Milastraße / Berlin / Prenzlauer Berg / 15.06.2018

Die Milastraße. / 15.06.2018
Milastraße / Berlin / Prenzlauer Berg / 15.06.2018
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Der Heimgang im Durchgang. Zu einer Wand- und Raumgestaltung von Steffen Mertens in Berlin-Friedrichshain

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Details der Arbeit "Heimgang der Akrobaten" von Steffen Mertens
Ein kleines Haus und ein Paar Akrobaten – Kunst am Bau von Steffen Mertens in Berlin-Friedrichshain (1986/87)

Im September 1987 eröffnete im Untergeschoss einer der Plattenbauten, die seit 1984 im östlichen Friedrichshain die Lücken an der Frankfurter Allee füllten, eine Galerie. Das Programm für die Wohnbebauung war ambitionierter, als die Häuser dem heutigen Betrachter der sich Richtung Lichtenberg gentrifizierenden Hauptachse des Bezirks vermutlich vermitteln können. Dem Architekten Till Dorst stellte sich nämlich die Herausforderung, eine bauliche Lösung in Bezug zur bestehenden Altbausubstanz (fachsprachlich: Quartierrandbebauung) umzusetzen, wozu auch eine für Plattenbauten bekanntermaßen nicht typische Ausstattung mit Ladenlokalen gehörte. In eines dieser zog nun direkt am Durchgang zur Müggelstraße die “Galerie Passage”, mit 90 Quadratmetern nicht allzu groß aber mit einer hochkarätigen ersten Schau, nämlich einer zum Werk von Fritz Kühn. Vor der Galerie bildete dessen Skulptur “Kosmische Kreise” aus dem Jahr 1983 einen schönen Kontrapunkt zur weitgehend rechtwinkligen Geometrie der neuen Sechsgeschosser, die teilweise noch eingerüstet standen. Die Besprechungen zur Ausstellung waren positiv (so die von Sabine Sülflohn für die Neue Zeit, Ausgabe vom 10. September 1987, S.7). Innen konnte man unter anderem Teile von Fritz Kühns Variationen zum Buchstaben “A” sehen, einer für sein Schaffen sehr maßgeblich Arbeit, die heute noch unversehrt die Besucher der Zentral- und Landesbibliothek Berlin in der Breiten Straße in Empfang nimmt. Oder auch Varianten der Formen, mit denen er den Eingang der Komischen Oper rahmte. Einen Monat später waren die A’s und die Formen aus der Galerie und die Kosmischen Kreise vom Gehweg der Frankfurter Allee verschwunden. Stattdessen sah man dort eine Kuh, die Passanten in die Passage locken sollte zu einer Ausstellung mit Tierplastiken des bekanntesten Theaterplastikers der DDR, Eduard Fischer, seit 1950 am Berliner Ensemble und später mit Tieren und Masken auf vermutlich jeder Bühne der Republik vertreten und hin und wieder sogar im nicht-sozialistischen Ausland. Nach hinten hinaus, also zur Müggelstraße, gab es eine kleine Terrasse mit Café-Bewirtschaftung. Die kann man sich merken, denn im Gegensatz zur Galerie, die längst eine Sportsbar ist, findet sich dort immer noch die Möglichkeit, etwas zu trinken. Die Terrasse gehört nämlich zur “Allee-Bar” und bietet Zugang zu einer Bierauswahl, die für die meisten Bürgerinnen und Bürger der DDR des Jahres 1987 nur der süße Schaum einer diffusen Sehnsucht gen Westen sein konnte.

Buchstäblich von der Terrasse über die Pflasterung dieses Durchgangs unterm Plattenbau zwischen rauschener Haupt- und meist bestenfalls flüsternder Nebenstraße zieht sich eine Raumgestaltung, die die nunmehr 30+ Jahre ihrer Existenz vergleichsweise sehr gut überstand. Der Bildhauer Steffen Mertens bekam nämlich die Gelegenheit, die Passage neben der Passage zu gestalten. Er griff zum Backstein und zum Detail und kleidete den sonst wenig einladenden Doppelgang auf der einen Seite mit mehr und auf der anderen Seite mit etwas weniger Einzelheiten aus, die zwei schwebende Hauptfiguren begleiten, welche sehr offensichlich namensgebend sind für die Arbeit “Heimgang der Akrobaten”. Dieses Potpourri aus kleiner und großer Kunst ist leider aufgrund der baulichen und lichtspezifischen Konfiguration nicht übermäßig fotogen aber gerade deshalb umso besuchens- und studierenswerter, auch wenn gelegentliches Graffiti und eine stadträumlich nicht minder wie Vandalismus anmutende Platzierung einer Packstation der Deutschen Post das Vergnügen etwas eintrüben. Die Liebhaber eines kühlen Pilsners, die den Außenbereich der Allee Bar bereits an frühen Sommernachmittagen bevölkern, bleiben zudem bei ihrer Sache, denn in dieser Ecke von Friedrichshain ist man viel Kauzigeres gewohnt, als zum Beispiel mittelalte Männer, die sich hinhocken, um irgendetwas auf dem Gehsteig zu untersuchen. Würden sie herüberblicken, könnte man begeistert rufen: “Schaut! Äpfel, Birnen, Autos, Busse!” Dies entspräche der Wahrheit und würde zugleich jeder eventuellen Konversation vorbeugen.

Ich habe einige Detailaufnahmen zum Heimgang der Akrobaten auf Flickr hinterlegt und werde vermutlich weitere anfertigen und ergänzen. Wer mehr über Steffen Mertens und sein Werk erfahren möchte, kann einmal einen Blick auf seine Internetpräsenz werfen. Und wer am S- oder U-Bahnhof Frankfurter Allee aus- oder umsteigt, sollte ruhig einmal das kleine Stück zur Frankfurter Allee 94a gehen und dort aufmerksam Wand und Boden betrachten. Denn für die architekturbezogene Kunst der DDR ist diese Gestaltung in Ton, Klinker und Backstein sehr ungewöhnlich, formal viel näher, vielleicht, bei Eduard Fischer als an Fritz Kühn, aber genau genommen ganz für sich. Und schön, schön, schön.

(Berlin, 26.05.2018)