Das Wasser. / 21.08.2017

Berlin, Strausberger Platz, 21.08.2017
Berlin, Strausberger Platz, 21.08.2017

siehe auch:
Das Wasser (1) / Flickr

Das Wasser (2) / Flickr

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Das Erholungsheim am Berg. Eine Ansichtskarte aus Friedrichroda.

Touristisch war die DDR aus verschiedenen Gründen nahezu zwangsläufig auf etwas konzentriert, das aktuell aus ganz anderen Gründen wieder in Mode kommt: den Urlaub im eigenen Land. Diese Praxis reihte sich trotz oder gerade wegen dieser Orientierung nach Innen in die üblichen Organisationsriten für alle knappen Güter ein. Ein so genannter Urlaubsplatz war keine Selbstverständlichkeit und oft an verschiedene Bedingungen wie zum Beispiel eine konkrete Betriebszugehörigkeit geknüpft. So hatte beispielsweise das Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) mit Hauptstadt Eisenhüttenstadt ein eigenes Ferienheim auf der Insel Rügen, nahe Putbus, mit dem ganze Generationen von Kindern der Stahlwerkerplanstadt fast geschlossen ihre frühen Ferienerinnerungen verknüpft sehen.

Der Schlüssel zum Zimmer in Hotel oder Erholungsheim lag also in vielen Fällen zunächst einmal in der innerbetrieblichen Urlaubsverwaltung. Oder in den Händen des FDGB-Feriendienstes, der ebenfalls dafür sorgen wollte, dass zwei Wochen Ferien an Küste, See oder im Mittelgebirge für jede Familie der Republik erschwinglich sein sollte. Die Reisen wurden bezuschusst, weshalb Geld tatsächlich keine Hürde darstellte. Zwei Wochen im Thüringer Wald kosteten mit den passenden Ferienchecks etwa 150-200 Mark der DDR und pro Kind kamen noch etwa 30 Mark dazu. Die Verfügbarkeit von Urlaubsplätzen war jedoch eine andere Sache, nämlich eine knappe und im Kinderland DDR erwartungsgemäß besonders in den Wochen der großen Ferien besonders gering. Um die Nachfrage abdecken zu können griff man, wo man nur konnte, landesüblich auf das Kollektivprinzip zurück, also das, was man heute Massentourismus nennt. Die Ferien- und Erholungsheime des FDGB waren nicht nur, aber wo per Neubau möglich doch bevorzugt Großkomplexe mit riesigen Bettenhäusern und streng zentralisierten .Versorgungs- und Unterhaltungsangeboten.

Das ehemalige FDGB-Erholungsheim “August Bebel” am Reinhardsberg über der kleinen Stadt Friedrichroda im Thüringer Wald ist ein eindrucksvoller Vertreter dieses Trends. Vorher schon als Luftkurtort beliebt, wurde das Städtchen dank des Neubaus nach Kühlungsborn zur meistbesuchten Destination des DDR-Reiseverkehrs. Für 1989 werden nicht weniger als 1,2 Millionen Übernachtungen überliefert (vgl. Nancy Allmrodt: Geotourismus in Thüringen. Hamburg: 2011, S.54) Entsprechend vergleichsweise üppig ist auch die Zahl und Vielfalt – nicht unbedingt bildsprachlich, allerdings – der Ansichtskarten zum Ort, die aus den diversen Ferien- und Kurheimen, ob sie nun Tanzbuche, Hermann Danz oder Walter Ulbricht hießen.

Friedrichroda - FDGB-Erholungsheim "August Bebel
Friedrichroda – FDGB-Erholungsheim “August Bebel”

So generisch wie die lichtbildnerische Annäherung der Ansichtskartenfotografen waren am Ende freilich auch die Botschaften, weshalb es beim vorliegenden Exemplar gar nicht so schlimm ist, dass sie ungelaufen in die Sammlung fand. Spannend ist sie trotzdem. Denn sie zeigt, vermutlich unfreiwillig, wie der Satz zu verstehen ist, den der Chefarchitekt des Baus, Walter Schmidt, im Bericht zum 1500-Betten-Objekt für die Zeitschrift Architektur der DDR (Ausgabe 10/1981, S. 614-621) verfasste:

“Der Baukörper fügt sich städtebaulich und funktionell harmonisch in die Landschaft ein.”

Die Wuchtigkeit des Betonfertigteilbaus spiegelt zumindest exzellent die das Stadtbild ebenfalls prägenden Plattenbauten und beides schluckt zumindest auf der gezeigten Ansichtskarte die Landschaft recht gründlich. Man kann sich durchaus vorstellen, dass der Blick vom auf der Abbildung gut auszumachenden Dachcafé im 12. Stockwerk des Hotels daran erinnert, dass man sich in einem ausgedehnten Waldgebiet befindet.Die Karte zeigt aber nur ein paar eingeschüchterte Bäume, hinter denen sich traditionellere Bau- bzw. Dachformen verstecken. Immerhin mildert die Distanz die Brutalität des Komplexes auf dem Berg und zugleich strahlt die freilich nur zur Orts- bzw. Südseite hin durchgängig realisierte Fassadengestaltung in der feinen Wabenprägung der Betonformsteinkultur der DDR den Reiz der Geometrie ins Tal.

Noch erstaunlicher wirkt die Wahl der Perspektive dadurch, dass Friedrichroda insgesamt wirklich nur eine (na gut, drei) Handvoll Blöcke aus dieser Facette des Wohnungsbauprogramms der DDR aufweist. Andererseits wird so nebenbei die lokale Besonderheit einer hölzernen Balkonverkleidung überliefert, was auch einen Wert darstellt. Dennoch fragt man sich, warum der Fotograf nicht ans Fenster oder aus Dach des vorderen Blocks getreten ist, um das damals neue Ferienheim zu inszenieren.

Verlegt wurde die Ansichtskarte aus dem Jahr 1981 übrigens nicht vom dominanten DDR-Postkarten-Hersteller Bild und Heimat sondern vom Spezial-Kunstverlag Albert Horn aus Gotha. Das mag erklären, warum die Perspektive nicht übermäßig geschliffen daher kommt. Der zweiten Ansichtskartenverlag, der mit Bildern zum Objekt immer wieder auftaucht, ist die Lichtbild-Schincke KG aus Zeitz. Warum für Postkartenbilder dieses Vorzeigeneubaus des DDR-Tourismus so stark lokale Hersteller zum Zuge kommen konnten wäre ein spannendes Studienthema für die Ansichtsgeschichte der DDR. In jedem Fall sind diesem Umstand eine Reihe von zur Ansichtskarte gewordenen Aufnahmen zu verdanken, die etwas weniger präzise und ausbalanciert wirken, als man es von einem Bild-und Heimat-Produkt erwartet hätte, was heute bildhistorisch umso reizvoller ist.

Ebenfalls sehr reizvoll wäre es auch gewesen, dass an sich aber nicht im Detail gut sichtbare 12 mal 12 Meter große Emaille-Wandbild von Willi Neubert “zum Thema: Sport, Spiel, Erholung und Freizeitgestaltung” (Schmidt, ebd.) am Gaststättentrakt mit einer gesonderten Ansichtskarte zu würdigen, zumal die Wikipedia vermeldet, dass es mittlerweile zerstört sei. Auf dieser Aufnahme aus dem Jahr 1990 sieht man es jedenfalls noch, aber eben auch nur als bunten Fleck. Gleiches gilt für diese Instagram-Aufnahme aus dem Jahr 2016, nach der zu urteilen man aber immerhin auf einen Fehler in der Wikipedia hoffen kann.

Dass die Wikipedia hier irrt, wäre sehr zu begrüßen. Denn was man auf der Ansichtskarte nicht sieht, ist, wie verdichtet Ästhetik und Ikonografie der zu diesem Zeitpunkt schon eher mittelalten DDR auf den Emaille-Platten zum Ausdruck kommen: ein junges Paar in Sommerfrischestimmung in einer abstrahierten Landschaft, entschiedene Farben und eine kleine Friedenstaube. Ein bisschen denkt man bei der Formgebung vielleicht an Rolf Lindenmanns Ansatz für ein Schwimmhallenwandbild in Berlin-Lichtenberg ebenfalls aus den späteren 1970er Jahren.

Rolf Lindemann, 1978 / Detail aus dem Wandbild an der Schwimmhalle in Sewanstraße, Berlin Lichtenberg

Wobei Willi Neuberts Arbeit für Friedrichroda in präzisen Ausführung möglicherweise doch stärker die Wandbildsprache Walter Womackas aus dieser Zeit assoziiert. Deutlich wird jedoch in all diesen Arbeiten, dass sozialistische Kunst am Bau zu dieser Zeit ihre Schwere verlieren durfte – zumindest bei Freizeitobjekten – dafür an Farbe gewinnen durfte und generell verspieltere und grafischere Formen an Bedeutung gewannen. Wandgestaltungen dieses Zuschnitts durften und sollten Freude vermitteln, auch wenn ansonsten die Tristesse nicht zuletzt in der Massenarchitektur eher noch zunahm und auch die Architektur der DDR in den 1980ern wieder an ostmoderner Leichtigkeit und Eleganz verlor, was sie in den 1960ern und 1970ern zwischenzeitlich gewonnen hatte. Dass heute Phänomene wie der Außendämmungswahn den meisten dieser Bauten die letzte Idee raubt und die Architektur der DDR zusätzlich trivialisiert, ist bedauerlich. Das Erscheinungsbild von Hotelbauten wie dem in Friedrichroda erweist sich dagegen als erfreulich umbauresistent, wie ein Blick auf die Webseite des aktuellen Betreibers zeigt. Und bei den ausgerufenen Preisen könnte man sogar für eine Nacht hinfahren und nachsehen, was nun wirklich mit Willi Neuberts Ferienbild geschehen ist.

(Ben Kaden, 19.08.2017)

Die roten Fahnen von Stalinstadt. Eine Ansichtskarte.

Auch wer viele Ansichtskarten aus Eisenhüttenstadt bzw. Stalinstadt kennt, dürfte vermutlich dann einen längeren Blick werfen, wenn ihm die unten gezeigte Ausgabe aus dem Jahr 1956 begegnet. Denn wirklich überschüttet wird man nicht mit der Ausgabe aus dem VEB Kunstverlag Reichenbach i.V., 1951 gegründet und 1959 in den das, nun ja, Heimatbild der DDR bis zu ihrem Ende prägende Bild und Heimat Reichenbach umbenannt, der bemerkenswerterweise seit den 1970ern auf das VEB verzichten konnte und auch verzichtete.

Umso schöner fühlt sich der Liebhaber der Eisenhüttenstadt-Philokartie, wenn ihm nun endlich doch ein Exemplar begegnet. Denn auch wenn das kulturästhetische Herz das des Sammlers in diesem Blog generell überlagert, erweckt der Fund einer solchen Rarität eben doch auch die eher niederen Antriebe der Sammelleidenschaft. Wo andere Ansichtskarten der Eisenhüttenstadt-Geschichte gern noch 1000 Runden durch Internetauktionen drehen dürfen, stand hier der Zugriff außer Frage..

Ansichtskarte Stalinstadt 1960
Ansichtskarte Stalinstadt 1960

Es ist aber auch ein schönes Objekt, egal wie man es dreht und wendet und zwar buchstäblich und bis zum sauberen Poststempel, der zwei Zehn-Pfennig-Dauermarken präzise mit der Bezeichnung STALINSTADT – Erste Sozialistische Stadt Deutschlands und der Werkssilhouette entwertet. Die Briefmarken entstammen der berühmten Fünfjahrplan-Serie und zeigen, ganz zur Stahlwerkerstadt passend, zwei Arbeiter der Metallverarbeitung im Gespräch.

Dass es zwei Marken bedurfte, ergab sich aus der Tatsache, dass die Ansicht der geschmückten sozialistischen Planstadt nach Frankreich reiste, genauer nach Blois an der Loire in eine dieser typischen französischen Kleinstadtstraßen mit ihren langen, geschlossenen hellen Häuserzeilen, zwei, maximal drei Geschosse hoch, mit Fensterläden und schlichten Fassaden, die Farbe nicht unähnlich der, mit denen die Häuser in Stalinstadt leuchteten, nur naturgemäß von der Zeit etwas abgestumpft. Der bürgerliche Chic von Blois findet sich weiter unten, Richtung Loire-Ufer. Der Zielort der Ansichtskarte deutet eher in Richtung Angestellten- und Handwerkermilieu.

Die dort wohnenden Madame et Monsieur M*, Lehrer offenbar, erhielten von einer Marie-Magdeleine nun am 22. August 1960 einen Gruß aus der “République Démocratique Allemande” mit dem Zusatz, dass es sich um eine lange und schöne Reise handele. Ungewöhnlich waren diese französisch-deutschen-demokratischen Ausflüge freilich nicht. Gerade in der frühen Aufbauphase der sozialistischen Vorzeigestadt wurden sehr regelmäßig Auslandsdelegationen durch das Zukunftsversprechen Stalinstadt geführt. Zudem signalisiert der August 1960 noch etwas anderes, nämlich die offiziellen Feierlichkeiten zum 10. Jahrestages der Stadtgründung, für das unter anderem die Freilichtbühne mit dem berühmten Massenaufzug “Blast das Feuer an” eröffnet wurde.

Marie-Magdeleine war also unvermeidlich in den Echoraum der Hüttenfestspiele geraten, die am 18. August 1960 offiziell begannen. Und sicher hörte sie auch von dem Luftschloss, dass der Stalinstädter Oberbürgermeister Max Richter in einer Samstagsausgabe des Neuen Deutschlands – exakt ein Jahr vor dem Mauerbau und Ein- und Einviertel-Jahr vor dem Ende von Stalinstadt – am 13.08.1960 formulieren durfte:

Die Perspektive unserer Stadt ist klar: Sie wird noch schöner werden. Nach den neuesten wissenschaftlich-technischen Erkenntnissen wird ein Stahl- und Walzwerk gebaut. Im Herzen der Stadt entsteht ein kulturelles Zentrum. Ein modernes Theater mit 800 Plätzen, ein 14geschossiges Haus der Kultur und Wissenschaften, eine herrliche Kongreß- und Sporthalle werden unseren Einwohnern die vielfältigsten Möglichkeiten für Bildung und Erholung bieten. Tausende werden hier schöpferisch an der Entwicklung der sozialistischen Kultur teilnehmen. (Max Richter: Junge Stadt des Sozialismus. In: Neues Deutschland, 13.08.1960, S. 3)

Ein kulturelles Zentrum dieser Art gab es nie und der Zentrale Platz erinnert bis heute daran. Statt des Kulturpalastes entstand später ein deutlich bescheideneres Pionierhaus, das auch eine Rolle als Verbindungselement zwischen der Kernstadt und dem neuen, so ganz anderen fünften Wohnkomplex übernehmen sollte. In der fußläufigen und auch sehr gelungen auf Fußwege geplanten Stadtanlage ist es gar nicht mal so weit von dem Wohnblock des WK II entfernt, den die Ansichtskarte rotbeflaggt inszeniert.

Erster Mai oder Siebter Oktober, Frühling oder Spätsommer, vielleicht Frühherbst lautet nun die Frage an die Aufnahme. Die kleinen Bäume tragen bereits Laub, allerdings nicht ausgesprochen zartes. Andererseits ist die Kolorierung nicht unbedingt absoluter Naturtreue verpflichtet. Die Menschen wandern in langen Ärmeln – beides ist für kalten Frühling oder kühlen Frühherbst angemessen. Für den 07. Oktober 1955 jedoch versprach die Wettervorhersage nicht nur halbwegs kühle Luft sondern auch Regen. Die Straßen der Stalinstadt sind jedoch trocken. Vielleicht also doch eher eine Aufnahme aus dem Monat Mai, wofür auch die Fußbekleidung der Frau im rechten Vordergrund spricht. Letztlich ist es auch von nachgeordneter Bedeutung.

Man wird sich darauf einigen können, dass die Aufnahme (“Farbfoto HO-Industriewaren”) einen doch eher seltenen Eindruck der sehr jungen Stalinstadt an einem Festtag in den 1950er Jahren präsentiert. Legt man eigene Erinnerungen dagegen, kann man zudem feststellen, dass diese Ecke – damals Ecke John-Scheer-Straße / Straße der Jugend – bis auf die Größe der Bäume und die irgendwann verschwundene Straßenwandzeitung erstaunlich lange ihre Anmutung stabil beibehielt. Eigentlich noch beibehält. Dies schließt die Litfaßsäule, frühes und wichtiges Kommunikationsmedium im Alltag der Stadt, mit ein, die irgendwann mit einer Uhr versehen wurde. Und sogar das Phänomen älterer Menschen in Schwarz gab es noch in den 1980er Jahren zu sehen. Heute trägt natürlich eher die Jugend schwarz, aus modischen Gründen und nachvollziehbar aus anderen Stoffen. Besonders im Sommer. Heute hängen auch andere Fahnen aus den Fenstern und meist nur zu großen internationalen Fußballwettkämpfen. Der gezeigte Wohnblock mit der hinter den Säulen versteckten traditionell so genannten Kameltränke steht allerdings auch 60 Jahre später genauso in der Sonne, wie ihn die Ansichtskarte zeigt.

(Ben Kaden, Berlin, 19.06.2017)

Briefmarken, Felix Hartlaub.

“Könntet Ihr mir (Michael wird sich der Sache annehmen), wenn Ihr mir nächstens schreibt, etwas deutsche Briefmarken, natürlich gestempelt, beifügen, für den Cavaliere, der ein grosser Sammler ist.”

Schrieb Felix Hartlaub am im März 1933 aus Neapel nach Mannheim an seinen Vater Gustav Friedrich Hartlaub und dessen zweite Frau Erika (geborene Schellenberg). Wir wissen das, da die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift und wunderbaren Kulturspeicher- und -aktualisierungseinrichtung Sinn und Form in ihrer aktuellen Ausgabe (Mai/Juni 2017) eine Reihe von Briefen des noch jungen (zwanzigjährigen) und 1945 verschollenen, verstorbenen Schriftstellers abdruckt, dessen Nachlass vom Literaturarchiv in Marbach verwahrt wird. Nikola Herweg, Mitarbeiterin an eben diesem führt gemeinsam mit dem Literaturwissenschaftler Harald Tausch kurz in die Schreiben Hartlaubs aus Italien ein. Ein eventuelles Interesse an diesen sollte unbedingt mit dem Heft selbst angegangen werden.

Für dieses Weblog soll allein die vielleicht nischigste der Facetten der Briefdokumentation aufgegriffen werden: die des Briefmarkensammelns. Für den gerade erst ehemaligen Odenwaldschüler Felix Hartlaub selbst war dies vermutlich weniger eine Herzenssache. Es wäre auch nicht zu erwarten. Kurz nach dem Abitur im Italien, dieses faschistisch, sich selbst hochhistorisierend, zugleich dunkle Nachrichten aus Deutschland, das nun ebenfalls zunehmend in seinen eigenen Faschismus kippt, zugleich chronische Geldsorgen und prinzipielle Fragezeichen über den Plänen der persönlichen Zukunft. Auch: Nach wie vor Trauer um die Mutter. Und auch sehr anschaulich dargelegt: Die Herausforderung, mittels den Postmedien Brief und Postkarte das Band zur Familie aufrechtzuerhalten. Briefmarken waren da verständlicherweise nur Mittel zum Zweck. Zum Beispiel für seine Verankerung in der für ihn aufzuschließenden akademischen (meist archäologischen) Gesellschaft Neapels. Der Cavaliere sammelt. Und daher muss der Bruder Michael auch im Geburtstagsbrief an den Vater noch einmal gemahnt werden:

“Erinnere Michael bitte an die Sendung der Briefmarkenauswahl.” (Brief vom 10.03.1933)

Das Gewünschte traf offenbar kurz darauf ein, denn der Brief vom 17.03.1933 eröffnet direkt:

“Lieber Pappi! Vielen Dank für die Sendung der Briefmarkenkollektion, sie wird mir hier sicher gute Dienste tuen, denn viele Leute sind passionierte Sammler.”

Damit war das Kapitel des Briefmarkensammelns für diese Briefe bereits wieder abgeschlossen. Es hier aus den Briefen zu lösen und zu notieren erfolgt nicht zuletzt mit einer Einsicht, die sich in Felix Hartlaubs Brief aus Perugia vom 1. August 1933 findet und die sich auch als Motto für diesen Blog eignete:

“Ich häufe hier im Laufe der Zeit eine Riesenmenge von Anregungen und Wissensfragmenten auf ohne irgendetwas zu verarbeiten und richtig zu befestigen.”

(Berlin, 18.06.2017)

Die Rosen im Kurpark. Eine Ansichtskarte aus Slowjansk.

Unlängst erschien in dem kleinen wunderbaren Verlag edition.foto.Tapeta ein schmaler eindrucksvoller und berührender Band mit Gedichten des ukrainischen Gegenwartsdichters Ostap Slyvynsky unter dem Titel Im Fünften Jahrtausend erwachen. Statt eines Klappentextes zitiert die Ausgabe auf ihrer Rückseite folgendes kurzes Gedicht:

Spuren von Irgendwem

Ein paar verwaschene Zeichen, eine durchweichte Karte, / Zweige, die jemand abgeknickt hat und denen ich folge, sonst nichts.

Es ist typisch für die eindrucksvoll gegenwärtige, und zugleich, wie Jan Kuhlbrodt in seiner Besprechung zum Buch schrieb, überzeitliche Poesie des Ostap Slyvynskys. Zugleich erinnerte mich das Beschwören von Vergehen und Folgen, notiert mit einem ukrainischen Blick, sofort an eine Ansichtskarte aus einer ganz anderen, heute aus verschiedenen Sichten verloren scheinenden Zeit, die aus irgendeinem unerfindlichen Grund und ganz buchstäblich als Spur von Irgendwem regelmäßig über den Schreibtisch wandert und nun mit diesem Text ins Internet.

Ansichtskarte Kurpark Slowjansk
Ansichtskarte Kurpark Slowjansk

Die undatierte und unverschickte aber beschriebene Karte zeigt die Kurparkidylle von Slowjansk, ein traditionelles und spätestens seit dem frühen 20. Jahrhundert europaweit bekanntes Zentrum der Balneologie (Bäderkunde) mit dem Schwerpunkt auf Schlammkuren, auch dem des sogenannten Bitterwassers und also Salinenstadt – es gibt zwei Salzseen. “Wenn auch kein Baden-Baden”, wie Oleg Ismailow in seinem nicht unproblematischen Reiseführer “Donbass für Anfänger” schreibt (Олег Измайлов: Донбасс для «чайников». 2017) Anton Tschechow mochte die Stadt offenbar auch recht gern, wie er in einem Brief aus dem Mai 1887 schrieb. Er fühlte sich offenbar angesichts der Provinzialität an Gogols Mirgorod erinnerte und beschreibt sanfte Straßen, auf denen Haus- und Nutztiere im Flieder- und Akazienduft promenieren. (vgl. dazu Walter Horace Bruford: Chekhov and his Russia: a sociological study. London: Routledge, 1998 [1948]) Und er vermerkt über den Morgen des 06. Mai, dass ihn ein duftiger Windhauch durchs offene Hotelzimmerfenster genauso begrüßt wie das Läuten der Kathedrale, die die Menschen zur Messe ruft und wie friedlich und versöhnt Polizisten, Richter und Militärvertreter in die Kirche einkehren.

Der Brief Tschechows allerdings ist nicht unbedingt das, was man heute als erstes mit Slowjansk assoziiert. Sondern vielmehr, dass ein ganzes plus ein Viertel Jahrhundert nach dessen Schreiben, am 12. April 2014, genau dort der Donbass-Konflikt eskalierte. Was niemand selbst nach dem Maidan erwartete, trat ein: die Stadt stürzte in den Krieg – nach ihrer Geisel- und Übernahme durch eine kleine Gruppe vorwiegend offenbar von Söldnern unter Führung des russischen Veterans und Nationalisten Igor Girkin (vgl. exemplarisch FAZ.net: In Slawjansk herrscht jetzt Krieg, 25.05.2014 bzw. Neues Deutschland: Im Kurort, 06.03.2015). Im Juli 2014 rückte die Stadt in die russischen Abendnachrichten und wurde zu einem Schlüsselort des Kampfes um die Narrative zur Deutung der Entwicklungen in der Ostukraine, wie Ulrich Schmid in seinem Buch Technologien der Seele beschreibt:

“Als nächstes spielte das russische Staatsfernsehen ein Melodrama ein. Am 12. Juli 2014 zeigte die Hauptausgabe der Tagesschau eine schluchzende Mutter, die angeblich aus Slawjansk nach Russland geflüchtet war. Sie erzählte von ukrainischen Soldaten, die auf dem Hauptplatz von Slawjansk einen dreijährigen Jungen gekreuzigt hätten. Diese »Urenkel der SS-Einheit Galizien« hätten schlimmer als die deutschen Faschisten gewütet. Das religiöse Motiv der Kreuzigung verlieh der frei erfundenen Gräuelgeschichte die Würde eines Martyriums.” (Ulrich Schmid: Technologien der Seele: Vom Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur. Berlin: Suhrkamp, 2015)

Der Krieg der Deutungen war eine Facette. Die andere war der Krieg der Geschosse, mit denen sich Konflikt und die bis Anfang Juli 2014 anhaltende Besetzung der Stadt durch die pro-russischen Separatisten um Girkin nicht nur mittels Kampfhandlungen und Bombardements sondern auch von Kriegsverbrechen in die Stadt und die Psyche ihrer Bewohner schrieb. Vice News berichtete im August 2014 vom Fund eines Massengrabs. Und dass seit der Übernahme der Stadt durch die Separatisten noch 300 Menschen verschwunden blieben.

Die Sanatorien wurden zwischenzeitlich zu Kasernen und ihre Umgebung zum Schießplatz. Jedenfalls berichtet der Schriftsteller Martin Leidenfrost dies von seinem Ortsbesuch. (Martin Leidenfrost: Expedition Europa : Fünfzig exzessive Selbstversuche. Wien: Picus, 2016) Ob der Kurpark zu dieser Umgebung zählt und ob die Sanatorien heute noch als Unterkünfte für Soldaten dienen, ist unbekannt. Es gibt eine Webseite, welche die Behandlungsmöglichkeiten des Sanatoriums anpreist. Möglicherweise fand der Ort wieder zu einer Art Normalmodus zurück, sofern dies unter den Umständen möglich ist.

“[…] Vier Tage / Stille schon, kein Granatendonner, niemand reißt die Lufttüren aus. / Es brennt kein Busch, die Vögel finden Ruhe. Nie war so viel Horizont über der zertrampelten / Erde […]”

schreibt Ostap Slyvynsky in seiner 2015er Episode.

War die auf der Karte dargestellte Szenerie im Rosengarten des Kurparks der vielleicht 1960er Jahre ein Normalmodus? Ein Paar, wenn auch nach der Körperhaltung und -nähe zu urteilen keines der Liebe, offensichtlich im Sommer, er im roten Hemd, sie im Kleid, dessen mögliches Muster von der Druckqualität der Karte fortgerastert wurde. Man sieht, dass sie eine Tasche trägt. Oder einen Blumenstrauß im weißen Papier? Wohl eher eine Tasche. Weiß sind auch die Brunnen und Plastiken des Kurparks, von denen man ein Exemplar in der Bildkomposition erkennt. Er balanciert die beiden Menschen und der Laternenmast als Stadtmöbel in gewisser Wiese dazu passend die Bank. Heute findet man, wie das Internet zeigt, an dieser Stelle statt Rosen Tulpen, aber vielleicht wechselt die Gartenpflege die Blumen auch hin und wieder. Geblieben ist Rot als Hauptfarbe, die auf der Ansichtskarte hier und da von gelben Blüten umflort wird. Und dem Grün des Landschaftsparks als Horizont unter dem leicht bewölkten Himmelblau sowieso. Auch darin, vielleicht, oder eher sicher: Zweige, die jemand abgeknickt hat. Wird ihnen jemand folgen?

Auf der Rückseite der Karte ist in schulmäßiger Schönschrift auf Russisch, zufällig trocken durch die Jahre und über weitgehend unbekannte Stationen bis auf diesen Schreibtisch gelangt, vermerkt: Slawjansk. Dies ist der Kurpark. Viele Menschen suchen hier Ruhe. Und vielleicht auch Schatten. Nur wenige Schritte entfernt findet sich eine Trinkhalle und man kann sich gut vorstellen, dass das Paar entspannt dorthin schlendert, und nur kurz einen Blick auf den Fotografen (oder die Fotografin) wirft, der (die) aus der Szenerie eine Postkartenansicht herausarbeitet und die beiden dafür sehr gut gebrauchen kann. Diese Szene ist nun ganz unspektakulär, aber genau das sollte vermutlich ihr Botschaft sein: Hier ist Kur, ist Ruhe, hier ist Frieden zwischen den Rosen und nah den flachen, warmen Salzseen von Slowjansk. Tschechow übrigens hatte die Stadt nicht nur im Mai 1887 besucht. Er hatte dort bereits einen Monat zuvor mit der Eisenbahn kurz gehalten, um eine Ansichtskarte an seine Schwester einzuwerfen. Welches Motiv deren Bildseite zierte, ist anscheinend leider nicht überliefert…

Und ja, Bahnstationen und die Stadt als Eisenbahnknotenpunkt und dann wieder Ostap Slyvynsky lesen, der doch besser passt, heute, als Tschechow: “Auf dem Rückweg vom Bahnhof ist sie allein, gleicht einer Figur aus Papier, trocken, flach, zweidimensional […].” Und  daran denken, was zum Beispiel Ansichtskarten bedeuten können und was bewahren.

(Ben Kaden, Berlin, 04.06.2017)

Die Schwimmhalle “Amphibia”: Eine Ansichtskarte aus Barnaul.

 

Was fällt einem ein, wenn man an die russische Stadt Barnaul denkt? Vielleicht, dass sie irgendwo in Sibirien liegt, von einer Schleife des Ob umschlossen. Vielleicht, dass sich vor einigen Jahren die Enttäuschung über die Lokalpolitik darin zuspitzte, dass eine Katze namens Barsik als Bürgemeisterkandidat zum Social-Media- und Weltpresse-Liebling wurde. Eventuell, dass Julia Neigel, mit Schatten an der Wand und als Jule Neigel kurzzeitiger Shooting-Star der ausgehenden 1980er Jahre, dort geboren wurde, bevor ihre Familie nach Ludwigshafen zog. In ihrer Autobiografie Neigelnah (Gütersloh, 2012) erzählt die Künstlerin mit russlanddeutscher Herkunft:

“Unser Haus in Barnaul war das erste, das meine Eltern gebaut hatten. Es lag am Rand einer Ansammlung von alten Hütten, die früher einmal ein Dorf waren. Direkt vor unserer Tür begann die freie Natur.” (S. 15)

Und beschreibt das Spannungsverhältnis ihrer Kindheitsjahre zwischen sehr beengender Armut und weiten Kindheitstagen, besonders in den eiligen und intensiven sibirischen Sommern, “die satt waren mit Mohnfeldern, Kirschblüten und Blumenwiesen.” (S.16) Im Jahr 1971 erfolgte für die Familie Neigel der Umzug in die Bundesrepublik. Im selben Jahr veröffentlichte der Moskauer Ansichtskartenverlag Издателъство Планета, in gewisser Weise der VEB Bild und Heimat der Sowjetunion, eine Serie von 15 Ansichtskarten zu Barnaul in der beeindruckenden Auflage von jeweils 1,2 Millionen Exemplaren. Das ist insofern besonders bemerkenswert, da die Einwohnerzahl der Stadt gerade einmal Richtung 600.000 strebte. Weniger verwunderlich ist daher, dass das Set bis in die 1990er Jahre verkauft wurde, wie eine lokale Nachrichtenseite 2014 berichtete.

Eine dieser Karten zeigt die Schwimmhalle Amphibia (Плавательцый бассейн Амфибия) im Stadtteil Южный, also in etwa Südstadt, der etwas abgelegen seit den 1950er als Wohnstadt für Industriearbeiter errichtet wurde. Das fügt sich selbstredend nahtlos in eine bekannte und biografisch bedingte Schwäche für (sozialistische) Planstädte wie zum Beispiel Sztálinváros ein.

Die Schwimmhalle Amphibia in Barnaul
Ansichtskarte und zugleich historische Aufnahme: Diese Fassade gibt es leider nicht mehr. Von den Ansichtskarten sind auf den einschlägigen Internetmarktplätzen noch zahlreiche erhältlich.

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