Die Tanzbar, die es gab. (Gera, 1972)

Der Weg Richtung Feierlichkeiten zum Tag der Republik  im Jahre 1967 – die DDR wurde endlich 18 – führte Albert Norden, altgedienter Kommunist und u.a. Mitglied des Politbüros des ZK der SED, nach Gera. Auf dem Programm stand die Eröffnung einer “Lehr- und Leistungsschau der Industrie und Landwirtschaft des Bezirkes”. und eine der üblichen Brandreden zum Kriegsgetrommel aus Bonn, der drohenden Rückkehr des Faschismus in der BRD und der wichtigen Rolle der DDR als “Sachwalter des Friedens aller Deutschen”, wie das Neue Deutschland auf der Titelseite seiner Ausgabe vom 06.10.1967 zu berichten wusste. Um seiner Ansprache einen hoffnungsvollen Hintergrund zu geben, sprach er auf dem Platz der Republik und vor dem Neubau des Interhotels, das das Herzstück des neu gestalteten Zentrums der Bezirksstadt war, ein aus heutiger Sicht klassischer Hotelbau der Ostmoderne (Architekt: Günther Gerhardt) mit 356 Ein- und Zweibettzimmern sowie reichlich Gastronomie nicht nur für die Hotelgäste. In der üblichen Investitionsblindheit der 1990er Jahre riss man das Objekt ab und besetzte den Platz mit einer farblosen Baukasten-Mall (Gera Arcaden), die zeigt, dass die Stadtplanung der Nachwendezeit in ihrer Einfalt das zugegeben häufig leicht schematische Plattendenken der DDR-Stadtentwicklung keineswegs überbot. Oft eher im Gegenteil. Ein wenig lebt das Gebäude natürlich in den Erinnerungen fort, insbesondere der ehemaligen Mitarbeiter_innen, die sich in diesem Oktober zum 50. Jahrestag der Eröffnung treffen.

Und es bleibt auch in den Erinnerungen von Besucher_innen, zu denen das wunderbare Medium der Ansichtskarte hin und wieder eine Spur erhalten hat. In diesem Fall ist es ein Blick in die Tanzbar des Hauses und zwar im Jahr 1972. Ob die Bar damals schon Rubin hieß, verrät die Karte leider nicht. Aber was spräche angesichts des geschliffenen Ambientes dagegen?

Ansichtskarte Tanzbar Interhotel "Gera"
Die Tanzbar Interhotel “Gera”, vermutlich Richtung 1972, in einem Jahr also, in dem es der Uve-Schikora-Combo gelang, Prog-Rock mit Schlager zu kombinieren (u.a. im Duett mit Frank Schöbel) und populär zu machen. Ob sie auch einmal auf dieser Bühne auftraten, ist nicht überliefert.

Die frühen 1970er Jahre navigierten wenigstens in den Interhotels der Deutschen Demokratischen Republik durchaus auf Augenhöhe der Leitbilder der internationalen Ästhetik. Und auch wenn die Aufnahme in ihrer Steifheit sehr gestellt anmutet (nicht nur die Sängerin schaut in die Runde, als wäre sie schon längst mehr als bedient), so transportiert das Bild doch einen Hauch dessen, was die rückseitig vermerkte Botschaft der postalisch nicht gelaufenen Karte andeutet:

14.9.[19]72
1.00-3.00
Exkursion der Schulfunktionäre des Kreises Bitterfeld. Zum Tanz spielt ein Barquartett aus der CSSR!

Ach Barquartett. Wie Tanzbar ein verschwundenes Phänomen, einst Gütezeichen der gehobenen Massenkultur, nämlich dann, wenn man sich mal etwas gönnen wollte, zum Beispiel auf einem Funktionärsausflug. Beide Konzepte hatten ihre Lebenszeit von etwa 1950 bis 1980 und beide waren vermutlich auch Teil des sanften Übergangs zur Durchsetzung der Popkultur, eine Kompromisslösung, niemals Avantgarde, immer gefällig, kein größerer Anspruch als Unterhaltung und Zerstreuung, der Wein nicht unbedingt aus filigranem Stielglas sondern gern aus dem dickwandigen Römer zu genießen. Die Szenerie passte eigentlich schon perfekt zu einem 1951 erschienenen Making-Of-Report zum DEFA-Krimi “Zugverkehr unregelmäßig”:

“Auf einer beleuchteten Tanzfläche bewegt nach den Klängen des Bar-Quartetts eine rothaarige Tänzerin ihren Körper. Eben betreten drei neue Gäste das Lokal, bleiben einige Minuten in der Tür stehen, schauen zur Tänzerin und werden vom Geschäftsführer an ihren Tisch geführt.” (Neue Zeit, 10.03.1951, S.4)

Ein Tisch wäre noch frei und der Kellner mit Fliege und traurigem Blick wartet offensichtlich auf eine neue Aufgabe. Die (Tanz)Bar als konspirativer Treffpunkt oder eben als Ort der Verzweiflung war ein gängiges Motiv in der DDR-Filmgeschichte, wie man unschwer aus einschlägigen Polizeiruf-110-Folgen lernen kann. Insofern schwingt hier eine doppelte Seite. So beliebt sie als Abendunterhaltung sein sollte, so problematisch war ihr hedonistisches, bacchantisches Potential. Wenn die Idee des Leselands DDR umstritten ist, so ist die überdeutlich Affinität zu Alkohol und Rausch in der DDR-Alltagskultur allgegenwärtig und in keiner Weise relativierbar. Was dem Arbeiter die Eckkneipe, war dem Mitglied des Klubs der Intelligenz eben gern die Tanzbar, in der man, um beim Bezug zur CSSR zu bleiben, die in der DDR durchaus die Facette International Küche zu bedienen hatte, “Prager Zunge mit Toast” bestellen konnte und dazu einen Karlsbader Becherbitter. Und entsprechend gestärkt vielleicht noch einen Casanova-Cocktail (Gin, Weinbrand, Rum-Verschnitt, Angostura) bevor es beim Schwof dann richtig zur Sache ging. Wozu die Bitterfelder Schulfunktionäre an ihrem Septemberabend in Gera griffen, ist vermutlich nicht einmal mehr für die Beteiligten erinnerlich. Aber durch die Dokumentation dieser Karte kann immerhin nun auch eine digitale Spur an diese Nacht vom 13. zum 14.09.1972 gelegt und wieder gefunden werden.

(Ben Kaden, Berlin, 12.02.2017)

 

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