Nachtrag zu: “Dort beginnt der Birkenwald.” Berlin-Birkenau in Hohenschönhausen.

Lukasz Surowiec - Berlin-Birkenau - 2018
Łukasz Surowiec – Berlin-Birkenau (2011-2012) – Gedenk- und Erläuterungsplatte aus dem Herbst 2018

An einem Sonntag im August saß ich lange genug auf einer Parkbank an einem Stadtteilpark in Berlin-Hohenschönhausen mit Blick auf die Birken, die der polnische Künstler Łukasz Surowiec während der 7. Berlin Biennale auch hier als Erinnerungsbäume einpflanzte, um eine kleine Notiz zu verfassen. Zu diesem Zeitpunkt wies nichts auf den Ursprung der kleinen Pflanzung hin, denn ein Hinweisschild war aus guten Grund nach vermehrten Vandalismus, der sich auch die Bäumchen richtete, als eine Art Baumschutzmaßnahme entfernt worden. Nun, im späten Herbst 2018, entschied man sich doch, die Herkunft der Bäume auf einer Bodenplatte sichtbar zu machen. Das ist ein schönes, auch wenn es erneut die Gefahr erhöht, dass Menschen, die den Stachel und die Verantwortung der Vergangenheit nicht auszuhalten in der Lage sind, in die üblichen semioklastischen Muster zurückfallen. Hoffen wir, dass sie es übersehen, dass Bäume und Nachbarschaft inzwischen stark genug sind.

(bk / Berlin, 09.12.2018)

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Lob der Nähe. Über Luigi Ghirri und die fotografische Praxis

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

I

In der Dezemberausgabe für das Jahr 1973 der Zeitschrift Il Diaframma – Rivista da Fotografia Italiana erschien ein kurzer Begleittext von Luigi Ghirri, in dem dieser seinen fotografischen Ansatz für seine frühe, bereits bestürzend klaren, schönen, eindeutigen Serie Paesaggi di cartone  (Cardboard Landscapes) erläuterte. Man spürt sofort, dass er wusste, was er fotografisch wollte und erahnt in den Bildern alles, was kommen sollte.

Ganz ungewöhnlich ist dies nicht, aber eben auch keineswegs selbstverständlich. Bei Luigi Ghirri war es die Kartographierung, die Aufmerksamkeit für das Unscheinbare, das direkt neben einem liegt, mehr noch, einen permanent umfängt.

In der Fotografie der Gegenwart klingt so etwas nicht überraschend, eher als Ansatz fast schon zum Allgemeinplatz abgewetzt. Die Motivation dürfte freilich eine andere, flachere sein als bei Luigi Ghirri.

Der Erfahrung nach präsentiert sich diese Sehnsucht nach dem Übersehenen nämlich nicht selten als ratloser Versuch der Distinktion in einem bildkulturellen Raum, der selbst die begeistert aufbrausende Amateurfotografie, die Massenaneignung des Mediums in den Nachkriegsjahrzehnten nur wie ein zaghaftes Vorspiel wirken lässt. In sehr vielen sozialen Zusammenhängen ist die, wenn man so will, instagrammatologische Fotografie heute eine elementare Kulturtechnik wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Gerade die verselbstverständlichte Omnipräsenz des Fotografierens seit dem Aufkommen fotografischer Digitalität führte dazu, dass sie als Massenmedium auch Massen von Menschen motiviert, sich in ihr mehr als alltäglich zu versuchen – mit all den Hoffnungen auf Einzigartigkeit und unverwechselbaren Ausdruck, mit denen zahllose Bewerbungsmappen an die einschlägigen Schulen für Fotografie geschickt werden.

Fotobücher im Schaufenster der Buchhandlung Walther König in Berlin
Karte und Gebiet – Fotobücher im Schaufenster der Buchhandlung Walther König in Berlin

II

Es liegt durchaus etwas Nostalgisches in dem Versuch, dieser Verschiebung auf dem Grund der Fotografie von der Betrachtbarkeit als Ziel zur Erzeugung als Ziel, vom Schaffen eines Bildes zur Schaffung einer Selbstverortung, von der einmaligen Fixierung der Bildobjekte zur stetigen Perfomanz, dadurch zu begegnen, dass man an der Idee des Werkes und des Werkschöpfers festhält und Wege sucht, diese aufrecht und aktuell zu erhalten. So anachronistisch dies erscheint, so verständlich und auch wunderschön ist der Kern. Continue reading