Das Wandbild an der Schwimmhalle.

Wenn man in Berlin, zum Beispiel, mit der U-Bahn zum Bahnhof Tierpark fährt, dort die Treppe in Richtung des früheren Hans-Loch-Viertels und also nicht zum Tierpark hinaufsteigt, den Heinrich-Dathe-Platz überquert und den Wohnblock, in dem Heiner Müller immerhin vierzehn Jahre in einer Sechsraum-Neubauwohnung wohnte, passiert, fädelt man leicht auf die Dathepromenade ein, die man sich vielleicht mit einigen Rentnerinnen mit kleinen Hunden und drei Schulkindern zu teilen hat und die ein sanfter Fußweg ist, parallel zur Erschließungsstraße des Erieseerings und auf eine Schwimmhalle zu laufend, die Schwimmhalle Sewanstraße heißt und an deren Wand auf der Eingangsseite sich eine sehr schmucke und ungewöhnliche Malerei aus dem Jahr 1978 befindet, die ein Künstler namens Rolf Lindemann verantwortet und die den nicht sofort einleuchtenden (später ein bisschen) Namen “Menschen und Natur” trägt und viele Details hat, so dass man ruhig mal einen Moment vor ihr stehen bleiben und entdecken kann und wenn man Glück hat, findet man etwas von sich darin, zum Beispiel.

Rolf Lindemann - Wandbild an der Schwimmhalle Sewanstraße, Berlin
Rolf Lindemann – Wandbild an der Schwimmhalle Sewanstraße, Berlin

(Ben Kaden / Berlin, 15.04.2016)

Eine Karte aus Detroit, vom 27 Oktober 1929

Postcard Detroit Institute of Art
Postcard Detroit Institute of Art

Am Donnerstag, den 27. Oktober 1929 wurde mit der Abendpost in Detroit, Michigan eine offensichtlich am selben Tag in der Stadt mit Bleistift beschriebene und nach Wien und dort an das Haus Nummer 32 des Lerchenfelder Rings adressierte Postkarte abgestempelt. An diesem Tag gab es offenbar einen Familienausflug dreier Kohlers (Mrs., Steve und Victor), mit einem Automobil (“mit unserer Maschine”) von Cleveland kommend. Das Gebäude des Detroit Institute of Arts war zu diesem Zeitpunkt nahezu exakt zwei Jahre geöffnet. Direkt daneben befindet sich der massive Block des Wardell Hotels, in dem wenige Jahre später Diego Rivera und Frida Kahlo ihr Domizil für die Zeit nehmen sollten, in der Rivera seine Detroit Industry Murals im Institute malte. Als die Kohlers in der Stadt waren, zeigte das Institute allerdings Arbeiten des flämischen Meisters Anthonis van Dyck. Ob sie die Schau sahen, verrät die Karte nicht. Wie für das Medium üblich, beschränkt sich der Gruß an eine Frau Elsi Laub auf das Grüßen und ein knappes Berichten dessen, was man tut – also die Bekanntgabe des Ausflugs, hier allein mit den Informationen a) zu Dritt, b) mit der Maschine, c) 180 Meilen von Cleveland und schließlich der Betonung des Gelingens der Reise – “herlicher (sic!) Ausflug”, “prachtvoller Tag”. Die Bildseite korrespondiert mit dieser Beschreibung. Der Himmel ist nur locker bewölkt, einige wenige Automobile bewegen sich auf den Fahrspuren der Woodward Avenue, die sehr passend Teil des Automotive Heritage Trail ist, eine Reihe weitere umparken das Hotel, die Bäume tragen sommerliches Laub, Schatten sind so gut wie nicht bestimmbar und die Laternen leuchten zwecklos vor sich hin. Menschen sieht man nirgends, im Hintergrund jedoch Schlote der Industriestadt. Am Horizont zeichnet sich eine Hügellandschaft ab. Zur Frage, was das Leben mit den Kohlers und Elsi Laub machte, bietet die Karte keine Anhaltspunkte. Sie selbst überstand fast 87 Jahre sicher zuerst in Wien und sicher später in Berlin. Die Briefmarke wurde in dieser Zeit abgelöst. Der Rest bleibt als intakter Zeitanker von nun an für eine unbestimmte Dauer unter einigen Dutzend weiteren bewahrt. Eine weitere Spur dieser Karte bleibt dank dieses kleinen Textes für eine andere unbestimmte Dauer als digitale Aufzeichnung.

(Ben Kaden / Berlin, 15.April 2016)