Die Umarmung. / 07.08.2016

Skulptur - Jürgen Raue - Das Paar, 1982
Skulptur – Jürgen Raue – Das Paar, 1982

Noch in Laufweite zum Wandbild an der Schwimmhalle hat an der Treskowallee die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin einen ihrer zwei Standorte. In den Zeitfenstern der Winter- und Sommersemester mutmaßlich gut bevölkert, nehmen sommerliche Sonntage fast alle Menschen vom Campus. Ein junger Mann sitzt auf zu Füßen der Weltjugend, die Senta Baldamus für die Grünanlage des Römerwegs modellierte, und telefoniert in einer Sprache, die man in aller linguistischen Ahnungslosigkeit für Bangla bhasha zu halten geneigt ist. Eine junge Frau, bei der man einen ostasiatischen Hintergrund vermuten mag, trägt zwei Einkaufstaschen an dem den Campus auf dieser Seite flankierenden Plattenbau vorbei. Der Asia Imbiss bittet für eine kurzzeitige Unterbrechung seines Betriebs um Entschuldigung und informiert, freilich ohne Angabe einer Bezugszeit, dass in einer Stunde einer Öffnung geplant ist. Bis dahin kann man die Drachen beschauen, die irgendwann in Grau unter den Tresen gespachtelt wurden.

Oder man geht in den Schatten des Campus, am Pförtner vorüber, der skeptisch schaut und freundlich zurück grüßt. Der stille Garten der Hochschule hat Hecken und darin Amseln und Kaninchen. Es gibt Bänke im Schatten. Es gibt stattliche Bäume unter denen eine Skulptur von René Graetz an den griechischen Kommunisten und Widerstandskämpfer Nikos Belogiannis – Ο άνθρωπος με το γαρύφαλλο – erinnert. Picasso hatte ihn lächelnd gezeichnet, die Nelke wie betrachtend. Die Arbeit Graetz’ noch aus dem Jahr der Hinrichtung von Nikos Belogiannis zeigt ihn als jungen Mann, zwar in Fesseln aber denkbar standhaft, den Blick herausfordernd in etwa in Richtung Cäsarstraße werfend. Hin und wieder bekommt die Bronzefigur noch Blumen, die neben der linken Faust trocknen. Etwas entfernt auf einem Rasenstück sammelt sich eine bronzene Luchsfamilie und beinahe scheint es, als wäre sie eine Tramstation zu spät ausgestiegen und wünschte sich eigentlich im Tierpark zu stehen. Vater Luchs observiert aufmerksam den Campus. Mutter Luchs beobachtet die Rückseite des Pförtnerhäuschens. Die beiden Jungtiere beobachten sich, versunken im Spiel. Geformt hat die Arbeit der Berliner und später Nordhausener Künstler Lothar Rechtacek, der eine Neigung zur Tierplastik und dem Meister der solchen, August Gaul, hatte.

Vier Jahre nach der Luchsfamilie entstand schließlich die Arbeit Paar des Bildhauers Jürgen Raue. Ein anderes seiner Paare dürfte deutlich bekannter sein, nämlich das junge aus dem Luchsjahr 1978, das sich im Fennpfuhlpark in einer buchstäblich packenden Beziehung zeigt, mit einem männlichen Griff nach dem weiblichen Handgelenk, der heute mindestens einen Tick zu besitzergreifend wirkt, um als leichtes, lebensfrohes Miteinander durchzugehen. Dreht sich diese Bronze noch in Richtung überscharfen Variation eines sozialistischen FKK-Ideals, nicht unähnlich, wenngleich etwas mächtiger, der gefälligen und sorgenfreien Plastiken zur Alltagsbegleitung, die in den Grünanlagen der DDR in Legion verteilt wurden, markiert das Paar vom Römerweg zugleich eine stilistische Vorwärts- als auch Rückwärtsbewegung. Zwei Torsi mit Kopf verweisen auf eine antike Formensprache und erinnern eher an Wieland Förster als an, vielleicht, die näher stehende Senta Baldamus.

Und plötzlich findet sich eine tiefere Poesie im Werk, gegen die der Ausdrucksgehalt des Fennpfuhlparks tatsächlich wie ein Brigadegedicht aus dem Zirkel schreibender Arbeiter wirkt. Der Stein ist keine Umarmung, wohl aber der Versuch einer solchen. Die Unterleiber berühren sich nur an den Außenseiten der Schenkel. Sie beharren im Nebeneinander. Anders die Gesichter. Anders die Oberkörper. Sie berühren sich nicht nur, sie halten einander, schützen einander, so gut es eben geht, sind letztlich ein Wesen mit zwei Rücken, aber einer deutlich wenig blank gewetzten Erotik, als sie die Bronze-Zweisamkeit vom Pfuhl aufdrängt. Auch hier und offener: Gewalt. Aber nicht in Aktion, also im Greifen und Zerren, sondern als Spur. Klinisch präzise Schnitte. Amputationen. Von Außen zugefügt. Das Paar wurde zugerichtet, zurecht geschnitten. Es kann nicht gehen, nicht greifen. Was ihm bleibt: das Aneinanderlegen, -pressen der Brust, der Herzseiten. Das Verschränken der Münder, der Gesichter, nicht als leidenschaftliches Spiel sondern als ein Bergen und Schützen. Eine Flucht zueinander, ineinander. In verzweifelter Lage. Die Wirkung eines sich mit allem Mitteln abschirmenden, sich in sich retten wollenden Einander-Seins wäre vermutlich an einem stärker bevölkerten Ort als dieser schattigen Idylle unter Meisenvögeln und Sperlingen eindrücklicher. Andererseits ist es eine Arbeit in Sandstein und damit erfahrungsgemäß deutlich stärker für Witterung und Angriffe unsteter Menschen anfällig. Es ist faszinierend, wie man, wenn man sich mit zerbrechlichen Dingen beschäftigt, unwillkürlich auch eine Sorge um diese aufbaut. Insofern ist die Verborgenheit zwischen Hecken auf einem stillen Hof etwas, das man sehr gern als einen zweiten Schutzmantel um das Paar weiß. Verlässt man das Gelände, hebt der Pförtner seinen Blick nicht. Und schweigt auch zum Gruß.

(Ben Kaden / Berlin, 07.08.2016)

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