenhüttenstadt erschien am 13.11.1961 auf den Straßenschildern. Und sogar die Größe der Städte hielt sich bis 1990 auf ähnlichem Niveau, wenngleich Dunaújvaros in puncto Einwohnerzahl immer eine Nasenlänge voraus war. Heute, Stichwort: Shrinking City Eisenhüttenstadt, sind es allerdings mindestens drei lange Nasen.

Aber auch die Donaustadt schrumpft, nur eben langsamer. Eine bisher selten herausgestellte Parallele zeigt sich schließlich darin, dass Dunaújvaros sogar, wenn man so will, seinen Sebastian Nakajew, also einen Bühnen- und Filmschauspieler hervorbringen konnte, nämlich den ebenfalls im Jahr 1976 geborenen Evrin Nagy.

Weniger zufällig ist dagegen, dass der Fotograf Thomas Neumann vor nun mehr fast 10 Jahren in beiden Städten den Grundgedanken der sozialistischen Utopie, also des neuen Menschen am neuen, schwere- da vergangenheitslosen Ort, in zwei Kunstprojekten entfaltete: dem Kongress der Futurologen, 2007 in dem damals und lange verlassenen zentralen Gastronomie- und Tanzlokal Eisenhüttenstadt, dem Aktivist, und der Wanderlust von Stalking Utopia ein Jahr darauf in Stadtraum und im Institut für zeitgenössische Kunst von Dunaújvaros. Dass die ungarische Stadt ein Kortárs Művészeti Intézet (ICA-D) hat, zeigt aber auch, dass sich die Stadtentwicklungen nach 1990 ein bisschen gabelten. Dafür sind die Häuser im Kernbestand der deutschen Planstadt in deutlich besserem Sanierungszustand. Und es gibt, wenigstens gefühlt, in Eisenhüttenstadt sehr viel mehr Kunst im öffentlichen Raum.

Das Pendant zur Eisenhüttenstädter Aussichtswiese an der Sprungschanze liegt in Dunaújvaros vom Ostrand der Stadt und bietet einen wunderschönen Ausblick weit über die Donau hinweg hat und dazu einen netten Uferpark. Wenn man ans Fürstenberger Arboretum denkt, lässt sich dies dagegen fast schon wieder als eine verwirrende Parallele erfahren. Insofern dürften alle stadtsensiblen Besucherinn*en der Städte, insbesondere, wenn sie ihre prägenden Jahre in Dunaújvaros oder Eisenhüttenstadt verbrachten, wissen, was ich in einem Beitrag zum Stalking Utopie 2008 als Dejavuros beschrieb und mit einigen weiteren auffälligen Ähnlichkeiten unterstrich, die hier nicht wiederholt werden müssen. Die fallen einem schon ins Auge, wenn man in der Semmelweis Utca steht und merkt, wie gut sich selbst Straßennamen decken.

Dass Dunaújvaros heute kurz wieder aufflackert, hat zwei Gründe, nämlich zum einen, dass der befreundete und aus Eisenhüttenstadt kommende Architekt und Fotograf und also wenig überraschend vor allem Architekturfotograf Martin Maleschka vor einem Monat dorthin fuhr, um sich die ehemalige sozialistische Vorzeigestadt Ungarns im Nebel anzusehen. Zum Anderen führte das Fischen in einem Stapel alter Ansichtskarten das schön gezackte Exemplar eines Luftbilds des noch sehr jugendlichen Noch-Sztálinváros, aufgenommen von Zoltán Horváth, das die Képzõmûvészeti Alap Kiadóvallalata (Verlag für Schöne Künste) in Budapest als eine Postkarte auflegte, die dem aufmerksamen Beobachter (besonders dem mit Lupe) zeigt, dass man nicht nur in der Stalinstadt der 1950er noch Pferdewagen in den neuen, schnurgerade Straßen sah.

Ansichtskarte Sztálinváros, 1950er Jahre
Sztálinváros, 1950er Jahre. Und nicht einmal an Menschen fehlt es im Revier  dieser Sommerstimmung – am rechten Bildrand kommen sie mutmaßlich aus Richtung Stahlwerk über eine heute verbaute Freifläche, die wenig Schatten bereithält und auch die Bäume an der Vasmű út 1 (früher Sztálin ut) sind dafür noch ein bisschen zu klein. Die Stahlwerkerplastik, die sich heute an einer Stelle rechts hinter dem Pferdefuhrwerk neben dem Bäumchen befindet, darf man ruhig als Entsprechung zum in der Eisenhüttenstädter Lindenallee stehenden überlebensgroßen Bronze-Metallurgen von Herbert Burschik verstehen. Die Freifläche dahinter ist übrigens immer noch frei. Sie dient als Parkplatz für einen Lidl. Der die Straße im Vordergrund flankierende Block (aus dem Jahr 1951) ist übrigens ein Musterbeispiel der frühen Pläne des am Bauhaus geschulten Stadtarchitekten Tibor Weiner. Was man aus der Perspektive nicht sieht, sind die straßenseitig im Erdgeschoss untergebrachten Geschäfte (drei Gewerbeeinheiten) zur Nahversorgung. Hätten Tibor Weiner und seine Kollegen Tibor Bartha und János Szalay diese zur Straße etwas mehr vielleicht mit Arkaden herausgestellt und den Bewohnern im ersten Stock hübsche Balkonterrassen gegönnt, garniert mit einem Hauch mehr neoklassizistischer Elemente, so wäre die Ähnlichkeit zum II. Wohnkomplex von Stalinstadt (DDR) noch augenfälliger.

Die Ansichtskarte reiste am 10.Mai 1960 (Poststempel) von Sztálinvaros nach Sopron und zwar mit einer sehr passenden Briefmarke aus der Serie Gebäude des Fünfjahrplans in Budapest. Sie zeigt den (damals) neuen Busbahnhof am Stalinplatz, der erstaunlicherweise bereits 1953 in Engels-Platz umbenannt wurde, den die Architekten  István Nyiri, János Golda und Attila Madzin 1949 noch vor der Durchsetzung der ästhetischen Leitlinie des auch in Ungarn zwischenzeitlich sehr dominierenden Sozialistischen Realismus bauen konnte. Diesen Stil konnte man in Dunaújvaros an zahlreichen Ecken und sehr deutlich an der Fassade sozusagen des “Aktivisten” der Stadt, (Béke Étterem és Üzletház am Bartok-Platz, hier noch ohne Mosaik) ablesen, die Ivan Szilárd – in diesem Fall vielleicht der Walter Womacka von Sztálinvaros – mit hagiografischen Mosaiken zur Geschichte des Aufbaus der sozialistischen Stadt und zur Schönheit der Metallurgie auskleidete. Der Budapester Busbahnhof, von dem sehr wahrscheinlich auch hin und wieder eine Reise donausüdwärts nach Sztálinvaros startete, konnte sich noch knapp davor wegducken, überlebte bis heute, ist nun Baudenkmal und beherbergt einen “Design Terminal”. Dass es dort im Herzen der ungarischen Hauptstadt einmal eine “Brain Bar” genannte Veranstaltungsreihe geben sollte, wusste der Absender der gefundenen Ansichtskarte naturgemäß noch nicht. Dass es sich um ein Kind handelt, welches hier einem – oder eher, wie gleich zu vermuten ist, einer– Jozsef. (sic!) Nemeth in eine unscheinbare Wohnstraße von Sopron schrieb, ergibt sich sowohl aus dem Schriftbild – bemühte, nicht immer perfekte Schönschreibung – und auch der Botschaft, soweit sie ohne Kenntnisse der ungarischen Sprache nachvollzogen werden kann. Eigenartigerweise wird eine Tante adressiert (=néni). Insofern ist Jozsef. dank Punkt offenbar die Abkürzung für Jozsefine. Und sie erfährt nun, von Imi, also vermutlich Imre, dass alles in Ordnung ist, er die Sendung erhalten hat, gut lernt, Mama sich durch Pfeifen (=fütyül – ach schöne ungarische Sprache!) gestört fühlt und Mutti, Vati, Bruder und Großmutter, alle offenbar beieinander in Sztálinvaros, grüßen. All das passt sehr gut zur traditionellen Rolle der Postkartenkommunikation in einer Zeit, in der selbst öffentliche Fernsprecher ein Ereignis waren und deckt sich zugleich mit Nachrichten, die man auch auf überlieferten Ansichtskarten  aus Stalinstadt nachlesen kann, wobei ganz und gar nicht auszuschließen ist, dass sich eine solche in ähnlicher Betrachtung demnächst hier wiederfindet.

(Ben Kaden / Berlin, 19.03.2017)

Advertisements

2 thoughts on “Am Sonntag: Eine Ansicht von Sztálinváros und wie sie an Eisenhüttenstadt erinnert.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s