Der kleine weiße Hund. / 27.09.2016

Der kleine weiße Hund
Der kleine weiße Hund und eine Fabeldarstellung von Dieter Duschek (aus dem Jahr 1987) in Berlin-Friedrichsfelde.

Drei Fabeln waren es, die der Keramiker Dieter Duschek für den kleinen Stadtplatz zwischen der Köpitzer Straße und der Charlottenstraße in Berlin Friedrichsfelde in Terrakotta illustrierte: Iwan Krylows Der Hecht und der Kater, Ludwig Gleims Das Pferd und der Esel sowie Lessings Der Rabe und der Fuchs. Lessing überlebte. Von Krylow und Gleim bleiben nur die Grundplatten, ein wenig wie Grabplatten, als wäre die höhere Weisheit der Tiere, die ihr Element überschreiten (Krylow) oder die Last, die sie vermeintlich nicht tragen, doch ertragen müssen (Gleim), darunter verborgen. Das ist die Tragik eines Werkstoffs, der Gewalt nicht erträgt, was auch andere Arbeiten Dieter Duscheks zeigen, die sich noch hier und da in Berlin-Marzahn finden. Die Werkstoffe Keramik und Terrakotta eignen sich oft, wie die Erfahrung aus der Geschichte der Alltagsgewalt gegen zerbrechliche Dinge zeigt, eher für Kunst im halböffentlichen Raum. Wo ein Zaun, wie am Kinderbad im Bürgerpark Marzahn, ein wenig Schutz bietet, behält ein wassersprühender Keramikpinguin (Dieter Duschek, 1988/89) auch seinen Schnabel über längere Zeit. Eine Garantie ist freilich auch das nicht – Dieter Duscheks rundumgesicherte Keramikreliefs aus dem Hauptzollamt Marzahn verschwanden beim Umzug der Einrichtung. So ist die Welt: erfüllt von Dingen, die verschwinden. Oder Hunden, die noch da sind. Ein solcher, klein und weiß, spaziert so oft es geht eben über das Stadtplätzchen in Friedrichsfelde. Keine der Fabeln ist für ihn, aber an den Grundplatten schnuppert er, wie es Hunde eben tun. Die Hinterbeine knicken bei jedem zweiten Schritt ein. So klein er ist, so alt ist er. Es sollte ihn schon nicht mehr geben, sagt die ältere Frau, die sich für jemanden interessiert, der die verschwundenen Fabelbilder so intensiv betrachtet und ansonsten froh ist, dass ihr ein Rollator noch die Runde um das Haus ermöglicht. Eigentlich war das Tier gelähmt und der Tierarzt sprach vom Einschläfern als seine einzig verbleibende Möglichkeit, etwas an diesem Zustand zu ändern. Der Mann mit Hut in dem übergroßen Anzug, der in einer fremden Sprache laut telefoniert und dem Hund vorauseilt, nur um nach zehn Metern zu warten,  bis das weiße Etwas zu ihm aufschließt, brachte es nicht übers Herz. Die weißen Hinterbeine zittern zerbrechlich, wenn das Etwas läuft. Aber es läuft und das ist für die ältere Frau bereits ein Wunder. Sie ist noch neu in der Nachbarschaft. Sie kommt aus Neukölln, wo alle verrückt sind. Sie ist froh hier in Friedrichsfelde eine Wohnung im Hochparterre gefunden zu haben. Es ist günstiger, grüner, ruhiger und sie kann sich selbst versorgen. Der Supermarkt ist nun freilich und leider eingeebnet. Aber man versprach, dass es unten in dem neuen Wohnhaus, das die plus gewordene Kaufhalle ersetzen wird, wieder einen Lebensmittelladen geben wird. Der Brunnen in der Grünachse bleibt ganz sicher und eigentlich sollte er sprudeln. Die Kinder verstopfen ihn nur immer. Jeden Freitag wird er gereinigt, für das Wochenende. Der kleine weiße Hund lässt die Kugel des Brunnens diesmal aus und stolpert so schnell er kann zu drei Frauen, die daneben in der Sonne sitzen und ihn fröhlich anlächeln. Der Mann mit Mut ist schon voraus. Ein Beinchen knickt. Aber die Freude. Immer noch.

(Ben Kaden / Berlin, 09.Oktober 2016)

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